Kinder in Deutschland; Teil 27: Kontaktabbruch

Wenn Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, hat das meist ernste Gründe. Ein vermeintlich kleiner Streit kann das Fass zum Überlaufen bringen. Jahrelange zwischenmenschliche Differenzen, emotionale Kälte und eine Beziehung, die nicht auf Augenhöhe basiert, kann vor allem erwachsene Kinder, dazu bewegen, den Kontakt komplett abzubrechen. Die Dunkelziffer verlassener Eltern wird in Deutschland auf über 100.000 geschätzt. Natürlich sind Eltern nicht für alles allein verantwortlich, ihre Kinder werden auch von Freunden, Erziehern, Lehrern, Liebespartnern und den Medien geprägt. Dennoch sperren sich die meisten Eltern dagegen, die Kindheit der eigenen Kinder ernsthaft zu reflektieren.

Eltern stehen über den Kindern, sind „Erziehungsberechtigte“. Sie haben sie in die Welt gesetzt, sich jahrelang um sie gekümmert, das Essen auf den Tisch gebracht, viel Geld ausgegeben, sie angekleidet, mit ihnen Hausaufgaben gemacht, sie vor den Gefahren des Lebens beschützt, ihnen Liebe gegeben und vieles mehr. Demzufolge müssen die Kinder den Eltern ein Leben lang dankbar sein. Die erwachsenen Kinder haben sich zu melden und sollen auch ihre Hilfe für die älter werdenden Eltern anbieten. Diese Einstellung ist weit verbreitet und gleicht mehr einem materialistisch-egoistischen Habitus, als einer ehrlichen Eltern-Kind-Liebe. Denn die Eltern sehen ihre Kinder hier als eine Art Investition an, die sich irgendwann, also besonders im Alter auszahlen soll. Die Qualität der Familienbeziehung hängt jedoch von vielen Faktoren ab und kann nicht einseitig eingefordert werden, weil man doch soviel „geleistet“ und „investiert“ habe.

Sehr viele Probleme zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern entstehen vor allem auch deshalb, weil die Eltern den Sprung von der Erziehung zur Beziehung nicht geschafft haben oder ihn bewusst nicht wollten. Erwachsene Kinder bleiben zwar rein genetisch immer die Kinder ihrer Eltern, wollen aber gleichberechtigt behandelt, also ernst genommen werden. Genau das machen Millionen von Eltern eben nicht. Sie entschuldigen sich nicht bei ihren Kindern für offensichtlich begangene Fehler (erwarten aber, dass die Kinder das tun), sie mischen sich in die Erziehung der Enkel ein, schreiben ihren erwachsenen Kindern vor, wie sie ihr Leben gestalten sollen, kommentieren jede Entscheidung, interessieren sich wenig für die Leidenschaften der Kinder und/oder üben einen permanenten beruflichen Druck aus. Das Erwachsen werden der Kinder, bedeutet auch ein Reifeprozess der Eltern. Wer als Eltern seine Kinder immer nur von oben herab behandelt, ihnen nicht zuhören, ihre Meinung, Lebensweise und Entscheidungen nicht akzeptieren (oder zumindest tolerieren) will, darf sich nicht wundern, wenn die Kinder sich irgendwann von ihnen abwenden.

Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

– Auszug aus einem Gedicht von Khalil Gibran, arabischer Dichter, 1883-1931.

Oft äußern sich tiefe seelische Wunden, die in der Kindheit zugefügt wurden, Jahre oder jahrzehntelang nicht. Kommen sie irgendwann an die Oberfläche, entweder weil die Kinder älter geworden oder weil die Kinder sogar selbst Eltern geworden sind und sich nun über das Thema mehr Gedanken machen, dann wollen die eigenen Eltern davon häufig nichts mehr wissen: „Schnee von gestern“. Sicher, jeder ist irgendwann erwachsen und sollte nicht für jede Fehlentscheidung oder alle eigenen Probleme einseitig die Eltern dafür verantwortlich machen. Sich selbst stets als Opfer zu sehen, ist bequem und entlässt einen aus der persönlichen Verantwortung. Jeder hat die Chance, seine kindheitliche Prägung zu überwinden und das eigene Leben aktiv zu gestalten. Dennoch ist die eigene Kindheit entscheidend mit dafür verantwortlich, wie das spätere Eltern-Kind-Verhältnis sich entwickelt.

Um so älter die Kinder werden, umso ernster wollen sie genommen werden. Sie entwickeln womöglich eine andere Auffassung vom Leben und ihrer beruflichen Zukunft als die Eltern. Haben andere Ziele und andere Vorstellungen was die Partnerwahl betrifft. Vielen Müttern und Vätern fällt es unheimlich schwer, ihre Kinder in ihrem So-Sein zu akzeptieren. Ständig wird versucht, sie zu beeinflussen, zu manipulieren, ihnen den eigenen Lebensstil und die eigene Meinung aufzudrücken. Die eigenen Kinder zu lieben, bedeutet eben nicht nur, sie zu umarmen und ihnen ständig zu sagen, wie lieb man sie hat oder ständig Konsumgeschenke zu machen, sondern sie so zu akzeptieren, wie sie sich entwickeln und wie sie sein wollen.

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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 26 Folgen können im ZG-Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

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UPDATE: 6. November 2014: Auf SWR2 gibt es zu dem Thema eine tolle Radiosendung (rund 25 Minuten lang) mit dem Titel „Für mich bist Du gestorben!“  Unter anderem wurde auch meine Wenigkeit interviewt. Ein kleiner Auszug: „Epikur willigt ein, wir treffen uns. Er ist 36 Jahre alt, Politologe, Redakteur und Blogger und heißt im realen Leben Markus. Markus hat nach einem großen Streit vor zwei Jahren mit seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten keinen Kontakt mehr mit ihr.“

184 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 27: Kontaktabbruch

  1. Und schon wieder war heute ein Brief meiner Eltern im Briefkasten. Kurz und knapp schrieb mein Vater, dass das letzte Telefonat gezeigt habe, dass es keine Harmonie mehr zwischen uns geben wird. Alle Behauptungen von mir seien haltlos, die Lügen nicht nachvollziehbar. Mein Problem sei von Anfang an mein Mann, der Negativling. Daher sei es für beide Seiten besser, wenn kein Kontakt mehr unterhalten wird.
    Tja, ich denke, dass das wirklich am besten ist.

  2. An die Kinder, die sich hier gemeldet haben:
    Gestern jährte sich wieder der Muttertag.
    Vielleicht lest Ihr mal den unten genannten Blog-Artikel, geschrieben vermutlich von einer Tochter, über den Muttertag. Vielleicht denkt Ihr mal nach, was Eure Mütter alles Tolles geleistet haben? Hm?
    Auch zwischen den Fotos ist Text und eine lange Auflistung der Leistungen einer Mutter, was beides nicht überlesen werden sollte.

    An die hier mitschreibenden und -lesenden verlassenen Mütter:
    Wenn Eure und meine Kinder nicht einmal an den Muttertag gedacht haben, dann sind, so steht das im Blog-Artikel (im Text und in der langen Auflistung der Mutterleistungen zwischen den schönen Fotos), alle die schönen Fotos mit Blumen, Blütenbäumen und Blumenwiesen uns Müttern gewidmet.
    Liebe Mütter, wir Mütter können stolz auf unsere Leistungen sein.

    Der Blog-Artikel mit den wirklich wunder-, wunderschönen Fotos ist hier zu lesen:
    http://dieraumfee.blogspot.de/2016/05/und-dann-kommt-der-muttertag.html

  3. @ Eine der vielen verlassenen Mütter:
    Ich bin eine dieser Töchter, die sich nicht bei ihrer Mutter gemeldet hat und ich habe deinen Kommentar und den Blogeintrag gelesen….
    Ich möchte auf keinem Fall die gute Absicht hinter diesem Blogeintrag schlechtreden sowie deinen Kommentar. Es gibt, wie ich hier auch schon mal erwähnt habe, bestimmt auch Kinder, die zu unrecht die Mutter/den Vater/die Eltern verlassen. Aber es gibt eben auch solche, die dazu allen Grund haben.

    „Vielleicht denkt Ihr mal nach, was Eure Mütter alles Tolles geleistet haben? Hm?“ Ich finde, diesen Satz kann man nicht einfach so an alle Kinder richten, die sich nicht bei ihrer Mutter melden.

