Presseblick (30)

Auf bernerzeitung.ch gibt es einen interessanten, philosophisch-soziologischen Artikel über »die Vergottung des Selbst«. Der vermeintliche Individualismus sei »Selbstdesign und spätmoderner Seelenersatz«. Der Ich-Kult, Egoismus und die Selbstliebe seien Ersatzbefriedigung für authentisches Glück geworden. Im Grunde wird hier nichts fundamental neues für fleißige ZG-Leser erzählt (z.B. Massenindividualität), aber dennoch ist der Beitrag gut geschrieben und zusammengefasst: »Der Mensch scheint irreversibel abhängig von den digitalen Selbstverlängerungen und Hilfsorganen seiner Techniken und Medien, seiner medialen Verortung und Selbstdarstellung.«
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Verfestigte Massenerwerbslosigkeit

»Deutschland wird nie wieder aus der Massenerwerbslosigkeit heraus kommen, denn diese ist der Knüppel des Kapitals, um stets die Löhne niedrig halten zu können.«

- Prof. Heinz-Josef Bontrup

Anmerkung: Wann hat Angela Merkel oder ein anderer Politiker, Ökonom oder ein vermeintlicher Arbeitsmarkt-Experte zuletzt davon gesprochen, die Massenerwerbslosigkeit abschaffen zu wollen? Während Gerhard Schröder sich noch daran messen lassen wollte, die Massenarbeitslosigkeit zu reduzieren, spricht heute niemand mehr darüber. Ganz im Gegenteil: Unternehmen und Konzerne bauen stetig weiter Arbeitsplätze ab, um ihren Aktienkurs kurzfristig zu steigern und weil immer mehr Technologien menschliche Arbeitskräfte ersetzen.

Presseblick (29)

Auf faz.net wird im Artikel »Pazifismus – ein Abgesang« gefragt:»Welche Rolle spielen die intellektuellen Restbestände pazifistischer Reinkultur?«. Restbestände. Grabbeltisch. Überflüssiger Ballast. So wird der Pazifismus als eine Form von Blockade-Haltung von vermeintlich Ewiggestrigen abgewertet. Wer für Frieden ist, fördert letztlich den Krieg, so die Unterstellung. Ja, der ist auch für Leid, Zerstörung und Tote verantwortlich: »Ich möchte nicht, dass Menschen sterben für die Reinheit meiner Philosophie, meines Pazifismus« — wird Rupert Neudeck zitiert. Nach dieser Logik haben alle Diktatoren und Tyrannen in der Geschichte der Menschheit ihre Kriege gerechtfertigt. Weiterlesen →

Der perfekte Lohnarbeiter

  1. Macht nur den Mund auf, wenn er etwas gefragt wird oder für das Unternehmen relevante Informationen hat.
  2. Ist gegenüber der Geschäftsführung nicht hinterfragend. Engagiert sich nicht im Betriebsrat und ist kein Gewerkschaftsmitglied.
  3. Verlangt nie eine Gehaltserhöhung und ist stets mit dem zufrieden, was er bekommt.
  4. Berichtet dem Chef zuverlässig und regelmäßig von aufsässigen und kritischen Mitarbeitern.
  5. Macht freiwillig unbezahlte Überstunden und Mehrarbeit.
  6. Sein Selbstbewusstsein hängt von seiner Lohnarbeit ab.
  7. Wird niemals krank, hat keine Kinder, will niemals Nachwuchs und hat auch sonst keinerlei arbeitsfremde Verpflichtungen.
  8. Besucht nach der Arbeit und am Wochenende freiwillig arbeitsrelevante Fortbildungen, Kurse und Seminare, die er komplett alleine bezahlt.
  9. Ist während seines Urlaubs telefonisch und per E‑Mail immer erreichbar.
  10. Benötigt keine Einarbeitung und übernimmt gerne fachfremde Aufgaben.

