Neusprech: Gehaltsvorstellung

»Unter Angabe Ihrer Gehaltsvorstellung«

- eine häufige Formulierung in Stellenanzeigen

Die Formulierung im Zitat stellt die Frage nach der eigenen finanziellen Wertigkeit. Die Phrase unterstützt die Vorstellung, nach einer vermeintlich leistungsgerechten Bezahlung. Dazu müsste man aber Leistung seriös messen können. Leistet ein Manager mehr, als eine Putzfrau? Eine Krankenschwester weniger, als ein Banker? Wie misst man Leistung? An der Bezahlung? Dann dreht man sich im Kreis: Leistung ist gleich Bezahlung und Bezahlung ist gleich Leistung.

Gibt man eine zu hohe Summe als Gehaltsvorstellung an, wird man im Bewerbungsverfahren vermutlich gleich ausgesiebt. Will sich die Mensch‐Ware vermeintlich günstig »anbieten«, um an den Job zu kommen, sieht das beim Unternehmen und beim Personaler nach einem verzweifelten, sprich eher ungeeigneten Bewerber aus. Dennoch ist es offensichtlich, dass Unternehmen, die Verantwortung für die Lohndrückerei, von Anfang an gleich auf den Lohnarbeiter abwälzen.

Transparenz und Offenlegung von Gehältern hat in Deutschland keine Tradition. Viele Branchen, Unternehmen und Organisationen wehren sich erbittert dagegen. Als im Jahre 2006 die Offenlegungspflicht Politiker zwang, ihre Gehälter und Nebeneinkünfte der Öffentlichkeit mitzuteilen, klagten erstmal neun Abgeordnete beim Bundesverfassungsgericht dagegen. Heute werden Politiker‐Einkünfte in drei Einkommensstufen öffentlich gemacht. Stufe eins erfasst monatliche Einkünfte von 1.000 bis 3.500 Euro, Stufe zwei Einkünfte bis 7.000 Euro und Stufe drei Einkünfte über 7.000 Euro.  Hinzu kommt, dass viele Abgeordnete ihre Nebenjobs verschweigen. Von wirklicher Transparenz kann hier also keine Rede sein.

In Deutschland wird um das Gehalt ein großes Geheimnis gemacht. Bei sehr wenigen Stellenanzeigen wird der  zukünftige Lohn erwähnt. Ja, man wird auch oft im Arbeitsvertrag dazu verpflichtet, mit den Kollegen und Mitarbeitern nicht über das eigene Gehalt zu sprechen:

»Über alle Geschäfts‐ und Betriebsgeheimnisse einschließlich des Inhalts der Gehaltsregelung ist Stillschweigen zu bewahren«

- eine häufige Formulierung in Arbeitsverträgen

Viele Menschen reden auch nicht privat über ihr Gehalt: »über Geld spricht man nicht«, sagt der Volksmund.  So als würde es der breiten Masse gar nicht um die blanken Scheinchen gehen. Die Geheimnistuerei um das liebe Geld offenbart den materialistisch verlogenen Zeitgeist in Deutschland. Aus Angst vor einem sozialen Unfrieden, vor Neid und Missgunst werden Gehälter weitestgehend geheim gehalten. Die »Gehaltsvorstellung« wird somit zum Synonym für den Sozialstatus.

Es würde offen gelegt werden, wie ungerecht und unfair die Menschen eigentlich bezahlt werden.  Und dass  es Verteilungs‐ und Lohngerechtigkeit in Deutschland nicht gibt. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Mindestlohn?  Bezahlung, von der man leben und seine Familie ernähren kann? In vielen Branchen und Berufen Fehlanzeige. Stattdessen wird das Gehalt »ausgehandelt« oder folgt gänzlich anderen Kriterien. Vertragskultur, nennt man das. Nur wie so oft, sind die Vertragspartner selten auf Augenhöhe. Der Lohngeber kann sich bei der derzeitigen Massenarbeitslosigkeit mehr erlauben und rausnehmen, als der Lohnarbeiter, der nur seine Arbeitskraft, also sich selbst verkaufen kann.


10 Gedanken zu “Neusprech: Gehaltsvorstellung

  1. es ist nicht so einfach wie es aussieht.
    das mit dem stillhalteabkommen über den verdienst, ist gewachsen wegen des neides der menschen. weil die meisten nicht eingestehen können das ein anderer ihre arbeit besser macht und deshalb für die gleiche arbeit auch mehr verdient.

