Stille Selbstverfremdung

me_fEs ist schon ein wenig pseudoelitär und selbstreferentiell, wenn man behauptet »fremd« zu sein. So als wollte man sich unbedingt von anderen Menschen abgrenzen, etwas »besonderes« sein, so ganz individuell und anders als alle anderen. Heute behaupten viele, sie seien »verrückt«, also kreativ, witzig, einzigartig. Dabei machen alle das Gleiche, besitzen das Gleiche und denken das Gleiche. Massenindividualität nenne ich das. Brave und vorauseilende Shopping‐Konsumenten für das Zielgruppen‐Marketing von PR‐Soldaten. Dennoch ist es heute gleichzeitig sehr einfach und sehr schwer, unangepasst zu sein. Wer konventionelle Normen, Werte und die neoliberale Ideologie immer und immer wieder in Frage stellt, gilt als Querulant. Als Fremder unter Selbstentfremdeten.

Es gibt viele persönliche Erfahrungen, die ich mit »fremd sein« verbinde. In meiner kleinen Familie und großen Verwandtschaft beispielsweise, in der ich oft und gerne über Themen wie die Entstehung von Kriegen, Gerechtigkeit, Frieden, Weltpolitik, Medienmanipulation, die Macht des Geldes oder auch über unsere Lohnarbeitsstruktur reden wollte, und dabei nicht nur auf taube Ohren, sondern auch auf regelmäßig genervte Gesichter traf. Jahrelang. Man wiegelte stets ab und betonte: »Nicht heute. Nicht an diesem Tag!« So als hätte man überhaupt Interesse daran gehabt, jemals über etwas anderes als nur über den eigenen kleinen Mikrokosmos sprechen zu wollen. Über etwas anderes als banalen Alltagstrott und die Soapisierung des eigenen Nichtlebens. Diese sich stets wiederholende Kleingeistigkeit ärgerte mich zwar einerseits, hinterließ bei mir aber auch ein tiefes Gefühl von allein und fremd sein.

Nun gut, dachte ich damals, Familie kann man sich nicht aussuchen. Das wird auf der Universität und im Freundeskreis sicher anders sein. Aber auch hier wirkten die gleichen Mechanismen wie überall: Anpassungsdruck, Selbstinszenierung, Weltverleugnung, Oberflächlichkeit und schließlich: Konformität. Erst wird –ganz rebellisch‐ die Süddeutsche Zeitung gelesen, die Methoden von Banken und Konzernen kritisiert und dann sitzt man bei Papi im global agierenden Unternehmen, der Arbeitsrechte mit Füßen tritt und vorzugsweise Niedriglöhner einstellt. So waren und sind sie auch heute noch, die Studenten, nicht nur der Politikwissenschaft. Am Ende mutieren sie alle zu Biedermeier‐Weltverleugner‐und‐Mittelstands‐Narzisten. Unterm Strich zähl ich. Soll der Rest der Welt doch verbrennen.

Dann war ich vor einigen Monaten auf einer Eltern‐Kind‐Reise und dachte anfänglich noch, dass die Lebens‐ und Lohnarbeitsjahre, die Eltern weiser oder zumindest einfühlsamer gemacht hätten. Jeder von ihnen hat Ausbeutung, Selbstentfremdung und Armut, wenn nicht am eigenen Leib, dann zumindest im näheren Umfeld schon einmal erlebt. Und anstatt die eigenen Kinder vor der Ungerechtigkeit der Welt zu warnen und/oder sie angemessen darauf vorzubereiten und sie empathisch aufzuklären, igelt man sich in einen sozial‐emotionalen Glasbunker ein und tut so, als gäbe es das alles gar nicht. Das neue Biedermeier ignoriert konsequent alles, was nicht direkt in der eigenen Lebensumgebung geschieht. Und wenn ich sehe, wie »aufrechte Katholiken« Kinder über Obdachlosigkeit aufklären wollen, dann fühle ich mich wahrlich fremd als Vater unter empathielosen Leistungseltern.

Adorno sagte einmal, es gebe »nur einen Ausdruck für die Wahrheit: den Gedanken, der das Unrecht verneint.« In diesem Sinne ist weder die Wahrheit relativ, noch sind es die ethischen Werte, welche neoliberale Marktfundamentalisten, regelmäßig in ihrem Interesse verbiegen und umdeuten wollen (Neusprech). Mittlerweile empfinde ich die Fremderfahrung auch nicht mehr als unangenehm, sondern als Teil meiner Lebenswirklichkeit. In einer krankmachenden Gesellschaft, in der Profite stets mehr zählen als Menschenleben und in der Frieden sowie Humanismus als »Gutmenschentum« diffamiert werden, kann und will ich mich weder heimisch noch zuhause fühlen.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade mit dem Thema »Ich war fremd« von Friederike auf landlebenblog.org. Vielen Dank für die Inspiration!

7 Gedanken zu “Stille Selbstverfremdung

  1. Mit Frauen zu reden als Frau ist genauso schlimm, dass ich es nicht mehr fertig bringe: Kinder, Kochrezepte, Küche ... Dann hört es auf. Vielfach ist es Resignation: Was sollen wir denn dagegen machen, hört man dann immer wieder, wenn man aus den 3 K ausbricht. Und irgendwo — ganz in der hintersten Ecke — haben sie auch nicht unrecht. Millionen Stimmen z.B. gegen TTIP und es ist immer noch nicht vom Tisch. Das ist ein Beispiel unter vielen. Irgendwo meinen die Herrschenden doch: Rutscht uns den Buckel hinunter. Wir machen sowieso was wir wollen, da uns alles gehört und mit seinem Eigentum kann man machen was man will. Es gehört viel Selbstkasteiung dazu nicht in diese Pose des »Was‐sollen‐wir‐denn dagegen‐machen«. Und trotzdem: Immer wieder versuchen, versuchen, versuchen dagegen an zu diskutieren, auch wenn es niemand hören will.

