
Fast so groß wie »Timmy«: Fluffy, Greta, und Lucky
Eigentlich wollte ich nichts zu dem Buckelwal »Timmy« schreiben. Ich habe es mir jetzt aber anders überlegt, da sich meine Sichtweise in den letzten Wochen verändert hat. Meine Einschätzung ist, dass hier vor allem zwei Weltbilder aufeinander geprallt sind.
Die Einen nehmen Natur und Umwelt als reines Verwertungsobjekt des Menschen wahr. Während die Anderen Tier und Natur als eine existenzielle Lebenswelt des Menschen begreifen.
Glauben
Bei »Timmy« trifft das nihilistisch-rationale auf das spirituell-lebensbejahende Weltbild. Die Einen haben keinen Glauben an das Leben, haben »Timmy« schon längst aufgegeben und ihn tot im Museum gesehen. Während die Anderen, die Hoffnung nie aufgeben wollten und sich tief mit »Timmy« ‑als Teil der Natur und damit des Menschen- verbunden fühlten. Der Graben zwischen diesen beiden Lebenswelten könnte kaum größer sein.
Schnell kommen dann die üblichen Relativierungsargumente, die »ganz-oder-gar-nicht-Vorhaltungen« sowie viele andere Nebenkriegsschauplätze hoch. Ja, es mag teilweise übersteigerte Tierliebe, »Virtue Signaling« sowie ein Social-Media-Hype gewesen sein. Und wenn schon.
Mit dem Argument, man würde ja auch nichts gegen Dieses oder Jenes machen und/oder kein Veganer sein, kann man letztendlich alles niederschreiben und jedes Engagement moralisch verurteilen. Denn Niemand macht alles richtig oder ist das personifizierte Gute. Der übliche Nazi-Vergleich (»Die Nazis hatten auch eine große Tierliebe!«) darf natürlich auch nicht fehlen. ![]()
Spiritualität
Gleichzeitig gibt es immer wieder zeitgenössische Beobachter und Analytiker, die konstatieren, dass wir Menschen im Westen keinen Glauben und keine Spiritualität mehr besitzen. Die dekadente Konsum-Gesellschaft hat die Spiritualität verdrängt und mitsamt »der Wissenschaft« als vorzivilisatorisches Element gebrandmarkt. Allein, wer heute schon von Karma, Energiefeldern oder eben Spiritualität spricht, wird sofort als Eso-Spinner diffamiert.
Meine Wahrnehmug ist, dass das Phänomen »Timmy« bei vielen Menschen einen Funken von Spiritualität ausgelöst hat. Die Verbindung von Mensch, Tier und Natur als eine Einheit, wurde neu entfacht. Viele fühlten sich tief mit »Timmy« verbunden, haben mit ihm gelitten und große Empathie gezeigt. Das in irgendeiner Form schon wieder als verwerflich darzustellen, finde ich verwerflich. Denn wir haben wohl eher zu wenig, als zu viel Empathie mit Tier und Natur.
Ob und inwiefern das langfristig etwas bringt oder dadurch ein Umdenken stattfindet (Umweltverschmutzung, Plastikmeere, Fischerei etc.) — da habe ich natürlich ebenfalls meine Zweifel. Trotzdem ist »Timmy« ein Lebewesen, dass man retten konnte. Haptisch. Konkret. Im Hier und Jetzt. Und wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.
Timmy ist die ideale Ablenkung. Die Guten können wieder die Guten sein – egal, wie sie sich Mitmenschen gegenüber verhalten.
Für “vier Pfoten” spenden und gleichzeitig seinen Nachbarn wegen zuvielen Personen während der Weihnachtsfeier im Lockdown anzeigen, das geht hervorragend zusammen.
Die Guten projizieren nicht nur ihren Selbsthass auf Nazis, Schwurbler und Feinde Ihrerdemokratie. Sie projizieren auch ihre Sehnsucht nach Liebe auf ein paar Tonnen halbtotes Walfleisch, das ihnen ein und dieselben Medien jeden Tag erneut als grosses Drama vorspielen. So bleiben sie in ihrer Psychose gefangen und schön steuerbar.
Ich stimme dem Volker da zu.
Wäre spannend zu wissen, wie viele dieser Guten noch ihr Pflaster aus der Coronazeit im Bilderrahmen an der Wand hängen haben.
Man kann natürlich versuchen den Wal zu retten, aber was ich da so medial wahrgenommen habe, war das alles ein übetriebener Popanz.
Ein bischen wie »William Schumann« aus Wag the dog.
