Mediales Dauerfeuer — was wissen wir wirklich?

In diesen Tagen kann man das System der bürgerlichen Presse und ihre Methoden hervorragend beobachten und analysieren. Es passiert nämlich nur selten, dass gleich zwei Großereignisse die Bildschirme und die Zeitungen dominieren. Beide, der »Libyen-Krieg« und die »Japan-Krise«, verdrängen fast alle anderen Themen (Guttenberg, Wikileaks usw.) Wer im gesellschaftspolitischen Diskurs mitreden will, kommt an diesen Themen nicht vorbei. Ein paar Gedanken zur medialen Diskurssteuerung.

1.) Die gezielte Thematisierungsfunktion der Massenmedien (Agenda Setting) wird derzeit sehr deutlich. Es gibt ständig  Kriege und Katastrophen auf der Welt. Nur werden viele schlicht nicht thematisiert, verschwiegen oder ignoriert. Nun werden sicher einige sagen, dass der »Libyen-Krieg« und die »Japan-Krise« doch ganz besonders wichtige Ereignisse wären, über die man berichten müsse und die eben anders und besonders seien, als andere Kriege und Katastrophen, oder? Nur, wer entscheidet das? Das mediale Dauerfeuer lässt in uns das Gefühl aufkommen, dass diese Themen eine besondere Wichtigkeit haben müssen. Über den seit Jahren andauernden Völkermord in Darfur,  den Bürgerkrieg in Mexiko, Hungerkatastrophen in Afrika, weltweite Aids- und Armutprobleme, Wirtschaftsverbrechen, moderne Sklaverei- und Ausbeutungsmethoden von Großkonzernen usw. wird nicht berichtet. Auch die Bürgerkriege im Irak, Afghanistan und dem Kosovo sind weitestgehend aus der Presse verschwunden.

2.) Die Macht der Bilder spielt in den bürgerlichen Medien eine übergeordnete Rolle. Viele Themen werden auch nicht behandelt, weil es keine Bilder dazu gibt. Viele Artikel oder Fernsehbeiträge funktionieren ohne Bilder nicht. Sie emotionalisieren weniger, haben weniger Glaubwürdigkeit. Denn noch immer hält sich in vielen Menschen der Glaube, dass nur das wahr sei, was man mit eigenen Augen gesehen hat.

Bilder können manipuliert, verzerrt, bearbeitet, besonders betont oder beleuchtet, konstruiert oder einfach gezielt weggelassen werden. Medien personalisieren häufig, machen Themen an einer Person fest, auch wenn es noch so umfangreich und komplex ist. Denn von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, gibt es immer Bilder. Der »Libyen-Krieg« ist gleich Gaddafi und Gaddafi ist gleich der »Libyen-Krieg«. Und um klarzustellen, dass wir es hier mit einem grausamen Despoten und Diktator zu tun haben, wird Gaddafi stets als ernster und finster dreinblickender Mann gezeigt. Blogkollege Robero J. De Lapuente zeigt in der Rubrik »facie prima« wie öffentliche Personen gezielt visualisiert und in Szene gesetzt werden. Es gibt sicher auch Fotos von Gaddafi, wo er  freundlich lächelt, aber die werden nicht gezeigt.

3.) Die gezielte Selektion von Nachrichten bestimmt das Agenda Setting. Das geschieht nicht zufällig, sondern nach ganz bestimmten Kriterien. Ereignisse sollten demzufolge interessant, eindeutig, überraschend und ungewöhnlich sein. Der Irak, Afghanistan, Kosovo, hungernde afrikanische Kinder und der Völkermord in Darfur sind nicht neu und ungewöhnlich und daher auch nicht berichtenswert. Ist das Thema mit Personen aus dem öffentlichen Leben verknüpft, also mit Promis, Politikern oder Unternehmen, so ist die Chance hoch, dass es Erwähnung findet. Es sollte auch nicht zu komplex sein, schließlich muss die Nachricht in einem Tagesschau-Bericht in weniger als einer Minute untergebracht werden. Passt es zum Bild der allgemeinen medialen Berichterstattung, hat es somit eine Relevanz, einen sog.  »Nachrichtenwert«. Ein Thema sollte auch nicht allzu lange behandelt werden, schließlich möchte der Rezipient abwechslungsreich unterhalten werden. Umso mehr Katastrophen, Kriege, Verletzte und Tote umso besser für die bürgerlichen Medien: bad news are good news and good news are no news.

