Nichtwähler sind politisch

Titanic‐Magazin

Bald stehen Bundestagswahlen an und viele werden wieder moralisieren, dass es die Pflicht eines jeden aufrechten Bürgers und Demokraten sei, wählen zu gehen. Wer nicht wählen gehe, dürfe sich auch nicht beschweren. Ganz so, als würde das Kreuzchen wirklich etwas verändern. In Wahrheit sind die Wahlen nur noch Makulatur eines unsäglichen politischen Schmierentheaters. Die Strippenzieher und Entscheider sitzen in Banken, Konzernen, Kanzleien, Rating Agenturen, Stiftungen und Versicherungen. Das zu verleugnen und als verschwörungstheoretisch zu verharmlosen hat zwar Tradition (auch im linkspolitischen Spektrum), wird aber immer offensichtlicher.

Die Auseinandersetzung mit Wahl‐ oder Parteiprogrammen, Reden und Wahlumfragen ist nicht nur mühselig, weil Plastikwörter, Gummibegriffe, Lügen und hohle Phrasen das Geschäft bestimmen, sondern auch, weil es den Eindruck verstärken soll, Politik sei gestaltungs‐ und entscheidungsfähig. In aller Regel zwingt das Spardiktakt und die überschuldeten Kommunen Politiker dazu, zu entscheiden, was, wo und in welcher Höhe gekürzt werden soll (euphemistisch: »Haushaltskonsolidierung«). Zudem werden Spender, Geldgeber und »Freunde« zufrieden gestellt. Hinzu kommen tausende Lobbyisten, die in den Ministerien direkt an Gesetzen mitarbeiten, in Ausschüssen, Gremien oder exklusiven Runden sitzen, Mietmäuler, Politiker mit 30 Nebenjobs, bezahlte Studien, gehorsam vorauseilende Journalisten, Verlage und Printmedien und und und. Volksvertreter haben sich längst zu Volkszertretern etabliert.

Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt wurden, haben nichts zu entscheiden.

- Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer in der Sendung »Pelzig unterhält sich«, (Zitat bei etwa 4:46)

Wer also noch Ideale, Prinzipien und Vorstellungen von einer besseren Welt hat, in dem die Wirtschaft dem Menschen dient, Krankenschwester, Erzieher, Lehrer und Altenpfleger anständig bezahlt werden, wo Rüstungsausgaben für Bildung, Kultur und Soziales gekürzt werden, es keine Kriege um Rohstoffe gibt, keine Zwei‐Klassen‐Medizin, keine Milliarden Banken‐Geschenke, keine Hinterzimmer‐Gremium‐Expertenrunden‐Politik und es keine finanzielle Existenzvernichtung (»Hartz 4«) gibt — der sollte keine Hoffnung in Wahlen oder Parteien setzen. Beide stützen nur das herrschende System. Die parlamentarische Karriere ist gepflastert mit Korruption, Bestechung, Opportunismus, Fraktionszwang, Parteisoldatentum, Anpassung und Ohnmacht. Das haben uns die SPD, die Grünen und nun die Piratenpartei eindrucksvoll bewiesen. Veränderung kann, wenn überhaupt, nur durch den Druck der Straße, durch Streik, Demonstrationen, bürgerschaftliches Engagement, Konsumverzicht, Protest und von Nicht‐Regierungs‐Organisationen kommen.

Die Aufforderung »wählen zu gehen« unterstützt insofern auch das eigene Gewissen, politisch etwas getan zu haben. Wer sich im Alltag für Politik nicht interessiert, politisch nicht engagiert ist und auch sonst kaum hinterfragt oder kritisiert — will nun durch seinen Gang zum Kreuzchen beweisen, welch demokratischer Habitus doch in ihm stecke. Während gleichzeitig nach oben gebuckelt und nach unten getreten, sich bei RTL und BILD über Menschen lustig gemacht sowie jede Form von Gesellschaftskritik als »Schwarzseherei« und »Pessimismus« verunglimpft wird.  Grün‐moralischer‐Konsum, Shitstorms und Wahlen fördern den bequemen Biedermeier‐Bürger, der mit einem Minimum‐Aufwand an persönlicher Energie, von Politik und Wirtschaft erwartet, sie mögen seine Interessen vertreten, schließlich habe er ein wohlgeformtes Kreuz gezeichnet. Und wenn nicht, habe er nun das Recht erworben, sich zu beschweren.

