Indonesien

Feldarbeit in Bali. Indonesien. (pixabay.com)

Viele Menschen in Deutschland sind schnelllebig und geschichtsvergessen. Alles was länger als Zwei Jahre her ist, ist quasi aus dem Bewusstsein und damit aus der Wahrnehmung verschwunden. Wenn man dann noch mit Ereignissen kommt, die vor rund 50 Jahren stattgefunden haben, die weit vom eigenen Alltag entfernt und dann noch am anderen Ende der Welt passiert sind — dann können damit viele Menschen absolut nichts mehr anfangen. Dabei gilt nach wie vor der Satz: wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

In den Jahren 1965 bis 1966 wurden ca. 500.000 bis 2 Millionen Menschen in Indonesien brutal ermordet. Staatlich gelenkte, antikommunistische Propaganda wiegelte die Menschen gegeneinander auf. Zu Tausenden wurden sie gefoltert, in Arbeitslager verschleppt und mit Macheten hingerichtet. Leichen in Massengräbern verscharrt oder in Flüsse geworfen. Die Frontlinien gingen durch alle Familien und Gesellschaftsschichten hindurch. Wie konnte das passieren?

Staatsterrorismus
Indonesien hatte im Jahr 1965, nach China und der Sowjetunion, die drittgrößte kommunistische Partei (PKI) mit rund zwei bis drei Millionen Mitgliedern. Der damalige erste Präsident Indonesiens, Sukarno, führte das Land eher nationalistisch und kommunistisch. Nach einem angeblichen Putschversuch der kommunistischen »Bewegung 30. September«, begann mithilfe von Todesschwadronen und rechten Militärs das Massenmorden an allen linksgerichteten Kräften in Indonesien.

Die genauen Umstände sind bis heute ungeklärt. Der Putschversuch diente jedoch Suharto und seinen Verbündeten als Vorwand, um ein prowestliches Militärregime zu errichten und um die linken Kräfte zu vernichten. Der linke Sukarno wurde vom rechten Suharto abgelöst. Die CIA und der BND sowie viele westliche Regierungen unterstützten und begrüßten die Massaker, um den Kommunismus zu beseitigen. Das gibt selbst die deutsche wikipedia unumwunden zu:

»Die Niederschlagung des Putsches und die Ausschaltung der Kommunistischen Partei wurden in den USA und Großbritannien von offizieller Seite begrüßt, obwohl das Ausmaß der Massaker schon damals allgemein bekannt war.«

Der Kommunismus wurde vom Diktator Suharto in Indonesien weitestgehend ausgerottet. Helmut Kohl war übrigens seinerzeit mit Suharto gut befreundet:

»Die Freundschaft zwischen Kohl und dem korrupten und brutalen Diktator in Jakarta währt bereits seit vielen Jahren. Lange bevor er den Chefsessel im Kanzleramt besetzte, pflegte Kohl gute Beziehungen zu General Suharto, wohlwissend, daß dieser durch ein ungeheuerliches Blutbad an die Macht gekommen war.«

- wsws.org vom 27. Mai 1998

Über die Massaker von 1965 und 1966 darf in Indonesien, unter Strafandrohung, nicht gesprochen werden. Es gibt keine Aufarbeitung und keine Aufklärung. Das Thema wird auch rund 50 Jahre danach politisch weiterhin zensiert und totgeschwiegen. Bis heute ist es verpönt und gefährlich, sich öffentlich für linke und/oder kommunistische Ideen in Indonesien zu engagieren. Gleichzeitig wird der Wunsch vieler Menschen nach Aufarbeitung immer größer:

Selektives Schweigen
Das Ereignis gehört in der westlichen Welt kaum zur Allgemeinbildung. Weder in den Schulen, noch in den Universitäten wird darüber gesprochen. Auch die westlichen Massenmedien thematisieren das kaum. Deshalb gibt es auch nur wenige Medienerzeugnisse über diese unglaublichen Massaker. Der Theater-Dokumentarfilm »The Act of Killing« aus dem Jahr 2012 von Joshua Oppenheimer, beschäftigt sich mit den Tätern der Massenermordungen. Nach viel Lob, aber auch harter Kritik, hat er im Jahr 2014 den Dokumentarfilm »The Look of Silence« nachgeschoben, der diesmal die Opferperspektive thematisiert.

