Digitale Premiumexistenzen

social_titelNachdem ich mich bereits ausführlich über die sogenannte »Shitstorm‐Bewegung« ausgelassen, sowie die These aufgestellt habe, das Social Web bedeute eben nicht zwingend ein mehr an qualitativer Kommunikation und Vernetzung, sondern sei vor allem eine Plattform zur Selbstinszenierung und Selbstbestätigung (gebt mir Likes!) – so möchte ich mich heute mit den Inhalten auseinandersetzen. Also  damit, was die Facebook‐Jünger so gerne tausendfach teilen. Und was sie komplett ignorieren.

Kurze und provokante Zeilen, moralisierende und emotionale Video‐Clips, markante Sprüche und lustige Bilder – damit entlockt man den Klickwütigen ein »gefällt mir«. Wer zum Nachdenken anregen will, ausführliche Texte schreibt oder gar Facebookianer kritisiert, der erntet in der Regel Ignoranz. Schließlich muss die Timeline schnell und zügig abgearbeitet werden. Da bleibt keine Zeit fürs differenzierte Nach‐ oder Mitdenken, nur für RTL‐ (1.392.437 Likes) und BILD‐ (1.604.285 Likes) Niveau.

Immer öfter erlebe ich via Facebook wie Beiträge von heftig.co (1.212.479 Likes) geteilt werden. Die Homepage schreibt in ihrem Subtext: »Dinge die wichtig sind. Erzähl sie weiter!«. Wichtig sollen hier beispielsweise das Bedienen schwülstiger Emotionen, (tier-)moralisierendes Geschwafel und sinnentleerter Boulevard sein. Die perfekte Ablenkungs‐ und Klickmaschinerie, die jedoch auf enormen Zuspruch stößt. Die Verführung zum Klicken und Teilen scheint denkbar einfach zu sein: »Dieses kleine Mädchen hat ungeahnte Kräfte und macht einen Marine vor einer Menschenmenge lächerlich« oder »Ein Mann riskiert, mitten ins Gesicht gehackt zu werden, um ein kleines hilfloses Tier zu retten. Ein wahrer Held!«. Polarisierendes Schwarz‐Weiß‐Denken, platte Klischees und billige Emotionen werden hier bedient, um Klickzahlen zu generieren.

»Die Menge wird sich immer denen zuwenden, die ihr von absoluten Wahrheiten erzählen, und wird die anderen verachten.«

- Gustave Le Bon (1841 — 1931), franz. Arzt und Soziologe. Aus: »Die Psychologie der Massen«

Cat Content, Tiermoral und Tierschutz (beispielsweise PETA mit 338.932 Fans) sind ohnehin der Renner auf Facebook. Die Vermenschlichung und Überhöhung von Tieren (und Kindern!) auf einem geistig völlig infantilen Niveau — Hier: die guten, lieben und unschuldigen Tiere. Dort: die bösen, gemeinen und brutalen Menschen — ist weit verbreitet. So wird beispielsweise ein 15 sekundenlanger Katzen‐Clip, der von Bryan Choi hochgeladen wurde, mehr als 160.000 mal geteilt, erhält über 700.000 Likes und wurde über 120.000 mal kommentiert. »Der sterbende Schwan« von Greenpeace Deutschland erhält immerhin noch rund 7.000 Likes und 40.000 Shares.

Das interessiert die Masse. Das finden sie niedlich, süß, knuddelig oder eben skandalös. Das allgemeine Credo lautet vielfach: »Tiere sind die besseren Menschen.« Tier‐Misshandlungs‐Videos werden auch gerne hundert‐ oder tausendfach kritisch kommentiert. Der digitale Mob erkauft sich per Klick ein weißes Gewissen, während am Abend Bratwurst und Salami vom Discounter, dass aus Massentierhaltungen stammt, gefressen wird. Menschliche Probleme, beispielsweise von Senioren, Obdachlosen, Asylanten oder Erwerbslosen, berühren die meisten Facebook‐Jünger eher weniger. Ausnahmen sind hier Kinder und Prominente.

Zusammenfassend muss ich leider feststellen: von Schwarmintelligenz ist besonders auf Facebook eher wenig zu spüren. Ganz im Gegenteil. Facebook ist ein Spiegel unserer infantilen Stammtisch‐Gesellschaft, die mehr an Cat Content und Scripted Reality, an konstruierter Dramatik und inszenierter Soapisierung, an emotionaler Ersatzbefriedigung und ejakulierender Selbstbestätigung — als an politischer Willensbildung, Weisheit oder Aufklärung interessiert ist. Wie soll man so, selbst mit den besten Ideen und Konzepten, eine reife, vernunftbegabte und humanistische Gesellschaft aufbauen?

