Probleme schaffen. Lösungen anbieten.

Erst sorgen wir durch bilig produziertes, industriell verarbeitetes und mit Konservierungsstoffen voll gepumptes Fast Food für Übergewicht und Mangelernährung. Dann verkaufen wir ihnen Fitness‐ und Diätprogramme sowie Nahrungsergänzungsmittel. Win‐Win.

Erst verkaufen wir ihnen millionenfach Hollywoodfilme, Musik‐Videos und Boulevard‐Magazine, bei denen wir der Bevölkerung Minderwertigkeitskomplexe und Schönheitsideale einimpfen. Dann bieten wir ihnen teure Schönheitsoperationen, neue Zähne und Anti‐Aging‐Produkte an. Win‐Win.

Erst atomisieren, vereinzeln, entsolidarisieren und spalten wir die Menschen, damit sie weniger streiken und protestieren. Dann bieten wir Single‐Partys, Flirt‐Ratgeber und Dating‐Portale an, die wir gewinnbringend monetarisieren können. Win‐Win.

Erst verkaufen wir den Leuten überteuerte Lebens‐ und Rentenversicherungen, dann beziehen wir sie als Berechnungsgrundlage bei der Grundsicherung im Alter mit ein und sparen hier Millionen von Euro. Win‐Win.

Für den neoliberalen Kapitalismus gibt es kaum etwas geschäftsschädigenderes als einen angstfreien, ausgeglichenen, sorglosen, bescheidenen und selbstsicheren Menschen. Solchen Individuen kann man zu wenig verkaufen, zu schwer konstruierte Bedürfnisse einpflanzen und damit kaum verkaufsförderdende Lösungen anbieten. Hier findet sich auch die Antwort auf die Frage, warum es den Menschen im Wohlstands‐Werte‐Westen so verdammt schwer fällt, ausgeglichen und glücklich  zu sein. Denn Glück als temporärer Zustand, der eben nicht seine Ursache in einer bezahlten Dienstleistung oder einem Produkt findet, ist schlicht konsumfeindlich und somit für Politik, Banken, Konzerne und Unternehmen wenig erstrebenswert.


Umsatzgeneriertes Unglück
Der gute Kapitalismus

6 Gedanken zu “Probleme schaffen. Lösungen anbieten.

  1. Danke für diesen Satz:

    »Für den neoliberalen Kapitalismus gibt es kaum etwas geschäftsschädigenderes als einen angstfreien, ausgeglichenen, sorglosen, bescheidenen und selbstsicheren Menschen.«

    Der ist zum Ausdrucken, Aufhängen und Weitersagen.

  2. die so genannten rudeltiere/vernetzten/selbstausbeuter haben es da besonders schwer sich den allgemeinen manipulationen/gruppenzwang zu entziehen und erleiden das sozialverträgliche frühableben—der entzug von den reizen ist ein lebenslanger kampf und nur: « sehr wenige werden die schmale gasse finden und gehen«, Matthaeus 7: »Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt; und ihrer sind viele, die darauf wandeln.«—-nur die yogis/nonnen/mönche/asketen/veganer haben eine chance sich der allgegenwertigen weltweiten selbstausbeutung/selbstzerstörung zu entziehen

  3. Bei manchen Dingen, wo der Kapitalismus die Probleme selbst schafft, weiß ich nicht, ob es Kalkül ist oder ob es, schlicht und ergreifend, »nur« systematische Blödheit ist, die zu Vernachlässigung führt, welche dann wieder bekämpft werden muss.
    Zum Beispiel — wenn plötzlich zu viele Kriminelle und Terroristen auf der Straße das Sagen haben, fällt dem Kapitalismus ein, er müsste die Polizei mit allen möglichen technischen Gadgets aufrüsten. Vorher: Tja, wenn man meint, man kann die Gesellschaft sozial verwahrlosen lassen, sich aus seiner Finanzierung zurückziehen und den Profit nur noch in die eigene Tasche fließen lassen...
    Anderes Beispiel — Bildung. Die Industrie beschwert sich, sobald das arbeitende Frischfleisch zu dumm für die ihnen gestellen Aufgaben ist und zu viel an einem Suchtknochen (alias »Smartphone«) hängt.
    Allerdings, zuvor meinte man, die Politik überzeugen zu müssen, dass die Industrie ihnen besser sagt, was sie in Neulingen an Fähigkeiten brauchen, der Staat soll gemütlich das öffentliche Bildungswesen herunterfahren und alles für die Industrie Unnötige aus dem Lehrplan streichen — inklusive, wer braucht schon Pädagogik oder Erziehung dabei, es geht doch nur noch um Wissensvermittlung...

    An solchen Stellen weiß ich nicht, ob es die Bestrebung der Profitmaximalisierung ist, oder ob es schlichtweg die Kurzsichtigkeit und strukturelle Flachheit des kapitalistischen Denkens ist.
    Zuerst denken, man kann »unnötige« Kosten sparen, und später stellt es sich heraus, dass das Prinzip von »minimaler Einsatz — maximaler Gewinn« nicht funktioniert — und dann versucht man, aus der Not wieder eine Tugend zu machen, indem, dass man mit dem selbstgeschaffenen Mangel wieder Geld verdient (was allein durch dieses Hauptziel den eigentlichen Zweck der Schadensbegrenzung wieder korrumpiert und verfehlen lassen wird).

  4. @cource

    »nur die yogis/nonnen/mönche/asketen/veganer haben eine chance sich der allgegenwertigen weltweiten selbstausbeutung/selbstzerstörung zu entziehen.

    Ich denke, dass es im kleinen Rahmen auch so möglich ist. Kommt natürlich auf den Bewertungsmaßstab an. Aber selbst »kleine Verweigerungen« (wie beispielsweise kein smartphone, whatsapp, Kundenkarten etc. besitzen) zeigt dem digitalen Überwachungskapitalismus den Stinkefinger.

    @matrixmann

    Die Konzentration auf das schnelle Geld und die kurzfristige Profitmaximierung verbietet jegliche langfristige Planung. Im Notfall wird eben nach dem Staat gerufen (siehe Bankenrettung). Und ja, es ist sicher nicht auszuschließen, das auch Dummheit im Spiel ist. ;)

  5. @ epikur
    »Dummheit« (aus dem Denken der eigenen Filterblase heraus) fällt mir als eventueller (Auch-)Grund ein, weil man kann auch nach einem gewissen Bisschen an Profit streben, aber ohne zu vernachlässigen, was die eigene Grundlage, auf der man diesen Profit erst erwirtschaften kann, ausmacht. Das passiert allerdings nur, wenn man tiefergreifend über seine eigene Basis Bescheid weiß, wie alles zustande kommt, und wenn man es einsieht, dass es bestimmte Dinge gibt, an denen man nicht rütteln sollte, selbst wenn die eigene Gier sagt, man könnte mehr Profit machen als man tut.
    Aber, das wäre eher eine europäische Denkweise — die amerikanische Mär, die in den Köpfen der großen Unternehmer als Dogma herumspukt, die schert sich um solche Abläufe nicht und arbeitet, als wenn der liebe Gott alles vom Himmel regnen lässt. Als würden sie isoliert vom Rest der Welt existieren und ihre Handlungen würden im weiteren Systen keine Folgen haben. Oder es wäre nur eine willentliche Entscheidung des Individuums, zu verwahrlosen, mit der sie nichts zu tun haben.

  6. ich staune: das solche konsumfeindlichen äußerungen überhaupt im internet geduldet werden, denn wenn die mehrheit sich dem konsum verweigert wird das system mit einem schlag zerstört

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