Ein weiterer, eher unbekannter Spielfilm ist »Ein Jahr in der Hölle« (Originaltitel: The Year of Living Dangerously) aus dem Jahr 1982 von Peter Weir. In den Hauptrollen sind hier ein junger Mel Gibson als Journalist und eine junge Sigourney Weaver als britische Botschaftsangestellte zu sehen. Die politischen Ereignisse im Jahr 1965 sowie die westliche, kulturimperialistische Haltung gegenüber Indonesien werden zwar nur am Rande thematisiert, aber dennoch gewährt der Film einen kleinen Einblick in die Ereignisse. Außerdem zeigt er die übliche westliche Ignoranz gegenüber Armut und der damit verbundenen Attraktivität für kommunistische Ideen.

Westliche Regierungen und Geheimdienste haben die zahlreichen Massaker in Indonesien aktiv unterstützt und begrüßt. Laut Niklas Franzen vom »Neuen Deutschland«, hat die CIA die Paramilitärs mit Waffen versorgt, die indonesischen Dienste mit Listen »Verdächtiger« unterstützt und Kommunikationsmittel bereit gestellt. Das Massaker war in ihrem Interesse:

»Sowohl die internationale wie die indonesische bürgerliche Klasse fürchteten eine Politik, die Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu Lasten des Kapitals verringern würde und die die Fragen nach Macht und Eigentum zusammen mit der Nationalisierung der großen Naturreichtümer in den Mittelpunkt stellen würde.«

- Åsa Linderborg. »Aftonbladet«. Stockholm. 27. Oktober 2005. Via AG-Friedensforschung.


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8 Gedanken zu “Indonesien

  1. Und wer da auch nur ansatzweise Analogien zu heute drin sieht, ist natürlich ein Schwurbler erster Güte. Wir hier sind schließlich die Guten, unsere Demokratie™ ist lupenrein, und so etwas würde bei uns niemals, nicht auch nur im Ansatz, stattfinden.

    Krieg ich jetzt ein Eis? *schaut naiv-blöd drein*

  2. Ja, stimmt, das hatte ich ganz vergessen...

    Ich hab noch ein Tüteneis vom Aldi bevor der Strom ausfällt.
    Muss also gegessen werden. ;-)

  3. Hochinteressant, auch mir bisher unbekannt.
    Tiffany hats schon angetextet, hat auch Bezug zu heute, gerade die Zeit ist interessant.
    Was immer man von 68 halten mag (wobei davor gewarnt sei, das verfälschte Bild der politisch Korrekten zu übernehmen), dieser Wutausbruch hatte wohl viel zu tun mit einem Grad an innerwestlicher Verkommenheit, der Vielen nicht mehr zu ertagen war.
    Auch zu erkennen natürlich an den Vorgängen in Vietnam, die übrigens eine ganz ähnlich einseitige Berichterstattung zur Folge hatten, jedenfalls in den ersten Kriegsjahren.
    Viel wichtiger aber ist: Tüteneis vom Discounter ist oft besser als die Marken, nur dreimal billiger....;-)

  4. @Sascha

    Danke für den Hinweis!

    Die westliche Arroganz und kognitive Dissonanz ist ja fast schon ein »Kulturmerkmal«. Alles, was nicht passt wird ausgeblendet oder verklärt.

  5. Wenn ich den Armen Brot gebe,
    nennt ihr mich einen Heiligen,
    wenn ich frage, warum die Armen kein Brot haben,
    schimpft ihr mich einen Kommunisten.

    Aus einm Flugblatt einer Befreiungsbewegung auf den Salomonen, ein anderer Inselstaat, der intensive Erfahrungen mit den westlichen Werten macht.
    »Jakarta« war übrigends ein Kampfbegriff der chilenischen Faschisten, bevor sie putschten. Die Masse mag vergessen, dieTäter haben alle Maßnahmen im Köcher

  6. Wo hier von Kakapo schon die ideologische Verknüpfung von Süd-/Ost-Asien mit Südamerika erwähnt wurde, gibt mir das die Gelegenheit auf Hintergrundartikel (bei den NDS) von Frederico Füllgraf bezüglich Südamerika sowie auf Rainer Werning in puncto Süd-/Ost-Asien und im speziellen zum indonesischen Sachthema dieses Beitrags zu verweisen.

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