»Sucht ist eine Krankheit...

...und keine Charakterschwäche!« Solange man gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch funktioniert, sind Drogen erlaubt und teilweise sogar erwünscht: Bierchen mit Kollegen, Kaffee als täglicher Wachmacher, »Smombie‐Kommunikation«, Aufputschmittel und so weiter. Im Zeitgeist der Eigenverantwortung, Selbstoptimierung und Selbstinszenierung, gilt die Sucht (materiell und immateriell) als Zeichen einer individuellen Schwäche und als Unfähigkeit zur Selbstdisziplin. Dabei ist die Sucht eine medizinisch anerkannte Krankheit. Eine Fehlsteuerung des Belohnungssystems, die im Gehirn nachgewiesen werden kann. Außerdem übernehmen Renten‐ und Sozialversicherungsträger die Behandlungskosten.

Ich stelle leider immer wieder fest, dass in beruflichen und/oder privaten Gesprächen und Diskussionen »Sucht« eben nicht als Krankheit akzeptiert wird. Der Süchtige sei nur schwach, unfähig und habe keinen Willen. Es ist insofern auch nicht verwunderlich, dass Süchtige ihre Krankheit zunehmend verheimlichen: sie wird als Solche eben nicht akzeptiert. Stattdessen werden Süchtige stigmatisiert und sozial verurteilt.


Ich. Bin. Krankheit.
Neusprech: Krankheit
»Jeder ist seines Krankheit Schmied!«

6 Gedanken zu “»Sucht ist eine Krankheit...

  1. Die neue Sucht der modernen Überflussgesellschaft heißt Zucker. Von früher Kindheit an werden Zuckerjunkies produziert. Wir finden ihn überall, auch dort, wo er nicht vermutet wird oder sinnlos wäre: Fertigpizza, Kefir, Naturjoghurt, griechischer Krautsalat, Fertigmüsli (sogen. Cerealien), Kartoffelsalat und Chips. Experten behaupten, dass die Zuckersucht aufgrund ihrer gesundheitsschädigenden Wirkung mit dem Rauchen und dem Alkoholkonsum vergleichbar wäre. Zucker ist jederzeit zugänglich für alle und gesellschaftlich akzeptiert. Das ist das Besondere an diesem Stoff.

    Dem Autor kann ich angesichts des Titels meine Kritik nicht ersparen. Denn es gehören zur Sucht nicht nur die stoffgebundenen Abhängigkeiten, sondern auch die verhaltensgebundenen Süchte. Anorexie verläuft z. B. oft tödlich. Ebenso würde ich das sogen. Sissy‐Syndrom als Sucht bezeichnen. Sportmediziner diskutieren, ob es eine Laufsucht gibt, die bei ca. 30 Lauf‐km pro Tag liegen könnte.

    Leider kein Wort darüber.

  2. Ich tue mich mit dem Begriff »Krankheit« schwer — hier als auch bei anderen mentalen Dingen.
    Es ist eine Fehlentwicklung, Gehirnstrukturen haben sich eben in diese Richtung entwickelt — durch innere als auch äußere Einflüsse.
    Dieser Zustand ist dann erst mal einfach so. Ohne da eine Wertung anzubringen...
    Es ist nicht so, als wäre dies völlig in Stein gemeißelt (so wie der Begriff »Krankheit« suggerieren würde), diese Fehlentwicklungen können auch nachträglich noch beeinflusst weden. (Siehe »neuronale Plastizität«.)
    NUR ist es so, dass es auch nicht nach dem Prinzip »freier Wille« funktioniert. Von wegen »du kannst jederzeit damit aufhören, wenn du nur willst«.
    Das ist genauso falsch.
    Gehirnstrukturen, die über viele Jahre/Jahrzehnte gebildet wurden, lassen sich nicht einfach per Knopfdruck abschalten und vergessen machen.
    Womit sie sich (langsam) verändern lassen, ist, wenn man versucht, sie umzuverdrahten. Neue Strukturen bilden. Andere Strukturen bilden. Äußerlich andere Verhaltensweisen an den Tag zu legen.
    Bei Sucht kann dies z. B. sein, indem, dass man von seinem Suchtmittel fern bleibt (für wen das funktioniert und wo das realisierbar ist). Wenn man keine Kontrolle darüber hat wie viel man konsumiert und die Spirale täglich von Neuem beginnt, einen gewissen Pegel in sich zu halten, ist es wohl besser, ohne zu bleiben, weil dann dieser Schaltkreis im Hirn nicht mehr täglich angesprochen wird.
    Bei psychischen Problemen lässt sich das ebenso anwenden, wenn bestimmte Personentypen oder Verhaltensweisen an anderen Menschen einen in alte, ungesunde Bahnen werfen. Da vielleicht nur etwas schwieriger umzusetzen, weil man diese Verhaltensweisen praktisch immer an seinen Mitmenschen wieder antreffen kann. Manche Menschen kann man auch aus seinem Leben nicht so einfach loswerden.
    Hier ist dann eher die Strategie, sie nicht mehr als nötig in sein Leben zu lassen, Kontrolle und Abgrenzung zu praktizieren. Auf gut Deutsch, ihnen zu signalisieren, dass sie sich verpissen sollen, wenn sie’s zu bunt treiben. Ihnen nachhaltig die Grenze zu verpassen, »so« darfst du bei mir vorbeikommen und »so« nicht. Wenn »so nicht« überwiegt und der Proband sich das einfach nicht merken will, wäre es eine denkbare Option, denjenigen aus seinem Umfeld oder Bekanntenkreis zu entfernen...

