Erwartungshaltung

ErwartungPassiv sein. Abwarten. Sitzen. Fordern. Kaum etwas ist so energieraubend, wie Menschen, die nicht sagen können (oder wollen), was sie wirklich möchten. Die auf das Glück und ihr Leben warten, statt es anzupacken. Gleichzeitig sind sie aber sofort mit Vorwürfen zur Stelle, wenn man nicht das sagt oder macht, was sie sich von einem erhoffen. Selbst bei einer direkten (Nach-)Frage wird häufig nicht mit der Sprache rausgerückt. Dennoch wird gejammert, gemosert und genörgelt, ohne einen ehrlichen Willen dahinter, den Status Quo zu verlassen oder seinen Horizont zu erweitern.

Ständig und überall wird etwas von uns erwartet und gefordert. In der Schule sollen wir still sitzen, alle Regeln befolgen und Hausaufgaben machen. Auf der Lohnarbeit sollen wir -am besten ohne krank zu werden‐ reibungslos und ohne große Widerrede funktionieren. Manche Freunde und Familienangehörige wünschen regelmäßige -und in bestimmten Zeitabständen‐ Anrufe, Nachrichten (sms, E‐Mail, Whats App etc.), Nachfragen zu bestimmten Themen oder privaten Lebensbereichen, kleine und große Aufmerksamkeiten und was weiß ich noch alles. Spätestens beim Geburtstag, Hochzeitstag, Weihnachten, Mutter‐, Vater‐ und Weltkindertag, Valentinstag und Neujahr habe man sich zu melden und die 08/15‐Textbausteine sowie die Phrasenschweine voller Inbrunst aufzusagen. Wer sich hier nachlässig verhält oder gar einen kleinen Widerstand proben will, wird mit Vorwürfen traktiert, darf Konfliktgespräche führen oder wird sozial ausgegrenzt. Also gehen wir den Weg des geringsten Wderstandes und machen alles mit.

»Gutes Benehmen liegt im Verbergen dessen, wie viel wir von uns selbst und wie wenig wir von anderen halten.«

- Mark Twain

Störfall Selbstbestimmung
Auf der einen Seite ist heute alles und jeder total individuell, auf der anderen Seite wird der Rahmen, in welchem man sich beruflich und privat bewegen und entfalten darf, immer enger. Man habe, man solle, man müsse doch, das sagen, jenes entscheiden und dieses Verhalten an den Tag legen. Und zwar nicht nur an bestimmten Tagen oder bei besonderen Gelegenheiten, sondern eigentlich immer. Es gehört sich einfach so!  Kulturell und sozioökonomisch gewachsene Traditionen sind schon lange keine groben sozialen Richtlinien mehr, sondern Zwangsgebote unter ständiger Androhung sozialer Ausgrenzung. Dabei geht es mir nicht um gutes Benehmen oder Manieren, sondern um geforderte Verhaltensnormen in fast jedem sozialen Raum.

Nicht nur die Presse und die Parteien sind zunehmend gleichgeschaltet, sondern auch unsere Vorstellungen von Liebe, Kommunikation, Familienharmonie, Freundschaften, Karriere und der Wohnungseinrichtung. Gäbe es vielfach echte Individualität, wäre die gesamte Marketing‐Branche mit ihren Zielgruppen‐Analysen heillos überfordert. Auch die Massenproduktion ist darauf angewiesen, dass die Konsumenten sehr ähnliche Bedürfnisse haben. Die Pflicht zur Konformität durchzieht sämtliche Lebensbereiche. Stets sollen wir allen gestellten Anforderungen an uns gerecht werden. Lächeln. Gut drauf sein. Optimistisch in die Zukunft blicken.

Zwangsharmonie
Mir waren diese erzwungenen Verhaltensnormen -gerade innerhalb der Familie‐ schon immer ein Graus. Hier wird viel zu häufig Harmonie geheuchelt und inszeniert, die gar nicht vorhanden ist. Wenn mir Menschen wichtig sind und ich mich gerne mit ihnen unterhalte, dann melde ich mich auch und es wird sich verabredet. Ganz ungezwungen. Frei von Konventionen. Ohne die Fessel der Erwartung.

Bedeutend ist doch beispielsweise nicht, ob mir jemand einmal im Jahr »Happy Birthday« sagt, sondern wie derjenige generell zu mir und meinem Leben steht (und ich zu ihm/ihr). Ob er hilfsbereit und da ist, wenn ich ihn brauche. Ob er/sie mir zuhören, aber mich auch angemessen kritisieren kann. Ob gegenseitiger Respekt vorhanden ist. Ich habe noch nie verstanden, weshalb man den nichtssagenden Plastik‐Bingo‐Phrasen, zu allerlei vermeintlich wichtigen Tagen im Jahr, soviel Gewicht verleiht.

10 Gedanken zu “Erwartungshaltung

  1. Kleine Anmerkung wäre da noch zu machen: Und wenn die Leute versuchen, individuell zu sein, dann nur in der überlieferten amerikanischen Version — sich arrogant, asozial und wie ein Arschloch aufzuführen.