Nach dem Lesen des Textes könnte man nun meinen, ich sei politik‐, partei‐ oder politikerverdrossen. Das bin ich aber nicht. Ich habe ein großes Interesse an Politik, spreche ihr aber momentan eine echte Entscheidungsgewalt im Sinne des Volkes ab. Sie sind Marionetten des Geldadels und der Hochfinanz. Auch Opposition wählen kann keine ernsthafte Alternative sein. Weshalb sollte ich einer naiven Hoffnung anhängen, Parteien und Wahlen würden das Leben der Bevölkerung verbessern? Dies ist keine Aufforderung zum nichtwählen, spasswählen, ungültigwählen oder protestwählen (im übrigen alles Diffamierungsbegriffe, für diejenigen, die nicht die »Mitte«, also CDU/SPD/FDP/GRUENE wählen), sondern eine Streitschrift für überzeugte Wähler. Denn: Nichtwähler sind heute die größte Partei und durchaus auch politisch.

23 Gedanken zu “Nichtwähler sind politisch

  1. Das erste Mal, dass ich dir im Kern mal widersprechen muss. ;) Man kann von mir aus aus den vielen genannten und noch mehr nicht genannten Gründen den Schluss ziehen, das Wahlen an sich nix bringen. Letztlich beschleicht mich aber der Verdacht, dass auch hier nur ein weiteres Sicherungssystem von TINA greift — selbst die systemkritischen Menschen so weit zu entmutigen und ins pauschal‐fatalistische abgleiten zu lassen, dass sie von vornherein wirklich jede noch so geringe Chance, die das demokratische System bietet, von vornherein ablehnen; es also auch noch nicht einmal mehr versuchen. Ich verstehe auch nicht, warum man permanent Wahlen oder parlamentarische Demokratie als zwingend zum neoliberalen System gehörend bezeichnet — ja, es mag derzeit leider nur noch eine Simulation sein... Wenn die Neoliberalen irgendwann ernst machen, wird davon nichts mehr übrig sein. Cui bono? Irgendwie ist diese (demokratie‐, wahlverdrossene...?) Haltung auch bequem, befreit einen selbst von jeder auch noch so geringen (wenn auch theoretischen und marginalen) Verantwortung (auch sich selbst gegenüber). Man reiht sich in die fatalistische Reihe derer Vollpfosten ein, die am Stammtisch immer undifferenziert über »die Politiker«, »die Parteien« und »den Bundestag« herziehen, nach dem Motto »die da oben machen ja eh was sie wollen« oder »wollen nur einen Platz an den Futtertrögen«. Was mich ebenfalls extrem stört, ist, dass die Linke (auf Bundesebene) permanent mit den Etablierten in einen Topf geschmissen wird, nach dem (ebenfalls bequemen) Motto, die würden ja dann doch eh wie die Grünen sofort im System ankommen und ihre Klientel verraten. Von mir aus — aber dann gebt ihr auch die Chance dazu, es zu beweisen...! Cui bono?

    Durch Wahlen können sehr wohl Veränderungen stattfinden. Siehe Südamerika. Und so lange die Linke hier noch nicht mit 50% eine Alleinregierung gebildet und uns alle wie von vielen vermutet dann doch wieder nur verraten und verkauft hat — geht mir das fatalistische Geheule ziemlich auf die Nerven. ;)

    Wie gesagt — bald wird einfach entschieden, dass wir nicht mehr wählen müssen/dürfen. Dann hat sich das Problem, Wahlen würden ja eh nix ändern, eh erledigt. Wer meint, wählen bringe nix sollte zumindest dann erläutern, warum dann gerade Nichtwählen einen größeren Nutzen haben sollte...?!

  2. @Dennis82

    ins pauschal‐fatalistische abgleiten zu lassen, dass sie von vornherein wirklich jede noch so geringe Chance, die das demokratische System bietet, von vornherein ablehnen; es also auch noch nicht einmal mehr versuchen.

    Ich bin weder resigniert, noch frustriert, noch fatalistisch was die Politik in Deutschland angeht. Sondern eher realistisch. Vielleicht habe ich mich auch missverständlich ausgedrückt. Nochmal zur Betonung:

    Veränderung kann, wenn überhaupt, nur durch den Druck der Straße, durch Streik, Demonstrationen, bürgerschaftliches Engagement, Konsumverzicht, Protest und von Nicht‐Regierungs‐Organisationen kommen.

    Damit unterstreiche ich, dass Politik eben nicht nur bedeutet, alle vier Jahre zur Wahl zu schreiten, sondern sich grundsätzlich zu engagieren und zu interessieren.

    Nur die Hoffnung in Parteien und Wahlen zu stecken halte ich für naiv. Und bevor mir gleich welche mit der Linkspartei kommen: klar, die würde ich auch am ehesten wählen (vielleicht mache ich das sogar), aber glaubt ihr ernsthaft, wenn sie an der Macht wären, würden nicht die gleichen Mechanismen greifen, wie bei allen anderen auch? Anpassung, Bestechung, Konformität, Fraktionszwang und Pöstchengeschacher. Die SPD und die Grünen haben es vorgemacht. Wollt Ihr nun ein drittes Mal darauf hereinfallen?