    Ich möchte hiermit meiner Mutter nichts davon absprechen, dass sie sich während meiner Kindheit um mich gekümmert hat – Überhaupt nicht. Aber mal als eine Art Gegenargument warum ich mich nicht bei meiner Mutter gemeldet habe, möchte ich folgendes loswerden:

    Soll ich mich bei ihr melden, nachdem sie mir seit Jahren immer wieder vorhält, ich sei eine Versagerin und meine Geschwister sowieso besser als ich?
    Nachdem sie mir ins Gesicht gesagt hat, dass ich mein Studium ja eh nie fertig bekomme und falls doch, dann danach sowieso von Arbeitslosengeld leben werde?
    Nachdem sie mir letztes Jahr nur zum Geburtstag gratuliert hatte, weil ich zufällig mit meiner Schwester telefonierte und die gerade meine Mutter besuchte, die zu dem Zeitpunkt wieder mal in der Entzugsklinik war?
    Die versucht mich gegen meine Geschwister auszuspielen und es auch bei einer Schwester geschafft hat, dass diese den Kontakt zu mir ohne ersichtlichen Grund abgebrochen hat?

    Ich könnte noch viele weitere Beispiele aufzählen…

    Meine Mutter mag sich zwar in meiner Kindheit um mich gekümmert haben. Aber genauso hat sie mich mit ihrem Verhalten bewusst immer wieder zutiefst verletzt.

    Und wenn ich dann so einen Kommentar lese, fühl sich das an wie ein Schlag ins Gesicht…

  4. Beim Lesen der Beiträge hier tritt für mich ganz deutlich zu Tage, wie sehr Betroffene auf der Suche nach einer Erklärung, nach etwas Allgemeingültigem sind, um das Unfassbare verstehen und annehmen zu können. Generalisierungen sind etwas sehr ambivalentes, zu komplex sind die persönlichen Geschichten, Beziehungen, Enttäuschungen und Verletzungen, als das sie nach nur einem Schema/über einen Kamm geschoren werden können, ohne damit zu verletzen und Unrecht zu tun. Dennoch möchte ich ein paar Einsichten meinerseits hier ergänzen, die noch nicht so deutlich hier genannt wurden und meiner Meinung nach auf sehr viele – aber natürlich nicht auf alle – Fälle zutreffen.

    Auch ich bin übrigens eine betroffene Tochter (34), die keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter (69) hat, um sich zu schützen.

    1. Gibt es eine reinere, größere Liebe als jene eines Kindes zu seiner Mutter? Mancher mag einwerfen: Ja, jene der Mutter zu ihrem Kind. Aber ich stelle das in Abrede. Kein Kind stellt an seine Liebe und Zuwendung Bedingungen, hat Erwartungen oder wiederholt – bewusst oder unbewusst – ungelöste Konflikte aus der eigenen Vergangenheit mit seinem Elternteil. Doch genau das passiert vice versa leider nur zu oft, wie auch dieser Blog hier belegt. Wenn es also keine reinere und größere Liebe als jene eines Kindes zu seiner Mutter gibt, was für ein enormer, schmerzvoller Kraftakt muss es sein, wenn ein Kind sich von seiner eigenen Mutter trennt? Weil es einsehen muss, dass es von der eigenen Mutter bedingungslose Liebe und Zuwendung weder bekommen hat noch wird? Und als ob diese Verletzung nicht schon schlimm genug wäre, in der Regel noch unzählige andere Erniedrigungen und Tiefschläge einstecken muss? Diese Nicht-Beziehung loszulassen und die Schuldgefühle, die damit einhergehen als Teil des emotionalen Missbrauchs durch die Mutter zu erkennen und zu überwinden? Ich verstehe deshalb nicht, wie manche verlassene Elternteile hier ihren Kindern unterstellen können, diese hätten einfach so, ohne triftigen Grund, aus reiner Niedertracht und Brutalität und nur um bewusst zu verletzen den Kontakt abgebrochen. Es mag vereinzelt Fälle geben, in denen Kinder aufgrund einer psychischen Erkrankung aus reiner Mutwilligkeit so handeln. Aber selbst dann müsste diese Erkrankungen den Eltern schon lange bekannt und ein angemessener Umgang damit gelernt sein. Was sagt das über eine Familie und die Eltern, die hier besonders in der Verantwortung stehen, aus, wenn solche Entwicklungen scheinbar unbemerkt stattfinden können um dann aus angeblich heiterem Himmel hereinzubrechen? Meiner Meinung nach lassen das Unverständnis und die Überraschung dieser Eltern bereits tief blicken, ebenso der Umstand, dass das eigene Verhalten mangels tiefgehender Reflexion (idealerweise mit professioneller Begleitung) nicht wirklich in Frage gestellt wird und statt dessen die Verantwortung für die Beziehung einseitig dem Kind umgehängt wird. Noch einmal: Aus meiner Sicht und Erfahrung gibt es nur wenig, das so schmerz- und qualvoll ist, wie die eigene Mutter und die Beziehung zu ihr zu Grabe tragen zu müssen – in dem Wissen, dass diese Person aber noch lebt. Hier Leichtfertigkeit hinein zu interpretieren, zeugt für mich von großer Unzulänglichkeit.

    2. In einem der letzten Beiträge ist auch von Dankbarkeit der Mutter und ihren Leistungen gegenüber die Rede. Da wird Nachsicht eingefordert, nicht eine perfekte, fehlerfreie Mutter zu erwarten. Ja, da ist schon was dran. Elternschaft ist mit Sicherheit eine gewaltige Herausforderung und dabei immer wieder Fehler zu machen und an Teilaufgaben zu scheitern, ist unvermeidlich. Aber der entscheidende Punkt ist für mich: Wie gehen Eltern damit um? Wenn mich mein Kind damit konfrontiert, welche Verletzungen es durch mich erlitten hat, dann wäre eine gesunde Reaktion, das anzuerkennen, die eigene Überforderung benennen zu können und unvermeidbare Fehler als solche anzuerkennen und sich dafür ehrlich zu entschuldigen. Wenn ich das aber nicht kann, sich mein Gegenüber dann für seine Gefühle noch rechtfertigen soll (wie absurd!) und durch diese bereits schuldig macht, dann tue ich ihm ein weiteres Mal Unrecht und Gewalt an. Und das auf eine Art und Weise, die Kommunikation über kurz oder lang unmöglich macht. Dankbarkeit – ja, aber nicht wenn ich mich dafür selbst verstümmeln muss, das eigene erlittene Leid verschweigen muss. „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass Du …“ steht in der Bibel. Und wo steht, dass Eltern ihre Kinder lieben sollen? Was man Kindern, denen diese Liebe verweigert worden ist, antut, wenn sie ihre Peiniger trotzdem als Wohltäter sehen und dankbar sein sollen?

    3. Immer wieder wird auch erwähnt, wie sinnlos es ist, sich mit der Schuldfrage auseinanderzusetzen, weil es zu nichts führt. Das ist grundsätzlich schon richtig. Aber was von vielen übersehen wird: Es ist unverzichtbar, dass ein Kind, das von seinen Eltern emotional und/oder physisch missbraucht wurde, sein Leid, seine Verletzungen als solche wahrnehmen und auch benennen darf – und das schließt die Schuldfrage zwangsläufig mit ein. Es ist eine typische Perversion missbrauchender Menschen, dass sie ihren Opfern die Schuld zuweisen, um sie damit zum Täter zu machen, die Rollen ins Gegenteil zu verkehren. Ein lösungsorientierter Ansatz ist im Konfliktmanagement grundsätzlich richtig und sinnvoll. Aber beim Thema Missbrauch in jedweder Form geht es um viel mehr: Es geht zuerst einmal um Opferschutz. Da müssen Dinge beim Namen genannt werden dürfen und zum Schutz Grenzen gezogen werden. „Aber sie ist doch deine Mutter, du musst ihr doch verzeihen und die Vergangenheit ruhen lassen“ u. dgl. mehr heißt es dann oft wohlmeinend, und ich könnte einfach nur kotzen. Das ist Quatsch, basierend auf dem oben genannten Bibel-Gebot. Wenn das Aussprechen und Benennen von Schuld nicht sein darf, weil es um Täterschutz statt Opferschutz geht, wenn die Vergangenheit bloß unter den Teppich gekehrt werden soll, dann kann es keinen Neuanfang geben. Eine neue, echte Beziehung beruhend auf Gegenseitigkeit kann es so nicht geben, es läuft nur auf ein Weiterführen alter Muster hinaus.

