Qualitätsjournalismus?

»Das Internet treibt Zeitungen und Zeitschriften in den Ruin — sofern sie sich nichts Neues einfallen lassen«, so beginnt Karsten Lemm im »Stern« seinen Artikel, vielmehr seine Hetzschrift, gegen kostenlose Informationsangebote aus dem Internet. Seiner Argumentation zufolge, sind »Informationen wertlos geworden«, da sie im Internet nichts kosten würden. Nur eine Information, für die bares Geld fließt, ist also etwas wert?

Den ganzen Artikel durchzieht die Frage: wie kann ich als Journalist bzw. Printmedium am besten Geld verlangen und verdienen? Er suggeriert, als würden sich Printmedien heutzutage hauptsächlich von den Käufern finanzieren und diese wenden sich nun dem kostenlosen Internet zu. Dabei ist das mitnichten der Fall! Werbung und Anzeigen sind bei fast jeder Tageszeitung die Haupteinnahmequelle. Für die Anzeigenkunden wird berichtet und Politik gemacht und nicht für die Leser. Ein paar verlorene Leser kann eine Tageszeitung leicht verschmerzen, einen vergrämten Anzeigenkunden jedoch nicht. Abonnoments sind zwar wichtig, für die Finanzierung als ganzes meist jedoch ein unerheblicher Faktor.

Insofern stellt sich eher die Frage nach der Qualität der Tageszeitungen bzw. der Mainstreampresse. Journalisten haben kaum noch Zeit einen ordentlich recherchierten Artikel zu verfassen, viele schreiben Agenturmeldungen oder von anderen Zeitungen ab. Auch bedienen sich viele Journalisten, aus Zeitdruck und Bequemlichkeit, vorgefertigter Texte von Lobbyisten oder Pressesprechern. Ein individuelles Zeitungs‐Profil ist nur noch selten vorhanden. Das Prinzip der inhaltlichen Gleichschaltung, wie ich es an dieser Stelle schon öfters bewiesen habe (wie z.B. hier und hier), ist nicht zu übersehen. Vielleicht »flüchten« sich viele Leser eher aus einem Mangel an Glaubwürdigkeit und Qualität der Tagespresse ins Internet?

7 Gedanken zu “Qualitätsjournalismus?

  1. Es gab ja schon verschiedene Versuche kostenlose, rein durch Werbung finanzierte Tageszeitungen herauszugeben. Das darf aber nicht sein. Der schoene Schein der »Unabhaengigkeit« soll (»um jeden Preis«) gewahrt bleiben.

  2. Nachtrag:

    Zum piepen:

    »Und dass Journalisten etwas als Erste oder Einzige erfahren, kommt kaum noch vor; heute verbreiten sich Neuigkeiten in Sekundenschnelle via E‐Mail, Facebook, Twitter, Skype und SMS, ehe irgendein Reporter die Chance hat, auch nur zum Telefonhörer zu greifen.«

    Kein Wunder, dass aus der Baggage nichts wird, wenn sie zu bloede ist ›ne E‐Mail oder SMS zu schreiben und stattdessen »zu Telefonhoerer(!) greifen muss. Dieser Hoerer wird sich womoeglich gar an einem guten, alten Post‐Standard‐Apaparat (grau, oliv, orange) befinden, mit Waehlscheibe und Impulswahl.

    :d

  3. > vielleicht »flüchten« sich viele Leser eher aus
    > einem Mangel an Glaubwürdigkeit und Qualität
    > der Tagespresse ins Internet?

    was mich angeht ist das der Grund. Warum sollte ich eine Zeitung XY lesen, wenn ich ohnehin nachrecherchieren muss wo die Lüge steckt. Ich denke z.B. gerade an den Georgien Konflikt, bei dem die offizielle Lesart sehr weit von der Wirklichkeit entfernt war.

  4. Naja, die Sache mit der Haupteinnahmequelle stimmt natürlich nur insofern, als die Anzeigenkunden mit ihrer teuer bezahlten Werbung eine möglichst große Menge kaufkräftiger Leser erreichen möchten, sonst geben sie den Zaster lieber woanders aus.
    Wenn die Auflage unaufhaltsam schrumpft, egal, ob wegen der überreichen Gratisinformation im Internet oder weil Druckerzeugnisse, die sich allesamt windschnittig am neoliberalen Mainstream ausrichten, so todlangweilig sind, dass niemand dafür Geld ausgeben mag, kommt natürlich auch der beflissen umschleimte Anzeigenkunde irgendwann dahinter, dass die verkaufte Auflage erheblich geringer ist als die im Impressum angegebene.
    Insofern sägen die meisten Presseerzeugnisse emsig an dem Ast, auf dem sie sitzen.
    Aber sollen wir wirklich Mitleid mit strohdummen Anzeigenleitern und ihren ebenso faulen wie feigen Redakteuren haben?
    Fällt mir schwer, offen gesagt.
    Solche »Journalisten« (die sich schon für irrsinnig investigativ halten, wenn sie Presseerklärungen aus Politik und Wirtschaft für die Leser mit ein paar schlappen Scherzchen aufpeppen, ehe sie sie veröffentlichen) erinnern mich immer an gewisse beknackte Schulkameraden, die auf ein besseres Zeugnis hofften, weil sie dem Herrn Lehrer so eifrig nach dem Munde redeten.
    Recht geschieht es ihnen, wenn ihr Kalkül nicht aufgeht!

  5. In einer Spiegel‐Ausgabe war ein Interview mit Thomas Friedmann, ein Journalist der alten Schule. Ihm ist bewusst, dass seine Art zu arbeiten ausstirbt und Kollegen nur noch im Internet recherchieren und auch er irgendwann nicht mehr die Reisen für die Arbeit vor Ort bezahlt bekommt.

    Die Entwicklung ist natürlich besonders traurig. Denn hier und nur hier können gedruckte Zeitungen/Zeitschriften das Internet noch toppen. In dem sie auf Qualität, auf Hintergründe und Recherche setzten und dafür sind Leser auch bereit zu zahlen. Für die »News« sind sie einfach zu langsam und Informationen sind und sollten auch in Zukunft kostenlos (+Internetkosten deiner Wahl) bleiben.

  6. Es dürfte sich demnächst lohnen, Internet‐Werbungsmanagement zu betreiben: eine Agentur, die gegen eine Gebühr Werbung auf entsprechend gut besuchte Blogs schaltet und den Bloggern auch etwas zukommen lässt.

    Gedruckte Zeitungen und Magazine werden es vermutlich schwerer und schwerer haben.

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