  3. Wer wählt, der aktzeptiert dieses System!
    Und damit ist er auch für alle Mißstände mit verantwortlich!
    Nur derjenige der nicht wählt, gibt damit seinem Mißfallen an diesem System zum Ausdruck.
    Es wird zwar immer gesagt, daß die Nichtwähler dann dafür sorgen, daß die Regierenden indirekt unterstützt werden. Das ist so nicht ganz richtig, denn bei den Wahlen wird auch immer die Wahlbeteiligung angegeben. Wenn wir also eine Wahlbeteiligung von 10% haben und davon 60% eine Partei wählen, dann hat diese Partei zwar formal gewonnen. Aber 90% der Bevölkerung haben unmißverständlich zum Ausdruck gebracht, daß diese Partei faktisch keine Legitimation hat.

    Desweiteren haben wir in Deutschland auch ein echtes Demokratieproblem. Die Wahlen, so wie sie praktiziert werden, sind nicht demokratisch. Was wir haben, ist eine Parteiendiktatur ohne Alternative. Wir wählen weder die Minister, noch den Bundespräsidenten oder den Bundeskanzler. Außerdem haben wir laut Bundesverfassungsgericht seit 1956 keine legitimen Wahlen mehr gehabt. Und auch die aktuelle Bundestagswahl zeigt, daß sich die Parteien kaltlächelnd über das Grundgesetz hinwegsetzen. Wir werden von vorn bis hinten getäuscht und wer das erkennt, der sollte daraus die Konsequenzen ziehen — nicht wählen.

    Wenn wir etwas ändern wollen, so geht das nicht über die Parteien. Es funktioniert nur mit einer außerparlamentarischen Opposition! Keine große Änderung wurde von den etablierten Parteien initiiert. So wurden immer erst wegen einer parteiübergreifenden Mehrheit übernommen.

  4. Ich sehe das auch eher wie Dennis. Außerdem denke ich, dass die Wahlbeteilung noch eine Weile auf dem Niveau bleibt, dass die Regierung weiter von Politkverdrossenheit reden kann und meint, diese Gruppe in Zukunft wieder erreichen zu können.

    Es macht doch durchaus Sinn Parteien zu wählen, die das System hinterfragen. Und wenn diese Parteien in den Bundestag kommen/vertreten sind, macht das glaube ich mehr aus, als wenn es 5% weniger Wahlbeteilung gibt.

  5. Ein Super Kommentar, habe ich geich mal als Kontra
    in einem Kommentar auf diese peinliche Hofberichterstattung verlinkt, wo der Irrglaube an unsere Weichspüldemokratie noch hochgehalten wrd:

    http://www.op-online.de/lokales/nachrichten/dreieich/wahlhelfer-zeichen-setzen-3059366.html

    Ich habe da geschrieben (Kommentar muss erst weider freigeschaltet werden):

    Ich setze dann auch einmal ein Zeichen:

    Ich werde — dem ganzen Gefasel von Ehrenamt und Demokratie zum Trotz nicht als Wahlhelfer am 22.09.2013 zur Verfügung stehen. Ich und meine Freizeit sind mir einfach zu schade dafür, als dass ich als billiger Handlanger dieser Weichspüldemokratie zur Verfügung stehe, damit eine geldgeile Politik weitere 5 Jahre ungestört ihre ungerechte und unsoziale Politik weiterbertreiben kann, die willkürlich inzwischen Millionen Menschen allein in Deutschland unnötig in eine beschämende Armut befördert hat.

    Da wäre ich mir auch bei einer Prämie von 500 Euro zu schade, als Wahlhelfershelfer diese Ungerechtigkeit zu unterstützen, nur damit letzte naive Geister sich einbilden können, wir hätten noch was zu entscheiden.

    Diese sollten lieber mal die Augen öffnen und dies lesen:

    http://www.zeitgeistlos.de/zgblog/2013/nichtwaehler-sind-politisch/

  6. Gut gesagt, und wie wahr, nur mit Nicht‐Regierungs‐Organisationen kann was verändert werden.
    Das machen uns die Banken, Finanzkapital, Konzerne usw., die ja alle NGOs sind, sehr effizient vor.
    Was können wir von denen lernen?
    Wie Lobbying funktioniert, wie man Entscheidungsträger manipuliert, abhängig macht usw., wie die Fäden in einem Marionettentheater gezogen werden ..............
    MfG: M.B.

