Rainer Mausfeld

Was einmal Geist hieß, wird von Illustration abgelöst.“
(Theodor W. Adorno. »Minima Moralia«. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012.S. 160)

Verschwörungstheorie. Populismus. Populistische Verschwörungstheorie. Antisemitismus. Putinversteher. Die weltverleugnende Wohlfühl‐Mitte hat schon längst sämtliche Inhalte überwunden. Es geht nur noch um Etikettierung, Diffamierung und um Ausgrenzung aller Analysen und Argumente, die das neoliberale Narrativ beschädigen könnten. Aktuelles Beispiel: Prof. Rainer Mausfeld. Bis vor kurzem wurde er in der Wikipedia noch als Professor für Psychologie betitelt. Nun, da sein Buch »Warum schweigen die Lämmer?« auf der Spiegel‐Bestseller‐Liste gelandet und er ein regelrechter YouTube‐Star geworden ist, wurde auch er bei Wikipedia negativ gelabelt: »stark populistische und mitunter auch verschwörungstheoretische Züge.«

Selber denken, argumentieren und sich mit den Inhalten auseinander zu setzen, scheint absolut nicht mehr zeitgemäß zu sein. Stattdessen: »der ist iieeh und schmuddelig! Halte Dich lieber von dem fern!« Kontaktschuld ist wieder voll im Trend: »war Gast bei KenFM«, nennt sich das heute beispielsweise. Mir ist (mit Verlaub) scheissegal, wie ihr Alpha‐Journalisten, Talk‐Show‐Promis, Politiker, Watch‐Blogger oder Wikipedia‐Soldaten Querdenker‐Menschen in der Öffentlichkeit etikettiert! Ich mache mir selbst ein Bild anhand der Inhalte. Danke.


»KenFM«
»Populismustheorie«
»Anleitung zur Ausbeutung«

27 Gedanken zu “Rainer Mausfeld

  1. Und das, obwohl der Mann noch gar nicht mal irgendwelche bizarre Amero‐Theorien verbreitet...

    Mit Populismus ist es so, den kann man von allen Seiten betreiben.
    Es ist auch Populismus, wenn man sich z. B. der Allgemeinheit präsentiert »wir sind die Lösung«. Oder wenn man mit »das Patriarchat bedingt die strukturelle Diskriminierung von Frauen« auf Tour geht.
    Auch »wir schaffen das« reiht sich gut darin ein.
    Weil es einfache Phrasen/Antworten auf komplexe Dinge sind, deren faktische Richtigkeit durch die Realität selbst ziemlich in Frage gestellt werden, wenn man sich nur nicht taub und blind stellt, sodass man es nicht mitkriegt.
    Daran gemessen aber sollte es ins Auge fallen, dass Populismus kein neue Sache ist. Man nannte es vorher nur nicht so.
    Ähnliche Phrasendrescherei eines bestimmten Establishments gab es auch schon vor 10 Jahren — und gewiss auch vor 20 und vor 30 Jahren, oder 100.
    Und genauso wie in der jetzigen Zeit, war es auch damals Sitte, diejenigen, die diese Phrasen und dieses Weltbild als das entlarven, was es ist, zu verunglimpfen, sie für geistig unzurechnungsfähig zu erklären, und, wenn sie noch den falschen Lebensstil oder die falschen Entscheidungen in ihrem Leben getroffen haben, sie als Monster hinzustellen, denen man auf keinen Fall zuhören sollte und muss.

  2. Hm — der im Artikel miterwähnte Dirk Müller produziert aus meiner Sicht bereits seit längerem viel heisse Luft und schiebt dabei nur Panik. Mit Meckern selber ist es ja nicht getan.

    Prof. Mausfeld bringt in seiner Analyse auch nicht mehr auf den Punkt, als was ohnehin schon bekannt ist an Systemfehlern und die Ursachen dafür. Da ist halt viel Tautologisches drin und er dreht sich daher fleissig im Kreis mit seiner Argumentation.

    Zugegebenermassen habe ich sein Buch noch nicht gelesen, aber sein Sprech von »Eliten« und das ganze Gesumse drumherum hat eben oft den Einschlag Richtung VT.

    Da bewegt er sich gerne auf ähnlich merkwürdigen Pfaden wie die Nachdenkseiten.

    Jebsen ist für mich einfach nur ein intellektuell unterbelichteter Selbstdarsteller, den Vogel kann zumindest ich nicht für voll nehmen. Und wie so oft bei gilt populären Menschen und solchen, die meinen, dass sie es wären: Wer austeilt, muss auch einstecken können respektive Kritik abkönnen.

    Was dabei Wikipedia dazu schreibt, ist mir relativ Rille, denn wie Du selbst schrubtest, bilde ich mir meine Meinung selbst.

    My2ct

  3. @Siewurdengelesen

    »Zugegebenermassen habe ich sein Buch noch nicht gelesen, aber sein Sprech von »Eliten« und das ganze Gesumse drumherum hat eben oft den Einschlag Richtung VT.«

    Er spricht von »Machteliten« und eben nicht von »Eliten«. Darauf legt er viel Wert. Wenn Du sein Buch gelesen hättest, wüsstest Du das auch. ;)

    Natürlich kann man Rainer Mausfeld, die Nachdenkseiten und Ken Jebsen als Spinner, VT’ler und Populisten betrachten, die »rumsumsen« und sich auf »merkwürdigen Pfaden« bewegen. Man kann sich aber auch mit deren Inhalten auseinandersetzen. ;)

  4. »Er spricht von »Machteliten« und eben nicht von »Eliten«. Darauf legt er viel Wert.«

    Und wo ist da ausser im Begriff das Differenzierende (nur damit ich das auch begreife)?

    Eine Elite hat/ist in aller Regel die Macht oder die, welche die Macht haben, halten sich für eine solche — also ist es für den Umstand an sich Schnitte, wie das bezeichnet wird.

    Was ist eine neoliberale Elitendemokratie? Das ist — mit Verlaub — Gequatsche und das die Demokratie im Kapitalismus immer nur soviel Raum gibt, wie nötig ist, um den Plebs vom Randalieren abzuhalten, sieht man derzeit doch in Frankreich.

    Was denkst Du, wie lange es dauern wird, bis die Nummer »Gelbwesten« über Kriminalisieren, Zermürben, Aussitzen, teile und herrsche auch wieder vorbei ist.

