Der pädagogische Happen (9)

_happen_Viele Jungen lieben Fußball. Sie sind in Vereinen aktiv, ihre Eltern fiebern am Spielrand mit (sorgen für ordentlich Leistungsdruck) und am Wochenende gibt es regelmäßige Turnierspiele. Insgesamt wird diese Freizeitaktivität als sehr positiv bewertet. Insbesondere auch deshalb, weil sie bei vielen Vätern so beliebt ist. Dabei eignet sich gerade diese Sportart sehr gut, um schon die Kleinen frühzeitig mit neoliberalen (Un-)Werten zu indoktrinieren und zu infizieren.

Wie oft habe ich es persönlich schon erlebt, dass selbst bei den Kindern der Leistungsgedanke, der Erfolg, der Egoismus, der Wille zum Sieg, der Ehrgeiz, das Wettbewerbs‐ und Konkurrenzdenken sowie das rücksichtslose Vorgehen vor Spaß, Empathie (beispielsweise bei Verletzungen im Spiel) und Teamgeist stehen. Sicher, es mag diese Aspekte schon immer beim Fußball gegeben haben. Aber es gab auch mal Zeiten, bei denen man selbst bei einer Niederlage noch Spaß haben konnte. Oder wo man beim Fußball‐Spielen noch gelacht hat. Oder wo Jungen, die kein Fussball mögen, nicht sofort ausgegrenzt wurden. Stattdessen gibt es heute vielfach den heiligen Leistungsernst.

14 Gedanken zu “Der pädagogische Happen (9)

  1. Mit der Sportart ist es auch klischeemäßig etwas übertrieben worden.
    Interessiert sich ein Junge nicht für Fußball, fragen sich die Eltern schon — wohl mehr der Vater -, ob sie etwas falsch gemacht haben.

  2. @matrixmann

    Nicht nur das, solche Jungen werden von Gleichaltrigen auch systematisch ausgegrenzt. Ist wohl ähnlich, wenn sich Mädchen weder für Puppen, noch für Pferde interessieren.

    In beiden Fällen reden fremde Eltern meist sehr mitleidig über diese Kinder. Sie schwimmen eben nicht mit dem Strom, also muss ja was nicht stimmen. Ausgrenzungsmechanismen beginnen schon sehr früh in der Kindheit.

  3. Das kommt dann noch hinzu. Kleine Affen lernen auch nur von großen Affen, was »normal« ist und wie sie sich zu bewegen haben. Was sie tun müssen, um von anderen Anerkennung zu finden.
    Wenn da einer nicht mitzieht, weil er etwas doof findet, je nach dem wie offen da das Umfeld ist, merkt er da subtil schon, dass irgendwas an ihm nicht in Ordnung ist.
    Die Eltern sind dabei noch das eine, aber viel schlimmer sind dann noch andere Kinder, die einfach diese persönliche Vielschichtigkeit psychologisch noch nicht haben und die dich relativ zügig direkt wissen lassen, was sie davon halten.
    Eltern können vielleicht noch sagen »okay, dann interessierst du dich eben für deine Legos (bei uns gab es sowieso keine Fußballer in der Familie)« (Vereine kosten zudem auch Geld, was auch nicht jeder hat), aber Kinder sind dort wesentlich schonungsloser, dir zu vermitteln »du machst nicht das mit, was alle anderen mitmachen«.

  4. Tochter mag weder Rosa noch findet sie Pferde übermäßig toll — Spinnen dagegen sehr. Sohn findet Fußball nicht mal beim Zuschauen interessant dafür aber naturwissenschaftliche Phänomene.
    Wir Eltern sind der Ansicht, eine Menge richtig gemacht zu haben.