  5. @unikat

    Nach über 150 Kommentaren noch einmal eine gute Zusamenfassung der bisherigen Beiträge. Danke!

    Mir fällt im Übrigen auf, dass es oft die Mütter sind, von denen sich die Kinder distanzieren, weil sie den Psychoterror, die Vorwürfe, die Intrigen usw. irgendwann nicht mehr aushalten. Was wohl der Feminismus dazu sagen würde… ;)

  6. „Mir fällt im Übrigen auf, dass es oft die Mütter sind, von denen sich die Kinder distanzieren, weil sie den Psychoterror, die Vorwürfe, die Intrigen usw. irgendwann nicht mehr aushalten. Was wohl der Feminismus dazu sagen würde… ;)

    Ich denke, das hat vor allem damit zu tun, dass die Mutter für ein Kind meistens „von Natur aus“ eine wichtigere Bezugsperson ist als der Vater. Die Bindung beginnt bereits in der Schwangerschaft, die Geburt und das Stillen sind ebenfalls besondere, verbindende Erlebnisse. Auch wenn die klassische Rollenverteilung – Mutter zieht Nachwuchs auf, Vater verdient die Brötchen – heute nicht mehr „Standard“ ist, zumindest in Grundzügen ist sie auch heute in vielen Familien noch anzutreffen. Entsprechend sind sowohl das Naheverhältnis als auch das Konfliktpotential viel größer.

  7. @unikat: Ebenfalls Danke für den gehaltvollen Beitrag. Der Beitrag von „einer der vielen verlassenen Mütter“ zeigt auch wunderbar auf, wo ein wesentliches Problem liegt: Die Kinder haben gefälligst „dankbar“ zu sein. Sei der Anlass auch nur ein an sich bedeutungsloser, (von Blumen- und Pralinenhändlern) ;) erfundener Tag wie der so genannte „Muttertag“. So ganz „Bedingungslos“ ist die Liebe der Mutter zum Kind ja dann offenbar doch nicht…? ;) Da sei es also die „Pflicht“ eines jeden Kindes, die ganzen Verfehlungen der Mutter teils über Jahrzehnte zu vergessen – und die „Leistungen“ ehrfurchtsvoll anzuerkennen… Eltern / Mütter, die sich selbst gar für „Helden“ halten, denen die Kinder dankbar zu sein hätten, haben für mich ne besonders ausgeprägte Störung. Ich würde jedenfalls von meinen Kindern niemals „Dankbarkeit“ erwarten – für mich wäre meine Eltern-„Leistung“ einfach nur im wahrsten Sinne des Wortes: natürlich. Selbstverständlich. Bedingungslos. Ich bin dem Kind gegenüber in der Bringschuld! Das Gegenteil davon ist leider: die Regel…!

    Der wesentliche Unterschied in der „Schuldfrage“ ist in meinen Augen auch: Das Kind hat sich nicht dazu entschlossen, geboren zu werden oder sich konkret diese Eltern auszusuchen. Die Eltern haben sich entschlossen, ein denkendes und fühlendes Wesen in diese (schlechte…) Welt zu setzen! Vielleicht war man auch einfach nur besoffen an dem Abend, hat nicht verhütet, war einfach nur besonders geil; hat sich nicht viel Gedanken gemacht… Und dann isses irgendwann da, dieses schreiende Bündel. Dann hat man die Verantwortung. Dazu noch den Druck, den das „normale“ Leben so auf einen macht… den wird man dann – so oder so – auf lange Sicht auch auf das Kind weiterleiten.

    Was die Frage betrifft, warum hier eher die Mütter im Focus stehen: Das liegt in meinen Augen auch daran, dass Männer generell weniger den Zwang zum endlosen Gequatsche haben. Männer akzeptieren irgendwann Dinge einfach so, wie sie sind. Frauen dagegen meinen (oft), durch die endlose Wiederholung alles bereits 1000 mal Gesagten dann doch vielleicht irgendwann mal etwas zu erreichen. Dabei machen sie es dadurch nur: schlimmer und schlimmer… Nicht umsonst zielt das ironische Sprichwort „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ ja auch auf (Schwieger-)Mütter… ;)

  8. @unikat: Das ist der beste Beitrag, den ich bisher zu diesem Thema gelesen habe!

    Ich bin selbst Kontaktabbrecher, aus Selbstschutz! Bei einer Mutter mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist wohl keine Einsicht mehr für begangene Verfehlungen bzw. eine ehrliche Entschuldigung zu erwarten. Und ja, genau deshalb kann es keinen gemeinsamen Weg bzw. einen Neuanfang mehr geben. Ansonsten würde man immer „Opfer“ bleiben.

  9. „Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) – § 1618a Pflicht zu Beistand und Rücksicht:
    Eltern und Kinder sind einander Beistand und Rücksicht schuldig.“

    Ja, das wäre schön, wenn das so einfach wäre. Das kleine Wort „einander“ weist dabei aber auf etwas Wesentliches hin: Der Beistand und die Rücksicht beruhen auf Gegenseitigkeit. Und es Bedarf wohl keiner Erklärung, dass damit nicht „Kadavergehorsam“ gemeint ist. Wenn mir mein Familien-Gegenüber Rücksicht und Beistand immer wieder oder gar fortwährend versagt, dann hat diese Person damit jedes Recht verwirkt, selbiges sich von mir zu erwarten oder gar einzufordern. In einer solchen Situation zeigen diese Erwartungs- oder Forderungshaltung nur zu deutlich, dass sie Teil des eigentlichen Problems sind. Sich darauf zu berufen, zeugt aus meiner Sicht davon, dass z. B. ein Elternteil seinem erwachsenen (!) Kind nicht zugesteht, Situationen bis hin zu ganzen Beziehungen eigenständig zu bewerten und darauf individuell für angemessen befunden zu reagieren. Das schließt auch die Beziehung zu den eigenen Eltern mit ein. Ultima ratio eine Beziehung einzufordern, vielleicht sogar mit Verweis auf Gesetze – das sagt schon eine Menge aus über die vorhandene Nicht-Beziehung, wie augenscheinlich wenig Bereitschaft da für die Anerkennung von Realitäten und persönlicher Grenzen ist – und wie unglaublich verletzend und entwürdigend so eine Haltung ist, insbesondere wenn sie Eltern gegenüber ihren Kindern einnehmen.

  10. Unikat, ich danke Dir für Deine Ausführungen! Ich wusste jahrzehntelang nicht -und ich bin inzwischen 50 Jahre alt- was in dem Verhältnis zu meinen Eltern nicht stimmte. Wenn man in einem Elternhaus groß wird, wo bedingungsloses Parieren und Rücksichtnahme ausschließlich auf die Gefühlswelt der Eltern verlangt wird, bedarf es offenbar eines längeren Zeitraums, das, was da schief läuft, auch zu erkennen. Die Frage, ob man sich dann auch mal traut, die Schieflage beim Namen zu benennen, hat in mir sehr lange gearbeitet, während mir immer mehr Punkte auffielen, die mir immer mehr zuwider wurden. Aber ich habe lieber still geweint oder wurde sogar krank, bevor ich mich beschwerte, oder ihr Verhalten in Frage stellte. Leider musste es bei mir wirklich erst zu einer Situation kommen, in der ich ernsthaft erkrankte und es in einer Art Verzweiflungsakt wagte, einmal eine Situation anzusprechen, die mich verletzt hatte. Und wie ich es im tiefsten Inneren bereits wusste und erwartete, eskalierte dann alles. Meine Eltern haben sich nicht einmal bei mir erkundigt, wie es mir geht oder wie ich die zahlreichen OPs überstanden habe. Dass es für eine Frau nicht leicht ist, eine Brust zu verlieren, können sie bis heute nicht nachvollziehen. Ich bin doch mit dem Leben davon gekommen und in ihrem Bekanntenkreis gibt es eine Frau, die beide Brüste amputiert bekam, die ohne Scheu und Probleme noch in die Sauna geht. Und schließlich sind es meine Eltern, die Beistand brauchen, denn sie haben ja schon einen Sohn verloren.
    Die Zeit, die nach der Eskalation folgte, war hart. Extrem hart. Aber zusammen mit er tiefen Verzweiflung, dass es zu diesem Bruch gekommen ist, erlebte ich auch eine Befreiung. Und heute, nach knapp 3 Jahren, bin ich mir über so viele Zusammenhänge im Klaren und weiß inzwischen, dass der Schritt, der ein vernünftiges wieder in Kontakt treten möglich machen kann, ganz eindeutig von meinen Eltern kommen muss. Dazu gehört allerdings auch die Bereitschaft, zu reflektieren. Mir hätte anfangs gereicht, wenn nur gesagt worden wäre: Wenn ich Dich mit meinem Verhalten verletzt habe, tut es mir Leid! Endlich mal das Gefühl zu haben, dass meine Gefühle wahrgenommen und respektiert werden. Aber sie dazu nicht in der Lage sind, kann es nicht mehr zu einem guten Ende kommen.
    So langsam erhole ich mich. Von meiner Kindheit, von dem Erwachen und Erkennen, vor allem von dem Konflikt. Nach wie vor, bin ich für meine Eltern gesprächsbereit. Aber ich werde es so handhaben, wie ich es zuletzt gemacht habe. Sollte ich in diesem Gespräch beleidigt und beschimpft werden, lege ich auf. Das tue ich mir nicht mehr an. Ich fühle mich endlich mit mir im Einklang.