    Das im Kapitalismus die Medien auch immer manipulatives Mittel sind — auch nix Neues.

    Zum Dampfplauderer Jebsen spare ich mir die Worte und was ist das elementar Neue/Andere, was Mausfelds Thesen aus seinen Beiträgen auf Youtube oder dem, was auf den NDS thematisiert wird, vom bisherigen Wissen um den Kapitalismus und dessen möglichem Überwinden unterscheidet oder der Sache an sich neue Impulse verleiht?

    Ich sehe da nix!

    Die sind immer noch auf dem Trip, diesen Laden aus sich selbst heraus ändern zu wollen oder zu können. Da kannst Du einen Haken dran machen, denn das wird nie passieren und die »Machteliten« haben immer Schiss vor dem »Volk«.
    Denen geht schon der Arsch auf Grundeis, wenn eine Handvoll diffamierend als »Wutbürger« Bezeichneter gegen einen überteuerten und sinnlosen Bahnhofsumbau demonstrieren, dafür brauche ich aber keine Vorträge, um das zu erkennen.

    Das Vokabular ist in mancher Hinsicht ebenfalls grenzwertig und trägt neben dem Querfrontgesülze von Jebsen und dem einseitigen »Kritisieren« des US‐Imperiums auf den NDS, oder dem panikhaften Aufbauschen und Dramatisieren von Dirk Müller genau zum Wahrnehmen als VT bei. Alles dieselbe Machart suggestiver Angst mit irgendetwas drohend Dräuenden, welches nur auf geheimnisvolle Weise von den Besagten herausgefunden wird und nun spektakulär in deren Büchern und Beiträgen unter´s Volk muss.

    In erster Linie nützt´s wahrscheinlich deren eigenem Konto und damit hebeln sie sich auf die Ebene derer, die sie doch angeblich so kritisieren.

    Nico Semsrott bezeichnet sich wenigstens selbstironisch dafür als »Einen, der von Kapitalismuskritik leben kann«.

    Wer auf diese Art Panik macht, braucht sich nicht zu wundern, wenn er als VTler tituliert wird oder wie im Fall der NDS die Antisemitismuskeule um die Ohren bekommt.

    Es darf aber angesichts so mancher Wortwahl gerne auch der »Jargon der Eigentlichkeit« von Adorno sein.

    Also so what?

    Edit:

    Hier mal etwas Differenzierteres, welches das Thema durchaus anschneidet...

  5. @Siewurdengelesen

    Schön, dass wir -wieder einmal‐ beim Lieblingsthema der Antideutschen, der linken Gesinnungspolizei und der Anhänger der reinen linken Lehre angelangt sind: Antisemitismus.

    Ich bin es leid, ständig über Tabuzonen und/oder Denkverbote diskutieren zu müssen oder dass sich vermeintlich Linke nur um sich selbst drehen oder sich primär gegenseitig kritisieren und/oder fertig machen, während der eigentliche politische Gegner Angriffskriege führt, tausendfache Dronenmorde begeht, Massenverelendung per Gesetz beschließt, Bankster und der Finanzmafia Milliarden Euro in den Arsch pumpt, Geheimdienste willkürlich morden lässt und und und. Das sollten die Themen der Linken sein!

    »dafür brauche ich aber keine Vorträge, um das zu erkennen.«

    Schön, dass Du schon so schlau bist und alles weißt! Ich für meinen Teil lerne gerne dazu. Abgesehen davon, tut (Gegen-)Aufklärung immer und immer wieder not, denn die neoliberale Propaganda feuert täglich aus allen Rohren.

  6. »Ich bin es leid, ständig über Tabuzonen und/oder Denkverbote diskutieren zu müssen oder dass sich vermeintlich Linke nur um sich selbst drehen oder sich primär gegenseitig kritisieren und/oder fertig machen, während der eigentliche politische Gegner Angriffskriege führt, tausendfache Dronenmorde begeht, Massenverelendung per Gesetz beschließt, Bankster und der Finanzmafia Milliarden Euro in den Arsch pumpt, Geheimdienste willkürlich morden lässt und und und. Das sollten die Themen der Linken sein!«

    Sind es aber nicht und das o.g. Genannte geht mir genauso auf den Wecker.

    Jebsen und Müller fallen bei mir nicht in die Rubrik links und so toll Mausfelds Vorträge in den Augen mancher sein mögen: Solange sich dessen Sichten und das Denken von Linken im eigenen Kreise bewegt, was soll sich ändern? Die Masse erreicht er nicht, die gehen nicht einmal in seine Vorträge oder tun sich das auf Youtube an.
    Vielleicht haben die viele Menschen dank der neoliberalen Segnungen auch einfach andere Sorgen und sind froh, wenn sie abends die Tür zubringen.

    Ein Pispers quatscht sich seit Jahren die Gusche fusslig und erreicht mit Sicherheit eine grössere Gemeinschaft, die Macher der Anstalt beackern dieselben Themen und ein paar Comedians ebenso mit sicher mehr Reichweite. Mir wäre nicht bekannt, dass es deswegen auch nur ansatzweise zu einer Revolution nach ihren Auftritten gekommen wäre.

    Und tut mir ja leid, dass Du auf den Antisemitismus anspringst und nicht auf den gemeinsamen Nenner am Ende des Artikels.
    Auf das dünne Eis haben sich die NDS übrigens selbst begeben und bei Jebsen ist/war es ohnehin Programm über den Hebel der pösen USA.

    Ob dann von Eliten, Machteliten oder mit anderen mehrdeutigen Begriffen aus diesem Dunstkreis orakelt wird, spielt dann auch keine Rolle mehr, daher auch der Verweis auf Adorno.

    Da geht es aus meiner Sicht eben nicht um Gegenöffentlichkeit und dergleichen, sondern meist doch nur um´s Heischen nach Aufmerksamkeit im eigenen Sinne und es fragt sich nur, wer damit überhaupt erreicht werden soll ausser zahlendem Publikum.