  7. @epikur: Ich sage ja auch nicht, dass nur(!) Wahlen allein etwas bewirken könnten! ;) Gerade bezüglich des »nur»s frage ich aber dann dich, warum es zu allem von dir Aufgezähltem und Richtigem ergänzend(!) auf der parlamentarischen Ebene mit einer oppositionellen Partei nicht funktionieren sollte? Leistet die Linke im Bundestag denn etwa keine gute oppositionelle Arbeit...? Warum will man selbst die wenigen noch verbliebenen Kontrollmöglichkeiten leichtfertig und kampflos aufgeben? Den EINEN Weg wird es auch niemals geben — es muss sich in ALLEN, also auch im demokratisch‐parlamentarischen Bereich etwas ändern. Alleine die Tatsache, dass die Linke einmal mehr nun schon Monaten zu allen wesentlichen Fragen systematisch totgeschwiegen wird, zeigt doch einmal mehr, wie groß die Angst der Neoliberalen ist, auch nur ein Teil der Bevölkerung könnte evtl. von deren Standpunkten überzeugt werden... Ich verstehe es jedenfalls nicht, warum man meint, sich den Luxus leisten zu können und explizit auf den demokratisch‐parlamentarischen Weg (als einen, wenn nicht den wichtigsten) von vornherein verzichten zu können. Zumal es wie erwähnt mit den Entwicklungen in Südamerika auch positive Beispiele zu erwähnen gibt.

    Das Parlament soll zumindest in Ansätzen den politischen Willen der Bevölkerung wiederspiegeln. Warum sollten sich dann die zahlreichen Kritiker des gegenwärtigen Neoliberalen Marktradikalismus dort komplett raushalten...?

    Und warum soll ich dann meine (eh schon wenigen) Hoffnungen nicht in Wahlen, sondern dann grade auch noch in irgendwelche Formen außerparlamentarischer Opposition (wo bitte haben wir eine Solche, die diesen Namen annähernd verdienen würde, überhaupt...?) investieren...?

    @gerhardq: Da haben wir gleich zu Beginn den Salat — unter »dem System« versteht leider jeder etwas anderes... Ebenfalls auslegbar ist, was man mit seiner Stimmverweigerung eigentlich bewirkt oder bezweckt — letztlich stärkt unter den gegebenen Umständen nun einmal jeder Nichtwähler »das System« dann eben auf diese Weise! Und ist aufgrund seiner Ignoranz auch nicht weniger für die Missstände verantwortlich! Nichtwählen kann eben auch so ausgelegt werden, dass man wunschlos glücklich ist. Letztens gab’s dazu einen analytischen Beitrag auf den Nachdenkseiten — unter dem Titel »Ziviler Ungehorsam«.

  8. Ob nun Wählen oder Nichtwählen, — so ist es doch die beste und treffendste Zusammenfassung eines Gesamtzustandes, den ich seit langem gelesen habe. Ohne das übliche Charm‐Gehampel ums Eingemachte drum herum. Ob man nun die letzte Chance greift um kleinere Übel groß zu wählen, oder einem vermeintlichen Fatalismus des Nichtwählens frönt, (der bei ausreichender Quantität übrigens ganz unfatalistisch ausgesprochen effektiv sein könnte), bleibt wohl jedem selber überlassen, — und niemand kann ihm das Ding als Verantwortung mit aller Fehlerträchtigkeit in alle Richtungen abnehmen. An @Dennis82. Wenn ich wähle, wähle ich niemals ein System, — ich wähle Lebenswelten, — so es mir denn irgendwann wieder möglich ist. Systemdenken, — ist TINA.

  9. Das Ende am Gemeinleben ist gleichsam das Ende der Demokratie. Schon in der Antike erkannte man einen Geschichtszirkel, wie ihn auch Machiavelli beschrieben hat. Aus der Demokratie wird nun die Oligarchie, die dann wiederum von der Aristokratie abgeschafft wird. Der Idee nach wandelt sich die Gesellschaft immer zwischen dem guten System und dem bösen System. Im Guten arbeiten die Politiker für das Volk, im schlechten, in ihre eigene Tasche. Der Wandel vom Zoon Politicon zum Idiotes (Keine Beleidigung, sondern das griechische Wort für Personen, die nur an sich denken.)

  10. Ich werde in jedem Fall wählen gehen. Natürlich Links, was auch sonst. Damit gebe ich der Linken zumindest die Möglichkeit, eine starke Opposition zu stellen. SPD und Grüne sind dazu offensichtlich nicht in der Lage, die reden im Zweifel nur der Regierungskoalition nach dem Mund. Und man möge mir verzeihen, aber gleich zu Hause bleiben stärkt letztlich nur den derzeitigen Regierungsklüngel, sprich: die großen Parteien. Damit beweist man nichts, erreicht nichts und beeindruckt auch rein Niemanden.

