Ökonomische Herrschaftssprache

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Alle Begriffe stammen aus dem Artikel „Im Labyrinth des Kapitals“ von Cedric Durand aus der linken Monatszeitung „Le Monde Diplomatique“, Ausgabe Februar 2017. Ist Denken, Handeln und Analysieren in nicht-ökonomischen Maßstäben und Kriterien eigentlich noch möglich? Wenn Linke die Sprache der Neoliberalen sprechen, welche echten Alternativen sind dann überhaupt noch denkbar? Oder um es mit Marcuse zu sagen: „Der Bruch mit dem herrschenden Konformismus lässt sich nicht in einer konformistischen Sprache formulieren.“ (Herbert Marcuse. „Spuren der Befreiung“. Hermann Luchterhand Verlag. 1981. S. 14)

10 Gedanken zu “Ökonomische Herrschaftssprache

  1. Moin,
    Altauto ich schmeiß mich weg, sehr, sehr geil.
    F: Wo ist den der Facility Manager? A: Im Keller saufen.
    Mensch, wir könne ja denglisch, endlich sind wir wieder wer!!

  2. Marcuse, ja, Marcuse, er ist noch immer im Recht, was für ihn und gegen uns spricht. Auch hinsichtlich der Sprache ist der Expansionscharakter des neoliberalen Jargons atemberaubend. Die Sprache ist ja gemeinhin kein Thema, sie ist nur Werkzeug. Nun verdankt die Welt einem anderen deutschen Philosophen die Einsicht, dass die Sprache das Haus des Seins ist (alle Welt dankt es ihm außer die Deutschen natürlich). Andere Sprachgewächse erschwachen im Schatten dieser gegen die Sonne drängenden Riesensprache. Reste aus Samen und Korn bleiben ohne Spross liegen. Vielleicht holen spätere Lichtstrahlen sie wieder zum Leben. Alle wohl nie mehr.
    Nichts ist besonders klar. Hat man vorher in einer kleineren Welt mit weniger Einzelelementen gelebt, sodass die neoliberale Sprachflüssigkeit erschließend in neue und detailliertere Seinsmodalitäten ausfloss? Oder floss sie über eine ähnlich große und detaillierte Welt einfach drüber und färbte alles neu ein? Oder beides? Welche Farben blieben gar gleich? Grobheit, Härte, nichtumsichtig und ausblendend pflughaftes Streben, Raffgier, Anhäufungslust, Herrschsucht, Freude am Leid anderer, Täuschung, Fremdverwertung, psychische Homöostase bei Überlegenheitsgefühlen gab es doch vorher auch schon. Vielleicht mehr neben anderem, vermutlich war es in der Nachkriegszeit gelungen durch materielle Sicherungssysteme all dem ein Gegenteil entgegen zu bauen, welches zuletzt wieder zurückgebaut wurde unter Anpeitschung all des anderen. Wenn die Wildheit grassiert, werden die Nationen reich, ist das Motto. Um die Sprache steht es wahrlich schlecht. Nicht wenige fühlen sich heute in der Sprache eingeengt. Wie ein zu enges Gewand liegt sie nicht auf einem, aber man liegt in ihr. Wie beim Gedanken an den Tod spürt allerorten dumpfes und Zähes Hängenbleiben, nicht erschließen können, nicht versprachlichen können, als hinge man an einem Gummiband, das einen um so mehr zurück zieht, je mehr man davon ziehen will. Es stellt sich kein Wort ein, Bedeutungen ziehen wie Schwaden vorüber und kommen nicht zu Ruhe und Festigkeit, ein seichtes Konnotationenmeer öffnet sich breit und tief, ohne Kontur und Gestalt. Dagegen jederzeit Licht und Schatten der neoliberalen Jargonfestung. Schnell, eindeutig, adrett, euphorisch mit prägnanten Bedeutungsketten wird gesprochen. Die ganze Welt scheint in einer kleinen effizienten Sprache aufhebbar zu sein. Alles kann angesprochen werden. Die Alternative, was soll sie dann sein, wenn die Sprache ganz fehlt?

