Die große Kommunikationslüge

by epikur

Vor einiger Zeit hat mein geschätzter Kollege flatter von feynsinn einen Beitrag mit einem beeindruckenden Satz enden lassen: »Kommunizieren ist mehr als senden«. Im folgenden Artikel stelle ich die These auf, dass im vermeintlichen digitalen Zeitalter, in der ein Überangebot an Kommunikationsinstrumenten herrscht, fast ausschließlich nur noch gesendet wird. Die Fähigkeit zuhören zu können, Aussagen zu reflektieren oder gar zwangsfrei offen für neues zu sein, ist gesamtgesellschaftlich gesehen kaum noch vorhanden. Kommunikation wird nicht mehr als ein Akt der zwischenmenschlichen ehrlichen und offenen Interaktion, sondern vor allem als ein Instrument der eigenen Ziele und Interessen verstanden.

Die Globalisierung, handys, smartphones und das Internet haben die Welt kleiner gemacht. Wir können immer und überall kommunizieren. Das ist ein großer Gewinn für die Menschheit. Unternehmen und auch Arbeitnehmer profitieren beide von diesen neuen Herausforderungen. So oder so ähnlich lesen und hören wir es ständig in öffentlichen Verlautbarungen. Das Überangebot an Kommunikationsinstrumenten suggeriert, als wäre zugleich die Qualität des zwischenmenschlichen Austausches gestiegen. Untersucht man jedoch die einzelnen Diskursmöglichkeiten, stellt man fest, dass sich die ganze Schreib‐ und Sprechbegeisterung vor allem in einer oberflächlichen Selbstdarstellung, Selbstinszenierung und Selbstbestätigung ergießt.

Selbstinszenierung als Diskursargument
Nehmen wir z.B. die hochgelobten sog. »sozialen Netzwerke«. Weder als Privatmensch, noch als Unternehmen ist es einem vergönnt, daran vorbeizukommen. Die virtuellen Orte fungieren wie persönliche Ersatzbühnen, in denen sich jeder bestmöglich profilieren und verkaufen will. Sicher können facebook, xing, twitter, studiVZ und wie sie alle heißen, auch dazu genutzt werden, seinen Horizont zu erweitern, seinen Wissensschatz zu vergrößern oder ernsthaft an anderen Menschen und ihren Leidenschaften interessiert zu sein. Ich denke aber, der überwiegende Teil betreibt in den sozialen Netzwerken, wissentlich oder unwissentlich, vor allem Selbstmarketing.

Getöse beweist gar nichts. Eine Henne, die gerade ein Ei gelegt hat, gackert häufig so, als hätte sie einen Asteroiden gelegt.

- Mark Twain

Marketing, Werbung, PR und Öffentlichkeitsarbeit jedoch, haben von Grund auf, eine sehr beschränkte und eingeschränkte Vorstellung von Kommunikation. So gut wie alle Instrumente, mit Ausnahme von Umfragen oder Studien, sind darauf ausgelegt, etwas zu vermitteln. Man möchte Meinungen erzeugen, Stimmungen beeinflussen, Wertvorstellungen festigen, Bilder prägen, Sachverhalte verschleiern oder beschönigen und so weiter. Marketing reduziert Kommunikation allein auf den Sender. Die pseudowissenschaftliche Möchtegernphilosophie betreibt, genau genommen, gar keine Kommunikation. Es fehlen häufig Antwort, feedback, Meinung, Kritik und Reflexion. Dies verdeutlichen beispielsweise sog. »Kunden‐Hotlines« von Unternehmen, welche in den meisten Fällen ein regelrechter Hohn an Service, Kundenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft darstellen, wenn man die Qualität dieser Hotlines als Kriterium heranzieht.

