Verschrieben

Schreiben ist für viele Menschen eine sehr persönliche und emotionale Angelegenheit. Man will seine eigenen Gedanken der Welt mitteilen, Menschen zum Nachdenken anregen, Anerkennung erfahren, Feedback erhalten, sich in öffentliche Debatten einbringen oder Meinungen beeinflussen und erzeugen.

Im digitalen Zeitalter werden Beiträge, Texte und Artikel weitgehend als Ware und Währung behandelt. Eigene Internet-Seiten müssen befüllt werden (Content), um die Besucherzahlen zu steigern, Texte mit Keywords verfasst werden, um die Sichtbarkeit bei google zu erhöhen (SEO) und die gesamte Website muss für Werbekunden attraktiv gemacht werden (Affiliate). Das kreative und authentische Schreiben wird dabei zunehmend in den Hintergrund gedrängt.

Für manche bedeutet Schreiben, im spontanen Augenblick schöpferisch tätig zu sein, in die Welt einzutauchen und sie mit der eigenen Reflexion in Worte zu fassen. Für andere ist das Texten Mittel zum Profit-Zweck, eine Ware oder auch schlicht: »Content«. Wie jede andere Ware auch, sollte diese produziert (Content-Produktion), vermarktet (Content-Marketing) und zwischengehandelt werden (Content-Lieferanten).

Was die Auflagenzahlen von Printmedien und die Reichweite bzw. Hörerzahlen von Radiosendern sind, kennzeichnen die Besucherzahlen von Webseiten: die Währung für Anzeigenpreise. Eine höhere Auflage sowie höhere Besucherzahlen bedeuten, man kann höhere Anzeigenpreise verlangen und macht somit mehr Profit. Insofern ist Content nur deshalb King, weil es die Werbeeinnahmen erhöht und nicht, weil der Inhalt an sich so wichtig sei. Wenn dem so wäre, würden die Redakteure nicht massenhaft bei den Nachrichtenagenturen ab- und umschreiben, sondern anständig recherchieren und qualitativ hochwertige Texte verfassen. Beim Texten gilt jedoch viel zu oft das »fire and forget« – Prinzip. Hauptsache Content wurde viel und schnell geliefert.

»rund und die Uhr«. EDIT (2 Tage später): auf der HP steht nun ein komplett neuer Untertitel.

Inhalte nennt man in Deutschland immer dann Content, wenn jemand damit Geld verdienen will.

-Sascha Lobo über twitter

Viele Artikel, Beiträge und Texte in den Massenmedien kommen aus einem vorgefertigten »Schreib-Baukastensystem«, um das schnelle Texten zu erleichtern. Die immer gleiche Systematik erzeugt nicht nur Wiedererkennbarkeit, sondern trägt auch zur Verbreitung bestimmter Weltanschauungen bei. Nicht nur der inhaltliche Rahmen wird streng vorgegeben (Tabuthemen, Kopfscheren, vorauseilender Gehorsam, redaktionelle Linien etc.), sondern auch der Methodische. Journalisten bewegen sich in einem ganz engen Spielraum, in dem sie beständig »produzieren« müssen.

Die sog. »freie Marktwirtschaft«, der Kapitalismus, die »marktkonforme Demokratie« oder wie auch immer man das Profite-vor-Menschen-System euphemistisch bezeichnen mag, hat die schöpferische und lebensintensive Kraft des Schreibens zu einem Werkzeug des Geldes degradiert. Dass diese Mentalität tief verinnerlicht wurde, beweist der Umstand, dass wenn immer jemand viel, lebensfroh und euphorisch textet (Tagebuch, Gedichte, Geschichten, Prosa, Blog etc.), er/sie gefragt wird, ob er/sie nicht ein Buch schreiben, ergo: seine Kreativität finanziell verwerten will? Kunst nur dann als bedeutsam zu erachten, wenn daraus monetäre Vorteile erwachsen, entwertet den schöpferischen Akt und macht ihn zu einem marktkonformen Haben-Konsum.

20 Gedanken zu “Verschrieben

  1. Auferstehung (aus dem geistigen Tod der Religion)

    »Sollte es irgendwelche Götter geben, deren Hauptanliegen der Mensch ist, so können es keine sehr bedeutenden Götter sein.«

    Arthur C. Clarke

    (Genesis 2,15−17) Und Gott der HERR nahm den Menschen (freier Unternehmer) und setzte ihn in den Garten Eden (freie Marktwirtschaft), dass er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der HERR (künstlicher Archetyp Jahwe = Investor) gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen (Gewinn bringende Unternehmungen) im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen (Zinsgeldverleih) sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes (in religiöser Verblendung) sterben.

  2. »Kunst nur dann als bedeutsam zu erachten, wenn daraus monetäre Vorteile erwachsen, entwertet den schöpferischen Akt und macht ihn zu einem marktkonformen Haben-Konsum.«

    So isses.

  3. Yup, empfinde ich genau so.
    Die komplette Umkehrung der Motivation, und damit des authentischen Grundes.
    Genre, Stil, Format, Inhalt, — als Baukastensystem für möglichst vorab schon kalkulierbares Entertainement. Sogar schon mit Generalverdachtsmentalität, dass es gar keine anderen Gründe mehr geben könnte. Einfach nur noch traurig.

