Superhelden

Die Kämpfer für das Gute erleben seit einigen Jahren einen weltweiten Boom. Besonders die Marvel‐ und DC‐Superhelden spielen durch die Hollywood‐Blockbuster weltweit Milliarden Dollar ein. Die Massen lieben diese Filme. Warum eigentlich? Es ist eben Krach‐Bumm‐Peng‐Popcorn‐Unterhaltung mit tollen Effekten, so die gängige Argumentation! Ist das wirklich alles? Gibt es womöglich noch andere Gründe? Eine Spurensuche und ein paar Thesen.

Egal ob Iron Man, Spiderman, Thor, Hulk, Batman oder Captain Marvel: jeder Superheld symbolisiert die Privatisierung des demokratischen Rechtsstaates. Justiz, Polizei und die Monopolisierung der Staatsgewalt werden zwar nicht komplett aufgelöst, aber stets als mangelhaft und ungenügend dargestellt.  Die Privatisierung des Rechts beinhaltet eben auch das Recht des Stärkeren: er oder sie allein bestimmt die eigene moralische Integrität. Wer Selbstjustiz im Namen des Guten verübt, muss sich für seine Taten nicht rechtfertigen. Der darf zerstören, kaputt machen, verletzen und auch töten. Mit Ausnahme der »Dark Knight«-Reihe thematisieren die Superhelden‐Filme diese Problematik nur selten direkt, sie werden einfach als naturgegeben hingenommen. In Zeiten der allgemeinen Politikerverdrossenheit, der Wahrheitspresse und der Massenverelendung, scheint Selbstjustiz ein beliebtes, weil einfach gestricktes Motiv bei den Zuschauern zu sein.

Die Diplomatie, als friedliche Konfliktlösungs‐Methode, kommt in der Regel nicht vor (ähnlich wie bei der NATO). Militärische, destruktive und gewaltverherrlichende Lösungen werden bevorzugt. Mag das in einem Superhelden‐Film womöglich noch unterhaltsam oder auch zielführend inszeniert sein, so hinterlassen die »militärischen Lösungen« in Vietnam, Afghanistan, Libyen, Irak und Syrien vor allem nur verbrannte Erde, tausende Tote und unendlich viel Leid. Dennoch gibt es so einige, die tatsächlich glauben, ein echter Superheld -oder auch eine starke Hand‐ wäre eine geeignete Lösung für politische Korruption, Filz, Wirtschaftskriminalität oder Terrorismus.

Eine weitere Erklärung für die Attraktivtät von Superhelden, ist das sog. »Empowerment«. In Zeiten, wo Massenarmut, Ohnmachtsgefühle und die Ansicht verbreitet ist, man könne »ja doch nichts ändern«, nehmen Batman, Spiderman, Iron Man und co. ihr Leben in die Hand und zeigen dem Zuschauer, was (Eigen-)Verantwortung übernehmen bedeutet. Sie haben zwar primär keine politische oder wirtschaftliche Macht, sind aber aktive Gestalter von Gegenwart und Zukunft. Sie haben individuelle Fähigkeiten, stechen aus der Masse heraus und sind etwas besonderes. Ohnmacht wird zu Allmacht. Ich vermute, damit können sich verdammt viele Zuschauer wunderbar identifizieren.

Boulevard‐Journalismus, Experten‐Hörigkeit sowie die ständige binäre Wahrnehmung durch die sozialen Medien, bei denen es nur noch schwarz‐weiß, toll‐schlecht oder gut‐böse zu geben scheint, tragen zu einem infantil‐banalen Weltbild bei, welche die Superhelden‐Filme bedienen und reproduzieren. Die Kern‐Motive von »Game of Thrones« und »Breaking Bad«, dass die Welt grau und differenziert betrachtet werden sollte und fast jeder Dreck am Stecken hat, bleiben in der Unterhaltungsindustrie weiterhin eher die Ausnahme. Denn auch das milliardenschwere »Star‐Wars‐Franchise« inszeniert via Disney eine einfach gestrickte Welt.

Und warum die Unterhaltungs‐ und Spielzeugindustrie so scharf auf Superhelden sind, dürfte auch kaum verwundern. Sie wecken die Macht der Nostalgie bei den Erwachsenen, lassen sich hervorragend in Merchandising‐Artikeln personalisieren und machen weltweit Milliarden‐Umsätze. Gleichzeitig äußern sich Superhelden selten politisch oder religiös. Somit kann Disney die größtmöglichen Zielgruppen abgreifen, ohne unangenehme Diskussionen, Skandälchen oder Shitstorms befürchten zu müssen.


Bildquellen: comics.org, Johnny Craig, Grand Comics Database (GCD), licensed under a Creative Commons Attribution‐ShareAlike 4.0 International License (CC BY‐SA 4.0).

4 Gedanken zu “Superhelden

  1. Der einzige Charakter in diesen Universen, der bei mir überhaupt Sympathien weckt, ist der Punisher. Liegt wahrscheinlich daran, dass Punisher kein Übermensch ist mit übernatürlichen Kräften, sondern »lediglich« ein Kämpfer. Heißt also: Er ist immer nur so gut wie seine Fähigkeiten. Nachlässigkeit kann ihn sein Leben kosten. Es steht nicht von vorn herein fest »er ist der Held der Geschichte, er kann daher nicht sterben oder verletzt werden«.
    Zudem ist er mehr so etwas wie ein Anti‐Held, ein streitbarer Charakter. Ist ein wenig Kontrastprogramm zu den anderen Helden, bei denen die Bewertung ihrer Taten mit »gut« von vorn herein schon fest steht.

    Übrigens, fällt mir noch ein: War es nicht in den 80er Jahren, dass einige bekannte Serien gedreht wurden, die als Kernthema »Leute, die anderen helfen, wo die Justiz es nicht tut« hatten? MacGyver, das A‐Team und Knightrider z. B.?

  2. Wenn man die Quelle dieser ›comics‹ ansieht und das Zielpublikum vor Augen hat wird sofort klar welchem Zweck dieses Genre dient:

    Hier werden Quasi‐Analphabeten — die Abgänger aus US High Schools — auf eine mögliche Karriere (!) in den Streitkräften vorbereitet .... ›es den Superhelden gleich tun‹, und das mit Billigung der Bevölkerung, die überwiegend Soldaten als Problemlöser anerkennt und sich dabei freut nicht selbst gefordert zu sein ....

    Die Produktion der bombastischen Superfilme wie »Star Wars« kostet viel Geld während durch die elektronischen Möglichkeiten diese Superheldenfilme vergleichsweise preiswert und damit profitabler geworden sind.

  3. Also ich liebte die Superheldengeschichten, da Kräften ausgesetzt, denen ich als Kind nicht gewachsen war. Die Comics waren für mich das Tor in eine andere Welt, Flucht in ein Reich, in dem den Hinterbänklern und Schwachen, denen keinerlei Chance zustand, Gerechtigkeit widerfuhr.

    As simple as it is: Ich war eindeutig Zielpublikum. In den Streitkräften bin ich aber nicht gelandet.

    Und das Brechtzitat »Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.« passt ganz gut: Nicht die Comics sind das Problem (und übrigens auch kein Götterglaube), sondern Zustände, die sie heraufbeschwören, um nicht an ihnen zu zerbrechen.

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