Lohnarbeit

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© epikur

Seit jeher gibt es ein großes Paradoxon: wer als Arbeiter seine »Aufgaben« fleißig, gewissenhaft, schnell und effizient erledigt, bekommt als Belohnung für seine tolle Leistung in aller Regel: noch mehr Arbeit. Ob im Büro, im Dienstleistungssektor, im sozialen Bereich, in der Produktion, auf dem Bau oder im Vertrieb — überall freuen sich die Chefs über Angestellte, die ihre Arbeit zügig, aber natürlich auch gewissenhaft, also ordentlich erledigen. Die Mitarbeiter hingegen, würden sich über mehr Gehalt, einen früheren Feierabend oder einen Tag mehr Urlaub als »Belohnung« freuen. Das wird in der Regel für zügige Arbeit aber eben nicht gewährt.

Die Folge dieser »Mitarbeiter‐Behandlung« ist letztlich das exakte Gegenteil von Produktivität und Motivation. Denn: diese sehr weit verbreitete, kontraproduktive  Lohnarbeits‐Dynamik motiviert die Mitarbeiter letztlich nur, langsamer zu arbeiten, Dienst nach Vorschrift zu  erledigen und eben nicht mehr als nötig zu machen. Weil die Wenigstens Lust verspüren, noch viel mehr als ihre Kollegen zu schuften. Gleichzeitig wirft die Jobcoacher‐ und Berater‐Industrie ständig mit tollen Vokabeln um sich: Leistung, Motivation, Effektivität, Produktivität. Ohne auch nur einmal solche essentiellen Widersprüche zu thematisieren.

7 Gedanken zu “Lohnarbeit

  1. So ist das mit Dogmen. Oder, besser ausgedrückt: Mit Sakramenten.
    Hinterfrage nicht SEINEN Willen, hinterfrage nicht nicht unsere Riten, von denen wir denken, dass sie IHN und SEINEN Willen uns näher bringen oder SEINE Ausübung von Verwaltung darstellen.
    Mache einfach das, was der Vorbeter dir sagt. — Amen. Die Wirtschaft ist groß.

  2. Naja, der, der durch bessere »Leistungen« im Job auffallen will, verlangt ja in der Regel förmlich nach mehr oder härterer Arbeit / mehr »Verantwortung«! Ich seh da kein Grund für Mitleid! ;) Die Hoffnung liegt da ja bei Vielen auch deutlich eher auf mehr Gehalt — denn mehr Freizeit! Freizeit ist doch generell nur was für Asis, oder...!? ;) Oft geht es ja nicht mal unbedingt darum, mehr zu leisten — sondern möglichst lange in der Firma rumzuhängen; es gilt ja als unschicklich, früher zu gehen als der Chef... Und bei dem zählt die bloße Anwesenheit (inkl. Geschleime) ja oft auch schon mehr als die tatsächliche Leistung!

    Außerdem verschieben diejenigen, die buckeln und schuften wie die Rindviecher für die »Normalen« dann auch die Maßstäbe; erhöhen somit auch den Druck auf jene, die vom ständigen Konkurrenzkampf eher angewidert sind — und sich auch noch sowas wie die Reste eines echten Lebens bewahrt haben.

    Zumindest in der Hinsicht war auch mein Studium im ÖD als auch der Einblick in ein Amt in vielerlei Hinsicht sehr lehrreich; so war die ganze Sache im Grunde ein einziger, knallharter, auf Unterwerfung und Akzeptanz eines absurden Lern‐ und somit Arbeitsvolumens ausgerichteter Ausleseprozess. Ich fühlte mich grade am Ende wie in einer obskuren Sekte; in der es kein Verständnis gab, sich und seine Freizeit nicht vollständig dem vom Dienstherren vorgegebenen Arbeitspensum (mit freundl. Unterstützung von Bertelsmann) zu unterwerfen; es wurde regelrecht damit geprahlt, sich an einem sonnigen Tag daheim bei runtergezogenen Rolläden voll und ganz dem Stoff gewidmet zu haben. Dem Stoff, den man zwei Jahre nach der Prüfung schon wieder vergessen hat, weil man bei seiner Arbeit dann eh nur 10 % davon benötigt... Aber darum geht es ja auch nicht; man muss die jungen Leute halt auch an das Arbeitsvolumen gewöhnen — wenn man nämlich wegen Personaleinsparungen und Arbeitsverdichtung Aktenberge abarbeiten muss, die eigentlich ein »normaler« Mensch allein weder gewissenhaft noch inhaltlich korrekt schaffen kann...

    Und im Amt selbst »kloppten« die AnwärterInnen (interessanterweise eben nur Frauen; Anteil im Studium über 75 %) bereits wie alte Hasen Fälle und häuften massig Überstunden an — in der Ausbildung! Für gemeinsames und gegenseitig austauschendes Lernen im Amt (da war immerhin ein Vormittag in der Woche vorgesehen) hatten sie dann »keine Zeit«, weil es wichtiger war, Fälle zu erledigen. Wenn man als Anwärter dagegen an einem sonnigen Tag einfach mal seine mickrigen 3 Überstunden abgefeiert hat, um nach 12 Uhr an den See zu fahren, wurde man entgeistert angekuckt, als sei man fauler Abschaum...! Nach dem Studium schrieb mir eine meiner Kolleginnen damals, ich hätte »den Job ja auch haben können — aber das Radfahren sei mir ja wichtiger gewesen«...