  5. Ich bin der Meinung, dass diese Fußball verrückten, die es seit der 2 letzten WM’s durch die breite Masse jeglicher Coleur der Bevölkerung zieht, einer Art Massengehirnerweichung unterliegen.
    Fußball ist genau wie im richtigen Leben kein fairer Sport, gespielt von über bezahlten aber eher unterbelichteten Spielern, die sich benehmen als wären sie Nutten auf dem Laufsteg.
    Es vergeht kaum ein Tag ohne Skandale, wie Schlägereien, Spielabsprachen, Wettbetrug, Bestechung, Doping oder wenigstens einer Beleidigung des guten Geschmacks.
    Auch ein Herr Hoeneß ist eben kein Vorbild in unserer neoliberalistischen Gesellschaft, war aber auch nicht wirklich anders zu erwarten.
    Mit dem Produkt, hier Fußball, werden Ersatz‐Lebenswelten verkauft (Träume), die der Konsument in einer Wirklichkeit, in der nur noch Produkte und ihre Verheißungen leben, umso selbstverständlicher als seine eigene Welt adaptiert.
    Ich schrieb in einem anderen Portal einmal: “5000« Leute waren bei Occupy, aber »Hunderttausende« von Leuten rennen gleichzeitig in die »Allianzarenen”.
    Das sollte euch zu denken geben....Panem et circenses.

  6. »Ich schrieb in einem anderen Portal einmal: “5000? Leute waren bei Occupy, aber „Hunderttausende“ von Leuten rennen gleichzeitig in die „Allianzarenen”.«

    bei occupy dingsbums gibt es eben keinen Ball, kein Tor usw. im Gegenteil, da muss man auch noch denken. Wie soll man sich bei sowas entspannen?

  7. Ohja, kloppen wir alle auf die dummen Fußballidioten ein. Weil wir im Sportunterricht immer als Letzter in die Mannschaft gewählt — und dann ins Tor gestellt wurden. Das erleichtert ungemein! Analytisch leider deshalb auch: viel zu viel Projektion...!

    Auch auf die Gefahr hin, als »hirnerweicht« zu gelten: :P Das Spiel »Fußball« an sich ist nicht das Problem. »Viele Jungen (aber auch zunehmend Mädchen; ich kannte zeitweise mehr kickende Frauen als Kerle) lieben Fußball«, weil es eben viel Spaß macht, als Kind gegen eine Kugel zu kicken; da wird eben ein elementarer Spieltrieb (und Jagdtrieb nach der Kugel...) angesprochen. Ich hab meine ganze Jugend durch gebolzt und gekickt — allerdings aus Freude am Spiel, nicht in einem Verein, — um mit den Dorfkumpanen eine schöne Zeit zu erleben — und das sehe ich heute immer noch so. Wir hätten natürlich aus Langeweile (gab ja noch keine Smartphones — wie konnten wir das eigentlich überleben...?) auch Telefonhäuschen kaputthauen können. Fußball ist (zumindest in unseren Breiten; woanders ist es Basketball, American Football, Rugby, Baseball, Cricket... etc.) eben die gängigste Form der »Spiele« (circenses) — da schmeckt das trockene »Brot« (panem) bekanntermaßen deutlich besser. Deshalb steht er logischerweise auch im Mittelpunkt struktureller Kritik. Leider schießt diese gerne maßlos über das eigentliche Ziel hinaus.

    Man sollte nicht dem Trugschluss unterliegen, dass es in anderen »Sportarten« oder »Freizeitbeschäftigungen« strukturell etwa anders aussähe! Grade die Randsportarten sind noch wesentlich durchkommerzialisierter als der Fußball — wo es immerhin noch einige Tabus gibt...! Ich bin dann jedenfalls irgendwann interessehalber auf Radsport umgestiegen — und es hätte mir die ganze Freude daran genommen, wenn die Sache zu wettbewerbsorientiert geworden wäre. Auch hier wirst du irgendwann von anderen dazu gedrängt, in einen Verein zu gehen, Rennen zu fahren... Am Ende sitzte im Teambus und kriegst angereichertes Eigenblut gespritzt... Wollte ich alles nicht. Das kommt halt eben auf den Typ an — und insbesondere ergänzt durch die deutsche Vereinsmeierei. Wenn du lieber dein eigenes Ding durchziehst, wirste ja generell schräg angesehen.

