Werbung – die Geißel der Menschheit

werbung_titelOb wir mit Bus und Bahn fahren, in die Schule, zur Universität oder zur Lohnarbeit gehen, den Fernseher einschalten, eine Zeitung lesen oder im Internet surfen – wir können der Werbung kaum entkommen. Aus allen Poren und Kanälen trommelt und tröpfelt die »kommerzielle Propaganda« (Aldous Huxley) auf uns ein. Sie will nicht nur unsere Aufmerksamkeit erringen und uns dazu animieren, die entsprechenden Produkte und Dienstleistungen zu kaufen, sie will uns vor allem auch konstruierte Bedürfnisse einimpfen. Hirn und Herz sollen auf Linie, der Mensch als Ganzes auf Konsum getrimmt werden. Denn nur die Befriedigung des Kaufens verspreche Glück, Zufriedenheit und Sinnerfüllung. Dieses, durch endlose Wiederholungen gepredigtes, subtiles Dogma, verdeutlicht, dass Reklame eben nicht nur harmlose Zerstreuung ist, sondern religiös anmutende, ideologische Propaganda im Dienste von partikularen Renditeinteressen.

Aneignung aller Lebenswelten
Das hervorstechendste Merkmal von Werbung, und ich spreche hier ausschließlich von kommerzieller Werbung, ist primär ihre Penetranz. Überall drängt sie sich ungefragt auf, stresst, nervt und verblödet, vergiftet ureigene Gedanken und Gefühle, manipuliert, verführt und verdrängt die erholsame und regenerierende Stille. Ein Grund, warum ich seit Jahren das TV‐Gerät auslasse, ist, weil mir die Reklame so gehörig auf den Sack gegangen ist. Auch wegzappen ist oftmals keine Alternative mehr, da die Werbung auch mitten im Film aufploppt oder wie bei den Pro7‐Raab‐Shows (Turmspringen, Autoball etc.) gleich die komplette Sendung nur aus Anzeigen besteht. Deshalb wird während der Sendung oben links auch »Dauerwerbesendung« eingeblendet. Eine Mitteilung für den Zuschauer, welche die Produzenten der Shows vermutlich nicht freiwillig ausstrahlen wollen.

Manche werden einwenden wollen, dass Werbung doch eine Kunstform sei, einige Regisseure hätten als Werbefilmer angefangen, Werbeclips würden Preise erhalten und einige Werbeproduzenten seien doch besonders kreative Geister. Das mag in seltenen Fällen so sein, meistens ist sie jedoch für das eigene Denken und Leben völlig entbehrlich und überflüssig. Werbung enthält in der Regel weder authentische Informationen (dazu gehören eben auch die Nachteile eines Produktes), noch erweitert sie den eigenen Horizont. In der Regel handelt es sich um hirnerweichende Jubel‐Propaganda, die sich in mein Gehirn fressen und mich manipulieren will. Auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel, wie beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit mancher sozialer Organisationen. Aber ganz ehrlich, wenn von heute auf morgen sämtliche Werbung auf allen Kanälen und im öffentlichen Raum komplett verschwinden würde, wer würde sie, mit Ausnahme von Unternehmen, Banken und Konzernen, denn ernsthaft vermissen?

Werbung

Selbstentfremdete Sandgesichter
vertröpfeln
spektakulär
geschwätziges
Nichtdenken

Samtweiche Bedürfnisblender
verspritzen
zartschmelzende
Hoffnungsbruchstücke

Geschminkte Belanglosigkeit
frisiert
das Scheinsein
lauwarmer
Emotionen

- by epikur

PR‐ und Marketing‐Strategen denken sich derweil immer neue und raffiniertere Methoden aus, um ihre Botschaften unter das Volk zu bringen, Schleichwerbung zu betreiben und um »Bedarf« nach entsprechenden Produkten und Dienstleistungen zu erzeugen. Die traditionelle Werbung hat sich erfolgreich einen schlechten Ruf erarbeitet, es wird, wenn möglich weggezappt, ausgeschaltet oder der Adblocker verwendet. Also werden beispielsweise redaktionelle Beiträge verfasst, sogenannte »Advertorials«, die quasi wie ein U‐Boot Werbebotschaften transportieren sollen. Es werden Blogbeiträge gekauft oder in Auftrag gegeben, Verlinkungen entlohnt (Amazon), PR‐Soldaten verfassen User‐Kommentare (Spiegel‐Online‐Forum) oder es wird mit Datenfishing personalisierte Werbung geschaltet (Facebook). In den Köpfen der Werbeindustrie soll und darf es keinen werbefreien Lebensraum (mehr) geben. Die Werbung ist somit, als elementarer Grundpfeiler des Kapitalismus, von Grund auf ein totalitäres und anti‐emanzipatorisches Instrument.

