Wir leben in einer Welt, in der Freidenker und das eigenständige Denken –mit Ausnahme von funktioneller Marktintelligenz- weder gefordert, noch nachgefragt werden. Ganz im Gegenteil: sie stören den Betriebsablauf mit unbequemen Fragen. Wieso, weshalb und warum bestimmte Dinge passieren, ob es dazu eventuell einen geschichtlichen Hintergrund und/oder eine Vorgeschichte gibt und in welchem größeren Gesamtzusammenhang manche Ereignisse gesehen und bewertet werden sollten – das alles ist heute keine Frage mehr. Weder in den Massenmedien, in Unternehmen, in der Politik, noch im privaten Alltag. Stattdessen werden uns Fragmente der Realität präsentiert, Bruchstücke — die ihrer eigentlichen Bedeutung entzogen und für eigene Interessen instrumentalisiert werden. Weiterlesen
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Brotlose Künste
Lohnarbeit, Ernährung, Wohnungseinrichtung, Haus, Garten, Auto, TV-Programm, Selbstoptimierungs-Sport, Facebook, smartphone, Geld, Familien-und-Arbeitskollegen-Getratsche, Kinder, WhatsApp, Alltags-Gedöns — Das sind die Themen, die den Deutschen bewegen. Immer. Überall. Und sowieso. Alles andere ist ja sooo anstrengend. Der radikale Rückzug ins Private, das neue Biedermeier, paart sich mit dem Lohnarbeits-Fetisch, einem vorauseilenden Gehorsam gegenüber dem Chef sowie einem allgemeinen Desinteresse an allem, was nicht im eigenen Filter-Erlebnis-Radius liegt. Wir wurden erfolgreich umerzogen. Zu infantilen und einfältigen Krämerseelen. Zum Homo Neoliberalicus.
Als intelligent, klug und schlau gelten heute Menschen, die wissen, wie man Geld macht oder zu Geld kommt. So seien Fussball-Profis, die keinen anständigen Satz formulieren können, beruflich erfolgreiche Rapper, die Bullshit labern sowie ehrgeizige Models, die keine Prozentrechnung können, intelligente Zeitgenossen. Schließlich haben sie Kohle. Money. Moneten. Bildung sei schließlich nur dazu da, später ein besseres Gehalt zu bekommen. Mittel zum Zweck. Insofern ist es nur folgerichtig und angemessen, wenn Afrikanistik, Kunstgeschichte, Philosophie, Germanistik und all die anderen Klugscheißer-Wissenschaften immer unwichtiger werden. Zusammenhänge erkennen, Ursachen analysieren und bestehende (Eigentums-)Verhältnisse in Frage stellen, ist überflüssig und unerwünscht.
Gender. Sex. Bullshit.
Früher war die individuelle Sexualität Privatsache. Teil des Charakters und der persönlichen Selbstbestimmung. Etwas, dass man nur selten offensiv in die Öffentlichkeit getragen hatte. Keine Marke, Image oder ein Franchise. Und damit will ich explizit nicht sagen, dass ich konservative Vorstellungen oder ein neues Biedermeier befürworte, sondern, dass der inszenierte Marketing-Missionseifer bei den Gender-Themen völlig ausgeufert ist. Mit geschlossenen Weltbildern sollen Dogmen, Ismen und vorgefertigte Meinungen in die Köpfe eingehämmert werden. Unternehmen fahren Marketingkampagnen und die Massenmedien freuen sich über die erhöhte Aufmerksamkeit. Dabei nervt das alles nur noch. Einige Beispiele. Weiterlesen
Deutschlaaand!
