Presseblick (53)

Als hätte es fast schon Tradition, während großer Sportveranstaltungen, die unbequemen Gesetze durch zu peitschen. Der Pöbel jubelt der deutschen Mannschaft zu und im Hintergrund werden fleißig soziale Grausamkeiten besprochen und beschlossen. In der Vergangenheit wurde beispielsweise die Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent, während der Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2006, erhöht. Dieses mal geht es um die Privatisierung der Autobahnen, weitere ALG2-Verschärfungen, Erbschaftssteuereform, Netzsperren sowie um die Aufweichung der Fracking-Gesetze. Ist natürlich alles nur Zufall, weil danach eben die parlamentarische Sommerpause ansteht. Wer hier ein System sieht, der ist ein Verschwörungstheoretiker. Punkt.

Medien
Die Putin/Russland-Hetze unserer Atlantikbrücke-Journalisten geht fröhlich weiter:

Spiegel Online vom 18. Juni 2016

Spiegel Online vom 18. Juni 2016 (ohne Link)

Wenn also irgendetwas in eurem Leben schief läuft, euer Chef euch ungerecht behandelt, ihr den Bus verpasst oder eure Freundin euch ungerechtfertigte Vorwürfe macht, dann wisst Ihr, wer schuld ist: Putin! :rock:

Auf der anderen Seite versucht RT Deutsch ausgerechnet Gerhard Schröder (»Gas-Gerd«), den Verräter der Arbeiter und der Schänder des sozialen Gedankens in Deutschland (Agenda 2010), als Mahner zu etablieren:

RT Deutsch vom 13. Juni 2016

RT Deutsch vom 13. Juni 2016 (mit Link)

Irgendwo zwischen Spiegel Online und RT Deutsch ist dann die Wahrheit unter die Räder gekommen.

Rechtsextremismus
Da braucht es also wieder mal eine aktuelle Studie, um fest zu stellen, dass der »Rechtsextremismus«, also die Menschenfeindlichkeit, nicht nur ein primäres Problem der Nazis ist (wen würde das auch erstaunen?), sondern von der sogenannten Mitte. Also von Menschen, denen es finanziell (noch) halbwegs ganz gut geht und die von Abstiegsängsten beherrscht werden. Und da der deutsche Michel seit jeher seine Ängste, seinen Frust und seine Wut nicht gegenüber denjenigen zeigt und äußert, die Verantwortung haben (Chef, Unternehmen, Politik, Behörden, Konzernen, Politiker, Millionären etc.), sondern mit Vorliebe nach unten tritt und nach oben kriecht, wird der Hass auf Menschen gerichtet, denen es noch schlechter geht. Und für diese Erkenntnis der deutschen LeiDkultur brauchte man jetzt eine Studie? :wtf:

Apropo Menschenfeindlichkeit: die Zeit echauffiert sich, dass die Türkei syrische Akademiker an der Ausreise hindert und uns nur den »ungebildeten Menschenmüll« (ich überspitze mal) schickt. Es geht überhaupt nicht mehr um Kriegsflüchtlinge, Not, Elend, Vertreibung, Flucht ‑also um ein wenig Mitmenschlichkeit und Empathie- sondern schlichtweg knallhart nur um die kalte, ökonomische Kosten-Nutzen-Relevanz von Menschen, die gerade noch dem Tod entkommen konnten. Einem Tod, den die deutsche Regierung durch Waffenlieferungen und der Unterstützung der US-Politik mit zu verantworten hätte.

Sexismus
Der »Jüngling« hat eine Liste gesammelter Falschbeschuldigungen von vermeintlichen Vergewaltigungsopfern veröffentlicht. Wer immer noch glaubt, Kachelmann sei ein Einzelfall gewesen, dem ist nicht mehr zu helfen. Und bevor gleich wieder jemand übertrieben emotional reagiert: nein, das soll keine Vergewaltigung relativeren und ja, es gibt weiterhin viel zu viel sexuelle Gewalt, die von Männern ausgeht. Ich verwehre mich aber dennoch dagegen, einer einseitigen Ismus-Ideologie alles ungeprüft zu glauben.

Und nebenbei: »Eine Studie kostet Zehntausende Männer das Leben«. Der sogenannte PSA-Test, der zur Früherkennung von Prostata-Krebs dient, wird von den Krankenkassen nicht mehr empfohlen und bezahlt. Dabei sei er sehr effektiv. Scheinbar haben aber weite Teile der Krankenkassen und der Medizin kein Interesse (mehr) daran. Immer noch ist die Lebenserwartung von Frauen in Deutschland, um gut zwei Jahre höher als die von Männern. All das ist natürlich kaum ein Thema in der Öffentlichkeit.