  4. Die Prinzipien der freien Marktwirtschaft sehr schön auch in Bezug auf des Schreiben, Texten, Kreieren usw. sehr schön beschrieben.
    So gab es doch kürzlich eine Zeit, in der jeder auch noch so jugendliche »Show-Master« seine eigene »Biographie« hinschmierte und vermarktete.
    Durch diesen Artikel ist mir nochmal bewußt geworden, wieso einige Schmierfinken eine Millionen Auflage haben und wirklich schöpferische Talente, besonders im Schreiben, hiervon kaum oder gar nicht leben können — ja noch nicht einmal genug einnehmen, um sich ausreichend ernähren zu können.... sehr traurig.

    Ein nachdenkenswerter Artikel Danke !

  5. Aufstieg und kommerzieller Erfolg scheinen mir eher so zu funktionieren , daß jemand zuerst was Authentisches und durchaus Idealistisches schreibt (und es auch so meint) , und sich nach einem gewissen Erfolg dann selber kommerzialisiert.
    Heute scheinen Viele den direkten Weg zum Kommerz gehen zu wollen , das kann nicht funktionieren.

    Und auch die spätere reine Vermarktung vorhandener Substanz stößt irgendwann an ihre Grenzen , siehe Zeitungskrise.

    Beispiel 68 : Zunächst idealistisch , später häufig assimiliert.

    Wäre die Assimilation von vorneherein das Ziel gewesen , wäre 68 zum Rohrkrepierer geworden.

  6. Es fällt mir schwer einzelne Sätze hervorzuheben, weil der Text voll von bemerkenswerten Aussagen ist. Danke, der Text ist mir aus der Seele geschrieben.

    Vielleicht doch einer ;-), dieser Satz bringt es für mich auf den Punkt:

    Die sog. »freie Marktwirtschaft«, der Kapitalismus, die »marktkonforme Demokratie« oder wie auch immer man das Profite-vor-Menschen-System euphemistisch bezeichnen mag, hat die schöpferische und lebensintensive Kraft des Schreibens zu einem Werkzeug des Geldes degradiert.

  7. In der Tat ist es mehr als schockierend, wie viel heute geschrieben wird. Betritt man ein Büchergeschäft verliert man sich in Bergen von Büchern. Bücher über Bücher. Was wird das alles geschrieben? So viel kann gar nicht gelesen werden, wie geschrieben wird. Zweifellos wird es übereifrige Kinder finanzstarker Eltern geben, die sich im frühen Erwachsenenalter zur Schriftstellerei bewogen sehen, da sie darin für ihre besondere Kreativität einen geeigneten Nährboden sehen. Was herauskommt mag man dahin gestellt lassen. Und viele, die lesenwertes zu sagen hätten, werden nie Gelegenheit haben, gelesen zu werden. Ihr Talent stumpft ab und verkommt. Jene produzieren indes Berge, schon zu viel für die mentale Wohlfahrt. Was mag da alles zu sagen sein, muss sich einer Fragen, dem das Leben nicht viel zu sagen Gelegenheit gibt? Was haben diese Leute zu sagen, dass in den Büchergeschäften zigtausende Bücher herumstehen und halbjährlich ausgetauscht werden? Ist das Leben so besagenswert? Ein schlechtes Gewissen legt sich bei, lugt hinter manchem Bücherberg hervor. Lese ich zu wenig? Weiß ich zu wenig von der Welt in der ich lebe? Lebe ich vielleicht falsch und komme bis zu meinem Tod niemals drauf, dass das Leben besagenswert ist. Ein falsch gelebtes Leben, zu lange geschwiegen, bei zu vielem weggedacht vom Sagen und gelassen. Nichts durchlebt vom Wesen des Lebens? Wie kann das sein? Leben ohne zu leben?

  8. @ Eike

    Kommt auf die Sichtweise an . Viele 68er haben ihre Bewegung selber als gescheitert betrachtet, weil die direkte Revolution nicht gelang.
    Trotzdem hat 68 sehr viel verändert, so zumindest mein Eindruck als nicht Beteiligter.

  9. Tut mir Leid. Bin selber unter 68ern gezüchtet worden und wenn DIE dem Spitzenfunktionär der (jetzt) damaligen SPD »wer nicht arbeitet, soll auch nicht Essen« nachjohlen, brauch ich nicht mal Goebbels, um zu wissen, dass das ein Rohrkrepierer in jeglicher Hinsicht war. Bestenfalls Ausdruck des vorherrschenden Zeitgeistes. Daran kann man allerdings auch schön ermitteln, wie lange schon Konzerne auf der Welt die Vorherrschaft haben und was unsere angebliche Demokratie tatsächlich ist. Wohl dem, der Geld genug hat, sich das alles leisten zu können.

  10. Stimmt , gewendete Linke gibt es zuhauf , 68er und spätere , und tatsächlich sind das oft die lautstärksten Schreihälse mit den ekelhaftesten Parolen, wie bei allen Konvertiten.