Wie kann man sich eine Deutschland-Fahne an sein Auto hängen, während die Bundesregierung ALG2 verschärfen, die Video-Überwachung ausweiten, Bürgerrechte abbauen, Waffen in Diktaturen liefern, widerspruchslos US-imperialistische Befehle befolgen und weiterhin primär Politik für die Reichen und Vermögenden und gegen die Bevölkerung machen will? Wie kann man stolz auf ein Land sein, in dem man zufällig geboren wurde? Wie kann man sich eine deutsche Nationalflagge an seinen Balkon pinnen und an eine tief verbundene, zwischenmenschliche und vor allem deutsche Solidarität glauben, während der deutsche (Berufs-)Alltag von Egoismus, Rücksichts- und Empathielosigkeit geprägt ist? Ich verstehe das alles nicht. Kann mir das mal bitte jemand erklären und mich zum national-völkischen Vaterlands-Patrioten (um-)erziehen?
Wer kein Geld hat
Wer kein Geld hat, ist eine gescheiterte Existenz.
Wer kein Geld hat, ist ein fauler Nichtsnutz.
Wer kein Geld hat, ist selbst schuld.
Wer kein Geld hat, ist ein Versager.
Wer kein Geld hat, ist unattraktiv.
Ist es nicht traurig, würdelos und erbärmlich, seine Mitmenschen nur nach ihrem finanziellen Vermögen und Besitz zu beurteilen?
Die perfekte Fassade
Der Schein trügt. Millionenfach. Da bleiben Paare zusammen, obwohl die Liebe längst erloschen ist. Wegen der Gewohnheit. Den Kindern. Der finanziellen Abhängigkeit. Oder einfach, weil die Leute sonst reden würden. Das neue Biedermeier, oft getarnt als Hipster, Linksgrüner oder Progressiver, ist wieder konservativ und spießig bis ins Mark. Karriere und Familienglück seien alles was zählt. Familie und Kinder sind nur weitere Status Symbole, wie eine gesellschaftlich wertgeschätzte Lohnarbeit. Sie sind Besitz und Eigentum. Sie steigern das soziale Kapital. Aber eben nicht zwingend das persönliche Glück.
Wie es hinter der öffentlichen Inszenierung einer lupenreinen Beziehungs- und Familienharmonie aussieht, ist eine ganz andere, eine authentische und ehrliche Frage. Die stellt heute aber keiner mehr. Wie generell kaum noch Fragen, dafür aber viel zu viele Antworten geliefert werden. Heuchelei, Zwangsharmonie und Bigotterie sind die neuen Stützpfeiler zwischenmenschlicher Interaktionen. Authentisch ist heute, wer so ist, wie andere es erwarten.
Langweilig
Ich fahre Bahn. In Berlin. Hier treffen täglich Millionen Menschen aufeinander. Hier darf man verallgemeinern. Es sind Massen unterwegs. 90 Prozent aller Insassen beschäftigen sich mit ihrem infantilen Spielzeug. Hören Musik. Arbeiten die Facebook-Timeline ab. Chatten via WhatsApp. Oder widmen sich einem banalen App-Spielchen. Viele Kerle unterhalten sich über Fußball, Lohnarbeit, smartphone-Technik-App-Blabla, über sportliche Aktivitäten oder über etwas Anderes, womit sie sich brüsten können. Die Frauen reden bevorzugt über Kinder, Haustiere, Mode und Kosmetik, ihren Familien und Männern. Wer, was, wann, wo, wie und warum gesagt hat (Auf der Suche nach dem heiligen Subtext) und wie er oder sie es wohl gemeint haben könnte, via Facebook, WhatsApp oder sogar von Angesicht zu Angesicht.
Bin ich hochmütig, überheblich oder arrogant, wenn ich so denke und urteile? Mag sein. Aber es ist überall der gleiche Anblick. Auf öffentlichen Plätzen, in Bus und Bahn, in Shopping Centern, bei Familientreffen oder in Behörden. Die Menschen sind bis in ihre kleinsten Charakterporen sozial konditioniert, angepasst und massenkonform. Die gleichen Klamotten, die gleichen Frisuren, die gleichen Gesprächsthemen, das gleiche (Herden-)Verhalten. Es ist alles so gähnend langweilig, öde und berechenbar geworden. Viele haben weder etwas Interessantes zu erzählen, noch irgendeine Art von echter, authentischer Individualität, die sich wirklich vom Sitznachbarn unterscheidet. Die Neugier auf Andere versinkt für mich im Sumpf der Massenindividualität. Wie soll man da ein empathischer Humanist bleiben?
