Antisemitismus

antisemit_titelDieser Beitrag wird die Blogger‐Gemeinde spalten und polarisieren. Man wird mir einzelne Begriffe, Sätze und Formulierungen entgegenschleudern. Einen Subtext, versteckte Symbole und Zeichen sehen wollen. Mich (womöglich) als einen verkappten Nazi oder als Querfrontler bezeichnen. Denn kaum ein Thema ist mit so einem gedanklichen und mentalen Sperrgebietsetikett innerhalb der Linken gebrandmarkt, wie die Antisemitismus‐Vokabel. Wer sich damit beschäftigt, sticht in ein Wespennest. Ähnlich wie Populismus, Verschwörungstheorie und Fake News, nur deutlich mächtiger, ist der Antisemitismus‐Begriff heute ein politischer Kampfbegriff. Ein Herrschaftsinstrument, um unliebsam gewordene Personen sozial, gesellschaftlich, medial und kulturell zu vernichten. Diese Methode der sozial‐medialen Lynchjustiz, ist in Deutschland mittlerweile eine fest verankerte, öffentliche Inquisitionsform.

Schweigepflicht
Beginnen wir mit ein paar Zitaten:

Eine einzige iranische A‐Bombe auf Tel Aviv – und der Staat Israel ist Vergangenheit. Der anti‐israelische Iran ist dabei, sich die Voraussetzungen für den Bau einer solchen Bombe zu verschaffen. Also … Für Israel ist die Entwicklung von Nuklearwaffen durch den Iran ein casus belli.“

Georg Meggle. »Was steckt hinter dem Libanonkrieg?«. Heise.de vom 08. August 2006

Ja, und eine einzige A‐Bombe auf Teheran und der Staat Iran ist ebenso Vergangenheit. Mit dem kleinen Unterschied, dass Israel die A‐Bombe bereits besitzt! Im Übrigen lassen sich die nuklearen Folgen von Atombomben nicht durch künstlich geschaffene Landesgrenzen eindämmen. Iran und Israel würden sich in beiden Szenarien gegenseitig vernichten.

»Das Bundeskabinett stimmte am Mittwoch in Berlin der Antisemitismus‐Definition der Internationalen Allianz für Holocaust‐Gedenken (IHRA) zu, die in ihrer Erläuterung auch eine pauschale Israelkritik als Judenhass versteht.«

faz.net vom 20. September 2017

Auch wenn ich das anderer Stelle schon häufiger gesagt habe: die Tatsache, dass es die Begriffe Antiiranismus, Antirussismus oder Antinordkoreanismus nicht gibt, ja, es teilweise sogar explizit erwünscht ist, diese Länder mit samt ihren Regierungen zu kritisieren und zu verurteilen, zeigt zumindest auf, dass hier ausgewogene Sachlichkeit und Argumente nicht das primäre  Bewertungskriterium sind. Warum gibt es eigentlich nicht den gleichen inquisitorischen, politisch‐öffentlichen Eifer bei der Jagd nach Antirussisten und Antiiranisten?

»...seit 1967 knapp 50.000 palästinensische Häuser von den israelischen Behörden abgerissen.« [...] Derzeit leben 2,75 Millionen Palästinenser unter militärischer Besatzung.«

Heiko Flottau. »Frieden als Schimpfwort: 50 Jahre Sechstagekrieg«. Blätter. Ausgabe Juni 2017.

Selbst solche Fakten zu zitieren, ist heute schon ein Akt des Antisemitismus. Herr Flottau beschreibt in seinem Beitrag sehr ausführlich die Geschichte und die Auswirkungen des Sechstagekrieges. Darauf hinzuweisen ist bereits eine subversive Tat und gehört sozial verurteilt. Broder, übernehmen Sie! :JAJA:

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Wer erkennt die versteckten antisemitischen Zeichen?

Tabuzonen
Die israelische Regierung betont immer wieder, dass sie von Feinden umgeben sei, hat aber zugleich die schlagkräftigste Armee vor Ort, die Supermacht USA als Verbündeten und die Atombombe. Der Iran hingegen ist von US‐Verbündeten (Irak, Pakistan, Afghanistan, Türkei, Saudi‐Arabien), Israel und von US‐Militär‐Außenposten umgeben. Ist also de faktisch wirklich von „Feinden“ umgeben. Wer die Lage einmal sachlich, sicherheitspolitisch und völlig unideologisch betrachtet, wird schnell erkennen, dass sich nicht nur Israel bedroht fühlt, sondern vor allem auch der Iran.