Die Hand, die mich verfüttert
Während man in der Öffentlichkeit nur wenig gegen Werbung machen kann, gibt es für das Internet diverse Tools um sie auszublenden. Allen voran die Firefox‐Addons Adblock (weltweit rund 19 Millionen Nutzer) und Noscript. Da sich jedoch gerade viele Internet‐Seiten durch Werbung finanzieren, sind diese Tools vielen Betreibern ein Dorn im Auge. Wer sich heutzutage jedoch noch traut, ohne diese Tools zu surfen, muss schon masochistisch veranlagt sein, denn was manche Seiten an aggressiver und nervtötender Werbung auffahren, grenzt schon an vorsätzlicher Körperverletzung. Eine interessante Diskussion hierzu gibt es auf dem Spielemagazin 4players.de (bisher über 950 Kommentare). Die Redaktion schreibt:

»Daher bitten wir dich, deinen AdBlocker für 4Players.de auszuschalten oder unser werbefreies Angebot 4Players pur! zu nutzen, das wir gerade erweitert haben.«

Hier zeigt sich exemplarisch sehr schön die finanzielle Knechtschaft der Redaktionen und Verlage von der Werbeindustrie sowie die Abhängigkeit und Verzweiflung, welche die Redaktionen dazu nötigt, den User erst mit penetranter Werbung den letzten Nerv zu rauben, dann die Leser bittet sich nicht mehr davor zu schützen (weil sie die Einnahmen so dringend benötigen), und anschließend für werbefreies Lesen Geld verlangen wollen. Oder anders ausgedrückt: erst rotze ich gewinnbringend meinen Mitmenschen ins Gesicht und dann verlange ich für das Sauber machen auch noch Kohle. Dreister geht’s kaum noch. Ohne penetrantes piepen, tröten und blinken gäbe es auch keinen Adblocker. So rum wird ein Schuh draus, liebe Redakteure! Würde es einen Adblocker für alle anderen Lebensräume geben, würde auch davon rege Gebrauch gemacht werden, da bin ich mir sicher. Im schlimmsten Fall überlegt man sich eben alternative Finanzierungsmodelle, überzeugt durch Qualität oder stampft das Magazin eben ein. In Deutschland gibt es sowieso schon viel zu viele Medienerzeugnisse, die fast alle hauptsächlich von PR‐Portalen oder Nachrichtenagenturen ab‐ und umschreiben.

Macht durch Bedürfniserzeugung
Eine generelle Kritik am System der Werbung findet kaum statt, denn das käme einer Kapitalismuskritik gleich und diese wiederum unterliegt im öffentlichen Raum einem strengen Denkverbot. Es wird höchstens über einzelne Ausprägungen von vermeintlich unethischen oder nicht angebrachten Werbeformaten diskutiert, wie beispielsweise über die Red Bull‐Werbeveranstaltungen, bei denen bisher acht Menschen tödlich verunglückt sind.  Kein Wunder, schließlich finanzieren Werbung, also Unternehmen, den Großteil der gesamten Medienlandschaft (Printmedien, Radiosender, TV‐Kanäle, Internet‐Portale etc.). Und wer kritisiert schon gerne seine Geldgeber?

Über Sponsoring, Spenden, PR‐ und Marketing‐Methoden wird weiterer Einfluss auf Projekte, (Groß-)Veranstaltungen und  Unternehmen ausgeübt. Ein Aspekt, den ich bereits in einem Beitrag vom Oktober 2013 als einen »modernen Kontrollmechanismus« bezeichnet habe und der mir viel zu selten thematisiert wird. Den Geldgebern geht es doch nicht nur darum, dass ihr Name bzw. ihr Produkt irgendwo dran klebt, sondern sie wollen Einfluss ausüben, mitentscheiden, gestalten, lenken und steuern. Manchmal direkt, indem Werbegelder an Bedingungen geknüpft werden, aber häufiger noch eher subtil, in Form von Selbstzensur und Gefälligkeitshandeln. Denn Ökonomische Abhängigkeiten bringen am Ende jeden auf Kurs. Die kommerzielle Propaganda bestimmt, biegt und bricht das individuelle Massenbewusstsein.

5 Gedanken zu “Werbung – die Geißel der Menschheit

  1. Der Kapitalismus frisst seine Kinder. Damit Werbung noch auffällt muss sie größer, bunter und aggressiver sein. Als Resultat geht es von wahrnehmen zu stören. In dieser Phase sind wir gerade.