Arbeitsmarkt

Junge Welt vom 4. Juni 2016

Junge Welt vom 4. Juni 2016 (mit Link)

Die IG Metall erläutert, worum es bei der »Arbeitsmarktreform« in Frankreich wirklich geht und warum der Protest in Frankreich dagegen so stark ist. Hierzu gehören unter anderem: Lockerung bei Kündigungsschutz und 35-Stunden-Woche, Absenkung der Zuschläge für Mehrarbeit sowie Aushebelung von tariflichen Vereinbarungen. Herr Veiel von der Frankfurter Rundschau kümmert das alles nicht und schreibt: »Frankreich braucht ein Antidepressivum«. Und vielleicht hilft ja auch die EM dabei für eine positive Stimmung im Land zu sorgen. Die neoliberalen Arbeitsbedingungen sind bei ihm persönlich wohl noch nicht angekommen. :pfeif: 

Und weil die Ausbeutung von Praktikanten nicht mehr ganz so leicht ist (aber es gibt ja genug Ausnahme-Regelungen. Hihi.), wollen die Arbeitgeberverbände aus Gründen der »Vereinfachung und Entbürokratisierung« ( :anbeten: ) den Mindestlohn für Praktikanten komplett abschaffen.

Web
Die Frankfurter Rundschau skandalisiert: »Eine halbe Million Internetsüchtige«. Wie immer bei den Themen Drogen und/oder eher ungesunden Abhängigkeiten wird nicht über die Ursachen geschrieben oder besser noch: über diejenigen, die damit ihren Reihbach machen. Die Verantwortlichen (oder wenn man so will: die Täter) werden nicht thematisiert. Chronisch kranke Menschen und Süchtige sind und bleiben die besten Kunden. Für die Pharmaindustrie ebenso, wie für die Unterhaltungs‑, Tabak‑, Alkohol- und Medienindustrie. Deshalb können sich Drogenbeauftragte und vermeintliche Mahner ihre moralischen Predigten sparen, solange sie nicht bereit sind, das Übel an der Wurzel zu packen.

8 Gedanken zu “Presseblick (53)

  1. Stichwort »Privatisierung von allem«: Kommt einem irgendwie vor wie in einem sehr frühen Amerika. Wo vorher noch der Staat eventuell feste Regeln gesetzt hatte (ja, so was gab’s bei denen auch), wurde irgendwann dem privaten Eigentum Tür und Tor geöffnet. Woran das wohl gelegen haben mag...
    Im Prinzip sind solche Handlungen auf breiter Ebene, ohne die Perspektive auf Widerruf, ein Eingeständnis, dass der Staat BRD pleite ist. Wenn er meint, er kann dieses oder jenes nicht mehr aus Staatsgeldern finanzieren, was vor Jahren oder Jahrzehnten noch ging, d. h. es geht sehr wohl zu finanzieren, dann sind dort irgendwo die Millionen — Milliarden! — aus den Kassen verschwunden.
    Und wie das Gesetz der Börse so sagt: Das Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes.

  2. »Eine Studie kostet Zehntausende Männer das Leben« ist in meinen Augen die übliche Panikmache der Gesundheitsindustrie. Zum einen kann hinter einem erhöhten PSA-Wert, so er denn konstant steigt oder hoch bleibt, eine altersbedingte BPH (benigne Porstata-Hyperplasie) stehen. Sie wird durch minimalinvasive Op über die Harnröhre beseitigt.

    Ein anhaltend erhöhter Wert mit der Diagnose »maligner Tumor« muss ebenfalls noch nicht heißen, dass eine Radikal-op oder andere
    invasive Maßnahmen notwendig sind, denn die meisten Prostatakrebsarten verlaufen schleichend oder sind nicht aggressiv, so dass der Patient daran wahrscheinlich nicht sterben wird, sondern an einer anderen Ursache. Ferner hat sich gezeigt, dass es auch nicht wenig falsch negative PSA-Tests gibt.

    Am einfachsten lassen sich angeblich Kranke heute mithilfe von Normwerten aus dem Hut zaubern. In der Erstausgabe des Buches »Bittere Pillen« von 1983 wird noch ein Normblutdruck von 150100 beschrieben. Durch die Herabsetzung auf 13989 sys./diast.wurde Mio. Menschen zu Hypertonikern und behandlungsbedürftig. Aussagekräftig ist in diesem Zusammenhang sowieso nur eine Langezeitmessung. Einer einmaligen Messung messen klinisch tätige Kardiologen keine Bedeutung zu.