    Der Profisport funktioniert so, wie er eben innerhalb kapitalistischer Prinzipien zu funktionieren hat. Sportarten kommen und gehen; seit geraumer Zeit wird ja sogar Darts als Event zelebriert. Davor gab es den Pokerboom... Sicher, beim Dressurreiten oder beim Schach ist das Publikum etwas »zivilisierter« — aber was die Systematik (neoliberaler »Wettbewerb«) dahinter betrifft — auch nicht minder »unterbelichtet« als die Schlachtenbummler in der Südkurve...

    Dabei wähnen sich interessanterweise zumindest viele Fußballfans noch in der »guten alten Zeit«; gar zarte Kapitalismuskritik kommt da regelmäßig zum Vorschein. Man sehe sich dazu die überwiegend schizophrenen Reaktionen der Fans der »Traditionsvereine« auf Red Bull, pardon — »RasenBallsport Leipzig« an — da könnte man fast meinen, die hätten alle Marx gelesen! Da werden viele Dinge kritisiert, die in der Tat falsch laufen — allerdings sehen viele in dem Zusammenhang den Balken im eigenen Auge nicht... Aber immerhin — Ansätze wären da... ;)

    @Publicviewer: Lustiger Nick in dem Zusammenhang. ;) »Unterbelichtet« halte ich übrigens in gleicher Weise dann auch ganz pauschal Leute, die mit Deppenleerzeichen nicht geizen...! :P

  8. Sorry, das ich da ein wenig widersprechen muss, aber auch ich habe in jungen Jahren Fußball gespielt und mich genau deswegen von diesem unfairen Spiel verabschiedet.
    Ein bißchen kicken auf dem Feld ist ja noch OK, aber sobald das vereinsmäßig betrieben wird ist es dann mit der Fairness auch vorbei.
    Und... jaa, klar... man muss ja unterbelichtet sein um... mir Zeit zum schreiben zu geben... hab auch kein Appretur oder wie sich das nennt... lächel

  9. Definiere »fair«. ;) Im Vereinsfußball gibt es immer noch einen Schiedsrichter. Und auch in Sachen »fairplay« (als auch Inklusion; im Vereinsfußball spielt die Nationalität eines Söldners / Legionärs keine Rolle) wird sich doch zumindest oberflächlich viel Mühe gegeben. Ich halte im Vergleich zu einem durchschnittlichen Fußballspiel das »normale Leben« da wesentlich unfairer — weil da weit und breit kein Schiri ist, der selbst grobe Fouls pfeifen würde. Und wenn da mal einer ist, krieg ich Gelb für eine »Schwalbe« — obwohl ich mich mit durchgetretenem Schienbein auf dem Platz wälze...

    Interesse am Profisport habe ich auch weitgehend verloren; das betrifft aber nicht nur den Fußball. Trotzdem kann ich mir auch ein Fußballspiel (auch im Rahmen eines großen Turniers) ansehen, ohne gleich zum unkritischen, »hirnerweichten« Zombie zu mutieren...

    Zur (generell mehr und mehr verkrüppelnden) Rechtschreibung (ich halte grade diese »Deppenleerzeichen« für eine sich immer weiter ausbreitende Pest) — die ist in meinen Augen nun einmal ein Indikator für die rapide Verblödung weiter Bevölkerungsteile. Weil da auch auf jede sprachliche Logik einfach ignorant geschissen wird. Wie soll man Menschen vom besseren politischen Weg überzeugen, wenn jene sich beim Hinweis auf ihre miserable Rechtschreibung schon persönlich angepisst fühlen...!?

  10. Auch ein »harter« Sport kann formal fair sein. ;) Fußball ist halt grundsätzlich nix für Zartbesaitete. War dann aber auch mit ein Grund, warum ich mir nicht Sonntags im Spiel der Kreisklasse B für ein wenig sportlichen »Ruhm« die Knochen zertreten lassen wollte; sondern lieber mit Freunden auf dem örtlichen Rübenacker rumbolzte.

