Kinder in Deutschland; Teil 25: Knetmasse

Ich habe es hier schon öfter angesprochen: was Kinder wollen, was ihre Bedürfnisse und Wünsche sind, interessiert häufig nicht. Politiker und Unternehmer erst Recht nicht. Sie werden in Wirtschaft und Politik als Produkte, Ressourcen und Objekte betrachtet, die ganz nach den eigenen Interessen zurecht gebogen und abgerichtet werden dürfen.

Vordenker der 68er bezeichneten unsere Schulen einst provokativ  als »Schulfabriken«. Sie wollten darauf aufmerksam machen, dass Kindergärten, Schulen und Universitäten nicht primär dafür da seien, Menschen zu verwertbaren und vorauseilenden Lohnarbeitssklaven zu erziehen, die hauptsächlich mit ökonomisch relevantem Marktwissen vollgestopft werden sollen, sondern ihre Aufgabe sei es, das Selbstbewusstsein, die Urteilsfähigkeit, den Horizont und die Selbstständigkeit der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Heute wird diese Ansicht in Deutschland als realitätsfremd, idealistisch und romantisierend verlacht, während in Finnland genau diese pädagogische Grundhaltung dafür sorgt, bei den PISA‐Studien ganz oben zu stehen. Bis weit in linke Kreise hinein, werden in Deutschland Kindergärten und Schulen als Institutionen betrachtet, die in erster Linie keine selbständig denkenden (mitunter sogar kritische) Menschen, sondern vor allem wertvolles Humankapital für die Wirtschaft hervorbringen sollen.

Da nennt sich beispielsweise eine Privatschule in der Schweiz »Schulfabrik« und schreibt auf ihrer Homepage zur pädagogischen Ausrichtung:

Ziel der Schulfabrik ist eine umfassende ganzheitliche Schulung und Förderung all jener Fähigkeiten, die notwendig sind, um unseren Schülerinnen und Schülern einen erfolgreichen Eintritt ins Berufsleben zu gewährleisten. [...] werden die Schülerinnen und Schüler gefördert und gefordert.

Und das ist weitestgehend Allgemeinkonsens: Fördern und Fordern im Agenda 2010‐Eigenverantwortungs‐und‐Chancengleichheits‐Gequake. Die Abrichtung der Kinder und Jugendlichen für den Arbeitsmarkt. Eltern schicken ihre Kleinkinder beispielsweise zum Chinesisch‐Unterricht, da China als aufstrebende Wirtschaftsmacht und Deutschland als Export‐Nation, sicherlich viele Fachkräfte mit dieser Sprache gebrauchen kann. So meinte der damalige Bundespräsident Christian Wulff in einem Interview mit »Cicero« am 1. Oktober 2007: »Je mehr Kinder chinesisch lernen, desto besser«. Kinder als Rohstoffe und Investitionsobjekte der vermeintlichen Leistungsgesellschaft.

Ein weiteres Beispiel ist ein Artikel aus dem Handelsblatt vom 7. Mai 2013, indem Kleinkindern in der Kita, in Form von externen »Workshops«, ein positives Verhältnis zu Geld, Konsum, Lohnarbeit, Banken und Finanzen eingeimpft werden soll. Sicherlich sollten Kinder den Umgang mit Geld erlernen, dies dürfte jedoch in den meisten Haushalten ganz nebenbei und spielerisch (Taschengeld, einkaufen gehen, Rollenspiele etc.) erfolgen. Hier wird jedoch eine Gedanken‐Impfspritze verabreicht, welche die unbeschwerte Kindheit schon frühzeitig zu beenden versucht:

»Man kann gar nicht früh genug anfangen, Kinder an Geld und Finanzthemen heranzuführen«, sagt Wulf. [...] »Es ist wichtig, dass die Kinder lernen, wertschätzend mit den Dingen umzugehen. Sie sollen zum Beispiel verstehen, dass man Spielsachen kaufen muss und das Geld dafür nicht vom Himmel fällt.« [...] »Je früher man mit Finanzbildung beginnt, desto besser«, sagt die Schuldnerberaterin.

Gleichzeitig beklagen die Gewerkschaften DGB und GEW, dass Wirtschafts– und Finanzverbände, Privatunternehmen, Stiftungen, Vereine, Bankenverbände, die INSM und weitere Lobbygruppen, in den letzten Jahren immer stärker die Lerninhalte in allgemeinbildenden Schulen beeinflussen. Sie stellen kostenloses Infomaterial zur Verfügung, organisieren Workshops und Ausflüge, entscheiden über die Inhalte der Schulbücher und so weiter:

Wie eine Studie der Universität Augsburg herausgestellt hat, gibt es online bereits rund eine Million kostenlose Unterrichtsmaterialien von kommerziellen Anbietern, die keiner Qualitätskontrolle unterliegen. Solche Materialien werden erfahrungsgemäß genutzt, um Produkte zu bewerben und über Inhalte die Denk‐ und Handlungsweise von SchülerInnen zu beeinflussen.

-dgb.de vom 1. Mai 2013

Auch wird von Unternehmerseite und von den Arbeitgeberverbänden seit Jahren das Schulfach »Wirtschaft« gefordert, in dem vor allem Betriebs‐ und Volkswirtschaftslehre im Sinne des Rational‐Choice‐Modells gelehrt werden soll. Freilich mit einem positiven Bezug zur Marktwirtschaft, zu Geld, Banken, Unternehmen und der Börse. Der politische und soziale Kontext, Marx, Adorno, Marcuse sowie Kritik am Neoliberalismus dürften weniger auf dem Lehrplan stehen.