    « Sie und ihr Umfeld haben möglicherweise durch den anhaltenden Erfolg der letzten Jahre ein Bewusstsein entwickelt, sich als ›Gegenöffentlichkeit‹ schlauer zu dünken als der doofe Rest. Man glaubt sich immun, ob des eigenen Checkertums, klüger als der Rest/der ›Mainstream‹/die Schlafschafe/die Nicht‐Selberdenker und sieht sich von der lästigen Pflicht befreit, Dinge noch wirklich durchdenken zu müssen.«

    Dabei werden sie selbst Spalter, obwohl sie sich doch sogar mit einer Querfront arrangieren könnten, die abseits des Begriffs m.E. genauso gehalt‐ und sinnvoll ist wie die Hufeisentheorie.

    Merkwürdigerweise genau der Vorwurf, den Du mir machst ;)

    Ich lerne auch gerne dazu, leider ist bei diesen Themen mein Lern‐Level eher gering und ehe ich mir einen Müller antue, ziehe ich mir z.B. lieber Varoufakis, Schirrmachers »Technologischer Totalitarismus« oder aktuell auch Anthony Atkins »Ungleichheit« rein. Ist halt etwas schwerere Kost und kein vieldeutiges Wortgeklingel.
    Das man dabei mit vielem nicht konform geht, was darin steht, ist klar, aber Schirrmachers Buch z.B. war in vielem ein Vorgriff auf das, was sich mit Smartphone, Medien und dem ganzen Drumrum kurz danach Bahn gebrochen hat.

    Mir geht es trotz der harschen Wortwahl nicht darum, mich schlauer oder klüger zu wähnen als andere, Mausfeld ist nicht umsonst Professor, aber seine Erkenntnisse sind eben für mich »banal«, daran wird wahrscheinlich auch das Lesen seines Buchs nichts verbessern.

  7. Willkommen im Kapitalismus, wo eben alle Bereiche des Lebens zum Businessmodell verkommen. Auch Debatten, Umweltschutz und Zukunftsgestaltung sind dabei letztlich nichts anderes, als Snickers im Discounter.

  8. Mir ist das alles einfach zu sehr Nische. Ich denke nach wie vor, der Versuch, Propaganda mit Gegenpropaganda bekämpfen zu wollen, sorgt nicht für Aufklärung und Erkenntnis, sondern für mehr Propaganda, kommt also dem Versuch gleich, Feuer mit Benzin löschen zu wollen. Und der Versuch, da zu diskutieren, kommt sehr oft dem gleich, einen Pudding an die Wand nageln zu wollen.
    Mausfeld ist emeritierter Psychologieprofessor (Experte), aber Amateur in Sachen Weltgeschichte (interessierter Laie, der sich halt was draufgeschafft hat). Letzeres muss natürlich nichts heißen, aber warum werden seine Vorträge (einer wurde letztens sogar in voller Länge bei ARD alpha gezeigt, ist, glaube ich noch in der Mediathek) nur von einer vergleichsweise kleinen Gemeinde begeistert rezipiert und machen nicht mehr Furore? Weil er vom ›Mainstream‹ ignoriert bzw, totgeschwiegen wird ob des Explosiven, was er sagt? Oder weil es, wie Siewurdengelesen bereits sagte, vielleicht nicht allzu originell ist, was er so beisteuert zum Diskurs (sich aber gewaltig so anfühlt) und der Fachwelt eher ein »Na ja, ganz nett« abringt, aber mehr auch nicht? Ähnlich liegt der Fall bei Danièle Ganser. Der wird von der Historikerzunft nicht deswegen eher ignoriert, weil sie ihn kleinhalten will, sondern weil er schlicht unseriösen Stuss verzapft. Ich würde ihn einmal gern beim Historikertag oder einer anderen Fachtagung erleben — der würde ziemlich schnell ziemlich gerupft dastehen.

  9. @Stefan R.

    »...aber Amateur in Sachen Weltgeschichte«

    « Der wird von der Historikerzunft nicht deswegen eher ignoriert, weil sie ihn kleinhalten will, sondern weil er schlicht unseriösen Stuss verzapft.«

    Sorry, so gern ich Dich mag und Deinen Blog schätze, aber solche Aussagen halte ich für anmaßend und überheblich. So einfach Menschen im vorübergehen abzukanzeln, die sich beruflich und privat sehr mutig in etliche Wespennester begeben haben.

    Kennst Du die Historikerzunft? Weißt Du wie sie denkt und tickt? Woher weißt Du wie viel Wissen Herr Mausfeld wirklich über die »Weltgeschichte« hat? Was soll »unseriöser Stuss« von Herrn Ganser sein? WTC 7? Gladio? Die Chronik der US‐Angriffskriege?

    Ihr scheint alle so verdammt viel Ahnung von allem zu haben. Wo bleibt die Bescheidenheit? Oder die Fähigkeit auch mal anderen zuhören zu können, ohne gleich seinen eigenen Senf dazu abgeben zu müssen?

    Fest steht, diese ewige linke Spalterei und Denunziation nützt vor allem den Neoliberalen, Konservativen und Rechten. Deshalb: ohne mich!

  10. epikur, ich habe sowohl Herrn Mausfeld als auch Herrn Ganser zugehört. Ich habe nachrecherchiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass Rainer Mausfeld zwar nicht völlig unrecht hat, aber kaum etwas sagt, das nicht schon längst bekannt ist. Über sein psychologisches Wissen mag ich mir kein Urteil erlauben, da ich kein Psychologe bin. Historiker bin ich hingegen schon. Daher maße ich mir auch an, in Grundzügen zu wissen, wie Teile der Historikerzunft ticken und habe mich auch mit Quellenkritik und Methodik befasst. Daher erlaube ich mir folgendes Urteil: Ganser reitet zwar andauernd darauf herum, Historiker zu sein, hat auch mal eine ganz nette Doktorarbeit über Gladio verzapft, wird aber von der Fachwelt völlig zu Recht nicht ernst genommen. Unter anderem, weil er sich nicht an methodische Standards hält. Das kann man übrigens tun, aber man sollte es begründen können. :PROF:
    Nachtrag: https://blog.gwup.net/2018/01/29/videos-daniele-gansers-phraseologie-im-faktencheck/

  11. Hihi, da kann ich mich Stefan R. und Epikur gleichzeitig anschließen, respektiere aber natürlich beider Einwände und lasse sie mir durch den Kopf gehen. So könnte das eigentlich gehen.