    Würde aber nicht alle über einen Kamm scheren , gibt schon auch Alt-68er und Co. , die sich ihre Werte erhalten haben oder zumindest nicht völlig umgekippt sind.

  11. Das stimmt. Ich meinte das auch eher bezogen auf die Majorität.
    Einige Sachen lasse ich allerdings durchaus gelten: Fakt ist, nach den 68ern musste ein Studentenzimmer nicht mehr nachfragen ob denn die Frau auch mal im selbigen nächtigen könne und die Studiengebühren waren abgeschafft. Letztere gehören heute zum guten Ton -> Sehet her — ich kann mir das leisten und trotzdem mit der Eiquäke online gehen. Ziemlich dumme Entwicklung, selbst nach den Ärzten: »Deine Schuld«....

  12. »Nichts , absolut nichts « so der Kommentar im Link.

    Bißchen negativ , gerade die AKW-Bewegung ist jetzt letztlich erfolgreich , Deutschland ist da Vorreiter.
    Ich fürchte , es geht immer in Wellen so hin und her , die letzten 20 Jahre sehr unpolitisch , davor das Gegenteil , allerdings hat sich diese politische Zeit auch selber abgeschafft , weil sie sich zunehmend im Dogmatismus verstrickte, ein später Ausläufer dieser Herangehensweise ist die unsägliche Sexismus-Debatte.

    Die Zukunft gehört wieder den Politischen , weils einfach nicht mehr anders geht, wohin die Reise geht , ist die spannende Frage.

  13. @ Art Deinen Optimismus kann ich da nicht teilen. Es wird im Gegenteil immer unpolitischer, da die Politik sich selbst abschafft, wenn sie sich nur zum Sprachrohr der Konzerne macht, was bereits geschehen ist. Daher auch die Zunahme der Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche. Sofern sich da noch jemand eine Meinung leisten kann, wird die in der Majorität konservativ bis rechts verlaufen. Wenn man sich dabei anguckt, wie es sich wahltechnisch ausdrückt, so kann man Robertos Expertise zur Wahl in NDS nutzen und dann mal in ganz Europa gucken, wie denn so der gefürchtete Linskruck verlaufen ist, z. B. in NL, HU etc. Oder auch natürlich dort, wo sogenannte Sozialdemokraten oder Grüne am Ruder sind. Letztlich zählt eben nur noch das große Geld und darüber verfügen nur wenige und vor allem einige Konzerne, die auch praktisch schon jetzt entscheiden, ob Du morgen noch was zu Essen hast und unter welchen Bedingungen. Da sie international agieren, können ihnen lokale Befindlichkeiten am Allerwertesten vorbei gehen. Man pickt sich halt von jedem das beste raus. Was in einer Region nicht geht, geht halt in der nächsten. Dann spielt man die gegeneinander aus und nutzt die dadurch in jedem Fall für den Konzern entstehenden Vorteile.

  14. Ich gebe Dir weitgehend Recht , die Tendenz der Entwicklung ist nicht gut.
    Ich denke nur , daß sich diese in absehbarer Zeit drehen wird , weil sie sich drehen muß , nicht weil plötzlich alle Spaß haben am Widerstand.
    Wir sind nahe dran , unsere Lebensfähigkeit zu verlieren , der Weg kann nur heißen , irgendwie da raus zu kommen.

    Kann durchaus sein , daß die Rechten das übernehmen werden , ich habe aber eher den Eindruck , daß es auf eine Art Schulterschluß aus Linken , Werte-Liberalen und Wertkonservativen hinausläuft.
    In den 60ern waren es bis 1967 die Nazis , die Aufschwung hatten (Bremen 10.7 % , Mittelfranken 16 % ! ) , trotzdem wurden sie ein Jahr später in die Bedeutungslosigkeit gefegt.
    Gerade dieses scheinbar Unpolitische riecht nach Ruhe vor dem Sturm — aber was heißt Ruhe ? Der Aufstand hat längst begonnen , Griechenland , Spanien , England...

    Auch wird die occupy-Bewegung viel zu schnell totgesagt, meines Erachtens steckt da jede Menge Potenzial drin.
    Möglich ist aber auch , daß die Politik besser zuhört als in früheren Zeiten und rechtzeitiger reagiert und den Druck vom Kessel nimmt , das ginge aber nur mit einer ernst gemeinten Trendwende.

  15. Das mit dem Potenzial bei Occupy seher ich weniger optimistisch. Den Grundgedanken vor Banken zu campen wird etwas bewirken, halt ich für fraglich, 1992 schrieb B. E. Ellis American Psycho, was schon eine Menge verraten hat, über diese Gesellschaft und Ihren Werdegang. Mag sein das Occupy international ein gutes Ding ist. Hier in Deutschland waren es vor allem braune Esoteriker, die sich die Bewegung zu nutze machten. Als Beweis kann man gerne auch die auf jeder Deutschen Occupy Website verlinkten Videos aus dem Koppverlag und übernommene Statements seiner Autoren nehmen. Muss man natürlich nicht. Ich hoffe, für Herrn Hessel, dass er dieses nicht wahrnehmen musste.

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