Freizeit ist Konsumzeit

»Heute sind Konsumzonen und öffentlicher Raum komplett ineinander verschmolzen. In den Flughäfen von London, Oslo, Bergen oder Mailand gibt es keine freien Durchgänge mehr«.

- Philippe Rekacewicz, »Shoppen bis zum Abheben«, Le Monde Diplomatique, März 2013, S. 13

Anmerkung: Schon als Kinder werden wir mit dieser Realität konfrontiert. Gerade in Großstädten sind Freiräume, abseits der Konsumzonen und Shopping Center mit Ausnahme von Spielplätzen und Parks, kaum noch vorhanden.

11 Gedanken zu “Freizeit ist Konsumzeit

  1. Naomi Klein hat mit »Logo« ein sehr interessan tes Buch zu genau diesem Thema geschrieben. Wie Werbung und Shopping öffentliche Plätze okkupieren. Sie beschreibt auch den Widerstand, der dadurch hervorgerufen wird. Den gibts zum Glück auch.

  2. Der Artikel ist in der Tat in der Praxis nachprüfbar. Manche Flughäfen sind groteske Shoppinggänge. Man eilt 100e Meter zu einem Gate und zurück. Man verliert jede Orientierung an äußeren Koordinaten und ist irgendwann nur mehr in situativen Koordinaten fähig zu gehen.
    Zum Konsum ist schon viel gesagt worden. Heute sagt man weniger dazu, da es zu einem Grundvollzug geworden ist. Striche man diesen Vollzug aus der Welt, vermutlich befände man sich in einer mentalen Wüste, in der nur sporadisch Vollzugsiedlungen angetroffen würden. Wie nach einem Saufgelage müßte es wohl sein, am Morgen, die Augen gehen kaum auf, Übelkeit und Drehung machen sich bemerkbar, es schaut wild aus, alles in der Nacht in den Suff gezogene Ding liegt sinnlos herum in einem Chaos. Der Geist des Suffes hat alles mit Leben und Sinn versehen. Man erinnert sich aber nicht mehr, was es mit dem ganzen Herumliegenden für ein Bewandnis gehabt haben mag.
    Derart muss wohl ein postkonsumistisches Zeitalter sich anfühlen. Urbanität als Ansammlung von Relikten. Berge an Dingen, denen der Sinn abhanden gekommen ist. Der Geschäftsmann sieht sich in einem Lager an Absurditäten und steht rätselnd in der Wahrnehmung, der der mentale Sinn abhanden gekommen ist. Er weiß selbst nicht mehr, wozu er all dies angeschafft hat und gleich wenig, wer dies wollen soll. Das hat wenig mit Öko zu tun, wie manche Zukunftsforscher vermuten. Sondern mit dem Sinnloswerden des Konsumaktes, natürlich auch jenem des Ökokonsums. Da brauchen sich die Bessergestellten nicht ausnehmen: auch mit Großwägen, Luxusuhren, Stylistengewand und prasserischem Geldumgang hat es dann ein Ende. Das Auge wird nicht kein Differenzkritierium mehr haben, wenn es einen Kikbekleideten neben einem Armanibekleideten sieht. Höchstens der zufällige Preisverlgeich vergangener Einkäufe wird Rätsel ob der Differenz erzeugen. Manch einer wird den Konsum noch weiter kultuvieren, nach der Art eines Hobbys in der Garage oder in einem Analogon zu Kirchengebäuden. Ein Postreligiöses Zeitalter läßt ja auch den religiösen Akt sinnlos werden und nicht sonst irgendetwas. Was machen wir dann? Das ist zweifellos eine gute Frage. Andererseits ist die Frage recht solide im Herz des Menschen situiert. Die Schaumtürme des Konsums verdecken sie nur. Man wird merken, wie umstandlos schnell mit einem weich wattierten Schub man inmitten von Grundfragen steht, die man vormals nur in den Köpfen von Spinnern vermutet hatte und auf die man im Konsumvollzug gelassen im Sinne eines erreichten sinnvollen Lebens hinabgeblickt hatte. Man hatte fixe Skripte. Allseits geschlossene Welten. Alles war geklärt. Es galt dahin zu leben und froh zu sein. Nun ist die Blase geplatzt. Der ganze Sinn wurde zum Unsinn. Der Kaufakt begann madig zu schmecken im Sinnsinn (äquivalent zu Gehörsinn usw.). So wie nicht gefallende Musik. Langweilig und absurd wie bei einem Religionsfernen, der zur Hochzeit des Freundes halt in die Traumesse geht, aber keinen Sinn darin ersehen kann und dem Ablauf unbeteiligt beiwohnt.
    Was machen wir dann? Die Ökonomen sagen, es gibt genug Bedürfnisse zu befriedigen. Vermutlich gibt es viele. Aber jenseits von einer guten Grundversorgung gab es bislang nur die Schäume des Konsums, künstliche Bedrüfnisse. Selbst radikale Demokraten schwadronieren von den unendlichen Interessen und Bedrüfnissen, die immer und fortwährend demokratisch neu ausverhandelt werden müssen. Was wären diese Interessen und Bedrüfnisse, wenn sie nicht Schaumblasen sind, die sich an Einzelnen angehaftet haben? Man kann alle Dinge in alle Formen, Farben, Materialien, Funktionen zelegen und mathematisch kombinieren, sodass wir im Vergleich zu heute noch eine potenzierte Warenwahl haben. Pink-metallerne-Unterhosen mit Display zum Besp. Aber dann sind wir in der Gegenwart geblieben.