    Ich denke nach wie vor, der Versuch, Propaganda mit Gegenpropaganda bekämpfen zu wollen, sorgt nicht für Aufklärung und Erkenntnis, sondern für mehr Propaganda, kommt also dem Versuch gleich, Feuer mit Benzin löschen zu wollen.

    Im Prinzip sehe ich das ähnlich, solange ich selber natürlich nicht auf den Zug verfalle, dass alle Kritik gegen etwas Gegen»propaganda« ist. Der Mausfeld und auch der Ganser (muss ich nicht mögen, kann ich mögen) machen sich da doch etwas mehr Mühe in Richtung Gegenöffentlichkeit, denn Gegenpropaganda. Generell, streikt da aber die Praxis, denn unsinnigerweise reagiert die Gegenöffentlichkeit leider nicht anders, wie die kritisierte Öffentlichkeit, sondern genauso gereizt, wenn man ihr selbst die gerade aktuellen heiligen Lüdden mal ankratzt. Die Reaktionen auf KenFM, (echt zeitloses Marketing von dem übrigens), sind da sehr beredt und nicht nur die auf den, — aber leider nicht vielseitig, sondern exakt von zwei Seiten, — funktionieren also wie Propaganda. Gegen, — oder für. Dazwischen, gibt’s nix bis nur selten was.

  12. Mausfeld habe ich auch erstmal zugehört — war aber dann ziemlich abgestoßen von seinem Gestus, altbekannte Medienanalyse und Kritik unters Volk zu bringen, als seien es absolut neue, gar revolutionäre Erkenntnisse VON IHM.

  13. Mir gruselt mittlerweile auch vor diesen ganzen Tod‐Labereren die nach Stöckchen suchen. über die sie springen können um sich als noch besser als die anderen darstellen zu können.

    epikur oder DerDuderich in den Komentaren beim Nachbarn https://fliegende-bretter.blogspot.com/2018/12/the-longer-read-von-bosen-ismen.html?showComment=1545531649599#c675305891859441059) bringen das Dilemma auf den Punkt, leider wird es immer schlimmer wie mir scheint. Wenn es tatsächlich um linke Kritik auf der Suche nach einer besseren Gesellschaft ginge könnte ich es verstehen. Aber ich sehe nicht, was solche Diffamierungen bewirken sollen ausser Zwietracht und Entsoldarsierung.

    Eigentlich würde es doch um die Massen, die bewegt werden müssen gehen. Mich erinnert das die K‐Gruppen der 70’er vor den Toren der Werktätigen. Heute ist man lieber im Rektum der Journalistengilde, wo es sich etwas wohliger anfühlt und für den einen oder anderen auch lukrative Stiftungsposten rausspringen.

    Was auch die Leute sind, die auf Wikipedia ein gehöriges Mitsprachevolumen erreicht haben.

    Nur wird durch Lautsprech und Propaganda kein Malocher satt, aber um die geht es in diesen Kreisen nicht mehr (oder ging es noch nie).

  14. ...Soll ich als Stimme des Verderbens auch mal meinen Senf dazu geben?
    Was »euer« größtes Problem eigentlich ist, was ihr bisher noch gar nicht irgendwo mal heruntergebrochen bekommen habt: All die Kritik und Aufdeckung, die ihr betreibt — letztendlich bleibt es nur dabei, aber nicht bei einem Vorschlag, wie es konkret stattdessen laufen sollte.
    Oder bloß nutzlose weltverklärerischer Vorschläge, die im Ansatz nicht einmal der Komplexität heutiger globaler Versorgungsstrukturen gerecht werden.
    Im Grunde genommen, kann man das auf einen sehr dicken Kernpunkt bringen: Ihr seid immer noch bei irgendeiner Form von Sozialdemokratie, die das bestehende System retten und bloß in eine andere Richtung lenken will, die wieder mehr dem kleinen Mann dient.
    Rückehr zum Zustand der Dinge wie es sich nach dem Kriege in West Germany entwickelt hat. — Etwas, was sachlich eine Ausnahmeerscheinung in der Geschichte gewesen ist.
    Das Zeitfenster für diese Sache ist geschlossen. Gibt’s nicht mehr. Geht nicht mehr. Kann man nicht wieder zurückbringen. Es besteht für den Kapitalismus keine Notwendigkeit mehr, solch ein System existieren zu lassen, denn der Kalte Krieg wurde gewonnen, und die Deutungshoheit über das Zwergnaseprojekt »Realsozialismus« wurde auch errungen, aufdass jeder vergisst, dass es das mal gab und nur noch die Propaganda des Siegers jedem erklärt wie dieses System in sich funktionierte.

    Man muss sich also eine komplett neue Struktur ausdenken, die am Ende auch funktioniert und in etwa dasselbe leisten kann, was die schlechte Struktur von jetzt für die Leute liefert (liefert sie nämlich gar nichts, wird keiner außer den eigenen Gläubigen dieser Sache hinterherlaufen — aus sogar ganz verständlichen Gründen).
    Überspitzt, ist diese Aufgabe nichts anderes, als wenn man ein Strategiespiel gewinnen will (wem der Vergleich hilft).
    Basis aufbauen, Versorgungsstrukturen schaffen (um überhaupt operieren zu können), anschließend Verteidigung dessen aufbauen und schließlich Versorgungswege der externen Resourcen sichern, damit der aufgebaute Ist‐Zustand für alle erhalten bleibt.
    Zu guter Letzt: Ausdehnung — Aufbau von weiteren, zusätzlichen Strukturen.

    In dem Punkt kommt bis jetzt so Nullkommanullgarnichts aus eurer Ecke. Deswegen auch »Sozialdemokratie«. Die glaubt nämlich noch, mit den alten Strukturen, zurückgedrängt in humaneren Formen, würde der Laden wieder laufen.
    Auch wenn das vielleicht verbal nicht so auftaucht, aber in den Taten drückt es sich so aus.

    Und ja, das ist nur mal die Außenseitermeinung ganz gerade heraus gesagt, ohne Honig ums Maul zu schmieren oder den Kindergarten aufzumachen.