    Wem wählen nicht reicht, dem sei angeraten einer Partei beizutreten, den Hintern hoch zu bekommen und aktiv zu werden. Selbst wenn keine Partei zu 100% den eigenen Ansichten entspricht, Dinge verändern und neue Persppektiven einbringen lohnt immer. Ich hab’s bis heute nicht bereut.

  11. @Dennis82

    Du setzt wirklich eine große Hoffnung in die Linkspartei. Woher der Optimismus? Sicher, ihre oppositionelle Arbeit ist wichtig, nicht umsonst veröffentliche ich hier öfters Reden von Gysi, Wagenknecht und so weiter Und auch das sie totgeschwiegen wird, ist ein Zeichen, wie unangenehm den Herrschenden diese Partei ist. Denn im Gegensatz zur Piratenpartei hat sie ein klares Profil, mehr Kompetenz und macht sich nicht lächerlich (Julia Schramm).

    Dennoch ist und bleibt es der parlamentarische Weg, der wie schon oben beschrieben, nur auf Anpassung, Mitte und Mainstream hinauslaufen kann, wie uns die SPD und die Grünen gezeigt haben. Die Linke, würde ihre Programmatik sehr schnell ändern, sobald sie an der Macht wäre. Das hat sie bei verschiedenen Landesregierungen, wie z.B. in Berlin, gezeigt. Das soziale Profil wurde für den Koalitionsfrieden und für Pöstchen stark geschliffen (z.B. Privatisierung der Sparkasse).

    @nordlicht

    Sorry, aber genau wegen solcher hoffnungsfroher und naiver Kommentare und Einstellungen habe ich meinen Artikel geschrieben. Deine Hoffnung und Dein Optimismus kann nur auf eines hinauslaufen: Enttäuschung. Wer etwas verändern will, tritt lieber Attac, einer Gewerkschaft oder einer Umweltorganisation als einer Partei bei. Letzteres führt nur zu Pöstchengeschacher, Lügen, Korruption, Bestechung, Anpassung und so weiter. Spätestens, wenn eine Regierungsbeteiligung in greifbare Nähe rückt. Seid ihr alle so geschichtsvergessen? Schaut euch die Geschichte der SPD und der Grünen an, dann wisst Ihr, wie das bei der Linkspartei sein wird.

  12. Ich sehe es so, dass Nichtwählern das Ergebnis der Wahl gleichgültig ist.
    Zu prophezeien, die Linkspartei würde sich genauso wie Grüne und SPD korrumpieren lassen, ist vielleicht aus der Erfahrung her nicht unwahrscheinlich, aber erst einmal nichts weiter als eine Prophezeiung, die eintreten kann — oder eben auch nicht. Angesichts des Versagens des Restes gebe ich ihnen zumindest eine Chance.

  13. @epikur: Wie Thomas auch sagt: Das kann eintreffen, muss aber nicht. Zumal die Grünen in einer anderen Zeit aus einem anderen Grund als der expliziten Sozialen Frage gegründet wurden und auch schon damals ihr Personal und ihre Wähler aus dem (damals noch größeren) »bürgerlichen« Bereich hernahm. Und die SPD — hat seit jeher »ihre« Klientel verraten. Dein Mantra, die Linke wäre da dann doch keinen Deut besser, obwohl du so viele Reden verlinkst oder in deinen Blogbeiträgen deren Inhalte vertrittst — ist doch nichts anderes als: bequemer, weitgehend sachlich unbegründeter Fatalismus. Damit fährt man all jenen Mitstreitern in die Parade, die sich dabei abmühen, den immer weiter wachsenden Nichtwähleranteil gerade im Bereich der Resignierten und Abgehängten bei der Linken (oder meinetwegen auch anderen kleineren Linken Parteien) zu bündeln und dem etablierten neoliberalen Block im Parlament ein starkes Gegengewicht entgegenzustellen. Und auch hier sei darauf verwiesen, dass allein die Existenz der Linken und die Möglichkeit, die Regierung mit Anfragen zu nerven mit Sicherheit in Sachen neoliberalem Umbau bremsend wirkt...

    Und Nein, es ist nicht DER »parlamentarische Weg«, letzten Endes dann angepasst und identitätslos mitzuschwimmen. Hat was von TINA, diesmal halt von Links... Landesregierungen sind auch was anderes als Bundesregierungen — ja, man kann der Meinung sein (bin ich auch), dass die Linke wenn überhaupt allein oder nur als stärkste Kraft überhaupt mitregieren sollte. Aber wie überall kommt es am Ende (leider) auf das Geld an — und (kommunale als auch) Landesregierungen müssen mit den kärglichen Mitteln (inkl. »Schuldenbremsen« usw.) haushalten, die die Bundesregierung zu verantworten hat. Wirklich bewirken kann die Linke nur auf Bundesebene etwas.