  2. Im September kommt ein neuer Roman von Tommy Jaud (»Vollidiot«, »Resturlaub«) auf den Markt.
    Es heißt »Einen Scheiß muss ich!« Das Manifest gegen das schlechte Gewissen. Einen Scheiß muss ich ist kein Plädoyer für wurstigen Egoismus, sondern ein irrwitziger Befreiungsschlag gegen Bevormundung, Leistungswahn und Gemüseterrorismus. Nach Worten des Autors nichts für Triathleten, Veganer und Feministen.

  3. Wie so oft weitestgehende Zustimmung. Bis auf die die »Erwartungshaltung«, dass sich so genannte »Freunde« dann wenigstens ab und an mal bei einem melden könnten. :P Ich hab es jedenfalls in vielen persönlichen »Einzelfällen« (vorwiegend mail‐Kontakte) nicht wirklich als durchdachten »Widerstand« jener (die sonst vorwiegend ironischerweise genau eine generelle »Funktionalität« von allem und jedem forderten) aufgefasst, dass sie sich wochen‐ oder gar monatelang nicht gemeldet haben und nicht mal oberflächliches, rein persönliches blabla drin war — von tiefgehenderen Themen wie Politik ganz zu schweigen... Wenn jemand das simple Interesse am anderen als »Arbeit« betrachtet, stimmt wohl etwas generell nicht in dieser Beziehung... Ob nun Faulheit oder Desinteresse — macht da keinen Unterschied!

    Die Kommunikation verlief irgendwann immer ziemlich einseitig. So wurde die Unnachgiebigkeit, zumindest als »Gegenleistung« zu flacheren Themen auch einen Teil der Gedanken für Grundlegendes einzufordern immer wieder mit Ignoranz bestraft. Selbst mit Fotos von Katzenbabys war da dann nix mehr zu machen...

  4. ....ja..treffend.....wenn mir jemand sagt...»Dummusst »das oder dies«.....antworte ich immer nur:...ich muss nur sterben....

  5. Lies einfach den Anfang von American Psycho, bevor die Story wirklich losgeht. Ca. 150 Seiten. Dann weißt Du auch wieso.
    Korrektur: Du weißt sogar das »Warum?« und »Weshalb?«.

  6. @Eike

    American Psycho ist sowieso eine geniale Farce auf die bedingungslose Wichtigkeit der Oberfläche.

    zum Artikel: Es gibt auch Leute , die sich sehr schwer damit tun , zu sagen , was sie wollen , weil sie es so lernen mußten , bei Zuwiederhandlung erfolgte innerfamiliäre Bestrafung. Das legt niemand so einfach ab , allerdings sind das dann nicht die Leute , die Forderungen stellen an andere, die leiden eher still vor sich hin.

    Das mit den Forderungen ist fast schon eine Volksseuche , an jeder verpissten Bushaltestelle steht so einer rum , leidet selber unter den Verhältnissen , aber denkt gar nicht daran , mal irgendeinen Versuch der Gegenwehr zu starten.
    Nein , er geht lieber Leuten auf den Sack , die aus der Bevölkerung stammen wie er selber und erwartet von denen , daß sie es irgendwie für ihn richten , wie das dann auch immer aussehen soll.
    Natürlich fällt er dir auch sofort in den Rücken , wenn er einen Vorteil darin sieht , Solidarität? Pustekuchen.

  7. @Dennis82

    Völlig richtig. Ein Mindestmaß an gegenseitiger »Kontaktfreude« sollte bei guten Freunden schon vorhanden sein. Nur sollte man hier eben auch ein wenig entspannter, toleranter und nicht so kleingeistig sein. Ich kenne beispielsweise jemanden, der nach dem Prinzip verfährt: »Ich habe mich jetzt einmal gemeldet, jetzt ist der Andere wieder dran.« So etwas finde ich kleinlich und kindisch. Auf die Quantität sollte es nicht ankommen, sondern auf die Qualität.

    @Eike

    American Psycho habe ich verpasst. Muss ich wohl nachholen.

  8. @epikur: Nunja, »kleingeistig«... :P Kommt halt auf den Zeitraum an, der dazwischen liegt; die Reihenfolge ist da eher wurscht... Und auch auf den Inhalt — wenn auf wirklich Bedeutsames (also nicht die letzten Katzenbabyfotos) auch wochenlang nix kommt, weiß man schon, woran man ist. Dass ist aber übrigens auch der Grund, warum ich die indirekte Kommunikation, vorwiegend per e‐mail so schätze: sie ist (indirekt) ehrlich — man kann man an der Zeit ganz gut erkennen, was man dem anderen »wert« ist bzw. welche Priorität man hat...

    Seh’s positiv — du bist anderen wichtig, jemand denkt an dich. Wenn du nach und nach immer weniger Resonanz erfährst: ist auch nicht wirklich so prall...! Ich persönlich hab es im Grunde noch nie erlebt, dass sich jemand in der Hinsicht von meiner Seite mal vernachlässigt gefühlt hat. Diesen »Luxus« kenne ich also quasi gar nicht... ;)

    Qualität geht natürlich vor Quantität. Aber in diesen Zeiten muss man in Sachen Qualität ja leider auch schon arge Abstriche machen... :(

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