  15. @Matrixmann: Von der Prämisse ausgehend, dass ein Zurück in das Goldene Zeitalter des Kapitalismus der Nachkriegszeit nicht mehr möglich ist, möchte das Publikum oder zumindest ein Teil davon eine pfannenfertige Komplettlösung für alle Probleme, die das blinde Vertrauen in die Märkte (=Kapitalismus) mit sich bringt, von denen das Umweltproblem wohl das gravierendste sein dürfte. Verstehe ich Deinen Kommentar so richtig?

    Mir ist nicht ganz klar, an welche Adresse sich der Aufruf richtet, gefälligst einen großen Zukunftsplan zu entwickeln. Warum fängt jemand, der diesen Mangel verspürt, nicht selbst an, diesem abzuhelfen? Oder geht es am Ende nur um eine weitere Variante von: »Gibt’s nicht, weil geht nicht. Geht nicht, weil gibt’s nicht.«?

  16. @matrixmann @andi

    Richtig, ich sehe mich auch nicht in der Pflicht Komplettlösungen oder neue -Ismen zu präsentieren, die dann sowieso zerrissen, nicht ernst genommen oder als utopisch diffamiert werden. Vermutlich auch zu Recht. ;)

    Davon abgesehen, wehre ich mich gegen den Vorwurf, wir Blogger seien nur nörgelnde Elfenbeinturm‐Kritiker jenseits der Realität. Es gibt immer und immer und immer wieder Ideen und Vorschläge von mir und vielen Blogger‐Kollegen. Offen, häufig aber auch zwischen den Zeilen zu lesen. Ein paar Ideen hatte ich hier schon mal formuliert. Vor über 2 Jahren. Das alles ändert aber rein gar nichts an den real existierenden Machtverhältnissen.

  17. @ andi
    »Pfannenfertig« sehe ich selbst als Anspruch im Bereich der Unmöglichkeiten. »Pfannenfertig« bedeutet ja immerhin so etwas wie »perfekt«. Das gab’s aber nicht mal im letzten Jahrhundert — außer in der Propaganda. Propaganda ist aber aufgeblasenes Geschwätz; was zählt sind die Tatsachen, die man schafft und schaffen kann. Nur damit überlebt man selbst und nur damit kann man auch jemand anderes abholen, der eigentlich an einen völlig anderen Lebensweg glaubt als man selbst oder an einem anderen Standpunkt steht.

    Ich sehe mich da oftmals selbst noch am Lernen.
    Sonst habe ich mit Leuten aus verschiedenen Richtungen Berührung und versuche auch, da was einzubringen, wenn jemand nach Meinungen fragt.
    Womit ich mich dabei aber oftmals auch konfrontiert sehe, ist wie undynamisch sie des öfteren denken. Wenn die eigene Doktrin etwas bestimmtes sagt, wird das verherrlicht und alles nur unter eben diesem Filter zum Interpretieren gesehen... Mich kotzt das mehr als nur an, weil ich kein Dogmatiker bin. Ich sehe es so, dass man von allen Seiten was lernen kann.
    Wenn es um meine eigenen Signale ins Nichts geht, versuche ich das auch ›rüberzubringen. Mir fehlen dafür öfter aber leider auch die Worte...
    Du kannst dir aber vorstellen, wie erpicht Leute darauf sind, Content zu hören, der nicht in allen Punkten mit ihren eingeengten Weltbildern konform geht... Oder, der sie systematisch dazu auffordert, ihnen festgefahrenen Kram wegzuschmeißen und auch mal in dem Weltbild die Augen aufzumachen, ohne gleich alles davon fallen zu lassen.

    @ epikur
    »Nörgeln« — so weit will ich nicht gehen. Bei manch einem wird das so sein — sowas kann ja immerhin auch ein Job sein, aus dem stetige Selbstbestätigung erwächst, und wenn man den nicht mehr hat, dann sieht es furchtbar leer in einem aus; siehe Twitter‐SJWs -, aber alle über einen Kamm in diese Richtung zu scheren wäre mir zu doof, ohne es genau geprüft zu haben oder ein Szene‐Guru zu sein.
    Jeder, der ein bisschen intelligent ist, sollte es wohl wissen: Irgendwann ist deine Arbeit auch mal getan. Mission erfüllt.
    Muss man sich eine neue Aufgabe suchen.

    Von den Ideen interessiert mich mittlerweile häufig immer mehr die Frage wie man etwas gedenkt umzusetzen. Weil ich für mich erkenne, damit steht und fällt, ob man deine Ideen für beknackt erachtet oder man denkt, es ist ein guter Ansatz, der verfolgt werden sollte.
    Leider steht da auch der Faktor, dass die reinen Westler häufig dabei in der eigenen Suppe schmoren und sich um sich selbst im Kreise drehen.
    Die Einzigen, die da fast eine völlige Neuordnung der Beziehungen von verschiedenen Einheiten untereinander aufgestellt haben, die auch über einen längeren Zeitraum funktioniert haben, das sind die Kommunisten. Stichwort VEB, Kombinat, deren Organisationsformen von »Gemeineigentum« usw.. Es ist z. B. ein großer, weit verbreiteter Irrtum, dass im Realsozialismus alles dem Staat gehört hat...
    Zumindest sind diese Organisationsstrukturen einen Blick wert, wenn man mal etwas anderes studieren will als das, was nur aus der eigenen Sphäre stammt — quasi als vor Augen geführter Beweis, auch mit einem anderen Mindset und einer anderen Struktur des Lebens lässt es sich leben, ohne direkt ins Mittelalter zurückzufallen.
    Und hierbei meine ich die real umgesetzten Strukturen, nicht das, was in den hochtrabenden Pamphleten steht. Die kann man im Ernstfall nämlich auch bloß als Klopapier verwenden. Liefern einem keine Antworten auf die aktuen Probleme. Dafür muss man selbst denken können.

  18. @Matrixmann: Deswegen fragte ich nach, ob ich Dich recht verstanden habe. Der Aufbau komplett anderer Strukturen kann sich auf unterschiedlichen Ebenen abspielen. Du scheinst Dich mehr auf die lokale Ebene bzw. Mikroebene zu beziehen. Auf dieser Ebene gibt es sehr wohl selbstverwaltete linke Projekte sogar hierzulande, die aber kaum Ausstrahlungskraft über linke Kreise hinaus entfalten konnten. So gibt es einige Alternativbetriebe aus der frühen Umweltbewegung etwa z.T. immer noch. Die mangelnde Strahlkraft liegt zu großen Teilen an den herrschenden Machtverhältnissen aber ein stückweit auch daran, dass ein gewisser Hang zum moralischen Rigorismus der linken Szene leider innewohnt.