    Im Tennis soll es ja auch schon die ein oder andere unfaire Arschkrampe gegeben haben. ;) Und Snooker? »Spannend« ist für mich was anderes... :P Außerdem ist das doch (wie Tennis) so ne typische bourgeoise Oberschichten»sport»art, die »echte« Linke auch nicht mögen dürfen, oder...? :d

    @epikur: Was noch fehlt, ist der Traum vieler Kids und Eltern, der oder die Kleine könnte Profi werden. Deshalb macht man grade in der Mittel‐ und Unterschicht besonders Druck, wenn dem Kind ein gewisses Talent attestiert wird. Da lebt der »Tellerwäschertraum« wieder auf...!

  11. Kommt immer darauf an wo man sich befindet.
    In Deutschland schon, wohin gegen in Frankreisch, es schon immer ein Volkssport war.
    Dort gibt und gab es schon immer »Court Municipal« also öffentlich zugängliche Plätze und zwar ganz ohne Kosten und Clubzwang... ;)
    Keine Ahnung aber Tennis ist seit fast 50 Jahren seitdem ich es betreibe immer ein fairer Sport gewesen und Fußball nun eben mal nicht, wann immer ich es sehe jedenfalls und ich seher es eigentlich eher selten, weil ich dann immer gehe sollte es irgendwo laufen, aber jedes mal halt wenn , dann ist es unfair und einfach nur schrecklich genau wie die Trainer Zuschauer und alle sonstigen unliebsamen Begleiterscheinungen dieses Sports.

  12. Ich frag das aus wirklichem Interesse — was genau ist daran für dich »unfair«? »Unfair« bedeutet für mich, »nicht den Regeln entsprechend«, vielleicht auch »ehrlos den Vorteil suchend«. Auch der Sport Fußball hat (recht einfache) Regeln, die auch (in den meisten Fällen) durchgesetzt werden. Das Fass »unfair« würde ich vielleicht im Rahmen des »Wettbewerbs« aufmachen, wenn Clubs als Investitions‐/Wirtschaftsobjekte von Gönnern zig Millionen erhalten, um aus dem Nichts eine »Marke« aufzubauen. Wenn ich deine Definition auf andere Sportarten übertrage, ist grundsätzlich jede Sportart mit härterem Körpereinsatz »unfair«...!?

    Fußball ist halt tendenziell eher ein »Mittel‐ und Unterschichtensport«. Das spiegelt sich natürlich dann auch auf der Tribüne und in der »Ausdrucksweise« der »Fans« wieder; aber auch das ist Teil menschlicher Kultur. Eine ich finde »ehrlichere«, als in vielen »Oberschichten«-Sportarten! Darüber (wie recht viele Linke) grundsätzlich versnobbt die Nase zu rümpfen ist, dann wieder ziemlich abgehoben, elitär, distinktiv — und ein gutes Beispiel dafür, dass man ja überhaupt gar kein Interesse daran hat, »den Pöbel« zu überzeugen, auf seine Seite zu ziehen... Da hockt man sich dann lieber in das stille, artige, angepasste, bürgerliche Publikum auf dem Tenniscourt und genießt »fairen«, reinen, weißen Sport... ;)

    »Die Revolution« wird tendenziell aber wenn überhaupt doch wohl eher vom Fußballstadion, denn vom Centre Court ausgehen, oder nicht!? :d

  13. Das ist sicher richtig, aber wenn dann geht sie in eine ganz andere Richtung, wenn sie vom Fußballstadion ausgehen sollte, was sie sicher auch nicht tut...aber eben mal angenommen... lächel
    Wenn Du nicht bemerkst was beim Fußball unfair ist, dann ist Dir auch nicht zu helfen und ich rede aussschließlich von dem was auf dem Platz selbst abgeht und nicht vom Drumherum.
    Allein, was ich selbst an Verletzungen durch Fouls damals noch in der C‐Jugend davongetragen habe war schon beeindruckend.

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