Presseblick (9)

Nun werde ich doch tatsächlich gezwungen, den »Künstler« Bushido zu verteidigen. Danke, liebe Politik! Die Frankfurter Rundschau, und mit ihr etliche andere Medien, berichten darüber, dass der »Poet« mit »hasserfüllten Hasstiraden« (Hass, Hass, Hass) den Tod von Politikern besungen hätte. Die Vorsitzende der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM), Elke Monssen‐Engberding, prüfe nun ein Verbotsverfahren der CD. Bushido macht das, was er kann: provozieren und damit Aufmerksamkeit erregen, um seine Verkäufe anzukurbeln. Nur die heuchlerische Doppelmoral von Politik und BPjM ist schwer zu ertragen. Wo war der Aufschrei bei Thilo Sarrazin’s Menschenhetze?

Das bringt mich gleich zum nächsten Thema. Auf taz.de gibt es ein Interview mit Franz Allert, der zuständig für die Unterbringung von Flüchtlingen in Berlin ist: »Ich muss mich tagtäglich rechtfertigen, dass ich eine gesetzliche Aufgabe wahrnehme«. Er wundere sich über die zunehmende Verachtung der Bevölkerung gegenüber Ausländern und Asylsuchenden. Thilo Sarrazin, zunehmende Armut, eine größere soziale Schieflage und den offensichtlichen Abbau der Restdemokratie in Deutschland, bringen wohl eher selten ausgeglichene und friedliebende Menschen hervor. Wer die Zusammenhänge hier sehen will, sieht sie auch.

Vergesst die Lügen‐Propaganda vom demographischen Wandel — selbst wenn es ihn gäbe, er wäre nicht für den Kindermangel in Deutschland primär verantwortlich. Denn solange es solche Fälle, wie den hier geschilderten in stuttgarter-zeitung.de gibt, bleibt Deutschland ein kinderfeindliches Land. In Ebersbach haben Anwohner für Kinder ein Ballspielverbot durchgesetzt:

»Um die Nerven der Anwohner zu schonen, scheut die Ebersbacher Stadtverwaltung weder Kosten noch Mühe. Jetzt sollen spezielle Weichschaumbälle angeschafft werden, damit Kinder im Stadtgebiet kicken können, ohne die Anlieger über Gebühr mit Prallgeräuschen zu belästigen«.

Während also Hunde Parks zuscheißen und laut durch die Gegend kläffen dürfen, während Erwachsene in ihren Gärten laute Grill‐ und Geburtstagspartys veranstalten, während Gäste in Biergärten die Anwohner bis 22 Uhr und länger belästigen können und während in manchen Stadtgebieten ganzjährig Baulärm zu ertragen ist, bekommen Kinder bald noch einen Maulkorb verpasst.

Im Handelsblatt wird berichtet, das Cover der neuen »Rolling Stones« Zeitschrift habe für Aufsehen und Proteste gesorgt. Das Magazin habe den mutmaßlichen Bombenleger des Boston‐Marathons Dschochar Zarnajew auf dem Cover abgebildet. (»Mutmaßlich« scheint sowieso der Begriff zu sein, mit dem sich alle Massenmedien vor einer vermeintlichen Falschanschuldigung präventiv absichern wollen. Keinen Begriff liest man bei Attentaten/Anschlägen derzeit öfter als diesen. Aber das nur nebenbei.) Das Titelbild sei geschmacklos und unsensibel den Opfern gegenüber, wird hier argumentiert. Völlig absurd und bigott in meinen Augen. Die Massenmedien haben hier noch nie eine moralische, sondern seit jeher eine Verkaufszahlen‐Sensibilität bewiesen. Denn dann dürfte man auch nie wieder einen Hitler, einen George W. Bush, einen Osama Bin Laden oder einen Anders Breivik auf dem Cover einer Zeitung ablichten.

Ein Gedanke zu “Presseblick (9)

  1. »Vergesst die Lügen‐Propaganda vom demographischen Wandel — selbst wenn es ihn gäbe, er wäre nicht für den Kindermangel in Deutschland primär verantwortlich. «

    Krankmachender Straßenlärm wird klaglos ertragen , Kinder-»Lärm« dagegen...
    Zutiefst kaputt , wobei diese Bolz‐Nummer fast schon wieder was (Real-)Satirisches an sich hat.
    Da geht es um Haß auf das Leben , es scheint eine ganze Armada von Leuten zu geben , deren ausschließlicher Lebensinhalt darin besteht , den ganzen Tag auf Gelegenheiten zu lauern , sich irgendwo als Beschwerdehansel zu profilieren , nicht nur beim durch Kinder verursachten Lärm-»Terror«, zum Beispiel auch bei diesen Psychos , die nach einem »anständigen« Arbeitstag völlig frustriert in der Bahn sitzen und nur darauf warten , bis sie irgendwem ein Fehlverhalten nachweisen können , um ihn dann mit einem Ein‐Mann‐Shitstorm zu überziehen.
    Oder bei Leuten , die die Polizei in schöner Regelmäßigkeit mit Beschwerden über angebliche Ruhestörung beschäftigen.

    Womöglich ist das für viele Mitmenschen die einzige Gelegenheit , mal jemand zu sein , einen winzigen Zipfel Macht zu spüren , an die herrschenden Strukturen trauen sie sich nicht ran , weil sie erbärmliche Feiglinge sind , also toben sie sich auf diese Weise aus.

    Traurig , traurig , das , und insbesondere der Süden Deutschlands bestätigt in schöner Regelmäßigkeit , daß selbst die dümmsten Klischees nicht immer einer tatsächlichen Grundlage entbehren .

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