Interessant ist auch, dass es im Kanzleramt bzw. im Innenministerium bald einen Antisemitismus‐Beauftragten geben soll. Dafür werde extra ein Posten geschaffen. Schließlich gebe es »eine wachsende Zahl antisemitischer Handlungen von Zuwanderern aus Nordafrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten«, so der Vorsitzende der Unionsfraktion, Volker Kauder (CDU). Wo bleibt der Antirussismus‐Beauftragte? Ich sehe hier auch eine wachsende Anzahl an russischfeindlichen Tendenzen, insbesondere bei unseren »Leitmedien«.

Erstaunt war ich auch, über den Begriff des »jüdischen Selbsthass«. Damit werden, laut wikipedia, alle Personen bezeichnet, die sich »in überkritischer oder psychisch autodestruktiver Art gegen das Judentum und die eigene Zugehörigkeit zum Judentum wenden.« Vom christlichen oder islamischen Selbsthass habe ich jedenfalls noch nie etwas gehört. Seltsam. :WTF:

Sperrgebiete
Und nun habe ich noch gar nichts über das internationale Finanzkapital, über Hollywood, die israelische Rüstungsindustrie, die israelischen Siedler, das Vorgehen des Mossad oder das Bankensystem geschrieben. Selbst wenn ich diese Schlagwörter bereits hier verwende, verbirgt sich dahinter mein vermeintlich struktureller Antisemitismus. Und ich, als Mensch mit deutschem Pass habe bei diesen Themen sowieso mein Maul zu halten! Heißt das etwa, wenn ich meinen Pass gegen einen grönländischen eintausche, darf ich wieder etwas sagen?

Der Stacheldraht in den Köpfen ist derart eng gezogen worden, dass alle Themen und Bereiche, die irgendwie mit jüdischen Mitbürgern, Israel oder dem Finanzsystem zu tun haben, zu geistig‐mentalen Sperrgebieten erklärt wurden. Wer es wagt, diese Tabuzonen zu betreten, wird zum Antisemiten erklärt, öffentlich diffamiert, denunziert und stigmatisiert. Woher kommt dieser inquisitorische Eifer? Und darf ich das überhaupt fragen? Aber nun endlich auf mich, mit Gebrüll! :BULLE:

P:S: Nein, ich bin kein Anhänger der »Schlußstrich‐Debatte«. Echter Antisemitismus ist zu verurteilen. Aber eben auch Antiislamismus.


» »Vorwurf Antisemitismus«
» »Sechs Tage und kein Ende«
» »Michael Müller könnte auf Antisemiten‐Liste landen«

9 Gedanken zu “Antisemitismus

  1. Und wer nach dieser verdrehten Logik hierzulande die Machenschaften der christlichen Kirchen kritisiert, ist Antichrist. :MRGREEN:

    Aber im Ernst: Sehr guter & treffender Beitrag.

    Was ist wohl per Definition »antisemitischer«? Die vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckte Kritik an der Außen‐ und Sicherheitspolitik Israels oder die Lieferung von Waffen an Israel feindlich gesinnte Steinzeit‐Diktaturen wie Saudi‐Arabien? Das wäre doch mal eine Frage für den neuen Antisemitismus‐Beauftragten der Bundesregierung.

  2. Wenn Du mich schon aufforderst ... :KICHER:
    Ich gebe Dir recht — die Verbindung zwischen Land und einem Anti‐Land‐Ismus gibt es bei Israel und den Amis. Israel und der jüdische Glauben sind insofern eine Besonderheit als das »Volk Israel« für sich selbst die Einheit von Staat und Glauben behauptet.
    Ansonsten ist Dein Artikel hier ein schönes Beispiel für »whataboutismn«.
    Im PS dann zu sagen »ich finde Antisemitismus aber doof« ist so ein bisschen AfD‐mässig, oder? »Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber ... «
    Für Dich ungewöhnlich schwach. Inhaltlich stimme ich (natürlich) überein. Statt eines Antisemitismus‐Beauftragten wäre es sicherlich besser, wenn sich jemand mit Religiöser Diskriminierung beschäftigen würde. Oder vielleicht noch besser allgemein mit Diskriminierung?
    Dass der Iran genauso von Feinden umgeben ist, die vermeintlich und wahrscheinlich auch real mächtiger sind als die Feinde, die Israel umgeben macht die Aussage nicht falsch, dass Israel (auf der Landseite) von Feinden umgeben ist. Ohne seine Militärmacht gäbe es Israel wahrscheinlich nicht mehr.
    Wenn wir nun zur Kritik an israelischer Politik gehen, die mit dem Vorwurf versucht wird zu entkräften, sie sei antisemitisch (die Kritik) und im von Dir genannten Beispiel ja wirklich nur ein Faktum genannt wird — kann ein Fakt antisemitisch sein? — dann zeigt das eher, wie armselig die Diskussionskultur im Land geworden ist.
    Genauso wie die inflationäre Verwendung von »Faschist« bedeutet auch Antisemit nur, dass Dein Gegenüber auf ad hominem Argumente zurückgreifen muss.
    Generell werden Diskussionen gerne durch Reduzierungen abgekürzt, besonders gerne wertende. Man meint, man brauche nicht zu belegen, dass der Russe böse ist und der Islam extremistisch oder Trump ein hirnloser Depp — das vereinfacht Diskussionen und bereitet einen Weg zu Sieg oder Konsens — bleibt aber reduziert.