    Was bleibt? Wer auf viel verzichtet hat und durch so ein »Stahlbad« gegangen ist, gönnt anderen definitiv nichts Besseres... der ewige Teufelskreis der kapitalistischen Lohnarbeitskarriere!

    Lohnarbeit als Solche — und vor allem die »Belohnung« durch »Abschlüsse«, »Beförderungen« und vor allem auch das Gehalt vergiften strukturell den Geist der Menschen. Wer den Kapitalismus irgendwann mal »überwinden« will, sollte am besten hier ansetzen...! ;)

  3. Gibt’s auch in allen anderen Lebensbereichen. Wer ein bißchen sozial denkt, wird, wenn er nicht aufpaßt, zugemüllt von Leuten, die gezielt diejenigen raussuchen, die »sozial aussehen«. Umgekehrt sind dieselben Leute sofort weg, wenn man selber mal was loswerden muß.
    Oder diese besonders sympathische Sorte‐anmaßend zu den Höflichen, freundlich zu denen, die ihnen in den Arsch treten.

  4. »[...]Gleichzeitig wirft die Jobcoacher‐ und Berater‐Industrie ständig mit tollen Vokabeln um sich: Leistung, Motivation, Effektivität, Produktivität. Ohne auch nur einmal solche essentiellen Widersprüche zu thematisieren[...]«

    Liegt wohl daran, dass die Jobcoacher‐ und Berater noch nie in solchen Jobs gearbeitet haben — sollten von US‐Journalisten lernen, die mal die Rollen gewechselt haben, freiwillig, und als Zeitungszusteller gearbeitet haben. Da denkt man dann sofort anders wenn man diese Zustände aus eigener Erfahrung kennt.

    Übrigens, ich selbst machte ja, diesen September, für nicht ganz vier Wochen die Erfahrung wie es so ist in der Produktion, im Reinraum, und in 3er‐Schicht als Leiharbeiter zu arbeiten.

    Seither versteh ich warum manche, die Schicht arbeiten, nach Schichtende einfach in den Feierabend abdampfen, und ansonsten alles stehen und liegen lassen.

    Interessant ist übrigens auch etwas, dass ich vor kurzem in einem Artikel eines renomierten Wirtschaftspsychologen namens Uwe Peter Kanning lesen durfte — als Forschungsergebnis. Viele Job‐; Bewerbungs‐ und sonstige -berater sind gar nicht vom Fach.

    Daran krankt unser komplettes Personaleinstellungssystem in Deutschland — Herr Kanning zeigt, am Beispiel Hesse/Schrader, dass diese eigentlich ausgebildete Psychologen sind, die von Bewerbungen bzw. Personalauswahl oft keine Ahnung haben.

    Leider ist die Tatsache zuwenig bekannt, sollte es aber, da man ja bei vielen Job‐ und sonstigen Bewerbungscoachern genau auf diese »Laien« stößt.

    Eigentlich sollten für Bewerbungsratgeber Personaleinstellungsprofis aus der Branche tätig sein, aber hier mangelt es am Reformwillen:

    Jeder x‐beliebige Mensch darf sich »Coacher« nennen....

    Zynischer Gruß
    Bernie

  5. @Bernie

    »Viele Job‐; Bewerbungs‐ und sonstige -berater sind gar nicht vom Fach. [...] Jeder x‐beliebige Mensch darf sich „Coacher“ nennen«

    Wundert mich gar nicht. Wir haben ja auch ein Volk von 80 Millionen Bewerbungs‐und‐Arbeitsmarkt‐Spezialisten, Fussball‐Trainern und Erziehungs‐Pädagogen. Jeder weiß es besser. Auch komplett ohne Ausbildung, Studium, Lebenserfahrung oder jemals ein Buch über das entsprechende Thema gelesen zu haben. ;)

  6. @Epikur

    Stimme dir zu, aber das Tragische daran ist eben, dass sich Bewerbungskurse — natürlich ohne Quellenangabe — eben auf die angeblichen »Bewerbungsprofis« Hesse/Schrader, und deren Handbücher zum Thema, berufen.

    Gepredigt wird dann übrigens oft Individualität beim Bewerben, aber das Resultat ist doch die Einförmigkeit Hesse/Schraders...und das ist dann kein Wunder, dass die Unternehmen die Bewerbung absagen....kein Wunder, wenn jeder via Arbeitsagentur und Jobcenter dazu gezwungen wird x‐Bewerbungen vorzulegen....das frustriert natürlich dann auch die Personalerseele, die dies mit der Zeit auch ahnt... :( ;)

    Gruß
    Bernie

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