  14. Verzeihung, zu früh abgeschickt! ;)

    Übrigens der letzten Endes auf Anpassung und Korrumpierung hinauslaufende »parlamentarische Weg« — warum meinst du allen Ernstes, das würde nur innerparlamentarisch so laufen...? Schau dir die Strukturen vieler »professionellerer« NGO’s doch mal an — und wie sich diese zusammensetzen, wer und wie man dort überhaupt reinkommt. Und wie schnell da einige mal eben die Seiten wechseln...!

  15. Seit Jahren trete ich für eine Partei der Nichtwähler ein. Europaweit. Diese Partei sollte es sich zum Ziel machen, Stimmen zu sammeln, aber nichts zu machen. Ohne Programm. Sie sollte Ausdruck des Nichtwollens sein. Man stelle sich nur vor, sie erhielte 35 %, machte aber im Parlament nichts. Was für eine erbauliche Erfrischung. Manche Gesetze könnten gar nicht mehr beschlossen werden.
    Leider ist dies äußerst utopisch. Nicht weil es nicht sinnvoll ist, aber weil Politik und Gesellschaft aus langen und tiefen Gründen aktivisch orientiert sind. Das Passivische verabscheut der Europäer. Dies ist letzte große Erzählung an der wird noch nicht nagen, die wir aber vollbütig ausleben.

