Bürgerlicher Neorassisliberalismus

Anfang September 2019 bezeichnete die MDR‐Moderatorin Wiebke Binder, im Zuge der Landtagswahlen in Sachsen, eine mögliche Koalition zwischen CDU und AfD als »bürgerlich«. Es dauerte nicht lange und der Chefredakteur des MDR entschuldigte sich für den vermeintlichen »Versprecher«.

»Der befragte sächsische Politiker Marco Wanderwitz (CDU) hatte Binder in der Sendung geantwortet: Eine Koalition mit der AfD wäre keine bürgerliche Koalition. Wir haben von vornherein gesagt, dass wir mit den Rändern nicht koalieren, nicht zusammenarbeiten, und dabei wird es auch bleiben.«

Das war Anfang September. Und in Sachsen. Nun haben wir Anfang November und die Landtagswahl in Thüringen. Jetzt heißt es:

»Nach der Wahlschlappe in Thüringen beleben 17 CDU‐Funktionäre eine alte Debatte in der Union neu: Wie umgehen mit der AfD? Die Funktionäre appellieren in dem Papier an die eigene Partei, die bisher ablehnende Haltung zu überdenken und ergebnisoffene Gespräche mit der AfD zu führen.«

Es kommt wohl zusammen, was zusammen gehört. Lieber mit den Rassisten, als mit den Sozialisten. Und wen interessiert schon das Geschwätz von gestern? :PFEIF:

9 Gedanken zu “Bürgerlicher Neorassisliberalismus

  1. »bürgerlich«...
    Hm, da will wohl einer die CDU inhaltlich abmildernd beschreiben.
    Immerhin kommt ja ein nicht unerheblicher Teil des Personalkontingents der Blauen aus den Reihen der schwarzen Partei — wenn also die AfD radikal ist und die CDU sich vorstellen könnte, mit ihnen zu verhandeln, dann ist da einer mindestens genauso vom Extremismus befallen und nicht »bürgerlich«.

    Auf der anderen Seite, so böse es auch ist: Leider sind die Blauen nicht verboten, also muss man sich mit ihnen befassen und sie wie eine der anderen Parteien auch behandeln. Immerhin haben mündige Bürger sie bei einer demokratischen Wahl angekreuzt.
    Nur weil einem das Ergebnis der Wahl nicht passt, kann man nicht einfach mal eben die Spielregeln ändern — es sei denn, dann soll man sich nicht bemühen vorzugeben, dass hier Wählerwille entscheidet.

    Noch eine Sache daran ist: Schaue man auf die Qualität. Mit wem hat man es stets konkret zu tun? In deren Reihen sitzen wahrscheinlch nicht ausschließlich Höckes herum. Warum soll man sich mit diesen Vertretern also nicht unterhalten?
    Bei den anderen Parteien sitzen auch genügend Radikale, gemessen an deren Weltbild und deren Leitlinie von Politik, herum. Seltsamerweise gilt hier das Prinzip der Lagerbildung nicht ( = weil der X auf dem Cover zu stehen hat, reden wir mit dem nicht). Man unterhält sich trotzdem mit den Vernünftigen und lässt die Radikalen links/rechts liegen. Warum soll man das nicht auch bei der Partei versuchen können? In der Pfeife rauchen kann man sie alle hinterher immer noch...

  2. Für mich ist die AfD einfach die Partei, deren »Auftrag« es ist, den Sozialstaat endgültig zu beerdigen.
    Da sich »die Deutschen« ja gegenwärtig mit Händen und Füßen gegen die vollständige Privatisierung der Sozialkassen wehren, bringt man diese zur Implosion.
    Einerseits hält man alle »Leistungsträger« schön aus der Finanzierung raus, andererseits holt man zu den eigenen Bedürftigen noch reichlich dazu.
    Auf diese Art kann dann die in Deutschland so beliebte Rassimuskarte gezogen werden.
    »Es würde ja für Alle reichen, wenn nicht die vielen Fremden zu versorgen wären.«
    Steht das System dann kurz vor dem Kollaps, erlässt man rasch ein paar Gesetze a la PKW Maut, die traurigerweise und völlig unvermutet von Brüssel einkassiert werden.
    »Ja, wenn das so ist, dann gibt es eben für niemanden etwas mehr.«