4.) Eine vermeintlich objektive Berichterstattung kann es nicht geben, solange Medien ein Gewerbe sind. Die Massenmedien, mit Ausnahme des Öffentlich-Rechtlichen, sind private Unternehmen und insofern an Marktanteile, Auflage, Quote und Profit interessiert. Das wird nur allzu gern vergessen, wenn auf Tagungen, Podiumsdiskussionen, Fernseh-Talkshows oder auch in Blogs über das journalistische Ethos und über vermeintlich objektive Berichterstattung schwadroniert wird. Das  ökonomische Kosten-Nutzen-Denken und der Marktgedanke sind in den Redaktionsstuben weit verbreitet. Es ist naiv anzunehmen, es gäbe so etwas wie eine freie Presse, eine objektive Berichterstattung und einen journalistischen Wahrheitsethos. Es wird auf dem Altar der Marktverwertung geopfert. Anzeigenkunden, Chefredakteure, Verlagsbosse und Aktionäre geben den ideologischen Kurs vor, der meist mit anderen bürgerlichen Medien gleichgeschaltet ist.

Es gibt zwar hin und wieder einen vermeintlich kritischen Diskurs, der sorgt aber nur dafür, dass der Glaube aufrecht erhalten wird, Medien wären kritisch und würden hinterfragen. Grundsatzfragen, unbequeme Wahrheiten, das politische System als Ganzes oder etablierte Privilegien werden in den Massenmedien nicht in Frage gestellt. Um ein Beispiel von objektiver Berichterstattung zu nennen: während Demonstranten im Iran aufrechte Demokraten sind, sind sie in Deutschland Chaoten und während man in Russland prügelnde Polizisten zeigt, werden in Deutschland »gewaltbereite Demonstranten« (z.B. der sog. »schwarze Block«) abgebildet. Denn nicht nur seit Stuttgart 21 prügeln Polizisten in Deutschland Demonstranten.

Nun werdet ihr euch fragen: was hat das alles mit dem »Libyen-Krieg« und der »Japan-Krise« zu tun?

7 Gedanken zu “Mediales Dauerfeuer — was wissen wir wirklich?

  1. ist gut und wichtig gerade jetzt nochmal auf die rolle der medien hinzuweisen.
    »Die Massenmedien, mit Ausnahme des Öffentlich-Rechtlichen, sind private Unternehmen« — wobei die öffentlichen natürlich das ziel haben die von den
    hiesigen »eliten« gewünschte meinung zu verbreiten.

  2. Pingback: Aufgelesen | Guardian of the Blind

  3. Pingback: Das Ende der Ratlosigkeit « Totschka – Auf den Punkt

  4. Pingback: » Aufgelesen :: binsenbrenner.de

  5. Na,ja. Die Gedanken sind kurz. Ein generelles Problem.
    Habe heute einen schönen Spruch von jemandem gehört, von dem ich das am allerwenigsten vermutet hätte.
    ..... Das ist wie mit Lybien. Man haut einen Haufen Bomben rein, um sich dann zu überlegen, was man eigentlich vorhatte.

  6. Tja so richtig erfolgreich ist Propaganda nur mit Bilder das ist nicht neu, es ist halt heute nur weiter verbreitet als jemals zuvor....dank TV,Presse,Internet etc.!
    Alles zu glauben was man sieht ist halt auch sehr zweideutig........,ich glaube nur was ich direkt sehe bzw.erlebe........
    Jedenfalls klappt die Manipulation heute besser als je zuvor, welcher Deutsche interessiert sich schon für die Probleme im eigenen Land.........., wegsehen ist doch viel einfacher und auch ungefährlicher obendrein!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.