Zerstückeltes Senden
Hinzu kommt, dass Botschaften oft nur bruchstückhaft, fragmentarisch, stark reduziert oder verkürzt serviert werden. TV‐News und auch viele Printmedien haben einen eng vorgegebenen Rahmen, in denen sie ihre Beiträge platzieren müssen. Tagesschau‐Beiträge sind beispielsweise selten länger als 30 Sekunden. Boulevard‐Zeitungen vereinfachen und reduzieren gnadenlos Sachverhalte. Die Kurzmitteilungen von handys (sog. »sms«) sind meist auf 180 Zeichen beschränkt. Bei Youtube gibt es Ausschnitte, Trailer und millionenfache Schnipsel. Die Chat‐ und Internet‐Sprache füllt mittlerweile einen ganzen Duden voller Abkürzungen (lol, afk, wtf und so weiter). Viele Kommunikationsformen werden so aufbereitet, so dass sie in möglichst kurzer Zeit verstanden und konsumiert werden können. Schließlich haben wir alle keine Zeit und vor allem auch keine Lust, uns intensiver mit einer Sache oder einem Menschen zu beschäftigen.

Auch unser Bildungssystem fungiert in weiten Teilen, wie Radio, Fernsehen, Bücher und Werbung; ergo: wie einseitige Sendeanstalten. Ob im Kindergarten, in der Schule, der Berufsschule oder der Universität: den Kindern und Schülern sollen Lerninhalte vermittelt werden, sie sollen Wissen aufnehmen und auswendig lernen. In der Regel ohne darauf unabhängig und individuell reagieren zu können oder zu dürfen. Wie menschliche Computer sollen sie Daten, Fakten, Verhaltens‐ und Denkweisen sowie Sachverhalte speichern, auf Abruf parat haben und ansonsten nur das denken und fragen, was im vorgegebenen Rahmen zugelassen ist. Wer abseits der definierten Strukturen Dinge kritisiert oder sich benimmt, gilt schnell aus verhaltensauffällig.

Fazit
Wir mögen vielleicht die meisten Kommunikationsmöglichkeiten und Kanäle in der Geschichte der Menschheit besitzen, deshalb ist aber die Qualität unserer zwischenmenschlichen Kommunikation nicht reifer geworden. Eher im Gegenteil. Es wird reduziert, vereinfacht, verkürzt, polarisiert, emotionalisiert – und das alles vornehmlich im Sendemodus. Kommunikation bedeutet eben auch Antwort, feedback, Austausch, Diskussion, Reflexion, Selbstkritik, Debatte und Meinung. Und zwar in einem offenen und vorher nicht festgelegten Rahmen.

Auch die Kompromissbereitschaft ist ein wesentliches Element der Kommunikation. Im Zeitalter des grenzenlosen Eigennutzes, des Egoismus und des Narzissmus verwundert es wenig, dass diese Charaktereigenschaft immer mehr verkümmert. Denn genau wie die Empathie, lebt und gedeiht die Kompromissbereitschaft durch Rücksichtnahme, Verständnis und Respekt zu unseren Mitmenschen. Die aber, interessieren uns immer weniger.

10 Gedanken zu “Die große Kommunikationslüge

  1. Mit ihrem Grundtenor haben Sie bestimmt Recht. Dennoch sehe ich einige Punkte, wo ich Ihnen nicht zustimmen möchte:

    »Das ist ein großer Gewinn für die Menschheit. Unternehmen und auch Arbeitnehmer profitieren beide von diesen neuen Herausforderungen. So oder so ähnlich lesen und hören wir es ständig in öffentlichen Verlautbarungen.« — Tatsächlich finde ich, dass die kritische Auseinandersetzung mit dem Internet als Kommunikationsplattform vor der Lobhudelei überwiegt: Sowohl Vorteile als auch die (von Ihnen angesprochenen) Nachteile werden lebendig diskutiert.

    »Es fehlen häufig Antwort, feedback, Meinung, Kritik und Reflexion.« Auch hier finde ich, dass Interaktivität zunehmend gross geschrieben wird. Nur befindet diese sich halt noch in der Ausprobierphase: Diese beginnt bei der simplen Kommentarfunktion (wie hier), ist aber in Livechats sowie Debatten (zuletzt beim »Economist« gesehen) und Weiterem schon ausgereifter. Dass diese Kommunikationsformen einen Face‐to‐Face‐Austausch niemals ersetzen können, versteht sich. Sie bietet allerdings auch Vorteile: Etwa der Abbau von Hemmungen (ok, das kann auch ein Nachteil sein).