  3. »Freizeit=Konsumzeit«?
    Das trifft sich ja genau mit meiner Theorie, daß der Mensch, wenn er mehr Arbeitet, weniger Geld benötigt. Wann soll er es denn auch ausgeben ;)
    Andersherum heißt das aber auch, wenn ich weniger arbeite, brauch ich auch mehr Geld weil... mit irgendwas muss ich meine Freizeit ja füllen. Und heite ist das eben Konsum :D

  4. Die andere Seite:

    damit das Spiel funktioniert braucht es immer Zwei. Einer der die Ware anbietet und einen der sie kauft.

    Die Schafe, die in ganzen Herden die Apple Stores oder Starbucks fluten sind der Grund warum sich diese überhaupt halten.

    Ich kaufe ca. alle sechs bis zehn Jahre ein neues Handy, ein neues Netbook oder ein gebrauchtes Auto.

    Smartphone, Xbox, Fernseher etc. Null, Nix, Nada

    Damit lebt man nicht in Entsagung sondern im Gegenteil man fühlt sich frei ohne das ganze Gedöns mit zu schleppen. Besitz ist nämlich auch eine Fessel und es sind auch meist Zeitdiebe die einen vom Leben abhalten (gerade die Beispiele oben).

    Wer den Kapitalismus effektiv bekämpfen will sollte seinen Konsum bewusst reduzieren. So einfach ist die Welt.

  5. Mit Grauen denkt man als bekennender Nicht-TV-Abstinenzler an die aggressiven Konsumbefehle, die angesichts des dräuenden Festes, das bekanntlich unterm Baum entschieden wird, wieder über einen kommen werden. Einen erfrischenden Beitrag zum Thema Konsumismus gibt es übrigens hier.

  6. @Stefan R.

    »[...]als bekennender Nicht-TV-Abstinenzler[...]«

    ...benötigst du wirklich noch TV um dich mit Wohlfühlwerbung zur Weihnachtszeit volllullen zu lassen?....

    Frage:

    Wann bist du das letzte mal selbst einkaufen gewesen?

    Bei Edeka, Aldi, Rewe & anderen Discountern hat doch die Weihnachtszeit schon Mitte Oktober angefangen....zumindest was die Nikoläuse und Weihnachtsgebäck bzw. Firlefanz angeht....

    Ach war das noch schön als man erst am 06. Dezember anfing so langsam die Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen — lange ist’s her....in den 90ern.....

    Und schon damals soll es Auslieferungsfahrer gegeben haben, die meinten »Kaum sind die Osterhasen ausgeliefert können wir den Weihnachtsmann auspacken«....damals noch als Witz gedacht, und heute blutiger Ernst.....

    Das Konsumfest — auch Tanz um das Goldene Kalb genannt — ist längst eröffnet, und da wir Menschen ja Religionen schaffen, und Götter, bin ich dafür sämtliche Kirchen abzureißen, ein riesiges Goldenes Kalb stattdessen hinzustellen und Sinn & Konsorten zu Nachfolgern von Moses & Co. zu ernennen....

    Lang lebe der heilige Neoliberaliban...gesegnet sei der Markt und seine ökonomischen Propheten.....

    ....und die Weihnachtsgeschichte laßt uns umschreiben Abanica Scruce ist nicht mehr der Böse, das sind die Weihnachtsgeister, und die »Hartzies« die er in der dickenschen Weihnachtsgeschichte besucht....»Schmarotzer« und »Parasiten« eben.....

    Als Anti-Gott — auch Teufel genannt — laßt uns Oskar Lafontaine, und als sein böses Helferlein Sahra Wagenknecht, ernennen — ihr wißt schon die, die den Propheten des Neoliberalismus immer widersprechen müssen und auf Alternativen zum Heiligen Markt hinweisen......und daher Teufel sind.....für die Anbeter des Neoliberalismus....

    Ganz sarkastische Grüße
    Bernie

  7. ..., @flavo, die »Bedürfnisse«, welche »befriedigt« werden wollen — aber diese Bedürfnisse bestehen nicht aus materiellem Müll, welchen wir als Ersatzdroge serviert bekommen, sondern spielen sich auf der elementaren/emotionalen Ebene ab. Das, was man uns vorhält, kann den Verlust an menschlicher Wärme, sozialer Sicherheit und Sinn im Dasein, nicht kompensieren. Wir degenerieren zusehends zu geistig verkümmerten, seelischen Wracks, die weder wissen, noch klar definieren können, was sie überhaupt brauchen und wollen. Das ist das Problem. Ich denke mal, es ist auch nicht der vorgebliche »Individualismus«, der so gesehen überhaupt nicht existiert, sondern vielmehr die Egomanie, welche ursächlich ist. Individualität birgt die Vielfalt in sich und bereichert die Gemeinschaft, sofern das Individuum um seiner Selbst respektiert wird. Und dort wo keine Vielfalt herrscht, dort herrscht Einfalt — wie man hierzulande gut erkennen kann. Auf was wollte ich jetzt eigentlich hinaus? Vergessen. Sorry.

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