    Was über das unmittelbar lokale Umfeld (Gesundheitsversorgung, Schul‐ bzw. Bildungssystem, Verkürzung der Arbeitszeit etc.) hinausgeht, wird unter den gegebenen Umständen wohl einen linkssozialdemokratischen Charakter haben. Solche Reformen können aber sehr wohl Verbesserungen sein, auf denen man aufbauen kann, um überhaupt zu einer Diskussion über andere Versorgungsstrukturen zu gelangen.

  19. @ andi
    Nein, das verstehst du an der Stelle miss.
    Ich denke sowohl in der Mikro‐ als auch in der Makroebene.
    Das eine geht nicht ohne das andere.
    Ich will es immer gern »Systemtheorie« nennen, aber ich weiß nicht, ob die Bedeutung, die unter diesem Begriff unterwegs ist, das beschreibt, was mir geistig vorschwebt und worin ich beim Thema Aufbau denke.
    »Systemisches Denken« klingt in der Beschreibung des Begriffs ein wenig danach.

  20. Dann ist ein Blick auf die jüngsten Entwicklungen in Lateinamerika insbesondere Brasilien vielleicht ganz hilfreich. Dort wählten anscheinend die Leute, die unter den sozialdemokratischen Regierungen von Lula und Rousseff ein wenig aus der Armut herausgekommen sind, den Freund der Militärdiktatur Bolsonaro, weil sich deren wirtschaftliche Situation zuletzt wieder verschlechtert hatte. Mein Verständis für diese Wählerschicht hörte mit den Äußerungen Bolsonaros zur Folter zwar auf, doch wird dieser Aspekt ihr nicht wichtig gewesen zu sein. Vielmehr dürfte sie den Antikorruptionsversprechungen und aller Wahrscheinlichkeit nach die Forderungen nach mehr Markt (was sonst?) ihres neuen Präsidenten geglaubt haben. Der Modus vivendi war unter Lula und Rousseff kapitalistisch geblieben, so dass die Rhetorik eines Bolsonaro verfing. Möglicherweise hätten die Sozi‐Regierungen mehr Wert darauf legen sollen, dass die Reformen, die den Leuten etwas gebracht hatten, dem kapitalistischen System abgetrotzt werden mussten. Zugleich hätten vielleicht alternative Strukturen etwa nicht‐marktwirtschaftliche Versorgungseinrichtungen (z.B. dezentrale Energieversorgung) aufgebaut werden müssen.

  21. Hm... Bei dem schleichenden Erstarken der Rechten und Faschisten rund um den Globus würde für mich erst mal die Frage im Raum stehen, ob die überhaupt vom Volke so gewählt wurden.
    Einerseits: Solche Massenphänomene sollten einen stutzig machen, warum die Leute global scheinbar alle gleich blöd sind, ihre Peitscher freiwillig zu wählen.
    Und zum anderen: Es wird in so vielen Fällen der jüngeren als auch der länger zurückliegenden Vergangenheit bekannt wie viel dort das Ausland (spezielle Länder...) sich mit in den Verlauf eingemischt und zum Ergebnis beigetragen hat.
    Zusätzlich kommen dann noch die Millionäre und Milliardäre, die sich freimütig in die Politik hinter den Kulissen einmischen — mit Geld, Strohmännern, Kontaktpersonen und was nicht alles an Mitteln.
    Und das soll bei sich gerade abspielenden Prozessen anders sein?

    Wenn es um das Strategische geht, scheint es sowieso so zu sein, dass der Geldadel global die Rechten für sich entdeckt hat, um mit ein wenig Konkurrenz des Geschäft von ihren eingefahrenen Vasallen zu beleben. »Tut was, bringt uns mehr, ihr faulen Säcke!« — oder »Es geht um die Wurst, einer fliegt aus dem Kettenkarussell ›raus, also stellt sicher, dass ICH das nicht bin!«.
    Ich meine, es ziehen schwere Zeiten herauf, ein kleiner Umverteilungskrieg unter den irrsinnig Reichen liegt in der Luft, keiner will derjenige sein, dessen Vermögen von den anderen geschlachtet wird. Die alten Vasallen sind es gewohnt, eine bestimmte Tour zu fahren, sie sind daher nicht radikal genug eingestellt, diese Vorgehensweise auch mal zu ändern, wenn es die Umstände erfordern. Oder der Radikalisierungsprozess verläuft zu langsam.
    Also — sucht man sich eben solche, die damit kein Problem haben. Die vielleicht auch schon von vorn herein so eingestellt sind wie man es braucht. Mit denen man also keine monate‐, vielleicht auch jahrelange Umschulung machen muss.

    Was vielleicht auch noch mit hineinspielen wird ist die Schwäche der linken Politiker global. Es gibt nicht mehr viel außer Sozialdemokratie — und wer was anderes macht, der endet wie Venezuela. Extern als auch intern. Es gibt keinen, der einem bei etwas anderem Rückendeckung leisten könnte.
    Dass selbst die Linken dazu gezwungen sind, ein wenig Kapitalismus zu machen, um in dieser Welt als Staat überleben zu können, und um das Volk bei Laune gehalten zu kriegen, ist ein großes Problem.

  22. Dass es Wahlbeeinflussung von außen gegeben haben dürfte, liegt im Falle Brasiliens nicht fern, von Wahlfälschung würde ich jedoch nicht ausgehen. Ein gerüttelt Maß an (politischer) Dummheit in weiten Teilen der Bevölkerung ist nämlich meines Erachtens geradezu Voraussetzung für die Stabilität des kapitalistischen Systems. Überall auf der Welt scheinen die Leute in ihrer Mehrzahl nicht weiter blicken zu können oder zu wollen als bis zu ihrem Gartenzaun, was in gewisser Art und Weise auch ein Versprechen des Kapitalismus ist: »Mind your own business.« und für den Rest gibt es Experten, die sich auf dem Markt feilbieten. Der Politmarkt gehört inzwischen weitgehend mit zum Entertainmentsektor unweit von Sportereignissen. Das Verhalten des brasilianischen Publikums während der olympischen Spiele 2016, das sich bei jeder Sportart fast so benahm wie beim Fußball, sagt vielleicht etwas über die Mentalität aus, die den Wahlsieg eines Folter‐ und Diktaturfans ermöglichte.

