Eine ganz normale Bahnfahrt

bahn_titelIch steige ein, blicke mich um und suche einen freien Sitzplatz. Neben den Dummlaber‐Proleten oder den Ich‐bin‐so‐schön‐und‐wichtig‐Tussis? Nein danke. Ah, da hinten ist noch ein Platz frei. Neben der Frau im mittleren Alter, die ein Buch liest. Ein seltener Anblick heutzutage. Menschen, die in der Bahn ein Buch lesen. Hingepflanzt. Ich schaue mich kurz um. Alle sehen weg. Dutzende portionierte Menschen auf engstem Raum, die unentwegt darum bemüht sind, den Blicken ihrer Mitmenschen auszuweichen. Stattdessen vergraben sie sich in ihren smartphones. Eingestöpselt, abgeschirmt und isoliert, versinken sie in der All‐Inclusive‐Berieselung. Lassen sich rundum verblödspaßen. Spielen Beziehungssimulator. Streicheln ihr Tamagotchi. Wovor haben sie Angst? Vor der Stille? Den eigenen Gedanken? Ihren Mitmenschen? Vor Nähe?

Dort drüben findet ein Gespräch zwischen einer jungen Frau und einem jungen Mann statt. Sie unterhalten sich über ihre Lohnarbeit. Motzen, meckern und jammern. Wollen am Status Quo aber nichts ändern. Denn das würde Mut und keine Obrigkeitshörigkeit erfordern. In Momenten, wo sie wegschaut und er glaubt, sie würde es nicht mitbekommen, glotzt er ihr auf die Titten. Wieder. Und immer wieder. Sie reden weiter. Irgendwann, mitten im Gespräch, wühlt sie in ihrer Handtasche, tut so, als würde sie ein Taschentuch brauchen. Schnaubt jedoch nur Luft aus ihrer Nase. Und schiebt dann die Tasche vor ihre Brust. Körpersprache und so.

Dann steigt ein Mann, mit längeren, blonden Haaren, alternativ aussehend, vielleicht Mitte Dreißig, in die Bahn. An seiner Hand ein kleines Mädchen. Vermutlich nicht älter als fünf Jahre. Sie setzen sich. Die Kleine fragt ihn, warum und wie die Bahn fahren kann und er antwortet klar und sachlich darauf. Sie hört interessiert und aufmerksam zu. Da die Bahn voll ist, setzt sie sich auf seinen Schoß. Jüngere und ältere Frauen, schätzungsweise selbst Mütter oder Großeltern beobachten und mustern die beiden. Wie geht er mit ihr um? Sucht er selbst den Körperkontakt zu ihr? Ob das wirklich ihr Vater ist? Männern kann und darf man grundsätzlich ja erstmal nicht trauen.

Fünf Bahnhöfe weiter steigt ein Jugendlicher mit Down‐Syndrom und einer Frau ein, vermutlich seine Mutter oder die Betreuerin. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Einige Jugendliche machen sich lustig über die laute Sprache und das Aussehen. Manche heucheln Verständnis und Toleranz. Zwingen sich ein Lächeln ab. Tun so, als wäre das ja »ganz normal«, würden aber selbst niemals ein Kind mit Down‐Syndrom in die Welt setzen oder groß ziehen wollen (der Anteil der Schwangerschaftsabbrüche bei Bekanntwerden einer geistigen oder starken körperlichen Behinderung steigt seit Jahren). Andere schauen verlegen weg. Für mich ist hier klar: solange geistig und/oder körperlich eingeschränkte Menschen solche Reaktionen hervorrufen, werden sie niemals als ein immanenter Bestandteil unserer Gesellschaft akzeptiert werden. Inklusion ist reines Marketing.

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Eine Proleten‐Tussi, mit Schminke zugekleistert, auf Haut und Knochen runter gehungert, die überzeugt davon ist, die halbe Männerwelt würde sie ficken wollen, weil sie so verdammt geil aussehen würde, geht an ihr klingelndes smartphone. Sie spricht extrem laut, gereizt, fast aggressiv. Der ganze Wagen kann ihr Gezicke mithören. Offensichtlich hat sie einen Streit mit ihrem Kerl. Ihre Freundin hätte ihr erzählt, dass er dies und das gesagt hätte, dass er mit einer anderen auf einer Party geknutscht hätte und warum er eigentlich nicht schnell genug auf ihre Nachrichten antworten würde, das sei ja sowieso schon verdächtig und so weiter und so fort. Leben in der Scripted SOAP‐Reality.