@Volker Birk
»Denn Niemand macht alles richtig oder ist das personifizierte Gute.«
Ich kann mich da nur selbst zitieren und sagen, dass ich das mittlerweile nicht mehr so zynisch sehen will. Diese »ganz oder gar nicht« — Haltung ist mir auch zu vernichtend.
Hm.
Das primäre Problem ist ja meistens, das die Menschheit – oder zumindest ein sehr großer Teil davon – sich von der Natur und ihrer Umwelt abgekoppelt hat und kein Problem damit hat, sie auszubeuten bzw. zu zerstören. Ob der Wal auch in einer »heilen Welt« im falschen Meer gestrandet wäre, weiß ich nicht. Aber wenn man was für ihn tun will, dann ist es wohl eine schon sehr lange geschuldete Wiedergutmachung für die Zerstörung, Verschmutzung und Ausbeutung der Meere.
Wie dem auch sei, ist es an und für sich schon nett, dem armen Tier wieder auf die Beine, ich meine: zurück in seine angestammten Gewässer zu helfen. Das wäre aber auch ohne großes mediales Tralala möglich gewesen. Aber natürlich ist es viel einfacher, sich öffentlich zu diesem Thema zu äußern als bspw. zum Irankrieg und der deutschen Beteiligung daran. Oder zur Coronaaufarbeitung. Oder zu den Problemen der Kranken- und Pflegeversicherung. Um nur ein paar wenige Baustellen zu nennen, die uns ja alle viel direkter betreffen als dieser arme Wal es tut.
Äh. Wenn ich gleichzeitig weiterhin seinen Lebensraum ruiniere, wohl eher kaum?
P.S. Kleiner Hinweis von der Besserwisserin: Es müßte heißen »Glaube und Spiritualität«. Also, es sei denn, selbst beim Duden wäre der Glaube hier mittlerweile den Weg des Friedens gegangen, der früher »der Friede« hieß und nun als »der Frieden« gehandelt wird (ganz unabhängig davon, daß ansonsten nur wenige an ihm interessiert sind...).
Aber daß dieser Wal mit einem davon was zu tun hätte, möchte ich auch bezweifeln. Siehe oben. Da projizieren sie vielleicht ihre Wünsche hin, aber im täglichen Leben sind sie auch nicht besser zu Tieren als vorher. Und es landen wegen »Timmy« wohl auch nicht weniger Plastiktüten im Meer oder ähnliches.
Komisch, früher gab es Völker, die haben alles verwertet.
Der Beitrag erinnert mich auch schon wieder an den ersten wirklichen weltweiten Anschlag auf unseren Intellekt, als der WWF gesponsert von General-Motors damals die Walkampagne startete.
Wahrscheinlich sind die Meisten noch heute über diesen Hoax konditioniert oder wenigstens beeinflusst worden.
»Denn wir haben wohl eher zu wenig, als zu viel Empathie mit Tier und Natur.«
Sicherlich, aber gilt das nicht erst recht für einen Teil der selbsternannten Walschützer?
Es gab durchaus seriöse Rettungsversuche, die ihn dann aufgegeben haben und es ist noch nicht raus ob sie nicht recht hatten.
Die Kritik an zweierlei Maß ist nicht bei allen der Versuch eines zynischen »Ist-doch-eh-wurscht«, sondern der Hinweis auf ein Gutmenschentum daß nicht so sehr das Tierwohl sieht und eigentlich nur die moralische Selbstdarstellung im Sinn hat.
Das gilt, um Gotteswillen, nicht für alle, die hier Mitgefühl mit dem Wal haben.
Hat eigentlich schonmal jemand daran gedacht, daß dieser- und andere- Wal/e Suizid begehen wollen?
Wenn Tiere irgendwas haben mit dem sie jetzt schlecht zum Arzt gehen können und das sie nach eigenem Gefühl nicht überleben werden, kann das besser sein, relativ schnell am Strand zu verenden als unter Schmerzen dahinzusiechen und langsam zu verrecken.
Leider reagieren viele wie im Affekt, obwohl ich das oben bereits alles schon erläutert habe, weil ich geahnt habe, dass das kommen wird.
Beispielsweise das Argument, dass sich Menschen für »Timmy« einsetzen, hier Empathie zeigen, aber an anderer Stelle machen sie das nicht. Das ist dieses »ganz oder gar nicht — Argument«. Wer ohne Sünde ist und in seinem Leben nur moralisch Gutes tut — werfe bitte den ersten Stein!
Woher kommt zudem die Hybris, dass alle wissen wollen, wie die »Timmy-Unterstützer« so denken und fühlen? Seit Ihr alle Psychologen? Wart Ihr vor Ort? Habt Ihr mit den Menschen gesprochen?
