Neusprech: Druck

»Innenminister Friedrich macht Druck auf Asylbewerber aus sicheren Ländern.«

- SpiegelOnline vom 25. Oktober 2012

Als Druck bezeichnet man eine physikalische Größe, die Kraft auf ein Objekt verrichtet. Synonyme für Druck sind Stress, Zwang, Gewalt, Wucht, Spannung und Härte. »Unter Druck stehen« meint, unter dem Zustand einer großen inneren Anspannung zu leiden. In der Politik wird oft und gerne Druck, das heisst Gewalt, auf bestimmte Gruppen ausgeübt.

In Politik und Wirtschaft herrscht ein weitgehend negatives Menschenbild vor. Der Mensch sei von Natur aus faul, unflexibel, dumm, schwer zu motivieren und vor allem eigennützig. Um bestimmte Milieus, Minderheiten und Interessengruppen dazu zu bewegen, dass sie fortan im eigenen Interesse denken und handeln, muss konsequent Kraft auf sie ausgeübt werden. Sie müssen gegängelt, geschubst, drangsaliert und schikaniert, euphemistisch: »motiviert werden«, damit sie endlich genau das tun, was von ihnen erwartet wird.

Im konkreten Fall von ALG 2 beispielsweise, bedeutet »Druck« vor allem eine Entsolidarisierung. Erwerbslose werden unter Generalverdacht des »faulen Schmarotzers« gestellt, sie stehen in einer Bringschuld, werden in sinnlose Maßnahmen gesteckt, ihnen werden Berufserfahrungen und Abschlüsse aberkannt, sie werden zu Niedriglohnarbeit gezwungen und auf individuelle Lebensentwürfe kann gleich gar keine Rücksicht genommen werden. Der gesamte Umgang mit Erwerbslosen ist von Härte gekennzeichnet. Hintergrund ist ein negatives Bild von arbeitslosen Menschen sowie politisch gewollter, massiver Sozialabbau.

Regierung will bei Integration mehr Druck ausüben.

- suedkurier.de vom 18. Oktober 2010

Die »Druck-Phrase« ist ein Euphemismus für öffentlich legitimierte Macht auf Minderheiten. Gesetze werden verschärft, sodass die gesellschaftliche Teilhabe der betroffenen Gruppen sowie ihre Lebenslagen in der Regel verschlechtert werden. Es wird finanziell gekürzt und eingespart. Die öffentliche Begründung ist dann entweder die sog. »Haushaltskonsolidierung«, d.h. der höhere Sachzwang des Schuldenabbaus, oder die betroffenen Gruppen selbst. Sie würden durch ihr spezifisches, also durch ihr vermeintlich unsolidarisches Verhalten, die Regierung gerade zu zwingen, diese Maßnahmen zu ergreifen. Man wolle ja gerne, aber man könne nicht anders. Die Politik inszeniert sich zum Opfer, um Strenge ausüben zu können.

Demzufolge müsse man den betroffenen Gruppen eben mehr Fesseln anlegen, sie einengen und bedrängen, sonst werde man ihrer nicht mehr Herr, so die Devise. Politiker und Unternehmen sollten jedoch wissen, dass Druck auch immer Gegendruck erzeugt, der sich in einer Explosion entladen kann. Bestes Beispiel: die tödliche Messerattacke auf eine Jobcenter-Mitarbeiterin im September 2012.

Bundesagentur erhöht Druck auf Arbeitsverweigerer

- welt.de vom 4. Januar 2012

4 Gedanken zu “Neusprech: Druck

  1. Interessanterweise herrscht in der erfolgreichen Produktionswirtschaft das Sogprinzip. Ich kann jedem nur empfehlen, das Buch »Das Ziel« von E. Goldratt zu lesen, da wird der Unterschied sehr anschaulich beschrieben.
    Wer glaubt, mit Druck kann man gut arbeiten, der erzeugt nichts weiter als — übertragen ausgedrück — »Lagerbestände«. Wenn wir weiter in dieser Denkweise machen, wird die Zahl der HartzIV-Empfänger immer weiter steigen. Im Grunde wissen die Verantwortlichen, was sie tun. Sie wollen einen großen Bestand an willfährigen Arbeitnehmern haben — genau genommen Sklaven, um ihre Profite weiter zu steigern und ihre Besitztümer zu sichern.

  2. irgendwann ist dieser Druck nicht mehr zum Aushalten.........

    man explodiert... entweder nach innen (suizid) oder nach außen (kriminelle Handlung)....wir haben die Wahl..... :-(

  3. Kein Ding. Am besten Ihr explodiert nach außen, wenn ich nicht dabei bin. Seht zu, dass Ihr so ca. 81 Millionen Mitbürger da zusammen bekommt. Dann kann ich hier meine Hängematte auspacken.

  4. »herrscht ein weitgehend negatives Menschenbild vor. Der Mensch sei von Natur aus faul, unflexibel, dumm, schwer zu motivieren und vor allem eigennützig«

    Das ist im wesentlichen eine Zusammenfassung des daraus folgenden Prinzips »Schwarze Pädagogik« — und so sehen die »Maßnahmen« daraus auch aus.

    Obwohl seit den 50–60er Jahren bestens bekannt ist, daß das angeblich »eigentlich« Gewünschte, nämlich höhere Motivation u.ä., sich dadurch nicht erreichen läßt — ganz im Gegenteil.

    Wie ich diese hinterfotzigen Lügen hasse ...

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