  11. Immer mal wieder gibt es Funkstille zwischen mir und meinen Eltern, weil ich (inzw. Mitte 40) so etwas Verwerfliches getan habe, wie eine andere Meinung als mein Vater zu haben UND zu äußern oder Grenzüberschreitungen durch meine Eltern anzusprechen. Das wird dann einerseits mit Beleidigtsein (Vater) und Totschweigen (Mutter) quittiert. Ein vernünftiges und vielleicht emotionales aber ruhiges (!) Gespräch ist weder mit beiden zusammen noch mit meinem Vater allein möglich.

    Stattdessen wurde mir meine als „Kapriolen“ eingestuften Reaktionen stets mehr oder weniger verziehen (jedenfalls nach außen hin), indem man so tat, als wäre nie etwas gewesen.

    Was mir u.a.verziehen wurde, als wäre nie etwas gewesen: Mein Vater brüllte mich auf seiner Geburtstagsfeier vor ein paar Jahren als Erwachsene vor den Gästen an als ich Rahmen einer Diskussion seine Meinung nicht unwidersprochen stehen lassen konnte. Er brüllte, ich hätte den Mund zu halten und Respekt vor ihm zu haben, denn schließlich sei er mein Vater.

    Mir wurde auch verziehen, dass er mir Prügel androhte, weil er meiner Meinung nicht gewachsen war. Als ich ihm sagte, dass ich mir das nicht gefallen lassen und im Zweifel zurückschlagen würde, was natürlich in seinen Augen die absolute Respektlosigkeit war, warf er mich aus dem Haus.

    Mir wurde auch verziehen, dass meine Mutter heulend auf der Bettkante saß und mich anflehte, ich möge bleiben, weil er das doch nicht so gemeint habe.

    Mir wurde auch verziehen, dass er mir meine Konfirmationsfeier verdorben hat, weil ich so unverfroren war, ein Stück Gurke von einer kalten Platte zu essen, was zur Folge hatte, dass er mich einfach vor den Gästen zusammenstauchte. Für nichts! Ich war selber Schuld, dass ich den Rest des Tages heulend auf meinem Bett saß und die Gäste mich reihum besuchten, um mir einerseits zu erklären, früher sei er so nicht gewesen und „das habe er doch nicht so gemeint“.

    Mir wurde auch verziehen, dass ich zuhause blieb, weil nicht verstanden habe, dass ein Verbot auf eine Party zu gehen, zwei Stunden später doch wieder eine Erlaubnis sein würde. Einfach, weil er Lust hatte, seine Meinung immer mal wieder zu ändern.

    Ich habe seit meiner Jugend darauf hingewiesen, wo mein cholerischer und infolge seiner Anfälle oft ungerechter und meine Mutter und mich herabwürdigender und dabei gern die Öffentlichkeit suchender Vater maßlos handelt und was man sich nicht gefallen lassen muss. In späteren Jahren habe ich darauf hingewiesen, welche Verhaltensweisen ich mir gegenüber nicht dulde, dass ich z.B. nicht bereit bin, als Schiedsrichter zwischen meinen Eltern zu fungieren, zu dem sie mich immer wieder zu machen versuchten, oder dass ich mir als erwachsene junge Frau von meinem Vater keine Schläge androhen lasse. Ich habe versucht ihnen zu vermitteln, mit welchen Verhaltensweisen ich überhaupt nicht umgehen kann (mit ihrer Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit z.B). In den Fällen, in denen sie meine Schwierigkeiten mit ihnen überhaupt wahrgenommen haben, hielten sie das eher für witzig gemeinte Anmerkungen von meiner Seite.

    Es gab überhaupt keine Einsicht dazu, warum etwas, das doch schon immer so gehandhabt wurde, auf einmal nicht mehr in Ordnung sein sollte. Sie erkannten nicht, dass ich diese Punkte z.T. jahrzehntelang auf unterschiedliche Art und Weise angesprochen habe und dass sie mir ernst waren, weil sie nicht hingehört hatten. Von „auf einmal“ kann hier also nicht die Rede sein sondern eher davon, dass bestimmte Dinge schon immmer nicht Ordnung waren und das auch von mir thematisiert wurde.

    Irgendwann habe ich meiner Mutter gesagt, dass ich ihre Entscheidung, die Verhaltensweisen meines Vaters hinzunehmen zwar nicht nachvollziehen könne aber akzeptieren würde, da sie irgendwann (und immer wieder) in ihrem Leben entschieden habe, dass das wohl für sie so richtig sei. Sie aber müsse auch akzeptieren, dass das z.T. an den Tag gelegte Verhalten für mich nicht akzeptabel sei und dass ich da anders wäre als sie.

    Ich galt als stilles und ausgesprochen schüchternes und vernünftiges Kind. Heute weiß ich: Schon als Kind habe ich immer versucht, mich aus der Schusslinie zu nehmen und den nächsten Wutanfall voraus zu ahnen. Schon als Kind konnte ich meine Eltern nicht als Erwachsene wahrnehmen sondern als unreife Menschen, die leider nicht in der Lage sind, Probleme erwachsen zu lösen.

    Infolge dieser Umstände habe ich einen mit 11 Jahren erlittenen Missbrauch mit mir selber ausgemacht und auch ansonsten alle Entscheidungen in meinem Leben weitestgehend allein und für mich selbst getroffen.

    Wenn also verlassene Eltern wie Anna pauschal behaupten, dass Kinder, die sich von ihren Eltern losgesagt haben (sei es vorrübergehend oder endgültig oder mit offenem Ende), keine Geprächsbereitschaft zeigen würden, kann ich darauf nur entgegnen, dass manchmal die Zeit des Redens vorbei und die Zeit des Handels gekommen ist. Vielleicht mag der konkrete Auslöser marginal wirken, aber er ist oft der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wie oft soll ein Kind sich die Nase stoßen müssen, bevor es gehört wird? Wieviel Bereitschaft muss ein Kind zeigen und wo darf es anfangen, sich selbst vor weiteren Verletzungen zu schützen, indem es sich entzieht, wenn Worte doch nicht zu nützen scheinen?

    Die geschilderten Umstände führen dazu, dass ich auch als erwachsene und gestandene Frau ausgesprochen empfindlich darauf reagiere, wenn ich das Gefühl habe, nicht ernst genommen zu werden oder dass Zweifel an meinen Worten bestehen. Sie führen außerdem dazu, dass ich insb. im beruflichen Umfeld eine ausgesprochene Weitsicht habe, die mich – verbunden mit anderen Rahmenbedingungen – in ein Burnout getrieben hat, weil das natürlich auch bedeutete, einen großen Aufwand betreiben zu müssen, um vermeintlich zu erwarenden Schaden abwenden zu können. Ich lerne erst seit ein paar Jahren diese Muster langsam zu durchbrechen.

    Mein Vater hatte im letzten April einen seiner sinnlosen (mir ist natürlich klar, dass das Hilflosigkeit ist, aber das ist eine Hilflosigkeit für die ich nicht verantwortlich bin und deren Ausleben zu meinen Lasten ich nicht mehr akzeptieren kann) Ausbrüche, bei denen er mir ein von mir geäußertes Gefühl brüllend absprach.