  3. Es gibt gar keinen grönländischen Pass. Dieser AntiKalaallit‐Nunaatismus ist unerträglich.

    (P.S. Aktueller Fall, der deine These stützt: Da wird gerade ein Brite als »Antisemit« beschimpft, weil er richtigerweise darauf hinwies, dass Israel das Chemiewaffenabkommen nicht ratifiziert hat.)

  4. @Thomas

    »Im PS dann zu sagen „ich finde Antisemitismus aber doof“ ist so ein bisschen AfD‐mässig, oder? „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber … “

    Naah, das war nicht meine Intention. Eher eine zusätzliche »Absicherung«, bevor ich auf irgendwelchen Listen lande. Das Thema ist eben voller Landminen.

    @Kakapo3

    »Kalaallit‐Nunaatismus«

    Okay, das musste ich googlen. Nun bin ich schlauer. Dann eben einen dänischen Pass. ;)

  5. ....irgendwie könnte man den Eindruck haben, dass jemand vor gewisser Zeit seine Arbeit nicht richtig gemacht hat.....

  6. Moin Epi,
    nun der beste xmus ist der Orgasmus, der Rest kann weg.
    Was ist an whataboutismus so verwerflich?
    Man zieht einen Vergleich, eine Tatsache heran um einen ggf. Maßstab oder eine Neukalibrierung vorzunehmen. Etwas in Relation zu bringen. Unvoreingenommen.
    Erst die subjektive Wertung, Bevorzugung oder Ausnutzung als sog. (unredliches?) Gegenargument macht es zum xmus.
    Aber das Ausblenden von Ereignissen/Tatsachen ist m.M.n deutlich schädlicher. Bin ich froh das ich so ein ungebilderter Blödmann bin, das macht viele Diskussionen erheblich leichter.

  7. Hm, nun, ich weiß nicht, ich tue mich da sehr schwer. Tatsache ist, es gab und gibt linken Antisemitismus, und das ist für mich ein Problem, weil ich mit Antisemiten möglichst nicht das politische Lager teilen mag.
    Ferner finde ich es wenig zielführend, immer gleich von ›Kampfbegriff‹ und ›Herrschaftsinstrument‹ zu reden. Mag das im einzelnen sogar stimmen und mag es richtig sein, das zu identifizieren, erschwert das eher eine Debatte — und bewegt sich argumentativ auf einem ähnlichen Level wie von Rechten gern bemühte Invektiven wie ›Nazikeule‹ oder ›Meinungsdiktatur‹.
    @Fluchtwagenfahrer: Gegen Whataboutism ist nichts zu sagen, außer dass es eine bewährte Technik ist, Debatten gerade zu verhindern. Weil der Vergleich immer einen klassischen logischen Fehlschluss enthält (non sequitur, tu quoque,...).

  8. Hallo Stefan,
    das war›s was ich meinte mit »Erst die subjektive Wertung, Bevorzugung oder Ausnutzung als sog. (unredliches?) Gegenargument macht es zum xmus«
    Zurück zur Aussage/Zitat von EPI:
    Pos1.
    „Eine einzige iranische A‐Bombe auf Tel Aviv – und der Staat Israel ist Vergangenheit. Der anti‐israelische Iran ist dabei, sich die Voraussetzungen für den Bau einer solchen Bombe zu verschaffen.
    Pos 2.
    Ja, und eine einzige A‐Bombe auf Teheran und der Staat Iran ist ebenso Vergangenheit. Mit dem kleinen Unterschied, dass Israel die A‐Bombe bereits besitzt!
    Nun kommt der Crusher: Ahhh Whataboutism!!!1!11
    Folge:
    Austausch von Sachargumenten nicht mehr möglich, Disku beendet. Pos 2 Stigmatisiert, diffamiert.
    Das haben wir aber fein hingekriegt. Und andere sagen ich sei ein Arschloch.
    Kann es sein, das es garnicht mehr um ein gemeinsames Lösen von Problemen geht?

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