    Seit wann nochmal geht es dem Gesundheitssystem um das Wohl der Patienten?

  3. @altautonomer

    »Am einfachsten lassen sich angeblich Kranke heute mithilfe von Normwerten aus dem Hut zaubern.«

    Sehr guter Hinweis! Nichts anderes macht heute der Body Mass Index (BDI). Die Berechnungen hier sind viel zu streng ausgelegt. Dadurch werden massenhaft Menschen zu Übergewichtigen erklärt, obwohl sie nur ein wenig mehr an den Hüften oder am Bauch haben.

  4. Noch keiner weiß, dass das Ausscheiden der deutschen Mannschaft aus der EM ein fieser Schachzug von Putin war, um das Selbstvertrauen der Deutschen in ihre eigenen Fähigkeiten zu unterminieren. Der hat uns das einfach nicht gegönnt und den Schiri mit seinen ganzen Gasmillionen so lange geschmiert, bis der gegen uns gepfiffen hat. Elfmeter für Frankreich, hallo? Fünftausend Elfmeter für uns nicht gegeben, hallo? Halloooo?

    Gestern hatte ich Rücken. Putin weiß wirklich wie er mir wehtun kann. Wir sollten die ganzen Sauereien unter einem Hashtag zusammenfassen, ich schlage #Putinwars vor. (schön zweideutig, nicht?)

  5. Was ist negativ daran , daß es im »mainstream« akzeptiert wird , daß Rechtsextremismus stark ein Phänomen der Mitte ist?
    Das wird seit einiger Zeit zunehmend als Tatsache gesehen und geht nicht zuletzt auf linke »Vorarbeit« zurück , also warum nicht einfach als als Erfolg verbuchen?

    Volle Zustimmung zur selektiven Sicht auf Flüchtlinge .Das wundert mich immer wieder , mit welcher Selbstverständlichkeit diese Einteilung vorgenommen wird in bessere und schlechtere , das ist glatter Sozialdarwinismus.
    Wenn man gezielt Fachkräfte sucht , kann man selektiv Leute ins Land holen , nur hat das nichts mit der Flüchtlingsthematik zu tun . Und selbst dann holt man keine besseren oder wertvolleren Menschen ins Land , sondern einfach nur Leute , die etwas ganz Bestimmtes können .
    Darüberhinaus habe ich so meine Zweifel , ob so ein Vorgehen wirklich das erreicht , was es immer soll , nämlich die »Fitness« des aufnehmenden Landes erhöhen.
    Es könnte genauso gut sein , daß der Schuß nach hinten losgeht , die Bevorzugten des Systems sind nicht diejenigen , die in Krisensituationen gut aufgestellt sind. Wer sich gar , wie Kanda und Australien , immer diese Geldmenschen ins Land holt , könnte sich längerfristig einen Bärendienst erweisen.

  6. Wer hier ein System sieht, der ist ein Verschwörungstheoretiker. Punkt.

    Nein, ist er nicht. ;) Er übersieht dabei allerdings, dass es für den Beschluss von für die Mehrheit nachteiligen Gesetzen (in Hundertfacher Anzahl, ohne große Aufmerksamkeit über das ganze Jahr verstreut; der ganze handstreichartig durchgepaukte, verfassungsfeindliche »Finanzkrisenscheiß« kam auch gut ohne EM/WM aus) keines Events oder sonstiger »Ablenkung« bedarf — da sich der Pöbel so oder so nicht für Politik interessiert! Ich meine — da verarscht man den »Souverän« doch auf besonders offensichtliche, althergebrachte Weise (panem et circenses) — aber da diese Idioten diese Politiker / Parteien immer wieder aufs Neue ankreuzen kann man sie im Ergebnis nicht immer und immer wieder zum »Opfer« stilisieren! Sie sind genauso »Täter« wie die verkommene Kaste, die da die jeweilige Regierung bildet! Wer nach dem Kater aufwacht und merkt, dass da die Umsatzsteuer erhöht wurde — und diese Parteien beim nächsten Mal dennoch wieder wählt (oder daheim bleibt, anstatt links oder meinetwegen irgendein »Kleinvieh« auf dem langen Zettel zu wählen...) — ist letzten Endes doch: selbst Schuld!

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