    In der EU gilt in der veröffentlichten Meinung doch schon als linksradikal, wer ein klein wenig linke sozialdemokratische Wirtschaftspolitik durchsetzen möchte, was das Beispiel Griechenland eindrucksvoll demonstrierte. Die geringe Zahl weiter links befindlicher kleiner Politgrüppchen hierzulande sind unter sich sehr zerstritten, wie es dem Klischee entspricht, und geeint nur im Kampf gegen rechts nicht zuletzt, weil es irgendwie en vogue ist die eigene Gesellschaft zu hassen, obgleich man aus ihr stammt. Über andere Länder kann ich mich nicht verbreiten, weil ich mich nicht genügend auskenne.

  23. Ich bin da immer selbst hin und her gerissen, was ich als schwerwiegender ansehen soll.
    Allein nur aus seinem gewohnten westlichen Kontext auszugehen, halte ich für fatal, denn oftmals sind die Umstände vor Ort doch anders als man es sich ausgemalt hat — gerade, was so die Dinge angeht, die man als »selbstverständlich« voraussetzt und über die man in seinem eigenen Kreis nicht mehr nachdenkt.
    Auf der anderen Seite... wenn es um Unbildung und Manipulationspotential geht, dann schlägt man über andere Länder öfter die Hände über dem Kopf zusammen, weil das da noch so viel einfacher, plumper, geht als hier. (Und man denkt manchmal hier schon, die Menschen werden so dumm, dass man ihnen Batteriesäure als Wellnessgetränk verkaufen kann...)
    Ich lasse zumindest mal diese theoretische Idee im Raum stehen, weil man sie grundsätzlich immer stehen lassen sollte bei Ergebnissen, die in ihren Endkonsequenzen nicht ganz ohne sind.

    Du, ich formuliere es mal drastisch: Wenn die Linken noch irgendwohin wollen, sollten sie sich bald mal einig werden darüber, in welcher Situation sie meinen sich zu befinden. Ich denke, das dürfte eher das Hauptproblem bei dieser ganzen »radikal — nicht radikal genug«-Debatte sein. Es gibt immer noch ein paar feige Hunde und Sitzpisser, die immer noch nicht registriert haben, dass ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Und wenn Wasser bis zum Hals steht, dann reicht gedämpfter Kapitalismus aka Sozialdemokratie und ein »zurück zu alten Zeiten (die sowieso einmalig in der Geschichte waren)« eventuell nicht mehr aus, um sich Luft zum Atmen zu verschaffen.
    Dabei solle man sich nicht von der Bewertung der politischen Gegner abhängig machen, so als wenn man in der Rechenschaft wäre, ihnen etwas zu beweisen, denn die werden automatisch alles scheiße finden, was sie sich nicht selbst ausgedacht haben. Von den Neoliberalen fordert auch niemand ein Bekenntnis zur Achtung der Demokratie, und wenn sie’s unterlaufen durch ihre Taten, steht auch niemand bereit, der sie dafür verbieten will. Im Gegenteil, es kräht kein Hahn danach!
    Was am Ende unterm Stricht zählt ist der Plan, den man selbst hat, und diesen seiner anvisierten Schicht glaubhaft darlegen zu können, sodass sie einen unterstützen.
    An dem scheint’s überall zu mangeln — hauptsächlich, weil keiner sich eingestehen möchte, dass einem das Wasser bis zum Hals steht und dass dementsprechend im Verhandlungstisch vorgegangen werden muss. Jeder will gern, dass der Kelch an ihm vorüberzieht...
    Genau das ist aber die Strategie, mit der man dort nicht herangehen kann. Dann kann man gleich die weiße Fahne hissen und sich ergeben. Am Tisch mit Haien werden die einem kaum wohl etwas freiwillig überlassen.

    Irgendwoher kenne ich diese Vorgehensweise. Jeder will gern um den großen fetten Elefanten im Raum herumtanzen, ohne das Kind beim Namen zu nennen oder auf den Hosenboden der Tatsachen zu sinken und endlich mal zuzugeben »ja, so und so ist es«.
    Ähnlich wie als wenn jemand sagt »Das Leben ist scheiße!« und alle es ihm versuchen auszureden, obwohl er vielleicht sogar einen Grund hat, so zu denken.
    Die Art zu agieren wird früher oder später zwangsläufig in die Katastrophe führen — weil irgendwann wird es jemanden geben, der die ungeliebten Worte ausspricht... Und wie derjenige drauf sein wird, das kann keiner vorhersagen.

  24. Wem steht das Wasser bis zum Hals — der politischen Linken oder der Gesellschaft als Ganzes? Die meisten Deutschen handeln nach meiner Erfahrung so, als sei alles in bester Ordnung. Politik spielt keine wirliche Rolle, Hauptsache man verkauft sich irgendwie und kann dann das Hirn mit Feierabendbeginn ausmachen. Der Rest, der nicht mehr klar kommt mit dieser quasi hirntoten und empathielosen Gesellschaft, ist eben selbst schuld und fertig. Und tja, wenn’s diese marktuntauglichen Überflüssigen nicht gäbe, wären die ganzen Sozialarbeiter, Erzieher usw. auch noch arbeitslos, nicht auszudenken. Daran tragen aber die paar politisch links stehenden Menschen, womit ich nicht die neoliberalen Sozis ab der Schröderära meine, in Schland und anderswo nun wirklich keine Schuld.

    Man kann es auch so ausdrücken, dass wir als Gesellschaft sozusagen in der »neoliberalen Matrix« ganz tief drinstecken. Und von da aus wäre in meinen Augen eine linke Strategie zu entwickeln, mit dem Eingeständnis quasi von Null anfangen zu müssen, weil der Sieg des Marktes seit dem Fall der Mauer kaum anders als total bezeichnet werden kann. Um überhaupt etwas zu erreichen, wäre eine möglichst große Massenbewegung wohl unabdingbar, in deren Mittelpunkt meiner Meinung nach die sozial‐ökologische Frage stehen müsste. Daneben gilt es auszuloten, ob man auch auf eine parlamentarische Machtoption setzt und wie man sie zu nutzen gedenkt, ob parallele Versorgungsstrukturen aufgebaut werden sollten, wie man sich international sinnvoll und effektiv vernetzt usw.. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind wir im Land der Michels so ziemlich die letzten, bei denen sich irgendetwas bewegen wird, weil »wir« alle so wunderbar von den Exporterfolgen »unserer« Wirtschaft profitieren. Mal gucken wie lange noch....

