Neusprech: Sozialromantik

»Hollande ist beileibe nicht der ausgabenfreudige Sozialstaatsromantiker, als den ihn die Strippenzieher des Kanzleramts im französischen Wahlkampf dargestellt hatten«

- zeit.de vom 30. Mai 2012

In der öffentlichen Begriffsverwendung gibt es die Bezeichnungen des Sozialromantikers, der Sozialromantik, des Sozialstaatsromantikers, und der sozialromantischen Vorstellungen. Die Begriffe sind negativ besetzt. Damit werden vor allem Vorschläge, des Sozialstaates betreffend, als realpolitisch und pragmatisch nicht umsetzbar deklariert.

Der Begriff Sozialromantik besteht aus dem Adjektiv sozial und dem Nomen Romantik. Wer sozial eingestellt sei, der sei hilfsbereit, solidarisch und denke an das Wohl anderer. Die Romantik beschreibt eine kulturgeschichtliche Literaturepoche, in der die Themen Gefühl, Seele, Leidenschaft, Traum und Individualität eine wichtige Rolle spielten. Schwülstige Hollywood‐Filme haben dazu beigetragen, dass sich eine einseitig klischeebeladene Assoziation des Wortes etabliert hat. Romantik sei demnach eine gefühlsduselige Ideal‐ und Traumvorstellung.

Das Schlagwort diffamiert vermeintlich unrealistische Konzepte, Ideen und Verbesserungen der Daseinsfürsorge. Wer also zuviel an andere denken würde, also ein zu stark ausgeprägtes soziales Gewissen hätte und vor allem gegen Sozialabbau sei, der sei — in einer Leistungsgesellschaft, in der Konkurrenz, Wettbewerb und Profit die maßgebenden Werte sind — ein Träumer. Und Träumer sind in der deutschen Politik, in der Pragmatismus und Realpolitik die einzig wahren Werte des Machterhalts im Sinne Machiavellis sind, unzuverlässige und unberechenbare Spinner. Insofern sind sie auch keine ernstzunehmenden Gesprächspartner.

Die Verunglimpfung des politischen Gegners durch die Begriffsverwendung des Sozialstaatsromantikers hilft dabei, jede nicht‐marktkonforme soziale Idee, als überzeichneten und realitätsfernen Gedanken zu diffamieren. Jeder, der heute die Auffassung vertritt, dass die Wirtschaft für den Menschen und nicht der Mensch für die Wirtschaft da sei, der gilt in den Augen der Etablierten, Reichen und Mächtigen als ein Sozialstaatsromantiker. Globalisierung, demographischer Wandel, leere Kassen und die Wirtschaftskrise lassen nur den Sozialabbau zu, so heißt es in der öffentlichen Debatte.

Politik in Deutschland bedeutet heute nicht, für das Wohl der Bevölkerung zu sorgen, also sozial zu sein, wie es im Grundgesetz in Artikel 20 formuliert ist:

(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
- Grundgesetz, Artikel 20
Es bedeutet, Partikularinteressen zu bedienen und die Wünsche der finanziell Mächtigen zu erfüllen. Die brauchen schließlich auch nicht von einer sozialeren Welt zu träumen, ihre Lobbyisten sitzen bereits in den Ministerien und schreiben fleißig an den für sie wichtigen Gesetzen mit.

14 Gedanken zu “Neusprech: Sozialromantik

  1. Für Frau Merkel muß die Demokratie marktkonform sein. Und, wir Deutschen haben ihrer Meinung nach kein Lebensrecht auf Demokratie.

    Anders ausgedrückt, Deutschland so immer mehr in das neoliberale Chaos abrutschen, in das uns die Finanzkonzerne und die Politik gebracht haben. Und in Deutschland geht alle Staatsmacht von den Großkonzernen aus.

  2. @gerhardq

    Ach was, mit so einer Meinung bist Du schnell ein Verschwörungstheoretiker. Weit hinein ins linke Lager, das ist das Traurige. Banken und Konzerne regieren uns? Quatsch, das ist doch die Bundesregierung! Jawoohl! :WTF:

    Die 500 Milliarden für die Banken, der Ackermann‐Geburtstag im Kanzleramt, die Lobbyisten die an den Gesetzen mitschreiben usw. gibt es nicht.

  3. »Die 500 Milliarden für die Banken, der Ackermann‐Geburtstag im Kanzleramt, die Lobbyisten die an den Gesetzen mitschreiben usw. gibt es nicht.«

    Die gibt es. Aber diese Maßnahmen waren alternativlos ;) .

  4. Es ist eine traurige und immer trauriger werdende Welt in der wir leben.
    Trauer, Armut, Verordnung und soziale Ausgrenzung haben für viele Teile der Bevölkerung um sich gegriffen.

    Immer noch ertönt es im Volk-(smund): Selber Schuld !

  5. Auch eine schöne Variante: Sozialklimbim.
    Bedeutung des Wortes »Klimbim« laut Duden: Klimbim, der; -s (ugs. für überflüssige Aufregung; lautes Treiben; unnützes Beiwerk).