  3. Vielleicht sollte man den Begriff »Arbeit« ebenfalls in die Liste aufnehmen. »Arbeit« taucht im Text von Durand nur als zusammengesetztes Wort auf. Wahrscheinlich wird das Wissen um die Bedeutung vorausgesetzt. Für mich zählt der heutige Gebrauch zur Herrschaftssprache. Gruppe Krisis hat den Gedanken kurz und knapp zusammengefasst (Zitat):

    »… Nicht nur faktisch, sondern auch begrifflich läßt sich die Identität von Arbeit und Unmündigkeit nachweisen. Noch vor wenigen Jahrhunderten war der Zusammenhang zwischen Arbeit und sozialem Zwang den Menschen durchaus bewußt. In den meisten europäischen Sprachen bezieht sich der Begriff „Arbeit“ ursprünglich nur auf die Tätigkeit des unmündigen Menschen, des Abhängigen, des Knechts oder des Sklaven. Im germanischen Sprachraum bezeichnet das Wort die Schufterei eines verwaisten und daher in Leibeigenschaft geratenen Kindes. „Laborare“ bedeutete im Lateinischen so viel wie „Schwanken unter einer schweren Last“ und meint allgemein gefaßt das Leiden und die Schinderei des Sklaven. Die romanischen Wörter „travail“, „trabajo“ etc. leiten sich von dem lateinischen „tripalium“ ab, einer Art Joch, das zur Folter und Bestrafung von Sklaven und anderen Unfreien eingesetzt wurde. In der deutschen Redeweise vom „Joch der Arbeit“ klingt noch eine Ahnung davon nach.

    „Arbeit“ ist also auch dem Wortstamm nach kein Synonym für selbstbestimmte menschliche Tätigkeit, sondern verweist auf ein unglückliches soziales Schicksal. Es ist die Tätigkeit derjenigen, die ihre Freiheit verloren haben. Die Ausdehnung der Arbeit auf alle Gesellschaftsmitglieder ist daher nichts als die Verallgemeinerung von knechtischer Abhängigkeit und die moderne Anbetung der Arbeit bloß die quasi-religiöse Überhöhung dieses Zustandes.

    Dieser Zusammenhang konnte erfolgreich verdrängt und die soziale Zumutung verinnerlicht werden, weil die Verallgemeinerung der Arbeit mit ihrer „Versachlichung“ durch das moderne warenproduzierende System einherging: Die meisten Menschen stehen nicht mehr unter der Knute eines persönlichen Herrn. Die soziale Abhängigkeit ist zu einem abstrakten Systemzusammenhang geworden – und gerade dadurch total. Sie ist überall spürbar und gerade deshalb kaum zu fassen. Wo jeder zum Knecht geworden ist, ist jeder auch gleichzeitig Herr – als sein eigener Sklavenhändler und Aufseher. Und alle gehorchen dem unsichtbaren Systemgötzen, dem „Großen Bruder“ der Kapitalverwertung, der sie unter das „tripalium“ geschickt hat…«
    Quelle: http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit/

  4. @Carlo, der Begriff der Arbeit ist schon ein wenig „transzendenter“. Er fügt sich nicht in die Liste. „Arbeit“ als Begriff im Alltag ist genauso „adelnd“ wie „ärgerlich“. Twilight-Zone. (Mit dem Verb verhält es sich ähnlich). Mit dem „Arbeiter“ ist es da schon anders. Der Begriff ist verpönt. Er erinnert zu sehr an Schweiß und Mühe; er fällt mit der Tür ins Haus. Ist nun wirklich zu „grob“. So was duldet kein TV-Moderator in seiner Sprache und kein Journalist in seinen Text.

  5. P. S. Kleine Ergänzung (Vermutung): Der Begriff „Arbeiter“ wird wohl deshalb vermieden, weil er alles andere als „abstrakt“ ist, sondern einen wirklichkeitsnahen Bezug zu „sich abmühenden“ Individuen herstellt.

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