    Ich erklärte ihm ganz ruhig, dass ich mich nicht von ihm ohne Grund anbrüllen lassen würde, wenn ich doch geradeim Begriff wäre, den Tag zu investieren, um meinen Eltern zu helfen. Infolgedessen würde ich nun gehen und das Wochenende anders verbringen. Das führte dazu, dass er mir auf der Straße hinterherbrüllte, ich bräuchte mich nie wieder blicken lassen, ich würde immer die Familie im Stich lassen, er wolle mich nie wieder sehen und ich sei für ihn gestorben. Dabei hatte er wohl vergessen, dass ich u.a. Tag für Tag im letzten Jahr im Krankenhaus an seinem Bett gesessen und mich um meine Mutter gekümmert habe, während er meinen Bruder gnädig in den Urlaub entlassen hatte.

    Vermutlich hat er auch vergessen, dass es vor ein paar Jahren umgekehrt genauso war, als meine Mutter im Krankenhaus lag und dass ich mich in all den Jahren dazwischen um jeden Scheiß gekümmert habe, um meine Eltern zu entlasten. Ich bin sogar wieder in ihre Wohngegend gezogen, um in der Nähe zu sein. Und das nicht etwa, weil ich nicht ein eigenes Leben mit Freunden, Hobbies und Vollzeitarbeit oder eine schützenswerte Gesundheit hätte.

    Im Bewusstsein aller Konsequenzen (vor allem auch in Anbetracht der Tatsache, dass wir die Dinge womöglich nicht mehr würden ins Lot bringen können, bevor die Zeit einen Riegel davor schiebt) habe ich trotzdem jahrelang nicht mehr so tief und frei geatmet wie an besagtem Tag im April.

    Die Gefühle der Trauer UND Befreiung halten an. Meine Eltern leben ihr altes Muster und benehmen sich jetzt nach ein paar Wochen halbherzig so, als wäre nie etwas gewesen. Das ist auf Seiten meines Vaters verbunden mit der Frage, ob ICH (?) mich denn nun überhaupt nicht mehr bei meinen Eltern melden würde. Ich frage mich: warum sollte ich das tun? Seine unausgesprochene Erwartung, dass ich mich zu entschuldigen hätte, schwingt da natürlich mit. Aber nicht die Wahrscheinlichkeit einer Entschuldigung für seine Worte am besagten Apriltag, als er mich „verstieß“. Auf Seiten meiner Mutter ist besteht das Muster darin, dass sie mich an zwei in Kürze stattfindende Familienfeiern erinnerte, die meine Eltern ausrichten, und auf denen ich natürlich „wie eingeladen“ erwartet würde.

    In gewisser Art und Weise kann ich ihr Verhalten sogar verstehen, denn sie haben nie ein anderes gelernt (sich aber auch nie erkennbare Mühe gegeben, das zu tun). Aber mein eigener Leidensdruck ist derzeit so groß, dass ich nicht bereit bin, das Spiel wieder und wieder mitzuspielen.

    Ich möchte ein schönes Leben. Darauf habe ich ein Recht. Ich möchte nicht immer Probleme um meine Eltern wälzen müssen. Das geht aber nur, wenn nicht ständig neue bzw. die immer alten Probleme auftauchen.

    Unabhängig davon liebe ich meine Eltern und bin zutiefst davon überzeugt, dass sie das getan haben, was sie für das Beste für ihre Kinder hielten. Das kann ich anerkennen, denn mehr kann man von Eltern nicht erwarten.

    Aber das heißt nun mal leider nicht, dass es auch immer das Beste für die Kinder ist oder für jedes Kind gleichermaßen gilt.

  12. @Kiksi

    Vielen Dank für Deinen ausführlichen Beitrag!

    Deine Erlebnisse bekräftigen die These, dass viele Eltern den Sprung von der Erziehung zur Beziehung nicht schaffen und/oder nicht wollen. Erwachsene Kinder wollen nicht länger „unter“ den Eltern stehen, sondern gleichberechtigt behandelt, respektiert und ernst genommen werden in ihren Ansichten, ihrer Lebenseinstellung, und ihrer Berufswahl. Da jedoch viele Eltern ihre Kinder als „persönlichen Besitz“ betrachten, sollen sie sich fügen. Das führt dann unweigerlich irgendwann zur Explosion.

  13. Meine Tochter hat vor 3 Jahren den Kontakt abgebrochen.Das hat mich so tief getroffen wie noch nichts in meinem Leben.Ich bin so traurig darüber und schwanke immer zwischen Akzeptanz und großer Traurigkeit und Sehnsucht. Mir fallen Dinge ein die ich falsch gemacht habe,aber was meine Tochter denkt wüsste ich gern.Ich bin bereit zuzuhören und zu lernen,aber meine Tochter reagiert auf keinenKontaktversuch.Ich weiß nicht was ich tun kann.g

  14. @Gabi Bohle

    „Ich bin bereit zuzuhören und zu lernen“

    Ist ein guter Anfang. Vielleicht teilst Du genau das Deiner Tochter so mit? Als „Bonus“ vielleicht sogar eine kleine Entschuldigung für vergangene „Taten“? Sie wird vermutlich nicht sofort reagieren, aber es wird „arbeiten“. Manches braucht dann auch einfach Zeit und Distanz.

  15. Ich habe mal wieder ein Wochenende im tiefen Loch der Depression hinter mir. Wieso kann ich keinen Schlussstrich ziehen? Ununterbrochen dreht sich das Rad in meinem Kopf und Gesagtes wird immer wieder abgespult. Nur weil ich einmal gewagt habe Grenzen zu setzen, ist alles aus den Fugen geraten. Das, was in der Erziehung schon immer wunderbar geklappt hat, greift auch jetzt: Das Heraufbeschwören des schlechten Gewissens. Es ist da. Hätte ich doch weiter mitgespielt und ausgehalten in diesem Familientheater, nur noch ein paar Jahre, dann wären beide tot, aber in dem Glauben gestorben, ein in jeder Hinsicht erfolgreiches Leben geführt zu haben. Nein, ich bin irgendwann eingeknickt und habe an der Fassade gekratzt, weil ich einfach nicht mehr konnte. Und muss mir den Vorwurf gefallen lassen, die größte Heuchlerin und Intrigantin der Familie zu sein. Stimmt ja auch irgendwie. Mir geht es psychisch richtig schlecht, weil ich bei meinem letzten Telefonat mit meiner Mutter ja mitbekommen habe, wie verzweifelt sie eigentlich ist. Aber sie kann einfach nicht erkennen, dass ich sie mit meiner vorsichtigen Kritik damals nicht vernichten wollte. Ich wollte einfach -zum ersten Mal in meinem Leben- eine Grenze setzen. Ihr klarmachen, dass mich ihre Worte verletzt haben. Ein einfaches „das tut mir leid- das habe ich nicht gewollt“ und eine in der Zukunft bedachtere Wortwahl hätten mir genügt. Aber das schafft sie nun mal nicht. Nein, sie rastet aus, verdreht die Wahrheit, beschuldigt und beleidigt mich und meinen Mann. Und das geht einfach nicht mehr. Ich halte es nicht mehr aus. Aber den jetzigen Zustand halte ich auch nur schwer aus. Trotz Psychotherapie und Antidepressiva erlebe ich immer wieder diese psychische Talfahrt wie letztes Wochenende. Ich hoffe, dass ich es irgendwann schaffe, einen inneren Frieden zu finden, der ehrlich und von Dauer ist.