  16. Hallo,
    leider habe ich diesen Blog erst jetzt gesehen,so melde ich mich eine knappe Woche vor der Bundestagswahl.
    Ich gehe erstmals seit einigen Jahren nicht wählen...ganz bewusst. Ich sagte das meinem Mann, der das gar nicht verstehen kann, der glaubt an diese Art von Demokratie, weil er es vermutlich nicht anders kennt. In meiner Jugend, das war Mitte der 80er, wurde ich mit dem Menschen Kohl unerträgliche 16 Jahre im TV konfrontiert und wählte aus Protest dann die SPD, auch aus dem banalen Grund, denn ich bin hochgradig schwerhörig und eine Mutter von mehreren Hörbehinderten Kindern sagte mir damals, also die SPD hätte die Schwerbehindertenausweise eingeführt, die seien sozial, unterstütze die Behinderten usw . Ich hinterfragte das nicht gleich, denn damals war ja scheinbar auch alles ok, mein Vater hatte infolge diabetischer Späterkrankung eine Gehbehinderung, dies wurde auch gleich mit einem G in den Ausweis gekennzeichnet, was bedeutete, das die Autosteuer damals dann für ihn wegfiel. Das war erleichternd,denn wir hatten kaum Geld. Außerdem wurden die Hörgeräte, die Batterien für mich alles von der Kasse übernommen, ich bekam die Batterien fraglos sogar per Post in regelmäßigen Abständen zugeschickt. Krankenfahrten wurden anstandslos bezahlt und bei weitem herrschte nicht so viel Verwaltungskram wie heute! Das war bis etwa zur Mitte der 80 er der Fall. In den 90ern wendete sich dann langsam das Blatt, für Hörgeräte musste anteilig zugezahlt werden und auch die Batterien selbst bezahlt, heutzutage muss man sich fast alles selbst kaufen oder wenns ärger kommt,vom medizinischen Dienst absegnen lassen. Kassen lehnen ja vieles ab,ohne die Menschen wirklich gesehen zu haben. Das ist also das Eine,was mich stört. Inzwischen bin ich fast taub. Ich habe damals eine Lehre abgebrochen ‚nachdem ich erkannte, dass es nicht zu mir passte,zudem fühlte ich mich immer unwohler. Zum Entsetzen meiner Familie schmiss ich es hin. Für sie hatte ich einen todsicheren zukünftigen Job aufgegeben incl. Weihnachtsgeld, 13.Monatsgehalt. Wo? Bei einer Stadtverwaltung natürlich. Nun, ich hörte dann auf,musste mich erst mal nach all diesen Erlebnissen, die auch eine Trennung vom ExMann beinhaltete, sortieren und lernte wider Erwarten einen neuen Mann kennen. Ein halbes Jahr später wurde ich überraschend schwanger, nach der Geburt heirateten wir. Es kam ein 2. Kind. Mein Mann hatte dann eine Lehre gemacht, vorher wegen Kinder Studium abgebrochen, und dann eine Arbeit gefunden,allerdings nicht im erlernten Bereich. Dann aber erkrankte er erstmals an Krebs. Es ging gut, ich kümmerte mich weiter um Kleinkinder, päppelte meinen Mann wieder mit auf und er ging wieder arbeiten. Dann bekam er mehrere Infekte durch Bestrahlungen, die sein Immunsystem zesrtört hatten, dann Diabetes Typ 1, und ich kümmerte mich weiter zu Hause. Vor lauter Stress wurde ich dann fast taub, meine Kinder wurden größer und in der Pubertät wars ganz schwierig, weil sie einen wirklich herausforderten. Auch mit der Schule. Ich hatte so etwas noch nie erlebt: Am Gymnasium bekam mein 1. Sohn eine dicke Akte infolge seines schlechten Benehmens, in der Tat war er wirklich nicht einfach, nun, die Lehrer aber auch nicht. Dann kam ein Schulwechsel,auch das war eine Herausforderung, und der 2. Sohn war auch nicht einfach. Fazit: Ich war erschöpft und ausgelaugt,muss man sagen. Dann aber mussten wir umziehen und kurz danach erkrankte mein Mann an Darmkrebs. Das war ein schwerer Schlag für alle, ich kann nicht sagen,wie wir das geschafft haben. Mein Mann hatte auch das überstanden, was aber blieb, die Chemotherapie hatte ihm bleibende Nervenschäden an den Füßen beschert, sehr schmerzhaft, er kann manchmal vor Schmerzen kaum laufen (Aber G im Behindertenausweis wurde ihm nicht gestattet). Die alte Firma wollte ihn nicht mehr, also entschloss er sich zur Umschulung zum Fachinformatiker. Dafür ging er nach Dortmund,war die Woche über dort untergebracht und ich hatte allein mit den pubertierenden Söhnen zu kämpfen, deren Lehrer mich manchmal fast täglich alle 2 Wochen anschrieben.Ich war völlig fertig,muss ich sagen. Mein Mann bestand dann die Prüfung , er war inzwischen 45 und schickte fast 200 Bewerbungen los. Eine Handvoll Zusagen hatte er fast, die im letzten Moment aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen abgesagt wurden. Es folgte ein Jahr lang Hartz 4. Er versuchte dann die Selbständigkeit,um aus dem Jobcenter rauszu kommen, das scheiterte aber daran, dass er sich einerseits schlecht beraten wurde, mangels Vorbereitung aus Zeitmangel auch und keine Aufträge,denn jeder kann es offenbar mit dem PC selbst.Das nagt sehr am Selbstwertgefühl: Keiner will meinen Mann, jetzt 47 , einstellen: Er ist zwar etwas körperlich angeschlagen, aber sein Geist ist vollkommen intakt. Er ist nicht zu alt, hat nur persönlich viel erlebt und nichts ging spurölos an ihm vorbei.Alles,was er will,ist arbeiten. Nun sind wir wieder in Hartz 4. Vor kurzem erhielt ich Mitteilung von der Rentenversicherung: Als Hausfrau, die 2 Kinder erzogen hat, mit abgebrochener Lehre, bekäme ich nur 200 Euro demnächst. Toll,dachte ich. Das nur, weil ich nicht 30,40 Jahre eingezahlt habe, aber mit meinen jetzigen 45 Jahren fühle ich mich manchmal so abgearbeitet, wie