    Will nicht sagen, es ist einfach, die Sache ist vielmehr als Prozess zu begreifen. Etwas, was viele, viele Male wiederholt werden muss, immer ein bisschen Work In Progress bleiben wird, und was auch von Rückfällen in alte Muster geprägt sein kann. (Kann, nicht muss.)
    »Disziplinlosigkeit« ist hier insofern nur an der Stelle vorhanden, wenn man sich dem gar nicht stellt und es überhaupt nicht mal versucht.

    Viele haben da eine ziemlich falsche (und überschätzende) Vorstellung von »freiem Willen«. Sich zu entscheiden, mit etwas aufzuhören, heißt hier nicht, dass man morgen an von Gas‐Wasser in Grundschullehrer macht und es eisern ( = ohne Fehler) durchzieht, sondern dass man den potentiellen Entwicklungsweg annimmt und schaut, wohin er einen führt.

  3. matrixmann: Wenn man den Suchtbegriff auf »Alkoholismus« einengt, stimmen Deine Ausführungen. In diesem Fall ist kontrolliertes Trinken, das selbst von Medizinern propagiert wird, reiner Selbstbetrug (ich hab immer kontrolliert, ob auch genügend Bier im Kühlschrank ist).

    Auf Anorexie und ähnlich verhaltensgebundene Süchte (Konsumsucht) treffen Deine Behauptungen zum großen Teil nicht zu. Die Erkrankten wissen um ihr Problem, können es aber nicht steuern. Bei schleichendem Selbstmord mit Messer und Gabel (Ess‐Sucht) wiederum meine ich doch. Na ja. Die schrecklichen Bilder auf den Zigarrettenpackungen schrecken ja auch keinen Raucher ab.

    Voraussetzung jeder Therapie ist, sich die Sucht einzugestehen.

    Süchte erkennt man am besten an den Entzugserscheinungen, sobald jemandem die »Droge« entzogen wird.

  4. @all

    Eigentlich wollte ich mit dem Begriff »Sucht« keine Grundsatz‐Diskussion lostreten. Dafür war mein Opener auch viel zu kurz und oberflächlich. Das wird dem Thema so nicht gerecht. Mir geht es vor allem um den neoliberalen Aspekt der »Eigenverantwortung«, der sich -wie schon etliche Male hier thematisiert‐ in wirklich allen Lebensräumen eingenistet hat. Wer süchtig sei, habe nicht genug »Eigenverantwortung« gezeigt, so die Devise. Dementsprechend wird »Sucht« im sozial‐gesellschaftlichen Diskurs nur selten als »Krankheit« akzeptiert. Auch wenn Ärzte, die Weltgesundheitsorganisation, Krankenhäuser und Krankenkassen »Sucht« seit Jahrzehnten als Krankheit definiert haben.

  5. @altautonomer
    Deswegen auch solche Anmerkungen wie »für wen das funktioniert und wo das realisierbar ist«. Das bezieht sich auf solche Süchte, bei denen man das Suchtmittel nicht einfach so aus dem Leben streichen kann. Z. B. essen muss jeder — daran führt kein Weg vorbei. Hat man ein Problem damit — egal, in welche Richtung — steht man also jeden wieder vor dem gleichen Kampf. Einzige Alternative dazu ist der Tod...
    Für den Sexsüchtigen besteht die Lösung auch selten darin, einfach ins Kloster zu gehen, um damit nie wieder in Berührung zu kommen.

    Unterm stricht bleibt das Grundprinzip »andere Strukturen bilden« jedoch stehen. Das kann alles mögliche sein — von anderem Umgang mit der Sache, kontrolliert leben, wegbleiben, Motivationen umändern oder die mit etwas verbundenen Gefühle aufarbeiten und sie im Gehirn durch andere zu überschreiben.
    Hauptsache ist, dass man überhaupt daran arbeitet und versucht, sich vom Fleck zu bewegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.