    »Schließlich haben wir alle keine Zeit und vor allem auch keine Lust, uns intensiver mit einer Sache oder einem Menschen zu beschäftigen.« Stimme Ihnen voll und ganz zu in diesem Punkt. Hier liegt meiner Meinung nach der echte Hund begraben. Die Fülle an Informationen führt häufig zu oberflächlicher Betrachtungsweise. Aber auch hier geht es anders: Das Internet ermöglicht auch, tiefergehende Recherchen und Diskussionen anzustellen.

    Es ist halt alles eine Frage danach, wie man mit den neuen Kommunikationsformen umgeht und was man aus diesen Möglichkeiten macht.

    Ich sehe daher, warum Sie diesen Beitrag geschrieben und was Sie damit aussagen wollen. Aber eine generelle Verteufelung wird der Sache dann eben doch nicht gerecht. (Obwohl ich durchaus sehe, dass ein Text, der auch die guten Seiten berücksichtigt, einiges an Schlagkraft und Schärfe und Aussagekraft eingebüsst hätte). Aber dafür ist ja dann die Diskussion via Kommentar da — nicht wahr?

  2. Das Problem ist nicht so neu. Bezgl. Sprache als Kommunikation konnte man schon in den 60ern ähnliche Erkenntnisse von Elias Canetti vernehmen. Nur mit ansteigender Masse der Kommunikation so scheint es, potenzieren sich die damit verbundenen Probleme.

  3. @Rain

    Mir ging es in dem Beitrag auch nicht vornehmlich um das Internet, sondern um Kommunikation und dass diese hauptsächlich nur noch als »Sender« verstanden wird. Natürlich nimmt das Internet als Kommunikationsplattform hier einen großen Teil ein, deckt aber nicht die ganze Bandbreite des zwischenmenschlichen Austausches ab.

    Meine Intention war es auch nicht einen »Internet‐Verteufelungs‐Beitrag« zu verfassen oder die Sozialen Netzwerke als böse zu denunzieren. Solche Artikel braucht die Welt nicht mehr, davon gibt es genug. Letztendlich würde ich auch nicht bloggen, wenn ich das alles für so böse und schlecht halten würde ;)

    Nein, meine Kernthese ist, dass unsere Kommunikation weitestgehend nur noch aufs »senden« beschränkt ist und wir dabei gleichzeitig wenig Empathie, Aufgeschlossenheit und Kompromissbereitschaft unseren Nächsten gegenüber aufbringen. Das »Empfangen« verkümmert zusehends.

  4. Wobei es beim Senden ja auch noch Unterschiede gibt. Beim »richtigen« Senden steht man eben auch in der Verantwortung, dass der Empfänger alles versteht. Worte und Medium also entsprechend wählt.

    Was du ansprichst sind ja eher die »Fire-and-Forget«-Texte, die auch gerne mal in Blogkommentaren zu finden sind. Wenn das Thema des Beitrags nur gestriffen wird um eine Berächtigung zu haben, die eigene Weltanschauung in den Äther zu schießen.

  5. Wir müssen dringend an unserer Kommunikation arbeiten. ( War ein mieser Joke, — ich weiß :) Ich vertrete die Ansicht, (die selbstverständlich keiner annehmen muss), dass, — wenn der Empfang verkümmert, es die Aufgabe des Senders ist, — den Empfang wieder zu sensibilisieren. (Das Wort justieren, vermeide ich als Humanist geflissentlich. Die harte systemische Variante wäre nämlich, dass es immer der Empfänger ist, der vom Sender programmiert wird.) Hätte jtheripper nicht das Wörtchen »richtiges« Senden hinzugefügt, — hätte ich ihm also jetzt widersprechen müssen.