  16. Hallo Faithful,
    ich hab deinen letzten Beitrag gelesen und mir tut es Leid, dass es dir an diesem Wochenende so schlecht ging. Ich hoffe, dass es dir mittlerweile besser geht.
    Du hast geschrieben, dass du „irgendwie“ der Meinung bist, es stimmt, dass du die „Heuchlerin und Intrgantin der Familie“ bist, was dir vorgeworfen wird.
    Ich finde das überhaupt nicht, eher das Gegenteil! Damit, dass du auf deiner eigenen Meinung beharrst, zeigt doch, dass du die Stärke besitzt das durchzusetzen, was für dich gut ist! Und wenn etwas, was deine Mutter gesagt/getan hat, dich verletzt hat, dann ist es dein gutes Recht, das auch auszusprechen!
    Ich weiß selber wie schwer das ist, habe selber jahrelang die Ungerechtheiten und Intrigen meiner Mutter einfach hingenommen und so getan, als wäre alles in Ordnung – einfach des Friedens wegens und da ich irgendwie auch wusste, dass – wenn ich mal etwas kritisiere – sie keinerlei Kritik annehmen wird und es eh eskalieren wird – mittlerweile habe ich seit ca, einem Jahr keinen Kontakt mehr zu ihr…
    Auch ich habe Moment, in denen ich an allem Zweifle und mir selbst Vorwürfe mache, warum ich damals nicht anders gehandelt habe und einfach nichts gesagt habe… Aber das wäre auch falsch gewesen. Wenn man so will „noch mehr falsch“ als die jetzige Situation. Und da hab ich das kleinere der beiden Übel gewählt.
    Und man kann keinem, der in einer solchen disfuntkionalen Familie aufwächst, Schuld zuweisen, wie man mit der Situation umgeht! Es ist eine so komplexe und kaputte Situation, dass ich auch nachvollziehen kann, dass einige dadrin stecken bleiben und keine Kraft haben auszubrechen und einfach in dem Schmerz weiterleben. Andere schaffen es gewisse Grenzen zu ziehen und müssen dann mit den Konsequenzen leben. Beide Situationen sind schlimm.
    Wenn ich mal wieder einen solchen Tiefpunkt habe, hilft es mir, mich darauf zu konzentrieren, was ich in meinem Leben geschafft habe! Obwohl mir in meinem Leben so viele Steine in den Weg gelegt wurden, habe ich mein Studium abgeschlossen und mir meinen Wunsch erfüllt in Skandinavien zu leben und zu arbeiten!
    Ich bin mir sicher, Faithful, dass auch du einige Dingen in deinem Leben hast, auf die du stolz sein kannst, erreicht zu haben! Allein die Tatsache, dass du es trotz deiner Kindheits- (und Erwachsenen-) Erfahrungen in deiner Familie geschafft hast, im Hier und Jetzt zu sein ist doch Grund genug auf dich stolz sein zu können!

  17. Hallo…Ich bin eine verlassene Mutter und ich bin sprachlos das mein Sohn den Kontakt abgebrochen hat.Er hat seit anderthalb Jahren eine Freundin die ich nicht nur in meinem Herz sondern in mein Leben gelassen habe.Sie hat ein besonderes innigen Verhältnis zu ihren Eltern. Nun ist der Umstand eingetreten,das mein Mann und ich diese Eltern nicht besonders toll finden. Unsere Kinder haben sich aber in den Kopf gesetzt,das wir uns öfter sehen sollen.Wir haben Ihnen in mehreren Gesprächen versucht zu erklären warum wir uns da so schwer tun.Sie sind gefühlskalte materiell denkende Menschen und wir das ganze Gegenteil. Wir haben Ihnen Kompromisse angeboten….Nichts hat geholfen…Beim letzten Telefonat hat mein Sohn mir noch gesagt,das er mich liebt und zwei Tage später hat er in ihrem Beisein mich aus seinem Leben geworfen. Und das soll ich verstehen?Wo ist denn der Fehler?

  18. Hi,
    ich bin eine ehemalige alleinerziehende Mutsch und habe 2 erwachsene Kinder.

    Ich kann beide Seiten verstehen. Also Kinder denen es langt, weil sie (evtl. unwissentlich?) so verletzt sind, dass sie Abstand brauchen und Mütter (Eltern?) die einen Fehler gemacht haben und (auch bei Wiedergutmachung) diesen Kontaktabbruch nun hin nehmen müssen.

    Tragisch: in meiner Familie ist das Mode und MICH macht das fertig! Meine eigenen Eltern haben den Kontakt zu mir abgebrochen, mitgeteilt durch meine „kleine“ Schwester und das zu einem Zeitpunkt, als ich mit meinem 2. Kind sitzen gelassen wurde und psychisch am Ende war. Kein Mitleid bitte, aber es war die Hölle.

    Diese Hölle erlebe ich nun, da ich erkenne, dass ich mein ältestes Kind bitter enttäuscht habe und nicht bemerkte, wie sehr ihn das in seinem tiefsten Inneren verletzte. Ich habe es begriffen, es fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass die Liebe die ich gab (geben konnte) nicht das war, was er gebraucht hat. Und ganz großspurig fand ich mich als Mutter eigentlich ganz passabel.

    Nun muss ich damit leben und ich muss sagen, dass diese Erkenntnis mein Leben umkrempelt. Ich muss ebenso mit dem Schmerz umgehen wie mein Kind.

    Eigentlich lächerlich: meine Kinder waren mir immer das Wichtigste in meinem Leben. Verloren, ich hab´s verbockt.

    Und ich möchte mich nicht damit trösten, dass es schon wieder wird. Das glaube ich nicht.

    Also Eltern: überlegt euch gut, was ihr tut, sonst ist es irgendwann zu spät!

  19. @Moonglow

    „Eigentlich lächerlich: meine Kinder waren mir immer das Wichtigste in meinem Leben. Verloren, ich hab´s verbockt.“

    Das ist schon eher bedenklich: sich über und durch die Kinder zu definieren! Dadurch macht man sich emotional abhängig von den eigenen Kindern, blockiert evtl. die selbständige Entwicklung des Nachwuchses und ist süchtig nach Familienharmonie. Es fehlt dann allzu häufig das eigene Leben (Interessen/Leidenschaften/Hobbys) -jenseits der Kinder- sowie die gesunde emotionale Distanz zum eigenen Nachwuchs, besonders wenn die Kinder älter werden.

    Kinder zu lieben, heißt eben nicht, alles für sie zu machen, sondern sie so zu akzeptieren, wie sie gerne sein wollen, auch und gerade wenn sie ganz andere Ziele, Interessen und Vorstellungen im Leben haben, als man selbst. An Letzterem scheitern meines Erachtens die meisten Eltern und es ist dann häufig auch der Grund dafür, warum Kinder den Kontakt irgendwann abbrechen. Sie fühlen sich von den Eltern nicht mehr als eigenständige, selbstbestimmte Individuen wahrgenommen, sondern als Besitz, das so zu funktionieren hat, wie sich das Eltern gerne wünschen.

  20. Nachwuchs? Ich habe 2 Kinder auf diese Welt gebracht. In allen Zeiten ihrer Entwicklung habe ich sie respektiert und ihnen geholfen genau das zu werden was sie möchten. Mein Mann und ich hatten unsere eigenen Beschäftigungen . Je älter die Kinder wurden um so stolzer war ich auf sie und auch dankbar dass sie ihr Leben gut hinbekommen, sehr gut sogar . Als mein Mann unerwartet starb, war nicht nur er weg, nein auch die Kinder . Ich blieb allein in einem Haus und mein Hund tröstete mich. Die Einsamkeit begann und übertönte die Trauer … dennoch wird mir empfohlen und ich gebe zu ich bin selbst aus dem psychpbereich, jeder sagt mir versuche diese Distanz zu verkraften du kannst keine Rücksichtnahme von deinen Kindern erwarten. Sie sind erwachsen. Na ja außer dass eines davon noch Unterhalt von mir bekommt.
    Wenn Kinder erwachsen sind und trotz ihres eigenen Lebens auch die Ursprugsfamilie nicht vergessen wollen, dann sollten auch Gespräche wie bei Erwachsenen stattfinden können und nicht nur trotzige Distanz, Verachtung, Kälte oder ähnliches .
    Familienaufstellungen zeigen es in der Praxis. Wir setzen uns mit Familienangehörigen nur stellvertreten durch eine andere Person aus der Gruppe auseinander!
    Wer möchte eine Selbsthilfegruppe mit diesem Thema haben? Ich könnte sie fachlich leiten. Es wäre interessant Töchter und Söhne und Mütter und Väter die nicht in EINE Familie gehören zusammen zu bekommen. Nur durch sprechen lindert man diesen extremen Schmerz auf beiden Seiten .

  21. Grenzen anderer zu respektieren und diese Grenze nicht zu verurteilen. Den Schmerz darüber zulassen, dass man den anderen vermisst…

    Egal von welcher Seite…

    „Trotzige Distanz“ empfinde ich als verurteilend…

  22. Hallo. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich extrem wundere, dass ich diesen Artikel erst heute gefunden habe. Seit geraumer Zeit durchforste ich das Internet nach diesem Themengebiet, finde zumeist aber Artikel verlassener Eltern, meist Mütter, die eine Erklärung suchen oder ein Buch an den Mann bringen wollen.
    So trefflich wie dieser Blogeintrag meine Situation beschreibt, habe ich sonst nirgendwo gefunden. Ersteinmal finde ich es schön, dass ich nicht alleine bin. Lange Zeit dachte ich, ich sei der Einzige, der sich aus seiner Familie entlassen möchte. Weit gefehlt.