  6. Epikur möchte also gerne glauben, das Leben sei ein Ponyhof, ein Kindergeburtstag, mit a free lunch for all... ;)

    Tag für Tag verseuchen die PR‐Buden die Sprache mit neuen Unwörtern, die keinem anderen Zweck dienen, als alles zu diskreditieren, was nicht in die neoliberale Ideologie passt. Meist passiert das unbemerkt und die Unwörter werden einfach übernommen.
    Dabei wäre es doch schön, wenn sich bei den Lesern so etwas wie ein Immunsystem gegen Neusprech ausbilden ließe, das auf Worte wie »Sozialromantiker« reflexhaft mit dem Gedanken reagierte: »Ah, hier schreibt ein neoliberales A...loch und wird uns die üblichen Lügen auftischen.«

    Dein Artikel könnte einen Beitrag dazu leisten.

  7. Jajaja, das wollen se glauben machen. Zweifellos ein Bestandtei der Naturalisierungstrategie frei entschiedener Herrschaftsanordnungen. Die Härte ist zweifellos das Lieblingsexistenzfragment der Neoliberalen. Aus ihr folgen Projektionen, Introjektionen, Verdrängungen, Verleugnugnen, alles Mögliche. Die Härte als charakterliche Signatur der Neoliberalen. W. Reich hat es Panzerung genannt, vor 80 Jahren aber.
    Es ist ein tückischer Komplex. Sie hat kein Ende, es geht immer noch härter oder immer war etwas zu wenig hart. Die Beherrschten haben die Härtefoderung an ihr Gewissen gekoppelt, Hilflosigkeitsängste, Minderwertigkeitsängste werden in Lauerstellung gebracht. Der Herrschende hat mit der Härtefoderung ein Spritzpistole in der Hand, mit Kerosen gefüllt, mit der er jederzeit das Denken der Beherrschten behindern kann, wenn er in ihr Angstfeuer spirtzt. Der Herrschende ist der Härteste. Er war hart genug, aber er wird noch härter, denn er weiß, der Härte ist nie genug. Konkorrenten härten sich allseits und jederzeit. Der Harte konkstruiert sich im Kollektiv die ganze Welt zu einem Härtungsprojekt um, das überall wattige, weiche, schleimige, glibbirge, fluide, warme Ursude sieht, die dem Projekt einer Härtung zur Ordnung zugeführt werden müssen. Versteinern, stählen, anziehen, härten, festzurren, rigidisieren, steif machen, reduzieren, destillieren, verkneblen, binden. Man hört schon: zum töten ist es nicht mehr weit. Das Lebendige wird festgezurrt, aufgespreizt und im Reinheitswahn gehärtet, regungslos gemacht.
    Mit Härte gegen den Tod. Der Harte tötet die Bedingung des Todes: das Lebendige. Man sollte die Weiche wieder erfinden und den Härtewahn vorsichtig auflösen. Man kann von einer natürlichen Responsivität des Menschlichen auf Weiche ausgehen. Man muss aber gefasst sein: das Harte wird weißglühend‐rasend, wenn es Weiche erfährt. Es erträgt sie nicht. Sie durchdringt seinen Bau und schlängelt sich in seine Wurzelsynapsen hinein und läßt sie zerfließen von innen heraus. Da beginnt der Todeskampf der Härte.

  8. Hm... warum schlägt man eigentlich nicht Rhetorisch zurück?
    Hollande ein Sozialromantiker?
    Na gut, dann ist Frau Merkel eben eine Marktromatikerin, die die selbstregulierenden Kräfte des Marktes bejubelt...

  9. Toomuch,

    Merkel ist KEINE MArktromantikerin. Das haut nicht hin. Wär sie so eine, dann hätte sie es bejubelt und zugelassen, daß sich die Bankenwelt selbst reguliert und untergeht. Also für Frl. Kasner muss eine andere BEzeichnung her.

  10. Arbeitslied der Standortsicherungsstaffel (SSS), nach der Melodie »Bergvagabunden« zu singen:

    Zynisch, brutal und menschenverachtend
    geh’n wir an unser täglich Werk!
    Zynisch, brutal und menschenverachtend
    geh’n wir an unser täglich Werk!

    Refrain:
    Auschwitz für alle, Auschwitz für alle,
    dann geht’s dem STANDORT DEUTSCHLAND gut, so gut,
    Auschwitz für immer, Auschwitz für immer,
    dann geht’s dem STANDORT DEUTSCHLAND gut!

    Hartzer vergasen, Hartzer vergasen,
    Unterschichtkinder brennen gut!
    Hartzer vergasen, Hartzer vergasen,
    zischend vergeh’n sie in der Glut!

    Refrain:
    Auschwitz für alle...

    Wenn die Schmarotzer röchelnd verrecken
    geht uns so richtig einer ab!
    Wenn die Schmarotzer im Gas verrecken
    geht uns so richtig einer ab!

    Refrain:
    Auschwitz für alle...

    STANDORT HEIL!!!

    Quelle: PROLOCAUST — Die Vernichtung der europäischen Unterschicht 1979–2035, Bd. 1, S. 198, Humanitäres Exilkomitee (Hrsg.), Tunis 2046

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