  25. Den Linken — der Gesellschaft — der Wirtschaft — wenn du das Thema Umwelt auch noch mit aufnimmst, da stimmt das sachlich auch.
    Ich weiß, es ist noch weit von Weimarer Verhältnissen entfernt — Straßenschlachten um Essen sind bisher kein Regelfall, weil die Währung nichts mehr taugt.
    Ich würde auch annehmen, dieses Mal kommt die Nummer auch nicht so offenkundig daher. Da die Kompensations‐ und Verdeckungsstrukturen weitaus ausgefeilter heute sind, wird sich das eher in den subtilen Bereich verschieben. Mit anderen Worten: Man merkt nicht wie sehr der Baum brennt, weil es ein schleichender Prozess ist.
    Außerdem steht auch kein kürzlicher Krieg in Europa im Raum, der alle Länder geschädigt hat. Und für einen Krieg in Osteuropa sind ihre Armeen bereits schon zu schwach, das wissen die Nationen hier selbst, umsonst bliebe es nicht »lediglich« bei konstanten Drohungen und heißer Luft.
    Die Kriege in fernen Ländern, im Nahen Osten und Afrika, beeinträchtigen (bis auf die Flüchtlingsströme) die Nationen hier nicht in dem gleichen Maße wie ein erst kürzlich zurückliegender Krieg in Europa. Ihre Güter, Waren und Rohstoffe bekommen sie hier immer noch aus den Gegenden, respektive ihren Müll können sie immer noch dahin exportieren. Das normale Geschäft läuft relativ unbeeinträchtigt, was zu Weimarer Zeiten nicht der Fall war.
    Für die Weimarer Verhältnisse, war das ein ziemlicher Katalysator, der die Dinge schnell eskalieren ließ — dieser Faktor fehlt hier diesmal, deswegen komme ich zu der Annahme mit dem schleichenden Verlauf.

    Natürlich, wenn jetzt noch eine größere Wirtschaftskrise oder eine ökologische Katastrophe, die Europa betrifft, aus dem Nichts hervorkäme, sähe der Verlauf etwas anders aus. (Die ökologische Katastrophe ist schon teilweise da durch Dinge wie die extreme Trockenheit letztes Jahr. Würden dann noch die Importe aus anderen Ländern wegfallen, dann sähe Europa doch sehr alt aus, weil alles mittlerweile nur auf den Export nach außen oder untereinander eingerichtet ist und nicht darauf, Menschen lokal/auf nationaler Ebene mit Nahrung versorgen zu können.)

    Tief in der neoliberalen Matrix feststecken — ja, so lässt es sich einfach ausdrücken. Gefangen in einem Weltbild, mit der mangelnden Vorstellung davon, dass die Beziehungen von allen Objekten, die einen umgeben, untereinander nicht in Stein gemeißelt sind... Veränderbar sind, wandelbar sind.
    Nur als Vergleich: In der Welt, die noch von Adligen regiert wurde, konnte man es sich auch nicht vorstellen, dass es einmal ein Herrschaftssystem geben könnte, in dem konzeptionell der dumme Pöbel regiert.
    Das liegt daran, weil sich keiner vorstellen mochte, dass die Beziehungen zwischen Objekten und Einheiten sich auch mal ändern können, weil eine Notwendigkeit dazu bestand. Weil sich etwas überlebt hatte.

    Strategisch sehe ich es auch so, dass man eine größere Masse Menschen ansprechen muss, anderweitig wird das nichts weiter als so eine kleine eingeschworene Putschgemeinde, die vielleicht irgendwann, wegen Erfolglosigkeit, sogar noch auf die dumme Idee kommt, es mit Gewalt zu lösen. Das hat man in der BRD in der Erscheinung der RAF schon mal gehabt — die Nummer ist auf ganzer Linie gescheitert und hat mehr Schaden und Leid angerichtet als irgendwas anderes.
    Außerdem — von Krieg spielen und die Keule schwingen erwächst auch keine neue Struktur, nach der man leben könnte. Man muss dazu mindestens eine Aufbau‐Komponente in seinem Konzept haben — und dafür benötigt es Vernetzung in die Bevölkerung hinein. Und die lässt sich nicht erzwingen, in dem man sich als mordlüsternes abgehobenes Idiotenpack etabliert, was sich jeden schnappt, der zur falschen Zeit vor die Haustür geht... Wer davon abstoßen ist, man kann es mehr als nur nachvollziehen.

  26. Dem würde ich widersprechen. Hätten es weder RAF noch DDR gegeben, hätten wir schon 1989 die freie Marktwirtschaft gehabt.

  27. @ Juri Nello
    Wenn es keine DDR gegeben hätte, wäre es nach dem Krieg gleich so weiter gegangen, wo bei Adolf aufgehört wurde, nur mit anderer Führung. Die Amerikaner, noch mehr aber ihre private Wirtschaft, waren ein sehr großer Freund davon, was die Faschisten in Europa getrieben haben.
    Sie waren lediglich beleidigt, als die Deutschen auf einmal anfingen, vor der Westküste ihrer eigenen U‐Boote zu versenken.
    (Merke: Greife Amerika nie an, denn dann werden sie fuchsteufelswild — so schlimm wie keine Furie wüten kann.)
    Mit dem grundlegenden Profitstreben und der gnadenlosen Ausbeutung, so wie das auch mit der Arbeit in den KZs getrieben wurde, hatten sie keine nämlich moralischen Probleme. Waren sie sogar recht freudig dabei, mit daran zu verdienen.

    Es sind nicht nur dumme Phrasen aus Marx oder Lenins Büchern, dass Kapitalismus und Faschismus zwei sehr gute Freunde sind.
    Die Praxis zeigt das sehr gut.
    Wenn sie können wie sie wollen, dann machen sie das auch.
    Und genau dazu spitzt es sich jetzt wieder hin. Genau darum auch.

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