ne alte Frau. Zudem ist da ja noch die Taubheit. Das ist für mich ungerecht. Wenn ich diese Parteien reden hören, könnte ich kotzen. Es gibt keinen, den ich wählen könnte. Nun haben wir eine Wohnungskündigung wegen Eigenbedarf. Wir müssen bis Silvester raus sein. Wir sind 5 Personen, die Kinder jung erwachsen, müssen sich aber das Auto meines Mannes selbst teilen, und für eine eigene Bude ist noch zu weni Verdienst da. Neulich hatten wir fast eine Wohnung, aber einen Tag vor Mietvertragsunterzeichnung rief der Vermieter an, also er könne uns nicht die Wohnung geben, denn der Steuerberater habe ihm geraten, uns abzuweisen, weil wir Hartz 4 beziehen. Das war schon bitter und nun suchen wir weiter. Ich gebe zu, wir wohnen in der Provinz des Siegerlandes und ich möchte gern im Grünen bleiben.Wir haben auch einen Hund,das uns eine treue Gefährtin ist.Meine Meinung ist, dass es sehr,sehr schade ist, wie mit Menschen umgegangen wird. Jeder Mensch hat es verdient, eine Bleibe, die ausreichend Platz für alle hat, genug zu Essen zu haben, und einfach zu leben, ohne überleben zu müssen. Alter ist kein Verdienst,sondern eher eine Gnade. Das derzeitige Rentensystem ist für mich eine Seifenblase, wie auch andere Systeme. Ich habe es satt, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich nicht wählen gehen möchte, denn nichts,aber auch wirklich gar nichts wird für den normalen Bürger getan, was wirklich menschenfreundlich ist. Der Mensch ist auf diese Welt gekommen und es sollte langsam dahin gehen, dass eine Solidarität unter Menschen stattfindet, gleich welcher Hautfarbe,Herkunft, Religion, gleichgeschlechtlich oder nicht, alles sollte sich zusammentun, um sich gegenseitig zu helfen mit dem, was er kann.Ohne Vorurteile,ohne Bedingungen.Es ist das Geburtsrecht eines Menschen, leben zu dürfen, wie er es möchte, wie es ihm angelegt ist, ein Dach über dem Kopf zu haben, ausreichend Essen , er sollte es warm haben im Winter, er sollte eine Arbeit haben, die seinen echten Fähigkeiten entspricht und da das Geld ja noch da ist bzw zu uns gehört, auch anständig bezahlt werden. Mit dem Geld wurde soviel Missbrauch betrieben, wann nutzen wir es wieder, um wirklich nützliches und brauchbares damit zu tun, im Einklang auch mit der Natur?! Wir schulden unseren Kindern die Bildung, die ihre Fähigkeiten und individuelle Potenziale fördert, das das Lernen auch Spaß macht und ihre individuelle Kreativität, die ihnen innewohnt, hervorkommen lässt. Wir schulden den Alten Respekt und Achtung für ihr Leben, denn es war nie einfach. Doch wir können nicht hinschauen, weil die Alten dahinvegetieren und wir die ihnen zustehende liebevolle Pflege wegen der dummen Vorschriften und Gesetze der Behörden und Dienste gar nicht machen können! Die Mieten erhöhen sich in den Großstädten, kaum jemand findet bezahlbare Wohnung. Das ist alles ungerecht und die sogenannten Vermieter dürfen per Fragenkatalog eine Auswahl treffen...Was ist das für eine Welt? Deutschland geht es gut? Ja, wir können wirklich dankbar sein, dass wir nicht in Kriegsgebieten leben,wo täglich bombardiert wird und es schon normal ist, wenn Menschen dort wie Pappfiguren erschossen werden und umkommen. Mein Herz blutet auch hier, denn ich sehe nur aus meiner Perspektive, das sich Brüder und Schwestern umbringen gegenseitig, wann wird es aufhören, dass Hass nicht weiterbringt, sondern die Tatsache, dass wir alle EINS sind, Gott in uns ist, denn wir wurden nach seinem Bild gemacht, jeder einzelne von uns. Aber wir alle haben die Wahl: Wir können entscheiden,was wir wollen. Ich wähle nicht bei der Bundestagswahl. Merkel ist mir zu schwammig in ihren Ausfühungen, Steinbrück glaube ich nicht recht, die Grünen sind nicht mehr das, was sie mal waren,und die anderen wissen nicht genau,was sie wollen. Eine Sache noch :d ie Linken haben auch eine Chance verdient,sich zu bewähren...aber man ist ja nachtragend wegen PDS usw...Aber ich wähle trotzdem nicht die Parteien. Wenn ich könnte, würde ich ein Leben wählen, dass nicht soviel Last bedeutet. Ich bin für mehr Lebensfreude, für mehr Unabhängigkeit. Beim Jobcenter fühlt man sich zB. wie der letzte Dreck und wie angenagelt, entblößt. Wenn alle Bürger dieses Landes, besonders auch die, die besser verdienend sind, etwas in einen Topf oder Fond werden können, wohlgemerkt auf freiwilliger Basis aus dem Gemeinschaftsgefühl heraus, also jeder mit dem, w a s er kann, dann kann von einem Euro gehen und aufwärts, dann bräuchten wir nicht mehr so vom Jobcenter abhängig sein...Alle für einen und einen für alle...Aber das ist halt ein Traum, oder?!

  17. @Claudia S.

    Ich habe es satt, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich nicht wählen gehen möchte, denn nichts,aber auch wirklich gar nichts wird für den normalen Bürger getan, was wirklich menschenfreundlich ist.

    Bringt es sehr gut auf den Punkt. Vielen Dank für Deinen langen und ausführlichen Kommentar! Das nächste mal bitte ein paar Absätze ;)

    Im Übrigen, für alle die denken, mein Artikel oben sei ein persönlicher Rechtfertigungsartikel nicht wählen zu gehen, dem ist nicht so! Ich habe bereits mein Kreuzchen per Briefwahl gemacht. Dennoch kann ich Nichtwähler voll und ganz verstehen.

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