Die Schuldfrage
Wir alle sind schuldig. Laut Statistischem Bundesamt steht in Deutschland jeder durchschnittlich mit 35.000 Euro in der Kreide. Die Staatsverschuldung ist ein medialer Dauerbrenner. Die Schulden des Einen, sind jedoch die Vermögen des Anderen. In jeder zwischenmenschlichen Beziehung basieren fast alle Konflikte und Probleme auf Vorwürfen, der Suche nach Fehlern sowie der Frage nach der Schuld. Bei gerichtlichen Auseinandersetzungen geht es stets darum, wer Recht bekommt, und nicht, was gerecht ist. Nach der christlichen Erbsünde und dem Sündenfall von Adam und Eva haben wir uns alle versündigt.
Wer erwerbslos ist und/oder sein Leben in finanzieller Armut fristet, ist laut dem neoliberalen Dogma der »Eigenverantwortung« selbst schuld daran. Laut Feministinnen haben Männer eine Kollektivschuld. Wer gerne nach unten tritt und Angst vor den wahren Verbrechern hat, macht vermeintlich Schwächere für alle Probleme verantwortlich: Migranten, Ausländer und Flüchtlinge. Die Menschen in irgendeiner Form von Schuld zu halten oder sie für schuldig zu erklären, macht sie abhängig, ohnmächtig und ängstlich. Ein Traum für alle Herrschenden.
Das Denken der Anderen
Ob in der Familie, auf dem Arbeitsplatz, auf Facebook oder bei Bekannten: den meisten Leuten ist es unheimlich wichtig, was andere über einen denken. Wie sie einen bewerten und beurteilen. Bestimmte Worte und Wahrheiten werden daher gemieden oder blumig verschnörkelt, und ja, es wird auch bewusst gelogen. Schmeicheleien sowie Komplimente werden gezielt eingesetzt und es wird sich mit small talk, Allgemeinplätzen und unverdächtigen Themen aufgehalten. Authentizität, Glaubwürdigkeit und persönliche Integrität ordnen sich in aller Regel der Sucht nach Bestätigung und Anerkennung unter.
Da die Beziehung zu sich selbst, häufiger von Selbstentfremdung, Narzissmus und Eigennutz, und weniger von aufrichtiger Ehrlichkeit oder gar echter Selbstreflexion, geprägt ist, werden die krankmachenden Selbstlügen zu einem immanenten Inszenierungs-Bestandteil des eigenen Charakters. Das so beschädigte Selbstbewusstsein macht sich dann abhängig und benötigt dringend die Anerkennung, Bestätigung und Zustimmung von außen. Individuelle Freiheit und Autonomie können aber erst entstehen, wenn man sich davon weitestgehend frei macht.
Selbstoptimierung
Nach dem griechischen Philosophen Epikur ist Glück die Erfüllung ureigener Bedürfnisse, eine Hingabe an die kreative Lust und das Streben nach einem Zustand innerer Seelenruhe. Dabei sei die strategische Reduktion auf die notwendigsten Bedürfnisse keine Askese, sondern die Vermeidung von schädlichem Ehrgeiz und krankmachender Gier. Der heutige sozioökonomische Anpassungsdruck, der auf die Menschen durch vielerlei Kanäle und Mechanismen ausgeübt wird, macht das Individuum zum Objekt fremder Bedürfnisse. Zu einer Nummer, zu einem Produkt und zu einer Arbeitsmarktware. Der technokratisch-bürokratische Staatsapparat sowie die neoliberale Konsum- und Arbeitswelt zwingen den Bürger, seine Individualität zu negieren, seinen Marktwert zu steigern und sich ‑im Sinne einer höheren ökonomischen Verwertbarkeit- ständig selbst zu optimieren. Weiterlesen