Alles Wirtschaft Oder Nichts

alleswirtschaft_titelWarum gibt es in der Mainstream‐Presse sowie in den regionalen und überregionalen Tageszeitungen eigentlich noch die Ressorts Kultur, Sport, Regionales, Boulevard, Politik, Soziales, Gesundheit usw.? Da mittlerweile quasi alle Lebensbereiche mit neoliberalen Verwertungskriterien betrachtet, bewertet und beurteilt werden, könnte man doch nur noch ein Ressort haben: Wirtschaft.

Denn für die Vermögenden und ihre Zuträger ist doch sowieso alles Ökonomie. So wird aber nur weiterhin der Schein aufrechterhalten, als gebe es finanzfreie Themen, die schöpferischen, sozialen oder kulturellen Maßstäben und Kriterien unterliegen würden. Dabei durchdringt die Diktatur des Marktradikalismus mittlerweile jede Pore des sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens. Authentisch ist heute, was sich zu Geld machen lässt. Alles andere sei doch nur belanglose Zeitverschwendung.

14 Gedanken zu “Alles Wirtschaft Oder Nichts

  1. Das Nichts sollte man nicht unterschätzen. Es ist essentiell, gerade in Zeiten des Antiessentialismus, selbst wenn dieser auf einfachem Niveau verbleibt und nicht versteht, dass er selbst die Essenz der Dinge abgelesen hat: dass die Dinge in ihrer Essenz keine Essenz haben. Das Nichts kann hier ruhig verbleiben, ob es Essenz hat oder nicht, macht ihm nichts und wenn es ihm etwas macht, ändert das auch nichts. So gesehen, passen auf es alle Optionen. Und es gibt auch nichts, das fruchtsamer wäre als das Nichts. Ohne es, kein Etwas und kein Alles. So gesehen, speist es alle Optionen.
    Ist die Wirtschaft alles, so beobachtet man, die Aufpropfung der betriebswirtschaftlichen Handlungslogik auf jede andere segmentive Handlungslogik. Das Versprechen ist, dass die segmentive Logik einmal durchoptimiert wird, die sachorientierten Effekte bleiben erhalten, die notwendigen Ressourcen werden verkleinert. Der Vorwurf ist also: die segmentive Logik vertieft sich in Sachprobleme (Segmente) und ab einem bestimmten Niveau der Vertiefung erbringt sie keine Verbesserungen mehr, sondern verschlingt nur mehr immer mehr Ressourcen. Sie selbst kann dies aber nicht verstehen. Da kommt die Rettung durch die Wirtschaft. Sie ist wie die Ruhe, die dem trüben Wasser seine Klarheit gibt. Sie ist der Sparstift, der im Gewirr der Sachen einen roten Strich zieht. Dies das Postulat. Es wird fast überall geglaubt, es ist das 11. Gebot: Du sollst derart vorgehen, du sollst es optimieren nennen.
    So gesehen ist man Zeuge einer Durchsetzung von Ideologie. Der Mensch ist heute Zeuge dessen, was er an vergangenen Vorgängen studiert hat. Die Ausbreitung des Buddhismus in China, die Ausbreitung des Christentums in Europa, die Ausbreitung der Renaissance von Italien aus, die Ausbreitung des Islam, die Ausbreitung des Kommunismus auf der Welt. Wenn man in der Gegenwart lebt, so hat es große Ideologisierungen immer nur in der Vergangenheit gegeben. In der Gegenwart lebe man hingegen in den Abbau‐ und Klärungsphasen, der Nebel lichte sich. Vermutlich gab es solche Phasen. Seit gut 20 Jahren ist eine solche Phase jedenfalls vorbei. Der Aufpfropfungsvorgang bezeugt dies. Wie immer sich segmentive Handlungslogiken entwickelt haben, welche Kaskaden an Zusammenhängen sie ausgefeilt haben, wie am Fließband wurde ihnen zuletzt ein neuer Stempel mit dem rotglühenden Optimierungshammer eingebrannt. Jedes Segment kam unter den Hammer.

  2. Im Grunde existiert ja nur noch dieses eine »Ressort«, da davon alle anderen abhängig gemacht werden — es wäre aber unklug, dies so deutlich zu offenbaren. ;)

    »Kultur« im engeren, öffentlichen, intrastrukturellen Sinne kostet Geld — und das hat der Staat ja nicht mehr. Bzw. oft ist das Geld dann doch nur für die »Kultur« der oberen Zehntausend da. Mit Sport (circenes) lässt sich auch viel Geld verdienen — und prima Ablenken. Wichtig ist auch, auf regionaler, kommunaler Ebene keinen Zusammenhang zur neoliberalen Austeritätspolitik herzustellen — wenn eben regelm. betont wird, für dies und das seien die »Kassen leer«. Grade auf dieser Ebene wird das Elend ja besonders deutlich; für jeden in der Realität tagtäglich sichtbar — leider wird es von der großen Mehrheit eben so ohne jeden Widerspruch akzeptiert...! Letztes Jahr schloss z. B. in der Nachbarstadt ein großes (evangelisches) Krankenhaus. Das wurde in der Presse ausnahmslos als ökonomisch unabwendbares Schicksal dargestellt...