  2. @Pewi

    Es gehört viel Selbstkasteiung dazu nicht in diese Pose des »Was‐sollen‐wir‐denn dagegen‐machen«. Und trotzdem: Immer wieder versuchen, versuchen, versuchen dagegen an zu diskutieren, auch wenn es niemand hören will.

    Ich empfinde es als eine viel größere Selbstverstümmelung, mich in meinem Horizont stets zu beschränken. Mir enge Grenzen zu setzen, die sich primär um den eigenen kleinen Mikrokosmos drehen. Sich einbunkern, einigeln, verdrängen, verleugnen, ignorieren. Das wäre für mich viel schlimmer, als stets gegen resignierte und fatalistische Biedermänner an zu rennen, so anstrengend es auch sein mag.

  3. Schön geschrieben. Passt fast 1:1 auf die Erfahrungen, die ich während diverser Phasen meines Lebens auch machen musste. Wir leben wohl einfach nur zur falschen Zeit auf dem falschen Planeten...

    Ich seh ja in genau dieser dicken, undurchdringlichen Wand der Ignoranz das Hauptproblem, weshalb sich nichts zum Besseren wenden kann. Da jammern einem die Leute auch gerne die Ohren über diverse Symptome des sie umgebenden Wahnsinns (mit System), der ihren Mikrokosmos stört — aber sobald du den Blick auf ein paar Ursachen lenken willst — ernteste wieder befremdliche Blicke... ;) Ein Hamster braucht halt nur nen Käfig, ein wenig Futter und Wasser — und ein Laufrad, um glücklich zu sein...

  4. Ich denke ich muss mal »Danke« sagen, denn irgendwie hat es mich angespornt, bei so einer Prompt‐Sache mal mitzumachen (ich glaube, im englischen Sprachraum nennt man es so).
    Thematisch wahrscheinlich etwas davon inspiriert (kann man in den Kommentaren dort sehen, welche Assoziationen andere dazu hatten — auf das Flüchtlingsthema wäre ich nicht primär gekommen), aber wie immer in dem Stil, mit dem ich aufwarten kann.
    Weiß nicht, ob ich den Link hier noch einmal seperat weitergeben soll, eigentlich sollte man ihn später in der Kommentarspalte bei landlebenblog.org lesen können...

  5. Das ist vermutlich der Preis der Individualisierung, dass wir uns fast überall fremd fühlen. Das kuschelige Wir‐Gefühl finden offenbar nur noch die schlicht strukturierten Zeitgenossen problemlos: im Fanblock eines Fußballstadions, beim stumpfsinnigen Marschieren (z.B. Demo), in religiösen Gruppen und Vereinen.

  6. Äußerst trefflich auf den Punkt gebracht. Man kann also grosso modo miterleben, wie der Gedankenkomplex einer kritischen und auf Meliorisierung der Lebensumstände abzielenden Anschauung in einer Einrollungsphase sich befindet. Eine ganze Reihe von Lebensparametern werden schlicht der Neugestaltung entzogen. Das ist sicher nicht das Symptom der Individualisierung. Das ist das Symptom von vermassender Vereinzelung. Erstaunlich ist, wie diese hier geschilderte Erfahrung sauber aus allen Diskurserzeugenden Quellen verschwindet. Medien, Politik, Akademie, Wirtschaft, Bildung. Mit der vergangenen Zeit sind stabilisierten Generierungsmatrizen zahlreich geworden. Wahrnehmungsmodi sind weitläufig konformiert, Unverständnis, Erstaunen, Verdutzung nehmen Überhand bei Nicht‐Diversem. Das Diverse ist denn das Konforme des Marktes. Diversität ist ein Fangarm für die Individualitätsbefreier. Hier wird die Zustimmung zum Bestehenden eingeholt von denen, die skeptisch sind. So wird noch der Altlinke zu einem smarten Konsumenten, der im Eierrad des Detailhandels in die Entfremdung driftet. Die großen Lebensparameter, die großen Ideen hat er ausgetauscht gegen einen biederen Bastelkeller, in dem er Unzeiten verbringt, um seine Warensammlung hin‐ und her zu ordnen. Nicht anders als der Yuppie im Premiumsegment. Das Misstrauen ist ubiquitär. Aus den Warenhöhlen samt ihren Gefühlsverstrickungen äugt man heraus und eilt schnellstens von Vergleich zu Vergleich, ob denn zum Nächsten eine Distinktion nach unten besteht.

  7. Ich wurde heute von einem Obdachlosen angesprochen, der mir erzählte, dass er beobachtet habe, wie einer obdachlosen Roma ihr Baby von anderen Romas wegschafft wurde, weil man es voll Schlaftabletten gestopft habe, damit es beim Betteln ruhig bleibt. Es schien ihm fast tot zu sein. Ganz ehrlich, in solchen Momenten bin ich schlicht und ergreifend überfordert. Natürlich hast du Recht mit deinem Artikel. Man muss immer und immer wieder auf Mißstände hinweisen und darf sich nicht einlullen lassen. Mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und selberdenken ist absolut unerlässlich. Aber ich verstehe die Leute auch, die nicht immer dazu breit sind, dass ganze Elend in sich aufzunehmen. Ich hoffe, du verstehst wie ich das meine

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