    Mich, als Sohn, beschäftigt die Verzweiflung die ich mit mir rumtrage schon seit meiner Jugend. Natürlich habe ich das nie angesprochen. Natürlich habe ich immer nach der Meinung meiner Eltern, vornehmlich meiner Mutter, gehandelt. Ja, man könnte mich als Muttersöhnchen betiteln und ich dürfte das nicht mal jemandem übel nehmen. Rückblickend wurde ich zu Schulzeiten in der weiterführenden Schule so genannt. Ja, da hatten die anderen Kinder, besser Jugendlichen, wohl Recht.
    Meine Eltern haben den Übergang von Erziehung zu Beziehung nicht geschafft. Eine Formulierung, für die ich Dir, epikur, herzlich Danken muss! Aber: ich habe das auch noch zugelassen. Was ist schlimmer? Der unglaubliche Gehorsam meinerseits oder das Ausnutzen dessen von Seiten meiner Eltern? So oder so, ich steuer gerdewegs auf die 40 zu und man sollte mich für erwachsen halten. Tatsächlich fühle ich mich im Moment so, wie sich ein pubertierender Jugendlicher fühlen sollte, der sich seinen Freiraum erkämpft. Im Alter dauert das nur um so länger.

    Aber von vorne: Seit Jahren, schon in der Jugend, fühle ich mich untergeordnet. Haben meine Eltern nicht alles für mich getan? Doch, sehr vieles sogar. Zu viel. Denn Erwachsen durfte ich wohl nicht werden. Ebensowenig Schwul oder Drogenabhängig. Ich habe erst Mitte zwanzig gelernt, selbständig zu handeln. Und das auch nur, weil ich dort meine heutige Frau kennen gelernt habe, die es mir dann beigebracht hat. Danke an dieser Stelle!
    Loseisen, die Nabelschnur durchtrennen, wie es mein Therapeut so schön sagt, konnte ich mich dennoch nicht. Immer wieder kamen Schuldgefühle und ich habe meinen Eltern klein beigegeben, als sie sagten, sie kommen zu Besuch, wir gehen mit Dir Shoppen, hier hast Du Geld. Wie sehr ich damit meine Frau (damals Freundin) verletzt habe, war mir nicht bewusst. Ich habe versucht eine Balance zu finden, einen Kompromiss, einen Mittelweg. Doch das ging nicht. Meine Eltern haben sich förmlich aufgedrängt. Haben sich in der Nachbarschaft eingemietet, nur um mehr Zeit mit mir verbringen zu können. Da war ich Mitte dreißig. Meine Frau haben sie nie wirklich akzeptiert, auch wenn meine Eltern da etwas anderes zu sagen würden.
    Vor einiger Zeit habe ich dann die Reißleine gezogen, bin in Therapie gegangen, weil es mich innerlich zerrissen hat. Habe das auch so meinen Eltern geschrieben. Dass ich Abstand brauche. Sogar das Wieso und Weshalb habe ich geschrieben. Offensichtlich ohne Erfolg. Bis heute versuchen sie allerdings auf biegen und brechen den Kontakt aufrecht zu erhalten. Zwar hören wir seltener von ihnen, aber wenn, dann herrscht bei uns Panik. Pure Panik. Bis hin zu Nervenzusammenbrüchen. Denn sie tauchen plötzlich auf. Stehen vor der Tür oder passen einen im Büro ab. Wir wissen nie, wann und wo sie auftauchen. Der erste Blick geht in die Runde, wenn wir das Haus verlassen. Nummernschilder werden im Vorbeifahren kontrolliert. Teilweise fahren wir Umwege, um nicht gesehen zu werden. Dabei wohnen meine Eltern hunderte km entfernt. Und wenn sich das alles langsam gelegt hat, fängt es durch einen Anruf oder einem spontanen Besuch von vorne an.

    Immer wieder denke ich, ich sei Schuld, weil ich den Prozess eines pubertierenden Jugendlichen, eines rebellierenden Jungen oder was auch immer, nicht durchlaufen habe. Hätte ich das damals geschafft, dann wäre heute alles anders. Wirklich? Hätte ich die Meinung, die Art und Weise, den Charakter meiner Eltern dadurch geändert? Zweifelhaft. Und dennoch, ich habe lange, lange, sehr lange gebraucht, um genau diese Selbstzweifel und Selbstvorwürfe umzudrehen. Umzudrehen in ein Ich bin Ich! Meine Entscheidung ist meine Entscheidung! Niemand hat darüber zu urteilen, außer mir und meiner Frau.

    Ja, ich habe mich aus meiner Familie entlassen. Und das ist gut so. Ich komme damit bestens klar und mir geht es psychisch und auch physisch dadurch wesentlich besser. Gelegentlich habe ich Zweifel an meinem Handeln. Nach wie vor. Es ist ein weiter Weg, den ich wohl noch zu gehen habe. Aber für meine Frau und mich, werde ich ihn gehen. Ich habe mein eigenes Leben und ich entscheide, wer mich darin beeinflussen darf und wer nicht. Wer mir gut tut und wer nicht. Nur ich entscheide das!

    Danke Dir, epikur, für diesen Blogbeitrag!

  23. @Sven

    Danke, dass Du Deine Erfahrungen hier mit uns teilst! Ich entnehme Deinem Kommentar sehr viel Selbstreflektion und Selbstkritik, genau die fehlt vielen Eltern meiner Meinung nach. Und ohne die werden sich familiäre Verhältnisse nur selten verbessern. Es herrscht eben all zu häufig noch das Hierarchie- und Besitzdenken vor: es seien doch „meine Kinder“ und man stehe „über ihnen“, weil man sie doch erzogen hätte, so die weit verbreitete Denkweise. Aber gerade erwachsene Kinder möchten von ihren Eltern auf Augenhöhe behandelt und respektiert werden. Und dann kracht es nicht selten irgendwann.

  24. Die Selbstreflektion ist ein Teil der Therapie. Sonst würde das ja auch gar nicht funktionieren. Die Selbstkritik ist ein Charakterzug. Und der Charakter eines Menschen ist bereits vor der Geburt festgelegt. Und das nicht genetisch, würde ich mal sagen. Man ist wer man ist. So einfach ist das. Und das muss schlicht und ergreifend respektiert werden.
    Inzwischen muss ich sagen, dass ich, selbst wenn meine Eltern diesen Weg der Selbstreflektion gehen würden, keinen Kontakt mehr haben will. Das ist unmenschlich, sagen wohl die einen. Das ist Selbstschutz die anderen. Was es ist, ist egal, sage ich. Denn ich bin ich. Und ich komme damit eben am besten klar.
    Ohne meine Eltern fühle ich mich freier, wertvoller. Noch besser ist aber, ich fühle wieder. Und zwar positiv, nicht mehr überwiegend negativ. Ich würde sogar sagen, dass ich mehr Mensch bin als vorher. Denn ich Lebe wieder. Früher habe ich viel Zeit nur mit existieren verbracht. Bestenfalls mit verdrängen. Aber jetzt Lebe ich wieder.
    Generell denke ich, dass man auch niemandem eine Erklärung schuldig ist. Eben nur denjenigen gegenüber, denen man eine Erklärung freiwillig geben möchte. Man muss einsehen, dass es Menschen gibt, die sich nicht ändern. Ich habe jahrelang daran gearbeitet, meinen Eltern Dinge klar zu machen. Mündlich und schriftlich. Und trotzdem, nach so vielen Jahren und Versuchen, fragen sie mich immer noch: Wieso? Meine Frau und ihre Familie sind offensichtlich an meinem Verhalten schuld. Was soll man dazu noch sagen? Nein, manche Menschen kann man nicht ändern. Punkt. Da ist jede Mühe vergebens. Ich kann verstehen, dass manch einer das nicht einsehen will. Ich habe auch lange gebraucht. Es ist der Weg der Erkenntnis, den man eben gehen muss.
    Haben es meine Eltern schwer? Ja. Nicht nur wegen meinem „Verhalten“, wahrscheinlich auch gesundheitlich. Aber ich habe da auch immer nur die Informationen bekommen, die ich bekommen sollte. Wie viel Wahrheit da drin steckt, weiß ich nicht. Und auch wenn alles stimmen sollte, was mir erzählt wird, ich bin dort wo ich jetzt bin glücklich. Und ich werde weder mich noch meine Frau ins Unglück stürzen.

