Presseblick (4)

In der Berliner Morgenpost warnen Innensenator Frank Henkel (CDU) und Berlins Verfassungsschutz-Chef Bernd Palenda vor den »gewaltbereiten Salafisten«: »...sieht der kommissarische Verfassungsschutz-Chef Palenda nun den Trend zu privaten Versammlungen. Dort werde in kleinen Gruppen noch intensiver die Ideologie verbreitet.« Während also Nazis mordend durch Deutschland ziehen (NSU) und die neoliberale Ideologie uns täglich in sämtlichen Massenmedien eingeimpft werden soll, warnen die Verfassungsschützer vor »Gewaltbereiten«, die ihre Ideologie »privat« weitergeben.

In der WAZ gibt es einen Artikel über die Umschulung zu Pflegekräften im Raum Essen. Ein typischer Artikel, der vorgaukelt, kritisch zu sein, ohne wirklich zu hinterfragen. Bemängelt wird, dass es zuwenig Pflegekräfte (warum wohl?), aber gleichzeitig vermeintlich viele Arbeitslose gäbe, die sich gern zu Altenpflegern umschulen lassen würden, die Jobcenter und Arbeitsagenturen jedoch nicht genügend Bildungsgutscheine dafür bereit stellen würden: »Es sollte im Sinn von Agentur und Jobcenter sein, weitere Leute aus dem Sozialbezug zu holen.« Naiv oder dreist? Der Sinn der Jobcenter besteht viel mehr darin, Druck auf Erwerbslose auszuüben, den Niedriglohnsektor zu fördern und vor allem Erwerbslose in Kursen, Umschulungen und Fortbildungen zu parken, um die Erwerbslosenstatistiken zu schönen. So etwas traut sich aber kein Journalist zu schreiben. Weiterlesen

Ökonomie hemmt Würde

Den Preis für die »menschenfreundlichste« Bildunterschrift erhält diese Woche SpiegelOnline im Artikel »Entwicklungsländer: Millionen Kinder sterben an Mangelernährung«. Zitat: »Hunger verhindert Bildung und wirtschaftlichen Erfolg«. Bildung ist in diesem Kontext (und nicht nur hier) ein Synonym für beruflichen Erfolg. Der humanistische Blick ist wohl schon völlig flöten gegangen? Wie wärs mit: »Hunger hemmt Leben?« Wir sind wohl nur auf der Welt, um zu lohnarbeiten, oder wie? »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen« vom Menschenfreund Franz Müntefering (SPD) kann wohl getrost in »wer nicht arbeitet, soll auch nicht leben« erweitert werden. Zum Trost wirbt dann noch die Techniker Krankenkasse mit »Gesund in die Zukunft«.

Presseblick (3)

Auf taz.de gibt es ein interessantes Interview mit Andrew Feinstein, ehemaliger Politiker aus Südafrika, der sich lange mit dem internationalen Waffenhandel beschäftigt hat: »Die Deutschen zählen zu den Korruptesten in Europa und die Europäer zu den Korruptesten weltweit«. Wie jetzt? Ich dachte immer, sowas denken nur Verschwörungstheoretiker, Pessimisten und Linksextremisten? Wir haben doch eine tolle Demokratie und eine wunderbare freie Marktwirtschaft, oder etwa nicht?

Auf tumblr.com gibt es Fotos vom türkischen Protest. Die Polizeigewalt kennt hier keine Grenzen. Erdogan lässt ohne Gnade auf seine Landsleute einprügeln.

Drei Atommächte rüsten ihr Atomkontingent auf, USA und Russland würden ihre Atomwaffen reduzieren, schreibt welt.de. Dennoch besitzen beide Staaten rund 8.000 Atomsprengköpfe. Eine Reduzierung bedeutet hier wohl eher eine quantitative Ab- und eine qualitative Aufrüstung. Fazit: außer Nordkorea und Iran dürfen (fast) alle Atomwaffen haben. Weiterlesen

Presseblick (2)

Ein Gipfel jagt den Nächsten: »Zweieinhalb Stunden hat der Integrationsgipfel im Kanzleramt gedauert [...] Mehr als 120 Vertreter aus Bund, Ländern, Kommunen, Migrantenverbänden, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden und Religionsgemeinschaften haben darüber diskutiert [...]«, steht auf welt.de. 120 Vertreter in 150 Minuten, da ist sicher jeder zu Wort gekommen. Das war eine vermutlich sehr lebhafte »Diskussion« mit viel Mehrwert. Feuchtkalter Wahlkampfgestank.

Audrey Magis, eine belgische Psychologin, war zwei Monate in Syrien und berichtet von ihren Erfahrungen auf aerzte-ohne-grenzen.de: »Aber wenn man etwas näher auf die Menschen eingeht, merkt man, dass die meisten von ihnen traumatisiert sind [...]«. Solche Berichte schaffen es natürlich nicht in die Tagesschau, dort zeigt man nur Kriegsvideos mit anonymer Internet-Quelle.

Auf focus.de will uns der »Top-Ökonom« (was ist das eigentlich?) Daniel Gros erzählen, wir sollen ordentlich konsumieren, um »die Wirtschaft« zu fördern (also um die Reichen reicher zu machen). Er kommt zu folgender Erkenntnis: »Das heißt nicht, dass jeder ärmer wird. Es heißt aber, dass keiner reicher wird«. Geiler Bullshit. Die Zahl der Vermögenden und Millionäre, die Boni-Auszahlungen sowie die Managergehälter sind in den letzten Jahren in Deutschland, trotz Krise, deutlich gestiegen (siehe faz.net vom 30. Mai 2013), genauso wie die Armut. Es müsste wohl eher heißen: »Es heißt, dass fast alle ärmer werden und nur sehr wenige reicher werden«.