Ich freue mich einfach, dass es noch Menschen mit Herz gibt. Auch wenn das medial ausgeschlachtet wird und Menschen an anderer Stelle wenig oder keine Empathie zeigen. So what.
»Bei »Timmy« trifft das nihilistisch-rationale auf das spirituell-lebensbejahende Weltbild. Die Einen haben keinen Glauben an das Leben, haben »Timmy« schon längst aufgegeben und ihn tot im Museum gesehen. Während die Anderen, die Hoffnung nie aufgeben wollten und sich tief mit »Timmy« ?als Teil der Natur und damit des Menschen- verbunden fühlten. Der Graben zwischen diesen beiden Lebenswelten könnte kaum größer sein.«
Bei mir trifft das nicht zu.
Bei mir herrscht schlicht und ergreifend Misstrauen.
Und das versuche ich zu erklären:
Seit 2015 hat sich ein Muster herausgebildet.
Demos und Veranstaltungen, die der Regierung in die Karten spielen. (Bahnhofsklatscher, Fridays for Future, Demos gegen Rechts, Demos gegen digitale Gewalt, Demos gegen russische Aggression). Solche Demos werden medial stark begleitet und positiv bejubelt.
Dann haben wir Demos, die der Regierung maximal egal sind. Kann dir kein Beispiel geben, weil sie eben nicht in den Medien stattfinden.
Und wir haben Demos, die die Agenda der Regierung stören. (Pegida, Stuttgart 21, Montagsdemos, Corona-Maßnahmendemos, Querdenkendemos, Schulstreik gegen Wehrpflicht). Solche Demos werden medial nicht nur maximal negativ dargestellt, sondern auch noch zu kriminalisieren versucht.
Übertriebene mediale Aufmerksamkeit mit positivem Framing macht mich mittlerweile maximal Misstrauisch.
»Auch wenn das medial ausgeschlachtet wird und Menschen an anderer Stelle wenig oder keine Empathie zeigen.«
Genau deshalb bin ich so angefasst.
Es mögen auch herzensgute Menschen darunter sein, aber die werden schon wieder instrumentalisiert, bzw. lassen sich schon wieder instrumentalisieren.
Und wenn die Medien SO VIEL positive Aufmerksamkeit auf den Wal lenken, dann ist das, von dem damit abgelenkt werden soll, garantiert nicht in meinem Interesse.
@Holger
Ich bin mir, ehrlich gesagt nicht sicher, ob das von den Altmedien so »gesteuert« wird. Nach meiner Wahrnehmung wollten sie anfangs das Thema schnell begraben, sagten, »der kommt zum Sterben« und das Meeresmuseum freute sich schon auf das Skelett.
Dann gab es Proteste, Tier-Aktivisten und viel Social-Media rund um »Timmy«. Die Altmedien merkten, das klickt sich, die Leute wollen das sehen — und sie sind auf den Zug aufgesprungen. So meine Wahrnehmung.
Ich will und kann nicht glauben, dasss immer alles maximal gesteuert ist und einer Agenda unterliegt. Vieles klar, aber nicht alles.
Jede Ablenkung ist willkommen und wird auch nach kräften von den Medien unterstützt.
Es interessiert doch keinen, wie es den Menschen in Gaza, Libyen oder auch in Syrien geht und das Öl im Iran ins Meer fließt.
Ob in der Ukraine weiter gestorben wird, die Nazis im eigenen Land die Leute zusammentreiben um sie dann an der Front zu verheizen.
Aber so´n scheiss Wal, der sich zum Sterben auf eine Sandbank legt, oder was auch immer er dort gewollt hat, muss gerettet werden.....
Der »Timmy-Fall« scheint auch ein medialer Kampf um die Meinungs- und Deutungshoheit zu sein. Deshalb:
»Amadeu-Antonio-Stiftung sieht Rettung von Wal Timmy als rechtsextremen Kulturkampf«
Weil also Millionen von Menschen den Altmedien-Experten vom Meeresmuseum nicht uneingeschränkt glauben wollten, ja, es wagten eigene Experten und Tierärzte aufzufahren — sind sie rechtsextreme Schwurbler-Nazis.
Wird das nicht langsam peinlich?
@ Holger
Ich erinnere an die Brent-Spar-Aktion der 1990’er, die durch den Erfolg der »Umweltschützer« erst zur Umweltkatastrophe wurde.
Das betreffende Jahr war für Greenpeace Deutschland das wirtschaftlich erfolgreichste seit langem gewesen...
Über eventuell sinnloses Leiden eines Tieres, das sich aus Angst vor dem Erstickungstod/ Ertrinken in flaches Wasser gerettet hat, kann man streiten. Über den Dilettantismus profilierungssüchtiger Influencer und »Gut»menschen eher nicht.