Filmtipp: »Lord of War«

»Auf diesem Planeten hat jeder zwölfte Mensch eine Waffe. Damit stellt sich nur eine Frage: wie bewaffnet man die anderen Elf?«

- Yuri Orlov

Einer meiner absoluten Dauerbrenner ist der Film »Lord of War« von Andrew Niccol aus dem Jahr 2005. Er ist heute wieder aktueller denn je. Nicolas Cage spielt einen freiberuflichen aus der Ukraine stammenden Waffenhändler, der sich wenig um Ideologie und Politik schert. Ihm geht es primär um das Geschäft. Als Vorlage diente der russische Waffenhändler Viktor Butt, der am 5. April 2012 zu 25 Jahren Haft sowie zu einer Geldstrafe in Höhe von 15 Millionen US-Dollar, vom größten Waffenhändler der Welt, der USA, verurteilt wurde. Der Film zeigt nicht nur den Aufstieg des Waffenhändlers Yuri Orlov, sondern auch die Rolle der Korruption, die mit dem Waffenhandel zwangsläufig verbunden ist.

Korruption
Der Film zeigt die zynische Realität des Waffenhandels auf. Kriege fördern den Profit und Frieden ist eine eher geschäftsschädigende Situation. Als Waffenhändler sei man erst dann ein »global player«, wenn man Waffen an die Gruppen verkaufen würde, welche die eigenen Leute töten. Natürlich nicht direkt oder bewusst, sondern mithilfe von zahlreichen MiIttelsmännern, inoffiziellen Netzwerken, kriminellen Organisationen und Zwischenhändlern. Denn auch wenn beispielsweise die US-Regierung öffentlich behauptet, sie würde keine Waffen an »Schurkenstaaten« oder »Diktaturen« verkaufen — sie tun es dennoch. Ihre Mordwerkzeuge lassen sich auf der ganzen Welt finden.

»Ich habe in Israel hergestellte Uzis an Muslime verkauft. Ich habe von Kommunisten hergestellte Kugeln an Faschisten verkauft.«

- Yuri Orlov

In Deutschland betrugen die Rüstungsausgaben im Jahr 2021 rund 56 Milliarden US-Dollar. Das beträgt rund ein Zehntel des gesamten Bundeshaushaltes im Jahr 2021 und ist damit auf einem Rekordniveau. Deutschlands Ausgaben für Waffen und Rüstung stehen damit international auf Platz sieben. Zum Vergleich: USA: 800 Milliarden Dollar, China: 293 Milliarden Dollar und Indien: 76 Milliarden Dollar. Zu den größten deutschen Rüstungsunternehmen zählen Rheinmetall, Thyssenkrupp und Krauss-Maffei Wegmann. Der Rheinmetall-Konzern erzielte beispielsweise im Geschäftsjahr 2021 einen Konzernumsatz von rund 5,66 Milliarden Euro. Die stets moralinsauren Haltungs-Diskurse verkennen immer wieder: hier geht es schlicht um das ganz große Geld.

Für Andrew Feinstein (»Waffenhandel«, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012) ist »der Waffenhandel für mehr als 40 Prozent der Korruption im gesamten Welthandel verantwortlich« (S.25). Es sei eine globale Schattenwelt mit eigenen Gesetzen und Regeln. Daran sind nicht nur kriminelle Organisationen und freiberufliche Waffenhändler beteiligt, sondern auch viele Regierungen. Erinnert sich beispielsweise noch Jemand an Wolfgang Schäuble und Karl-Heinz-Schreiber? Oder an den »Selbstmord« von Uwe Barschel?

Verharmlosung
Waffen töten Menschen, zerstören und verwüsten ganze Landstriche und sind für tausendfaches Leid verantwortlich. Mit diesem Ernst wird der Waffenhandel aber ganz und gar nicht begegnet. Weder in der Presse, noch in der Politik. Das fängt schon bei der Sprache an: »Rüstungsindustrie« statt »Waffenhandel«. Es wird wie ein übliches Handelsgeschäft betrachtet. Für Manche sind sie sogar Spielzeuge. Da wird beispielsweise von einem hundeähnlichen Roboter geschwärmt, der als getarnter Scharfschütze agieren kann. Der Trend zu ferngesteuerten und automatisierten Waffen, die minimale Eigenverluste und maximale Tötungseffizienz besitzen, setzt sich weiter fort.

»Handfeuerwaffen und die AK-47 sind die wahren Massenvernichtungswaffen.«

- Agent Valentine

In den USA sterben mehr als 20.000 Menschen im Jahr allein durch Schusswaffen. Hinzu kommen die fast schon regelmäßigen Amokläufe und Massaker an Schulen. Die größte Waffenlobby der USA, die NRA, reagiert darauf mit menschenverachtender Polemik: »Viele in den Medien lieben Schulmassaker. Nicht die Tragödie, aber die Einschaltquoten.« In den USA können wir beobachten, was mit dem Argument »gegen Waffen helfen noch viel mehr Waffen« im Alltag passiert: es sterben noch viel mehr Menschen.

Tobias Schulze in der TAZ beantwortet für Kinder die Frage »Warum darf man Waffen herstellen?« Seine Antwort:

»Und so lange die bösen Länder Waffen haben, wollen auch viele friedliche Länder die Fabriken nicht verbieten. Aus Angst, sich sonst gegen die anderen nicht wehren zu können.«

Welche Länder hier in den letzten 30 Jahren andere Länder überfallen haben (Ex-Jugoslawien, Irak, Afghanistan, Syrien, Libyen etc.), wer wirklich friedlich und aggressiv war (weltweite Dronenmorde), wird natürlich nicht thematisiert. Stattdessen: Putin ist böse und deshalb brauchen »die Guten« Waffen, um sich gegen ihn zu verteidigen. Das es primär auch um riesige Profite der Waffenindustrie geht, verschweigt Herr Schulze. Aber Kinder für dumm verkaufen und die Welt simplifizieren — das geht wohl immer.