  2. @duda

    Woran erkennst Du, dass jemand die Arbeit von anderen besser macht? Ist es nicht auch so, dass unterschiedliche Tarif‐ und Arbeitsvertragsbedingungen unterschiedliche Löhne generieren?

    Das hat meines Erachtens mit »Leistung« wenig zu tun. Und wie man Leistung seriös messen kann, kannst Du mir ja gerne mal erklären. Schließlich ist die »Leistung« doch DAS Kriterium für das Gehalt, oder? ;)

  3. Schließlich ist die »Leistung« doch DAS Kriterium für das Gehalt, oder? ;)
    Wieviel ›Gehalt‹ bekommt ihr denn für die Leistungen aus dem Blog?
    Was sagt uns das über die Qualität aus?

    Das man nicht über Geld spricht kann doch kein Arbeitgeber verhindern, es liegt an den Menschen selber. Wenn einer nicht mal 200 euro in der U‐Bahn zeigen darf ohne das man angst haben soll, das es geklaut wird, dann sollte man mal über das wetter oder so reden.

    Der Arbeitgebende zahlt soviel wie man ihm Wert ist. Welche Kriterien er anwendet ist ihm selber überlassen. Manche gehen wirklich nach ›Leistung‹, manche nach ›wohlwollen‹.

    Bitte erwarte nicht das ich jetzt ›objektiv‹ Leistung definiere. http://de.wikipedia.org/wiki/Leistung_%28Physik%29
    In einem vorhergegenden Beitrag habt ihr ja schon festgestellt ›Objektivität‹ gibt es nicht. Alle Kriterien die man ansetzt sind Subjektiv, schon allein auf Grund des Wissensstandes.

    Was erwartet wird und warum ist Aufgabe des chöfs. Der hat aber nicht nur sich selber, dem Finanzamt und den Kunden eine Verpflichtung sondern auch dem Angestellten gegenüber. Das ist vlt. nicht immer Klar, ist aber so.

  4. @berti

    Wenn Geld adeln würde, also die Qualität von Inhalten steigern würde, dann wären die Reden von Merkel, Ackermann und Co. pures Gold wert. Sind sie das? :SHOCK:

  5. Na, — bleiben wir ehrlich. Wenn ich auf meinen T17 (o.G.) aus purer Sturheit bestehen bleibe, sagt mir jeder Boss, dass ich doch bitte die Klappe halten soll, was mein Gehalt betrifft. Einfach deshalb, weil unter den Kollegen eine Menge Leute sind, die weniger stur waren. Aus Angst vor den Argen, aus Angst den nächstmöglichen Arbeitsplatz zu verpassen der ihrem Können entspricht usw. usf. Ebenfalls interessant bei Startup‐Unternehmen, die entweder Kräfte aus dem Ausland, oder besonders junge Leute einstellen, — und sie schlicht und einfach, minder bezahlen. Viele davon, können weder weniger als ich, einige können garnichts, andere sogar mehr. Die Überschaubarkeit der tatsächlichen Leistung und Kompetenz war schon immer ein Dilemma, welches nie ehrlich angegangen wurde. Denn dann hätte man evtl. Fürungspersonal, genauso gerecht behandeln müssen. Was mit Sicherheit, keiner davon wollte. Ansonsten hängt hinter dem Stillschweigen übers Gehalt nichts anderes, als der Gedanke, das alle sich am meistverdienenden orientieren könnten. Und damit individuelles Lohndumping, gar nicht mehr möglich wäre.

  6. Liebe Leute,

    hier herrscht ja ein ziemlich wirrer Standpunkt zum Verdienst im Kapitalismus. Wer mal lernen möchte, wie sich die sehr disparaten Verdienste der verschiedenen Berufe erklären, der HÖRE mal hier hinein:

    Die Einkommen in der Klassengesellschaft: Wer verdient warum wie viel?“(Prof. Dr. Freerk Huisken, 4. 3. 2010, Bremen) »>
    http://doku.argudiss.de/?Kategorie=all#322

    Liebe Grüßle :)

    Ray

  7. Pingback: Neusprech: Gehaltsvorstellung - Vom Wert der Arbeit - vor und zurueck

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