  3. Matrixmann: Was Du da schreibst ist eine rein formale Betrachtung und inhaltlich naiv. So argumentieren auch die Labertassen der Talkshowmoderatoren, wenn sie mit AfD‐Rassisten diskutieren.
    Wenn dere Faschismus wiederkommt, wird er sagen: »Ihr habt unsere Ideologie auf eine Stufe mit dem Kampf gegen unsere Ideologie gestellt. Das war ein genialer Beitrag zu unserer Macht. Herzlichen Dank! Und jetzt bitte dort drüben am Galgen anstellen!«

    Rassisten gab es seit Kriegsende in allen Parteien. Und nicht wenig davon. Mit dem auftreten des Sammelbeckens AfD trat der Rassismus nur von der Latenz in die Evidenz.

    Schon in den 90er Jahren haben wir uns in der Antifa die Frage gestellt: »Gibt es weniger Gründe, einen Parteitag der SPD zu stören, als einen Parteitag der Republikaner?«

    Die LINKE koaliert mit der SPD, diese wiederum mit der CDU/CSU und der FDP und letztlich die CDU mit der AfD. Wo bleibt da der Bruch, die klare Kante gegen das Einsickern faschistoider Inhalte in die Parlamente? Die bürgerlichen Medien sind da (im negativen Sinne) schon weiter und fallen über die skandalträchtigen AfD‐Granden mit Genuss her.

    https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/franziska-schutzbach-ueber-bjoern-hoecke-das-zdf-interview-und-die-afd-a-1287860.html

    https://uebermedien.de/32570/im-wald-mit-bjoern-hoecke/

    https://www.blogrebellen.de/2019/03/11/matussek-nazis-reinhold-beckmann/

    Zu Deinem Ansatz, mit Gemäßigten in der AfD zu reden, eine Kolumne von Wiglaf Droste: »Alle Welt sucht das Gespräch mit Rechtsradikalen. Warum? Haben sie einem etwas zu sagen? Ist nicht hinlänglich bekannt, was sie denken, fordern und propagieren? Wo liegt der beschworene aufklärerische Wert, wenn Henryk Broder in der ›tageszeitung‹ Franz Schönhuber interviewt?

    Muß man an jeder Mülltonne schnuppern? Niemand wählt Nazis oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht, — das Gegenteil ist der Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein wollen. Eine der unangenehmsten deutschen Eigenschaften, das triefende Mitleid mit sich selbst und den eigenen Landsleuten, aber macht aus solchen Irrläufern der Evolution arme Verführte, ihrem Wesen nach gut, nur eben ein bißchen labil etc., »Menschen« jedenfalls, so Heinz Eggert, »um die wir kämpfen müssen«.

    Warum? Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob siehungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: daß man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre
    Zigarettenschachtelwelt passen. Ob man sie dafür einsperrt oder sie dafür auf den Obduktionstisch gelegt werden müssen, ist mir gleich, und wer vom Lager (für andere) träumt, kann gerne selbst hinein.«

    Mit Nazis reden? Manchmal ja. Es kommt nur auf das Setting an:

    https://www.youtube.com/watch?v=ZqWffrxb6Gg

  4. @altautonomer

    Dein Kommentar landete automatisch im Spam‐Filter, weil drei externe Links gesetzt wurden.

    @BerndH60

    »Für mich ist die AfD einfach die Partei, deren »Auftrag« es ist, den Sozialstaat endgültig zu beerdigen.«

    Gut möglich. Nebenbei ist die AfD der perfekte Sündenbock für alles. Dabei ist und war sie noch gar nicht an der Macht.

    Die verfassungswidrigen Gesetze, die Beteiligung und Unterstützung von NATO‐Kriegen, Massenarmut, Mietenwahnsinn und so weiter und so fort, haben wir CDU/CSU/SPD/FDP/GRUENE zu verdanken. Aber darüber spricht keiner mehr. Mission erfolgreich!