Presseblick (1)

Inge Jacobs fragt auf stuttgarter-zeitung.de, wie es wohl gelingen kann, mehr Menschen in den Erzieher Beruf zu bringen? Natürlich nicht, indem man Erzieher endlich ordentlich bezahlt, sondern indem man millionenschwere Werbe-Kampagnen ins Leben ruft und laut darüber spricht.

In der Wirtschaftswoche (wiwo.de) wird geschildert, wie die Deutsche Bahn Graffiti Sprüher mit Drohnen-Kameras »jagen« will: »Der neue Hightech-Spürhund mit Logo der Bahn koste 60 000 Euro«. Hundert Stück und dann wären wir bei 6 Millionen Euro, Wartung noch nicht mit gerechnet. Gibts die auch mit Laser-Upgrade, falls die Terror-Sprüher Widerstand leisten?

Das Sprachrohr der Neoliberalen auf welt.de, Dorothea Siems, meint, so schlimm sei das alles mit der prekären Beschäftigung in Deutschland gar nicht: »Der in den vergangenen Jahren gewachsene Niedriglohnsektor bedeute keineswegs eine Verdrängung von gut bezahlter Arbeit, sondern sei vielmehr zusätzlich entstanden«. Da helfen auch keine Medikamente mehr.

Personalisierung ist Entpolitisierung

Die übliche Methode von Massenmedien, Politik und Wirtschaft, um Diskussionen über gesellschaftliche, gesetzliche oder wirtschaftspolitische Veränderungen zu vermeiden, ist die Personalisierung. Wann immer es um Skandale, Korruption oder um kritikwürdige Verhältnisse geht, wird das Problem, sofern möglich, auf eine Person reduziert. Man nimmt dem Skandal die politische Brisanz, verharmlost den Sachverhalt zu einem »Einzelfall« und zu einer persönlichen Verfehlung. So wird der Blick auf die wahren Verantwortlichen, auf Strukturen und Mechanismen von Politik und Wirtschaft verdeckt und auf einzelne Personen fokussiert. Diese wird dann meist öffentlichkeitswirksam mit Sanktionen belegt und anschließend geht man wieder zur Tagesordnung über. Weiterlesen

Der tägliche #Aufschrei

»Noch immer werden nach dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch Tote aus den Trümmern geborgen. Mehr als Tausend starben, die meisten von ihnen Frauen.«

- zeit.de vom 10. Mai 2013

Anmerkung: Sind Frauen wertvollere Menschen und verdienen deshalb eine besondere Erwähnung? Wäre es frauenfeindlich bzw. sexistisch, wenn Man(n)/Frau stattdessen schreiben würde »die meisten von ihnen Männer«? Oder wäre auch das nur eine völlig neutrale Sachbeschreibung? Wie lange würde es wohl dauern, bis sich Feministinnen über solch eine Meldung empören, weil man die Frauen dabei nicht erwähnen würde? Gilt etwa immer noch: Frauen und Kinder zuerst? Männer sind ersetzbar? Wie wäre es mit »die meisten von ihnen waren Menschen, die schamlos ausgebeutet wurden«? Warum spielt die Erwähnung des Geschlechts bei solch einer Katastrophe überhaupt eine Rolle?

Wichtiges vom Tage

Mann bezahlt mit 30 Euro Geldschein in einem Discounter und erhielt sogar Wechselgeld.

Das Model Eva Padberg besucht als offizielle Unicef-Botschafterin Kambodscha und zeigt auf ihrem Facebook- und Twitter-Account die Umbaumaßnahmen ihrer Luxuswohnung.

Neue Studie: wer mit geballter Faust lernt, kann sich besser konzentrieren.

Mir fallen keine Satiren mehr ein. Die Realität ist zu schnell.

Und täglich grüßt die DPA-Gleichschaltung!

Es gibt wohl immer noch Menschen, die nicht wahrhaben wollen, wie gleichgeschaltet unsere Medien sind. DPA gibt vor und alle anderen schreiben ab und manchmal sogar um. Meistens wird selbst der Titel komplett übernommen. Von einer Medienpluralität oder gar einer Pressevielfalt in Deutschland zu sprechen, ist naiv und pure Realitätsverweigerung. Ob TAZ, Welt, SpiegelOnline, Fokus, Stern, BILD, Handelsblatt und so weiter – die Deutsche Presseagentur ist ihr Informationsgott. Kennt man eine Zeitung, kennt man alle. Natürlich übertreibe ich, bin populistisch und ein Verschwörungstheoretiker. Alternativ schaut Ihr euch folgende screenshots an, die ich am 25. April gemacht habe (alles DPA-Meldungen im Original-Wortlaut): Weiterlesen

Inge Hannemann

Sie ist eine Arbeitsvermittlerin in Hamburg Altona. Sie bloggt auf altonabloggt. Sie berichtet über die internen Zustände und Strukturen des Jobcenters. Sie distanziert sich von dem Begriff »Kunden«, da man nicht freiwillig ins Jobcenter gehen würde. Sie kritisiert die ALG2-Gesetzgebung als ein »System der Angst«. Nun will man sie loswerden.