
Je älter ich werde, desto mehr fällt mir auf, wie viele Menschen sich durch Krankheit definieren. Ich kenne mittlerweile eine stattliche Anzahl an Leuten, die fast täglich jammern, klagen, wimmern und stöhnen. Über Knie‑, Rücken‑, Kopf‑, Magen- oder sonstige ‑vorhandene oder eingebildete- Schmerzen. Es gibt regelrechte Krankheits-Wettbewerbe, bei dem sich die Protagonisten gegenseitig mit dem vermeintlich schwereren Leid übertreffen wollen (Und ja, es sind meistens Frauen!). Ist diese Opferhaltung eine Flucht vor der Selbstbestimmung? Ein Weg für mehr Aufmerksamkeit? Ist es die Angst vor der Freiheit? Oder gar eine subtile Rebellion vor der neoliberalen Eigenverantwortung? Oder macht uns die tolle Lohnarbeit in Kombination mit der tollen Demokratie letztendlich nur alle kaputt? :wtf:
» »Jeder ist seines Krankheit Schmied!«
» »Krebs ist Profit«
» »Neusprech: Krankheit«
Die immer größer werdende Ablehnung gegenüber sachlichen und rationalen Argumenten ist kaum noch zu übersehen. Es wird eigentlich fast nur noch skandalisiert, boulevardisiert und emotionalisiert. Trash-TV, Casting-Shows, Cat Content auf Facebook oder Promi-Todesfälle: alles muss irgendwie Unterhaltung sein, ja unterhaltend wirken. Deshalb finden sachliche Auseinandersetzungen im öffentlichen sowie im privaten Raum immer seltener statt. Wir sind zu Konsum-Entertainment-Robotern konditioniert und degradiert worden. Da machen Analysen von strukturellen Gewalten, Skandalen, Affären, Korruptionen, Kriegshetze, Medienpropaganda und Selbstentfremdungs-Mechanismen einfach keinen Spaß.

Armut und Arbeitslosigkeit machen krank und depressiv. So lautet das allgemeine
Ich habe das nie verstanden. Da geht Mann oder Frau zum Frisör, kauft sich neue Klamotten und/oder macht eine erfolgreiche Diät und sofort reden alle davon, dass er oder sie sich verändert habe. Eine riesige Medien- und Schönheitsindustrie produziert und profitiert von diesem Narrativ. Natürlich ist das Aussehen Teil der individuellen Identität. Aber eben nur ein Teil. Wer sich seiner selbst bewusst sein, also selbstbewusst werden will, erreicht das eben nicht mit dem Konsum von gleichgeschalteter Marken-Identitätsproduktion. Persönlichkeit und Charakter verkommen hier zu kollektiven Konsum-Worthülsen, da sie jeder überall kaufen kann.
Diesen Satz bekommen Geisteswissenschaftler, aber auch alle Anderen, die erfolgreich ihr Studium abgeschlossen, aber noch keine Erwerbsarbeit gefunden haben, immer wieder zu hören. Nur wer entscheidet eigentlich, was das »richtige Fach« ist (MINT!?), was man angeblich hätte studieren müssen, um schneller oder eine bessere Lohnarbeit zu finden? Unternehmen, der ominöse Markt, die Politik, die Medien oder die Familie? Alle Anderen wissen es scheinbar regelmäßig nicht nur besser, sondern wollen auch festlegen, was einen zu interessieren hat, ja was man beruflich hätte machen müssen.
Gesetzbruch ist Verfassungsschutz
Oft werde ich gefragt, was Selbstentfremdung durch Lohnarbeit eigentlich genau bedeuten soll? Schließlich verdiene man sein eigenes Geld, sei unabhängig, liege niemandem auf der Tasche und man würde sich mit seinem eigenen Job doch auch selbst verwirklichen? Nun zu behaupten, das Gegenteil sei der Fall, empfinden viele nicht nur als absurde und steile These, sondern auch als einen persönlichen Angriff auf ihren Lebensstil. (Lohn-)Arbeit mache doch schließlich unabhängig. Oder etwa nicht?
Nach dem griechischen Philosophen Epikur ist Glück die Erfüllung ureigener Bedürfnisse, eine Hingabe an die kreative Lust und das Streben nach einem Zustand innerer Seelenruhe. Dabei sei die strategische Reduktion auf die notwendigsten Bedürfnisse keine Askese, sondern die Vermeidung von schädlichem Ehrgeiz und krankmachender Gier. Der heutige sozioökonomische Anpassungsdruck, der auf die Menschen durch vielerlei Kanäle und Mechanismen ausgeübt wird, macht das Individuum zum Objekt fremder Bedürfnisse. Zu einer Nummer, zu einem Produkt und zu einer Arbeitsmarktware. Der technokratisch-bürokratische Staatsapparat sowie die neoliberale Konsum- und Arbeitswelt zwingen den Bürger, seine Individualität zu negieren, seinen Marktwert zu steigern und sich ‑im Sinne einer höheren ökonomischen Verwertbarkeit- ständig selbst zu optimieren.