Übrigens: mein geschätzter Kollege Roberto von »ad sinistram« schreibt regelmäßig über fragwürdige Inhalte in den sozialen Netzwerken in der Rubrik: »#Aufschrei der Dummheit«.

7 Gedanken zu “Digitale Premiumexistenzen

  1. Facebook und andere Social Media sind Unterhaltungsmedien mit eingebautem Beziehungs‐Simulator. Der kritische Bericht auf arte, der um 23:30 läuft, hat auch eine niedrigere Einschaltquote als irgendeine Soap, die tagsüber oder am frühen Abend gesendet wird ;)

  2. Ich glaube nicht an Schwarmintelligenz, wohl aber an Schwarmboshaftigkeit. Dazu muss man nicht erst in die Weltgeschichte gucken (Reichskristallnacht, etc.), ein gewöhnliches Bundesligaspiel, einer von mir nicht sonderlich geschätzten Sportart, reicht dafür komplett zu (oder zur Not auch eine normale Schuleinrichtung). Bei 8 Milliarden Überpopulation auf dem Planeten ist es nur konsequent, dass die Arschlöcher eben nicht nur die Masse stellen. Alles andere folgt entsprechend.

  3. Facebook und andere »Social Media«-Plattformen taugen eben nur für Cat Content und dergleichen. Die dortigen Likes darf man nicht überbewerten, finde ich.
    Dass viele Medien Likes zählen und quasi als Bedeutungsindikator messen verkennt die Bedeutung, die so ein Like wirklich hat.

  4. Andersherum wird ein Schuh draus. Worum geht es bei solchen Plattformen? Um das Vermarkten bzw. Verticken von Persönlichkeitsprofilen. Und da sind die Likes tatsächlich so wichtig.

  5. Narren sind die, die diese Vorgänge mit Demokratieentwicklung gesegnet haben. An den Akademien muss wahrlich langweilig und seicht geworden sein: ein großer Ernst macht sich breit, um diesen Geldmaschinerien, die auf primitiven Triebkonstellationen aufgepfropft wurden, alle möglichen Heilsgeschichten assoziativ zukommen zu lassen. Retrospektiv muss man dies wohl damit vergleichen, als ob jemand die Einführung der Bildzeitung als demokratische Revolution bezeichnet hätte.
    Selbstinszenierung, Zugehörigkeitsgefühl, Voyeurismus und Selbstwirksamkeit sind wohl die drei Komponenten, die hier bedient werden. Offensichtlich fiktiv. Aber das geht den meisten nicht auf. Stattdessen wird der User mit Titeln wie Demokratieinstrument und Schwarmintelligenz in Zusammenhang gebracht und geadelt. Ein Like‐Klick belebt die eigene Handlungsdimension wirbelt den Staub darin immer wiedre durch einandern. I Like. Wie wichtig das doch ist. Und Unlike, na warte.
    Wie so immer, will man wissen, was heraus gekommen ist. Lag man richtig? Hat man wie die Mehrheit gestimmt? Kann man sich und seine Meinung also zu besten geben? Wieviele likes hat man selbst? Kann man sich zugehörig fühlen? Liked einen die geile Sau von nebenan? Man liked sie jedenfalls täglich.
    Was hier als Schwarmintelligenz betitelt wird, ist dumpfe Massenpsychologie, getrieben von infantilsten Antrieben und Begierden.
    Bei dem Geld, das da abgeschöpft wird, da braucht man sich nicht wundern, dass diese Plattformen mehrheitlich Lobesspuren hinterlassen.

  6. Social media ist wie alles andere Mediale auch. Lässt man die Masse machen, kommt nur Müll dabei heraus. Kostenlose Downloads und cat content. Kinder und Tiere gehen immer. Und junge Frauen.

    Sozial media ist allerdings alles andere als sozial. Zudem noch ein Brandbeschleuniger eingebaut ist, der Fernsehen, Hörfunk oder Zeitschriften fehlt: das sogenannte »teilen« (sharing). Wer den plattesten, dümmlichsten, populistischsten und oft verlogenen Müll teilt, also Katzen in viereckigen Glasgefäßen (cat content und Tierquälerei im Quadrat sozusagen), wird maximal belohnt. Politisch besonders gefährlich: Chemtrails, Querfrontblödsinn, alles was zu einfachen Lösungen hinführt (wir werden alle vergiftet, wir werden alle sterben, die Welt ist grausam und schlecht) wird ebenso maximal belohnt. Freies Feld für Rattenfänger jedweder Couleur.
    Wer Tiefsinniges, Kluges, tatsächlich Nachdenkliches oder Differenziertes postet oder teilt, wird abgestraft. So was interessiert nie_mand. Jedenfalls nicht im schnelllebigen Geflame des social media.

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