Nur noch zwei Stationen bis zu meinem Ziel. Aber zunächst darf ich eine Horde Hertha BSC Fans ertragen, die laut grölend, mit Bierflaschen, schlechtem Benehmen und üblem Mundgeruch bewaffnet, die Bahn betreten. Für mich immer wieder ein Beweis für den infantilen und degenerierten Massencharakter des Fußballs. Was am grölen, saufen, sich selbst auf ein Werbebanner reduzieren und am Sprüche schreien, reizvoll sein soll, wollte sich mir noch nie erschließen. Wenn die Fans ein wichtiger Indikator für die kulturelle Qualität eines Produktes sind, dann ist Fußball die Banalität des Blöden.

Endlich. Angekommen. 70 Minuten später. Morgen gibt es dann Knoblauch‐ oder Schweißgerüche, schlecht erzogene Kinder, liegen gelassener Müll, kaputte Sitze, Mecker‐Omas, laute smartphone Musik, rücksichtslose und viel zu laute Jugendliche, bierverklebten Boden und BILD‐Leser. Einsteigen bitte!

10 Gedanken zu “Eine ganz normale Bahnfahrt

  1. ...oder versuch den Aufenthalt in diesen Blechbüchsen zu vermeiden.
    Viel zu viele Menschen auf einem Haufen.
    Du sagst, du wohnst dort‐ dann zieh weg!
    Du sagst, du arbeitest dort‐ dann such dir eine andere Arbeit!
    Du selbst musst reagieren, die anderen tun das sicher nicht.

  2. Eingedoste (konservierte/ eingeweckte) Normalität halt –
    immer zum Ausbüxen! – aber wohin :)

    Wegziehen? Zwecklos – in irgendeiner anderen Form
    wird man immer mit der »Normalität« in die gleiche
    Zelle gesteckt; oder muss sie als Mitpatient(in) im gleichen
    Mehrbettzimmer ertragen …
    Du musst nur die Laufrichtung ändern – Kafka hat schon Alles
    dazu gesagt.

  3. Interessante Beobachtungen die du da machst. Allerdings könnte ich mir Vorstellen, dass du über viele zu schnell ein Urteil fällst. Die Stelle mit dem Down‐Syndrom Jungen finde ich etwas komisch. Wie hast du dich in der Situation verhalten, bzw. welches Verhalten wäre korrekt?

  4. @MTB

    Eben kein »ungewöhnliches« Verhalten. Der Down‐Syndrom‐Junge ist ein Fahrgast wie jeder Andere. Wer sich hier »besonders« verhält, macht das Phänomen zu etwas außergewöhnlichem. Und genau das sollte es im Inklusions‐Gedanken eben nicht sein.

  5. Die eingebüchste Normalität ist das Salz in der Suppe der sich überlegen fühlenden.
    Bei Deiner doch sehr sarkastischen Beschreibung von Dich zwangsläufig und doch Dich zufällig begleitenden Individuen bin ich etwas über die Selbstgefälligkeit Deiner Empfindungen erstaunt. Aber in Anbetracht der hereinbrechenden Fussballfans kann ich das irgendwie verstehen. Das Auftreten von Vertretern organisierter Massenhysterien ist enervierend und sensibilisiert die Wahrnehmung.

  6. Dein ganzer Bericht scheint konstruiert zu sein, vielleicht aus diversen Erlebnissen zusammengesetzt. Jedenfalls sehe ich vor allem einen seltsamen Menschen in Deiner Geschichte: Dich.
    Du hast alle beobachtet und immer etwas Negatives gesehen.
    Das ist Dein Blickwinkel.

  7. Lieber epikur,

    man kann gar nicht hart genug ins Gericht gehen und Shitstürme sind dafür da, durchgestanden zu werden. Waidmannsdank für deinen Text. Es gibt schon zu viele kreuzbrave Blogger.

  8. Der Herr mit dem Downsyndrom ist nun mal ungewöhnlich, da kann man schon mal hinschauen, freilich ohne zu lästern o.a. Auch ich mache das, wenn jemand zusteigt und sich plötzlich laut artikuliert, dann aber gehe ich auch wieder meinen Beschäftigungen nach. Sie würden sagen, der Mann tut, so als wäre die Situation normal. Ich sage, das ist normales Leben. Nur komplett Abgestumpfte reagieren gar nicht mehr auf die Umwelt.

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