Die einseitige Marktbildung hat zur Folge, dass menschliche Fähigkeiten wie Empathie, selbständiges Denken und Sozialbewusstsein immer mehr verloren gehen. Wenn Kinder und Jugendliche primär auf Konkurrenz, Wettbewerb, Egoismus, Konsum, Flexibilität und Arbeitsgehorsam gedrillt werden sollen, darf man sich auch nicht über Komasäufer oder brutale Jugendliche wundern.

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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 24 Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

4 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 25: Knetmasse

  1. Treffliche Analyse! Ich möchte aber von einem kleinen Lichtblick erzählen. Sohnemann hat in der Schule Neigungsfach Wirtschaft. Kürzlich meinte er bei einem abendlichem Gespräch sinngemäß: »Die Wirtschafts‐Theorien sind doch nicht haltbar«. Immerhin haben die wissenschaftlichen Kriterien aus anderen Fächern damit ihre Aufgabe erfüllt. ;)

  2. Althusser schrieb vor über 30 Jahren. dass die Schule der zentrale Apparat der Reproduktion des Kapitalismus ist. Dies hat damals so manchen verwundert. Warum ausgerechnet die Schule? Nun, er hat seine Gründe gehabt. Kommunisten oder vielmehr solche, die sich dafür hielten, hoben diesen Punkt ja wenig hervor. Sie schnüffelten in solchen Texten im nach der großen Automatik der Geschichte, dessen Bahn sie als Avantgarde zu Inkorporierung bringen wollten, den Supersubjekten, der revolutionären Tat.
    Heute ist die Schule die Schmiedekammer der Seele mehr denn je. Die Schule hört ja auch nicht mit der Ausbildung auf, nein, man kann sich lebenslang beschulen lassen. Wie sollte die Schule da nicht das Herz der Mentalitätserschaffung sein? Stattdessen wird sie mancherorts mit Romantik und Liebelei besudelt, es handelte sich schließlich um Kinderchen oder sonst als Investment, welches in der Folge eine Remuneration erbringen soll. Zweifellos stört den Ökonom die Kindelei, aus bestimmten Gründen: er sähe darin gerne gleich das Investment. Damit hätte die Finanzbildung von Beginn an Bildung moduliert. Man kann getrost alles als finanztechnische Frage sehen. Überall findet sich eine Verknüpfung zu einem anderen Element der Welt, das als Spannungsaufbau dienlich ist, damit ein Investmentstrategie vollzogen werden kann. Das erste mal spät onaniert? Das ist nicht irrelevant. Manche Weibchen stehen auf Frühonanierer und vermutlich sind diese ausgerechnet wohlhabend, welcher Art auch immer. Jedenfalls spräche naturmarktevolutionstechnische nichts dagegen, früh sexualreif zu sein. Eltern sollten darin investieren. Man weiß nie, die Wege des Marktes sind unergründlich und meistens gilt: besser früher als später. Der Papst der New Home Economics, G. Becker, stellt ja nicht viel dümmere Beispiele zur Schau. Bedächtig wird in solcher Perspektive räsonniert, wenn es darum geht, Kinder in die Welt zu setzen. Ungeduldig wird ein Vater hier auf die Renumeration durch den Nachkömmling warten: einge Einheiten Tollerei mit dem Kind, einige Einheiten das Gefühl des Vaterbeschützers, des Stolzes, einige Einheiten Bobowischen aber jetzt als Abzug, einige Einheiten der Anerkennung durch das Kind als Reaktion auf ein Geschenk. Rechnet es sich bei dir schon? fragt er den Arbeitskollegen. Noch nicht, es will immer mehr und wenn es genug hat, dann schläft es und pupst.
    Die emotionale Öde dieses Szenarios entspricht im Wesentlichen jener der markkonformen Bildung, nur anders gemustert ist sie.

    Somit wäre Eine Optik, welche vermochte ideologische Prägungsaktivität gleich einem CT sichtbar zu machen, ließe vermutlich erbleichen und schließen, dass es nicht weiter verwunderlich sein kann, dass die Ideologie robust und solide sitzt. Wo sollte hier eine Gegenprägung Gärungszeit erhalten? Ein an zahllosen Fronten bestücktes Prägungsregime schwemmt jeden Ansatz alsbald hinfort ehe er auch nur zu gedeihen angefangen hat. Verwunderlich bleibt es für manche Zeitgenossen, wie eingängig all dies bei manchen von statten geht. Mit großer Euphorie arbeitet man daran, sich selbst zu kasteien. Mit jauchzendem Eifer und viel künstlichem Elan strebt man all dem entgegen, übernimmt Herrschaftsmechanismen als Pflichten mit möglichst unterhaltsamem Beigeschmack.
    Das Leben besteht vermutlich in seltensten Zeitpunkten aus wesentlichen Aussagen oder Gedanken. Man bemerkt sie sofort. Ein Satz, gesprochen mit den Mundwerkzeugen oder gehört oder gelesen wie ein beliebiger anderer, reformiert die ganze Sicht mit einem Schlage. Man ist danach anders. Alles ist leicht anders, neue Gedankenwinkel sind zugänglich geworden, die Existenzoptik ist remoduliert worden. Und dann wieder jahrelang nichts. Feingefühl hierfür könnte Bildung erbringen. Stattdessen die Bildung zur Gefühllosigkeit, zur großen Egoistik gegenüber den Gleichen und zum Kniefall vor den Narrativen und den Obrigkeiten des Marktes.

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