Presseblick (28)

Kindheit
Im Jahr 2013 wurden von den Behörden in Berlin fast 10.000 Verfahren  wegen Kindeswohlgefährdung eingeleitet, berichtet die Berliner Morgenpost. Bei zwei Drittel der akuten Fälle geht es vor allem um Vernachlässigung. Kinder leiden demnach eben nicht am häufigsten unter Missbrauch (3,9 Prozent), Gewalt oder Drogen (wie es RTL und die Springer-Medien so gerne skandalisieren), sondern schlicht daran, dass sie ständig wegorganisiert und allein gelassen werden. Lohnarbeit, Konsum und Karriere stehen bei den meisten Erwachsenen an erster Stelle. Für die Kinder bleibt dann wenig Zeit. Weiterlesen →

Neusprech: Sozialkompetenz

ZG-Artikel: Neusprech HeuteIn der Wirtschaft definiert sich die soziale Kompetenz über folgende Charaktereigenschaften: Team‑, Konflikt‑, Kommunikations‑, Kompromiss- und Kritikfähigkeit. Die Bereiche der Pädagogik und der Psychologie gehen jedoch weiter und umfassen hierbei auch Empathie, rücksichts- und respektvolles Verhalten, ethische Wertvorstellungen, Solidarität und Toleranz. Die Definition des Schlagwortes ist hierbei schwammig und nicht eindeutig festgelegt, da der Begriff viele gesellschaftliche Bereiche des zwischenmenschlichen Miteinanders umfasst. Weiterlesen →

Kinder in Deutschland; Teil 34: Erwachsen werden

erwachsen_titelErwachsen werden und eine gewisse Reife erlangen, gilt in unserer westlichen Gesellschaft als ein wichtiges und erstrebenswertes Ziel. Erwachsen sein bedeutet in der Regel (euphemistisch ausgedrückt) Verantwortung zu übernehmen, oder konkret: zu lohnarbeiten. Die unbeschwerten Kindheitstage, die voller Spiel, Spaß, Glück und Freude waren, sollen vorbei sein. Es ist keine Zeit mehr für Neugier, Entdeckerfreude, eigenen Ideen und der ureigenen schöpferischen Kreativität. Fortan heißt es, den Lebenssinn im monotonen (Lohn-)Arbeitsalltag zu suchen und stets an den eigenen Kontostand, die Miete, an die Ratenzahlung für das Auto, die Buchung des Urlaubs sowie an ausreichend vorrätige Lebensmittel zu denken. Der Zwang zur Lohnarbeit hat nicht nur eine Selbstentfremdung, sondern auch den Tod der Ideen zur Folge. Weiterlesen →

Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 3)

[In der Kaffeeküche]

Frau Hein: (verärgert) Oh man, schon wieder über 500 Akten sortieren. Dafür habe ich doch nicht fünf Jahre studiert!

Frau Sonntag: Ja, das macht wirklich keinen Spaß. Aber gehört nun mal leider zur Arbeit dazu. Ach, wann fängt eigentlich der neue Praktikant bei uns an?

Frau Hein: Ich glaube, der kommt morgen früh.

Frau Sonntag: Naja, Du kannst das ja dem Praktikanten übertragen. So wird er gleich eingearbeitet. Weiterlesen →

Der tägliche Lohnarbeitswahnsinn (Teil 2)

[Im Büro vom Chef]

Chef: (angespannt) Sie wollten mich sprechen, Frau Lange?

Frau Lange: Ja.

Chef: Gut. Worum geht es? Bitte machen Sie schnell, ich habe gleich noch einen wichtigen Geschäftstermin.

Frau Lange: Die Frau Uhlig erzählt in der Firma Lügen über mich. Sie behauptet, ich würde faul sein, keine Fachkenntnisse haben und Kunden vergraulen. Außerdem sei ich nicht flexibel und belastbar, weil ich eine alleinerziehende Mutter sei. Weiterlesen →

Liebe Erwachsenen...

brief_titel...Ihr seid überzeugt davon, zu wissen, was das Beste für uns ist. Ihr schreibt uns vor, was wir essen, wofür wir uns interessieren und womit wir spielen dürfen. Unternehmen und Wirtschaftsverbände wollen in der Schule Wirtschafts-Unterricht einführen und stellen einseitige Unterrichtsmaterialien zur Verfügung. Kultus- und Bildungsminister bestimmen die Rahmenlehrpläne, Werbe- und Marketingagenturen wollen uns (und unsere Eltern)  dazu bringen, bestimmte Produkte zu kaufen. Disney möchte uns die Welt erklären (den »American Dream« einimpfen) und uns ein Markenbewusstsein beibringen. Natürlich werden wir Kinder bei all dem nicht gefragt. Wir seien ja noch klein, dumm, naiv und unerfahren, also halbfertige Menschen. Weiterlesen →