»Qualitätspresse«: spiegel.de vom 27. Mai 2022


Fun Fact: »Da der Film auch nicht davor zurückschreckt, die Rolle der Vereinigten Staaten im weltweiten Waffenhandel zu zeigen, und man unfreiwillig das Skript eine Woche vor Beginn des Irak-Kriegs eingereicht hatte, verbaute man sich die Finanzierung durch amerikanische Gelder. Mit diesem Hintergrund brauchte Produzent Philippe Rousselet eineinhalb Jahre, um einen Investor zu finden.«


ZG-Filmtipps

9 Gedanken zu “Filmtipp: »Lord of War«

  1. ein freiberufliche[r] aus der Ukraine stammende[r] Waffenhändler, der sich wenig um Ideologie und Politik schert.

    Sofort verbieten, diesen Film! Die Ukrainer sind allesamt liebe, nette, nicht-nazihafte, gute Menschen. Die würden so etwas nie, wirklich nie tun.
    Und wenn man den Film nicht verbieten oder löschen kann, dann muß aus dem Ukrainer sofort ein böser Russe werden. Der darf, nein: der muß das dann.
    Dann erst ist die Welt wieder in Ordnung™!

  2. Oh, den Film habe ich lange nicht mehr gesehen. Und schade, dass Andrew Niccol nicht präsenter ist und mit seinen Stoffen mal Hollywood aufmischt. Vielleicht darf er nicht mehr, alles jetzt woke und so. Systemkritik und unbequeme Wahrheiten kannst du in der Traumfabrik mit der Lupe suchen.

    Ich fand Gattaca schon verdammt gut, und Truman Show war ein Geniestreich. Danke, dass du den Film, gerade unter den heutigen Umständen, mal wieder ins Gedächtnis rufst.

  3. @Tiffany

    Danke für den Hinweis. Ist korrigiert. Grammatik ist nicht so meine Stärke.

    @Sascha

    Andrew Niccol hat auch »Anon« und »Good Kill« gemacht. Eher schmerzhafte Filme für Freunde der NATO und Big Tech. Auffällig ist auch, dass »Lord of War« bei keinem Streaming-Dienstleister zu finden ist.

  4. Nicolas Cage spielt ein[en] freiberufliche[n,] aus der Ukraine stammende[n] Waffenhändler, der sich wenig um Ideologie und Politik schert.

    //Romani ite domum//
    »Akkusativ! Akkusativ!«
    »Du schreibst das jetzt hundert mal [...] wenn du bis Sonnenaufgang nicht fertig bist schneid ich dir die Eier ab«
    »Fertig!«
    »Gut. Und ich rate dir: Tu es nie wieder!«
    SCNR

  5. @epikur
    Sorry für das Mißverständnis. Das war – weil ich nur einen Teil des Satzes zitieren wollte – ein aus einem Akkusativ entstandener Nominativ, weswegen ich meine (weil dem ursprünglichen Zitat nicht mehr entsprechende) Änderungen in eckige Klammern stellte.
    Ich habe schon vor einiger Zeit aufgehört, andere Leute auf ihre Textfehler aufmerksam zu machen und korrigiere nur noch, wenn man mich explizit drum bittet.
    :-)

  6. @Tiffany: Oh, sehr schön, eine Grammatiknazi. Werde deinen professionellen Rat vielleicht mal in Anspruch nehmen. Habe öfters Probleme mit dem erweiterten Infinitiv und kann manchmal Dativ und Akkusativ nicht auseinanderhalten.

    @Epikur: Deutsch ist auch für Deutsche eine schwere Sprache.

  7. Der Film ist gut, auch oder gerade weil Nicolas Cage hier nicht ganz so religiös daherkommt, wie er es in so vielen anderen Werken leider macht.
    Nur, ist nicht die Waffenlobby an der Korruption schuld, sondern das System aka Kapitalismus.
    Kapitalismus führt IMMER zu korrumpierten Verhalten.
    Wegen des Profits.
    Kein Profit, kein Mehrwert, kein Wachstum, keine Kriminalität...weil es keinen Sinn mehr ergibt.
    Keine Religion, keine Doktrien einfach freie Menschen.
    Es ist eigentlich ganz einfach....sagte der Rainer (ein Autonomer aus dem Umfeld der RAF) mal Ende der 80er zu mir.
    Leider waren wir viel zu wenige.
    Da kann ich ihm nur beipflichten.
    Ich habe gehört, der soll jetzt auf den Demos rumrennen und was von Solidarität erzählen.
    Who knows...

  8. Als wenn das nur bei der Waffenindustrie so funktionieren würde. Wirtschaft & Kriminalität sind zwei Seiten einer Medaille.

    Die meisten großen Konzerne von heute waren einst Drogenhändler, Söldner, Schmuggler, Menschenhändler und Piraten. Manche sind es durch ihre Verflechtungen immer noch.

    Krieg ist der Ursprung unserer sogenannten Zivilisation.
    Den Beweis liefert das Abschlachten der Indigenen, die Diese so ablehnen.
    Ohne Krieg würden wir nicht mal hier über das Internet kommunizieren können.

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