    Boulevard dient dem unterbelichteten Pöbel wieder als Form der »circenses«. Nichts liebt er mehr als persönliche Schicksale. »Politik ist der Freiraum, der die Wirtschaft derselben lässt« (D. Hildebrandt). Im Bereich des »Sozialen« regiert auch der Rotstift; dazu lässt sich prima gegen diese faulen, unproduktiven Schmarotzer (ob nun im »verschlankten« ÖD — oder Arbeitslose) hetzen. In Sachen Gesundheit geht es auch überwiegend nur noch um den »Markt«, den Geschäftsleute in weißen Kitteln bedienen...

  3. Es ist seit tausenden von Jahren das gleiche Spiel. In Gesellschaften, in denen alles seinen Preis hat, auch ein Menschenleben, ist alles mit Kosten verbunden. Dies waren und sind unfreie, undemokratische und schließlich unmenschliche Gesellschaften. In neuerer Zeit mit dem Mäntelchen der (unvollendeten) Aufklärung bedeckt.
    In dem Augenblick, in dem man den Menschen in den Fokus allen Handelns rückt, werden die Kosten und »Wirtschaft« zur Nebensache; verlangt anderes Denken. Zu diesen oder ähnlichen Überlegungen sind die »Neos« (Neoliberale, Neochristen, Neorechten, Neolinken, Neoalternativen, Neogrünen ...), welche sich zyklisch zur »Wahl« stellen, nicht in der Lage. Sie werden damit zu Garanten des Bestehenden und können gar nicht anders als unmenschlich, undemokratisch »wirtschaften«. Deshalb: »Alles Wirtschaft Oder Nichts«.

  4. Kultur“ im engeren, öffentlichen, intrastrukturellen Sinne kostet Geld – und das hat der Staat ja nicht mehr.

    Für Protzbauten wie die Elbphilharmonie hatte der Stadtstaat
    HH schon die nötige Kohle. Ebenso wie für Abfallkörbe,
    zugriffsgesichert und mit online‐Verbindung zur Stadtreinigung bei Überfüllung (Stückpreis 5.000 €) – als Maßnahme gegen Leergut‐
    Sammler, die nicht ins Stadtbild passen. Ketzerische Frage: wurde mit u.U. darin enthaltenen Leergutbeträgen das Stadtstaatssäckel mit aufgefüllt :) ?

  5. ...ein weiteres Beispiel..die Baukultur; das Land Niedersachsen baut so gut wie kein Projekt mehr mit landeseigenen Mitteln, nahezu jedes Bauvorhaben wird von privaten Investoren finanziert, sogenannte PPP (Public — privat -Partnership) Projekte. Das solche privat finanzierten Projekte teurer werden als öffentlich finanzierte ist hinlänglich bekannt, was aber in der Diskussion um die PPP Projekte wenig Beachtung findet ist der damit verbundene weitere Niedergang der Baukultur. Jede Schule, jeder Kindergarten wird, so finanziert, zu einer Investition. Das sind schlechte Voraussetzungen für gute Architektur, bedeutet nämlich wenig Zeit und Geld für Entwurf und Planung, wenig Mittel für hochwertige, langlebige Materialien, u.s.w...Zwangsläufig entstehen Gebäude die immer konformer erscheinen: einache Kubaturen, Wärmdedämmverbunsysteme, optimierte Raumnuztung, Standartelemente industriell vorgefertigt, viel Fläche wenig Details, preiswerte Beschläge, Lampen ect.., Es sind eben nicht nur die ständig größer werdenden technischen Anforderungen ( Wärmeschutz, Brandschutz..) die hohe Kosten verusachen. Mittlerweile sorgt, auch bei öffentlichen Bautvorhaben, finanziert durch privates Kapital, der Zwang zum Profit zu größtmöglichen Einsparungen und immer geringer werdenden Spielräumen für eine gute Architektur.

  6. @ert_ertrus

    »Ebenso wie für Abfallkörbe, zugriffsgesichert und mit online‐Verbindung zur Stadtreinigung bei Überfüllung (Stückpreis 5.000 €) – als Maßnahme gegen Leergut‐Sammler, die nicht ins Stadtbild passen. «

    Hast Du dazu einen Link? Sowas höre ich zum ersten Mal. Die Menschenverachtung klingt ja ähnlich abstoßend, wie die »Idee« mit den Metallstacheln bei Wohneingängen, um Obdachlose abzuhalten.