  2. Nicht vergessen solltest Du bei Deiner trefflichen Beschreibung den Rückzug des Staates aus der Kulturförderung, welche an »Sponsoren« übergeben wurde. Dadurch wurde Werbung zur allgegenwärtigen Notwendigkeit.
    In was für einer Gesellschaft leben wir, in der die ästhetischen Bedürfnisse der Menschen der Wirtschaft überlassen wird!

  3. Vortrefflich geschrieben!
    Craving gibt es beim Alkoholismus als Beschreibung dafür, wenn der Alkoholiker eine für ihn zu lange Zeit keinen Alkohol mehr bekommen hat. Ihn dürstet es dann mehr als sonst, es zieht in ihm davon, es umkranzt seine Aufmerksamkeit und drängt sie auf den Alkohol.
    Dieses Phänomen kann man auch an der Werbung ersehen. Nicht derart stark, aber immerhin. Wer einen Werbefreien Zeitraum sucht, wird Entzugserscheinungen wahrnehmen können. Wenn er es genau nimmt. Natürlich ist er vordergründig froh darüber, endlich einmal werbefrei zu existieren, aber hintergründig ziehen noch eine Weile Bedürfnischwaden durch die Präsenz. Und eine gewisse Angst, vielleicht eine Brise aus der Ecke, wo groß steht, dass man den Anschluß an die Welt verliert. Natürlich spielt sich das ganze nicht auf der Almhütte ab, die man am Samstag aufsucht und am Sonntag verläßt. Nun, vielleicht ein bisschen.
    Die Geringschätzung von Ruhe und Reizlosigkeit wurzelt tief in unserer Kultur. Wir sind eine dahinter oder darüber hinweg schauende Kultur. Das was so ist, ist zu wenig. Darüber sieht man sogleich hinweg auf anderes, auf etwas Dahinteres, auf etwas Neues. Das was so ist, ist zu wenig. Dieser Kerncode unserer Kultur trägt weithin die Sinnhaftigkeit von Werbung. Das Neue der Index für die Werbung. Man braucht etwas neues, dann das was so ist, ist zu wenig.
    Daneben eine Reihe von übbaren Verhaltensformen. Paradigmatisch natürlich behaviorale Skripte, die der Kapitalismus dauernd abverlangt: Zielerreichungssequenzen. Man setzt sich ein Ziel, arbeitet darauf hin und erreicht es. Alsdann kann man das nächste Ziel ansetzen. Werbung liefert dauernd solche Ziele. Der Blick des Denkens wird so erblindet, zumindest aber ergraut er. Denn wenn Denken immer nur banale a‐b‐c Sequenzen durchübt, wird es tiefengrammtisch debil. Der heutige Mensch sucht daher wir die Kuh auf der Wieser nach Gras immerzu nach einem Ziel. Einen großen Teil der Suche fängt die Werbung ab. Der Kapitalismus heutzutage suggeriert generell, dass das Endziel der Existenz in debilen a‐b‐c Sequenzen liegt. Kümmere dich nicht um größeres! Suche dir ein Ziel, welches du auch erreichen kannst, so tönt es heute eintönig in der Psychoszene. Dann wirst du glücklich. Hast du ein Ziel erreicht, wird ein Hormon ausgeschüttet und du fühlst dich glücklich. Die Perversion menschlichen Existierens ist in solchen Ratschlägen zweifellos hoch getrieben worden. Aber ich habe kein Ziel? Schau doch mal in die Werbung! Wenn dir was gefällt, dann sag dir, so, jetzt tue ich einmal möglichst alles, damit ich das Gesehene bekomme.

  4. @flavo

    Die Geringschätzung von Ruhe und Reizlosigkeit wurzelt tief in unserer Kultur. [...] Der Kapitalismus heutzutage suggeriert generell, dass das Endziel der Existenz in debilen a‐b‐c Sequenzen liegt. Kümmere dich nicht um größeres! Suche dir ein Ziel, welches du auch erreichen kannst, so tönt es heute eintönig in der Psychoszene.

    Wie wahr!

  5. Mit der Intelligenz der Menschen scheint es nicht soweit herzusein,
    wenn sie sich von der Werbeindustrie ständig Sachen aufschwätzen lassen,die sie nicht brauchen.
    Nebenbei werden die immer knapper werdenden Ressourcen
    in Müll umgewandelt.
    Jede Prostituierte hat mehr Anstand als die Leute,die Dinge
    anpreisen(Chemikalien,Glücksspiel,Alkohol u.s.w.)die eigentlich verboten gehörten.Hauptsache der Profit stimmt.Wie man so seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.

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