    Dein Zitat von Khalil Gibran wurde im übrigen von Max Herre ähnlich im Lied „Vida“ verwendet. Daher kam es mir bekannt vor.

  25. ich bin selber eine verlassene Mutter ,aber war auch mal eine verlassende Tochter. Ich kenne beide Seiten, jeder muss für sein verhalten einen Preis bezahlen.
    Ich habe mir von meiner Mutter jahrzehntelang gewünscht, dass sie sich entschuldigt und ihre Fehler einsieht, das ist aber nie passiert. Ich musste mich mit 50 Jahren dann entscheiden, Kontaktabbruch oder verzeihen? Ich habe mich für einen fast jährigen Kontaktabbruch entschieden, letztlich bekam ich durch diese Situation eine schwere Depression. Danach wurde mir klar, dass es meiner Mutter aufgrund ihrer Biografie nicht möglich war, anders zu handeln oder zu denken. Ich habe mich dann bewusst für eine Versöhnung entschieden, darüber bin ich auch sehr froh. Ich habe keinen Groll mehr.
    Nun habe ich kaum noch Kontakt zu meiner ältesten Tochter. Ich habe sicherlich viele Fehler gemacht, die ich heute auch nicht mehr nachvollziehen kann, leider will meine Tochter aber darüber nicht sprechen, sie will diese Distanz beibehalten. Was würde ich alles tun, um mit ihr sprechen zu können. Meine Bitte um Verzeihung nimmt sie nicht an.
    Ich weiss nur,….. Mütter könnten sich auf den Kopf stellen oder auf Händen laufen; wenn die Kinder nicht wollen , hat die Mutter keine Chance.

  26. Auf dem Zeit-Online-Magazin ze.tt gibt es eine Serie über das Thema Kontaktabbruch zu den Eltern. In Folge 4 kommen Psychologen und Buchautoren zu Wort. So sagt beispielsweise Tina Solimann sehr treffend:

    „Die Betroffenen, mit denen ich gesprochen habe, erzählen mir oft, dass die Atmosphäre in ihrer Familie kalt und lieblos war. Das Gefühl nicht so zu sein, wie die Eltern sie gerne hätten, frustrierte sie. Immer wieder die gleichen Vorwürfe, immer wieder wird das Gesagte – und Ungesagte – von den Eltern überhört.“

    Leider liest man kaum irgendwo, dass es auch viel um Besitzdenken geht. Viele Eltern nehmen ihre Kinder als ganz persönliches Eigentum war: „Es ist mein Kind“, „Ich erziehe es, wie ich will!“ oder „Meine Kinder gehören zu mir!“ Dieser Habitus verhindert effektiv die selbständige Entwicklung der Kinder. Deshalb werden ihre Bedürfnisse, Interessen und Ziele im Leben auch nicht gehört.

  27. Dein letzter Satz trifft voll ins Schwarze. Dazu muss man noch sagen, dass die Eltern fast immer meinen, sie hätten zuvor eine gute bis sehr gute Beziehung gehabt. Für die Eltern ist das dann ein riesiger Schock, wenn die Kinder sich von ihnen trennen. Aber durch ihr Ich-bezogenes Denken, haben sie alle Anzeichen ignoriert bzw. gar nicht erst wahrgenommen oder wahrnehmen wollen.

  28. ich freue mich, dass ich auf diese Seite gestoßen bin. Vor allem, weil Kinder die verlassen, sowohl verlassene Mütter ihre Geschichten erzählen und es einem sehr hilft, sich evtl.. selbst einmal zu reflektieren.
    Auch ich bin eine verlassene Mutter. Nur wie ich finde, aus dem Grunde, dass ich zu viel für meine Kinder, vor allem meine Tochter getan habe.
    Für mich ist es am Schlimmsten, dass man mir gleichzeitig meine Enkelin, 7 Jahre, die ich von Baby an, bis zur Einschulung am 16.09. 2015, mit betreut und aufgezogen habe. Daher haben wir natürlich eine innige und nahe Beziehung, denn die Kleine hing sehr an mir. Meine Tochter, die oft genervt , ruhe bedürftig und überfordert war, mit Kind und Beruf, hat immerzu gerne und sehr, sehr oft, meine Unterstützung und Einsatz angenommen. Dann, als die Kleine, so sehe ich das, aus dem Gröbsten heraus war, hat sie mir eiskalt und abrupt, jedweden Kontakt, ohne auch Rücksicht auf die Gefühle der Kleinen zu nehmen, abgebrochen. Sie ist 600 km entfernt gezogen, nicht ohne mich am Telefon auf Übelste zu beleidigen und beschimpfen und den Hörer auf zuknallen, das war`s dann! Tja, nun stehe ich fassungslos da!
    Gründe? werden mir keine genannt. Ich weiß wohl, dass meine Tochter in psychologischer Behandlung war, da der Kindsvater übel mit ihr gespielt und sie verlassen hat, bevor die Kleine geboren wurde. Ich grüble Tag und Nacht, was sie mir vorwirft, ohne eine Antwort zu finden.

  29. Meine Eltern sind die wandelnde Bild-Zeitung, ständig wollen sie alles von mir wissen, aber nicht, weil es sie wirklich interessiert, sondern damit sie etwas zu erzählen haben in ihrem kleinen Dorf. Es ist für mich immer wieder erstaunlich gewesen, wieviel die Leute über mich, über meine Kinder und mein Leben wissen und zu wissen scheinen. Denn was ich den Eltern erzähle ist nur ein Bruchteil dessen, was wirklich bei mir passiert, denn wir wohnen weit voneinander entfernt (zum Glück). Den Rest zu meinen dürftigen Infos denken sie sich aus.
    Als ich aufdeckte, dass sie wirklich empfindliche und persönliche Infos von mir herumerzählten und dazu noch eine Menge Unwahrheiten, damit 1.) sie in einem guten Licht dastehen und 2.) die Geschichten möglichst spannend sind, habe ich aufgehört meinen Eltern etwas von mir zu erzählen. Nun habe ich den Kontakt für’s erste ganz abgebrochen. Das habe ich auch getan um meine Kinder zu schützen, denn die werden auch ausgefragt und werden so zum Werkzeug. Es reicht, wenn nur ich eine verkorkste Kindheit hat… Das hat für mich nichts mit Liebe zu tun.
    Ein späteres Annähern ist für mich nicht ausgeschlossen, jedoch werden sie stark an Ihrer Glaubwürdigkeit arbeiten müssen, damit ein Vertrauen wieder möglich ist.

  30. @Vera: Ich habe auch lange gehofft, dass sie sich ändern. Dass sie das, was ich kritisiere verstehen und sich dann entsprechend verhalten. Ich dachte Jahrelang, dass man Menschen mit Worten dazu bringen kann, den anderen zu Akzeptieren und das, was das Kind möchte, zu verstehen und sich dem anzupassen. Schlussendlich sollten Eltern mit ihrem Kind respektvoll umgehen.
    Man muss nicht alles gutheißen was die eigenen Kinder machen oder wie sie sich verhalten, aber man darf auch nicht massiv in deren Leben eingreifen. Natürlich tut das manchmal weh, wenn das Kind die Eltern vom eigenen Leben ausschließt. Natürlich wird einem als Elternteil dann auch mal das Herz gebrochen. So ist das eben. Kinder werden größer und haben ihr eigenes Leben und vor allem ihren eigenen Charakter (und das auch schon als Kind!). Wenn man dann die Wünsche des heranwachsenden Kindes ignoriert oder es in Entscheidungen die das Kind betreffen nicht mit einbezieht, dann ist das Vertrauen irgendwann verspielt.
    In Deinem Fall wurde Dein Vertrauen missbraucht. Du hast Informationen preis gegeben, die dann für eigene Zwecke benutzt wurden. Generell passiert es eben, dass Kinder ab einem bestimmten Alter immer weniger erzählen. Eben weil sie ihr eigenes Leben haben, nicht beeinflusst werden wollen und eigene Erfahrungen machen müssen. Manche Eltern wollen aber weiterhin die Hauptrolle in deren Leben spielen und wenn möglich alles erfahren. Manche Eltern wollen es dann erzwingen und gehen dafür zu weit. Ich habe das, auf etwas andere Weise, auch erlebt. Und so habe ich dann, wie Du auch, die Notbremse gezogen.

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