  7. @Epikur – die Dresdener Sozialwacht hat dazu ein Video
    in yt eingestellt (einfach mal dort suchen). Tut mir Leid, Dir keine
    genauere Auskunft geben zu können, aber es hat sich tief in mein
    Gedächtnis eingebrannt …

  8. Tja,dieser ganze Materialismus ist eben die logische Folge von Entfremdung,die sich aber wohl einige nicht eingestehen wollen‐und solange das so bleibt,geht’s halt immer so weiter.Wie innen,so außen!

  9. @Epikur:
    »Die Menschenverachtung klingt ja ähnlich abstoßend, wie die „Idee“ mit den Metallstacheln bei Wohneingängen, um Obdachlose abzuhalten«.

    So nach dem Motto »Wenn ich das Problem (oder das,was mich an das Problem erinnert) nicht sehen muss/kann,ist es auch nicht da«.Da muss ich irgendwie an kleine Kinder denken,die,wenn sie sich ihre Augen zuhalten,meinen,dass andere sie jetzt dadurch auch nicht mehr sehen können :d Genauso lächerlich und naiv ist vieles andere in der Welt auch....

  10. @ert-ertrus: Deshalb hatte ich ja noch den folgenden Satz geschrieben... ;)

    Zu den durchweg bösen, über den Kamm geschorenen »Neos«: Lustig, dabei war Neo doch der Held, der die Menschen aus der Matrix befreit hat...!? :d

    @Carlo: Sie werden damit zu Garanten des Bestehenden und können gar nicht anders als unmenschlich, undemokratisch »wirtschaften«

    Ähm, okäääääiiiiy...! Und es gibt natürlich auch keine Graustufen dazwischen; vor allem spielt es keine Rolle, ob diese »Unmenschlichkeit« dann mehr oder weniger intensiv wütet...!? Einfach nur: GUT und BÖSE! Diesen Dualismus kenn ich doch irgendwoher...!?

    Nun denn — irgendwas, inbesondere Menschen(massen) würden ja auch zu jenem Zeitpunkt »bestehen«, an welchem »die Revolution« der »Neomarxkommunismusanarchos« (oder wie sich die entsprechende »Überwindungssekte« da dann nennen mag...) von heut auf morgen, mit einem Fingerschnippen dann alles anders werden lässt. »Bestehen« wird nämlich IMMER das, womit Menschlein von kleinauf indoktriniert wurde! Und das ist halt das Betriebssystem »Kapitalismus«! Und DAS kriegt ihr nur schwer wieder raus — aber garaniert NICHT auf einen Schlag! Oder plant der ein oder andere da gedanklich vielleicht »Umerziehung« / »Massengehirnwäsche«? Oder einen Genozid, um dann mal ›nen Adam‐Eva‐mäßigen Neustart zu versuchen...? Klär mich auf! ;) Du schreibst es selbst: »Seit Tausenden von Jahren« — so alt ist der »Kapitalismus« aber ja noch gar nicht. Was mir persönlich zeigt, dass egal in welcher Form IMMER eine kleine Schicht Stärkerer die große Mehrheit der Schwächeren unterdrücken wird. Egal, wie der »-ismus« denn dann heißen wird!

    Menschen werden ja auch in einem anderen Gesellschafts‐ und Wirtschaftssystem »kosten«, auch wenn das dort dann nicht mehr in »Euro und Cent« bemessen werden würde. Sondern in (Arbeits)Zeit und Ressourcen. Wenn die dann halt nicht da sind (warum auch immer), müssen die Leute halt auch verrecken. Klingt nicht sehr sexy. Kann überhaupt nicht verstehen, warum die dann im Zweifel lieber bei dem bleiben, was sie haben... tststs!

    In Sachen Mülleimern hatte ich letztens auch was vom Frankfurter Flughafen gelesen; da war man auch von Dosensammlern genervt und hat deshalb »Modelle« aufgestellt, in die man nicht hineinschauen / -greifen kann.

  11. @ Dennis82

    Sei doch so gut und kopiere das nächste Mal meinen gesamten Text und betreibe kein »Cherry picking«. Dann würdest Du vielleicht sehen, dass die Zeilen mehr als Dualismus enthalten. »GUT und BÖSE« sind Begriffe, die ich nicht verwende, weil ich nicht in diesen Kategorien denke. Deine Kindergartendemagogie kannst Du Dir sparen.

    Mehr oder weniger Unmenschlichkeit ist wie mehr oder weniger Schwangerschaft. Ist/wird man ein toller Mensch, wenn man seine Familie weniger prügelt?

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