  5. @altautonomer
    Ich sehe das nicht als naiv und werde dir auch sagen, warum.
    Das große Problem mit der AfD jetzt ist, es ist nicht ist wie zu Zeiten, als die NPD ihren Einzug in die Landesparlamente in den 2000er Jahren schaffte, als diese bestenfalls zweistellige Ergebnisse erzielen konnte und man sie auf Grund ihrer geringen Stimmkraft geflissen ignorieren konnte, das auch nicht die Findung von Mehrheiten so stark beeinträchtigte.
    Die Wunde liegt seit dem eigentlich schon offen, wahrscheinlich noch weitaus länger, und man hat nichts dagegen unternommen. Nun hat man den Salat.
    Man hat eine Partei, die als Gebilde als auch in ihren einzelnen Mitgliedern offenkundige Tendenzen hat, das bestehende System abschaffen zu wollen und irgendein nebulöses Sonstwas stattdessen zu installieren, welches nicht zum Wohle des gesellschaftlichen Friedens wäre. UND diese verdammte Partei ist immer noch nicht verboten, wird zu Wahlen ganz offiziell zugelassen, fährt auch noch dazu auf Länderebene respektable Quoten ein, die sich mit denen der sogenannten »Volksparteien« messen können.
    Das führt jetzt leider zu der Zwickmühle, dass es immer schwieriger wird, sie so ignorieren wie man das mit der NPD einst gemacht hat, einfach weil sie dafür zu große Quoten einfährt.

    Andere Sache, die sich mir als Außenstehender in der Beobachtung ergibt: Egal, welche Partei du auch anschaust — in den südlichen Gebieten der früheren DDR haben diesen konservativen/ Rechtsschick mittlerweile ALLE Parteien in irgendeiner Weise drin. Es ist nicht bloß die AfD, die das vor sich her treibt und bedient.
    Wie ich das zu sagen pflege: »Ich verstehe nicht, was für ein Kraut die da unten rauchen.«.
    Offensichtlich gibt es da nicht nur ein ausreichendes Kontingent von Protestwählern, sondern auch genug Befürworter dieser rechtskonservativen Art, die Probleme des Landes lösen zu wollen.
    Und das bringt mich wiederum zu der Frage (die ich bisher nicht klären konnte): Warum? Warum meinen die Menschen dort, dass man auf diese Art die Probleme gelöst kriegt und nicht anders? (Immerhin — wie lang hat man jetzt schon unter einer konservativen Administration gelebt und die hat die Lebensumstände auch nicht verbessert, sondern verschlechtert. — Was also erhofft man sich von einem totgerittenen Pferd?)

  6. Weshalb wird so ein Begriff wie »Bürgertum« eigentlich immer nur positiv besetzt? Wenn der Gauland einem Habeck in einer Talkshow vorwirft, er sei nicht mehr bürgerlich, was soll man davon halten? (Der Angegriffene verbat sich das natürlich und warf den Ball zurück).

    Wer einen nüchternen Blick auf so genannte bürgerliche Kreise wirft, dem dürfte doch nicht nur seit dem Aufstieg der AfD aufgefallen sein, dass dort ebenso liberales wie auch autoritäres Gedankengut heimisch ist. Natürlich gibt es grosse Unterschiede aber eint beide Formen des Bürgertums nicht, dass sie im Grunde von den selben ökonomischen Strukturen profitieren — nur mit dem Unterschied, dass die eine Seite Angst schürt und die andere Duftkerzen anzündet?

    Ok, mag ein unfertiger Gedanke sein aber ich lass das jetzt mal so stehen.

  7. Gauland?
    bereits tote Biomasse, die das 13te Jh zum 2.0 erklärt
    und halt eine Masse von Trotteln findet, die noch dümmer sind.

    Und meistens sind diese « Potentaten « nur ein Produkt aus
    Kybernetik, Cambridge Analytica, und gezieltem Investment, zb Putin.

    Make EUROPA SO SMALL AND SO DÄMLICH AGAIN!

  8. Es wächst doch nur zusammen, was zusammen gehört. Und was das rechte, liberale und linke bürgerliche Lager eint: die Ressentiments gegen die bildungsferne Unterschicht (aka Arbeiterklasse). Klassismus gehört auch bei (links)liberalen Akademikern zum guten Ton.

  9. @Musil ... und auch linke Bürgerliche werden dann auch schnell (oder schrittweise) zu rechten. Es sei zu vermuten, dass vor allem die »Grauzone« zwischen beiden »Lagern« grösser wird.

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