Vorträge halten

Ob auf der Oberschule, in der Ausbildung, in der Universität oder auf einer Fortbildung: immer wenn es heißt, dass die Schüler in dem Fach ein Referat halten sollen, gibt es in der Regel genaue Vorgaben, in welcher Form das gemacht werden soll. Beispielsweise soll der Vortrag nicht länger als rund 20 Minuten sein. Wie oft mir in meinem bescheidenen Leben von Mitschülern und Mitstudenten stundenlang das Ohr abgekaut wurde, kann ich nicht mehr zählen. Wenn ich mir an einem Tag fünf Referate anhören muss und alle ihre Zeit gnadenlos überziehen, so eine Stunde und länger ihren Sermon vorne abliefern, dann bin ich fix und fertig. Nein, es hat absolut nichts mit Kompetenz oder Fachwissen zu tun, wenn man ganz besonders lange vorne herum schwätzt, nur um die meist anschließende Diskussion zu verkürzen.

Die Kunst besteht eben nicht darin, jedes Detail eines Textes wieder zu käuen (oder wikipedia durch‐zu‐zitieren), sondern das Wesentliche zu erkennen und auf den Punkt zu bringen. Fast überall im Berufsleben kommt es darauf an, den Kern in wenigen Worten zusammen zu fassen. Kaum ein Behördenmensch, Chef, Unternehmer, Kundenberater oder Geldgeber jedweder Form, möchte stundenlang zugetextet werden. Es ist eben kein Kavaliersdelikt, wenn man ganz besonders viel als Vortragender zu erzählen hat, sondern respektlos und egoistisch den Zuhörern gegenüber. Und sofern man als Zuhörer das Thema nicht absolut spannend findet, schaltet jeder nach 15 Minuten auf den Standby‐Modus. Inklusive des Dozenten.


»Aufmerksamkeit als Währung«

6 Gedanken zu “Vorträge halten

  1. Und der Erste, der einen Kommentar hinterlässt, für den man über 30 Minuten braucht, bekommt einen Orden!

  2. War vielleicht mal so in den 1970er Jahren, als ich Schüler war.
    Heute beweisen Controller, Unternehmensberater und sonstige BWL Fuzzies das genau diese Aussage »Behördenmensch, Chef, Unternehmer, Kundenberater oder Geldgeber jedweder Form, möchte stundenlang zugetextet werden.« NICHT stimmt.
    Wer im Jahre 2018 Geld »verdienen« will , und zwar richtig viel Geld, ohne einen Finger dafür krumm zu machen, muss schlichtweg eine Stunde über Blockchain, Cyber, Full Spectrum Dominance, Gender, Safe Spaces oder Microagressions sülzen können, ohne inhaltlich irgendwas auszusagen.
    DAS IST die Königsdisziplin im 3. Jahrtausend.

  3. @BerndH60

    »...muss schlichtweg eine Stunde über Blockchain, Cyber, Full Spectrum Dominance, Gender, Safe Spaces oder Microagressions sülzen können...«

    Ich bin zu alt für diesen Scheiss! ;)

  4. Nun, ich höre Referaten immer gerne zu. Das Problem mit den Punkten sehe ich darin, dass nicht jeder denselben Punkt im Text findet. Irgendwie ist es ohnehin so eine Sache mit der Straffung der Wörteranzahl im Verhältnis zum vermittelten Sinngefüge. Zu viele Wörter sagen.... ich empfinde es eher als Veräppelung wenn jemand so tut, als bräuchte man zu einem Text eh nur zwei drei Sachen zu sagen, weil das Wichtige steht eh woanders, was alle kennen und somit intellektuell schon fortgeschritten sind zur größeren Erkenntnis hin. Also auch das berücksichtigen. Nicht alle finden das langweilig.

  5. Ich hasse es, Vorträge halten zu müssen. Weil ich nicht der Typ dafür bin, ich hab es nicht gerne, wenn ich mich vor zig Leuten hinstellen und denen was erzählen muss. Und dann auch noch über Sachen, die mich gar nicht wirklich interessieren oder von denen ich keine Ahnung habe... Das macht vielleicht Spaß, sich vor allen zu blamieren!

    Diese »Technik« wird meines Erachtens sowieso total überschätzt, frisst sich aber immer mehr ins Bildungssystem hinein, weil es ja generell immer mehr darauf ankommt, die Leute auch zu »Verkäufern« / (bzw. Marktschreiern) ihrer Selbst zu machen. In meiner Schullaufbahn musste ich bis zum Fachabi keinen einzigen Vortrag halten. Und war froh drüber. Ich schreibe halt lieber.

    Vorträge bevorteilen jene, die halt »extrovertierter« sind und das von sich aus auch teils gut können. Die gerne schauspielern, die stundenlang reden können, ohne nix zu sagen. Perfekt, um Kompetenz vorzutäuschen, wo gar keine ist (bzw. Inkompetenz zu verschleiern), weil die Fähigkeit des Laberns wichtiger ist, als die Sache.

    Was mich auch (grade im Studium) so extrem angekotzt hat: Man hatte überhaupt keine Möglichkeit, aus dem starren Rahmen, in dem das alles abzulaufen hat, auch nur annähernd auszubrechen. Keine Individualität. Und was dann hinterher alles bemängelt wurde, war an Kleinlichkeit oft nicht zu überbieten, vor allem, weil es fast nie nicht um die Sache, sondern um das drumherum ging. Richtig »pervers« waren dann die »Aktenvorträge«, die man im Hauptstudium halten sollte... wer evtl. mal das Vergnügen hatte, weiß, was ich meine.

    Gut, Vorträge eignen sich zumindest perfekt, um Bullshit‐Bingo zu spielen.

  6. @Dennis82

    Kann ich zum großen Teil unterschreiben!

    »Die gerne schauspielern, die stundenlang reden können, ohne nix zu sagen. Perfekt, um Kompetenz vorzutäuschen, wo gar keine ist (bzw. Inkompetenz zu verschleiern), weil die Fähigkeit des Laberns wichtiger ist, als die Sache.«

    Das würde ich jedoch etwas differenzierter betrachten. Denn ja, wer vorne ausgiebig und viel labert, unterdrückt damit gerne die anschließende Diskussion, weil dann dafür leider, leider, leider keine Zeit mehr bleibt. Spätestens in der Diskussion mit dem Publikum, würde man aber sehr schnell merken, wie intensiv sich der Vortragende mit dem Thema wirklich beschäftigt hat. Nicht jeder der gerne Referate hält, ist ein Schauspieler und nicht jeder, der gerne introvertiert Texte schreibt, hat auch etwas zu sagen. ;)

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