    Wenn die Motivation dahinter stimmt, — finde ich das auch in Ordnung. Doch im Moment, liegt genau im Willen nach einfacher Abhole der Grundfehler. Was Türen und Tore für die höchst mögliche Manipulation zur Verbreitung von leicht verständlichen Meinungen, (Mainstreams), geöffnet hat, — und offen hält. Im einfachsten Fall, — ist das Bild‐Zeitung. Im schlimmsten Fall, mixt man dies sogar. Dann sieht dies ungefähr so aus, wie eine Bertelsmann‐Studie. Man trümmert die Leute gnadenlos mit Unverständlichem zu, und lässt sie dann auf einen leicht verständlichen Satz stoßen. Der wird dann,- aber so was von hoppla, — direkt angenommen. (Niemand gibt gerne zu, dass er was nicht versteht). Marketing, Werbung, und PR, — haben alles andere als eine eingeschränkte Wahrnehmung von Kommunikation. Die wissen sogar genau, — was sie tun. Und wie epikur schreibt, — sind sie ein Instrument. Und dagegen hilft nur, die Sinne des Empfängers, — wie auch seine Motivation zu schärfen, — überhaupt selber trennen und entscheiden zu wollen.

    Das »Empfangen« verkümmert zusehends.

    Dem stimme ich so was von zu ....! Alleine die Kunst des Lesens, — ist zur aller‐übelsten Gossenkultur, nach ökonomisiertem Klischee verkommen.

  6. Auch mal was Kritisches über die sozialen Netzwerke — keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit , wo die Herdentiere an jeder Ecke herumlungern.
    Sehr erfrischend.

  7. Ok, da habe ich den Text zuerst falsch — im Sinne von direkt auf das Internet bezogen — verstanden. So betrachtet sieht das Ganze ja schon anders aus. Es scheint schon so — trotz vieler Kommunikationsmöglichkeiten verläuft Kommunikation halt oft einseitig und »aufdrückend«.

    Andererseits — ist man im Internet unterwegs, fallen all die Selbstdarsteller und Sender ja auch zuerst auf — die »schreien« ja meist auch am lautesten.

    Durch das Internet entsteht so beim Betrachten das Bild einer sehr egozentrischen Gesellschaft. Dieses Bild ist in seiner Tendenz wohl richtig‐ es gibt ja auch Studien, die zeigen, dass die Gesellschaft insgesamt narzistischer wird. Dennoch gehen die vielen anderen Kommunikations‐Formen, die offenen, etwas unter.

    In manchen Bereichen finde ich, kommunizieren die Menschen heute auch offener. Gerade Probleme werden häufiger diskutiert — seien es gesellschaftliche Tabus wie beispielsweise psychische Erkrankungen oder zwischenmenschliche Konflikte (das kennen bestimmt viele, wenn sie sich fragen, warum ihre Eltern dauernd aneinander vorbeireden).

    Ihre Botschaft hat jedoch ganz klar ihre Berechtigung. Sie ist zwar (immer noch nicht) neu, aber es ist trotzdem natürlich wichtig, sie zu verbreiten. Sie soll ja wohl zum Nachdenken anregen, das hat sie auf jeden Fall bei mir geschafft. Mein Kommentar hier wiederum soll nur aufzeigen, dass man die gesamte Lage auch noch etwas differenzierter betrachten kann.

  8. ja!
    ich mag lieber @ als tel. da kann ich lesen, was mir ein sender mitteilt, mir die 4 seiten der botschaft genau anschauen und interpretieren und ihm — falls ich etwas hinterfotziges erkenn, garnicht erst antworten.

    Paul Watzlawik, Der Mann mit dem Hammer per @.

  9. @epikur

    Natürlich nimmt das Internet als Kommunikationsplattform hier einen großen Teil ein, deckt aber nicht die ganze Bandbreite des zwischenmenschlichen Austausches ab.

    Das nicht aber es beeinflusst zunehmend die Art und Weise, wie wir auch »im Alltag« miteinander umgehen.

    Medien sind nützliche Werkzeuge, aber wenn sie zum Selbstzweck und zum Fetisch werden, dann läuft etwas verkehrt. Eine Bohrmaschine im Haus zu haben ist praktisch. Wer morgens aufsteht, der denkt sich allerdings nicht sofort: »Hm, ich muss jetzt unbedingt meine tolle Bohrmaschine benutzen, ja, was könnte ich denn heute mal damit machen? Egal, erst mal her damit.« Genauso wird aber oft mit den »neuen Medien« umgegangen.

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