Langweilig

Ich fahre Bahn. In Berlin. Hier treffen täglich Millionen Menschen aufeinander. Hier darf man verallgemeinern. Es sind Massen unterwegs. 90 Prozent aller Insassen beschäftigen sich mit ihrem infantilen Spielzeug. Hören Musik. Arbeiten die Facebook‐Timeline ab. Chatten via WhatsApp. Oder widmen sich einem banalen App‐Spielchen. Viele Kerle unterhalten sich über Fußball, Lohnarbeit, smartphone‐Technik‐App‐Blabla, über sportliche Aktivitäten oder über etwas Anderes, womit sie sich brüsten können. Die Frauen reden bevorzugt über Kinder, Haustiere, Mode und Kosmetik, ihren Familien und Männern. Wer, was, wann, wo, wie und warum gesagt hat (Auf der Suche nach dem heiligen Subtext) und wie er oder sie es wohl gemeint haben könnte, via Facebook, WhatsApp oder sogar von Angesicht zu Angesicht.

Bin ich hochmütig, überheblich oder arrogant, wenn ich so denke und urteile? Mag sein. Aber es ist überall der gleiche Anblick. Auf öffentlichen Plätzen, in Bus und Bahn, in Shopping Centern, bei Familientreffen oder in Behörden. Die Menschen sind bis in ihre kleinsten Charakterporen sozial konditioniert, angepasst und massenkonform. Die gleichen Klamotten, die gleichen Frisuren, die gleichen Gesprächsthemen, das gleiche (Herden-)Verhalten. Es ist alles so gähnend langweilig, öde und berechenbar geworden. Viele haben weder etwas Interessantes zu erzählen, noch irgendeine Art von echter, authentischer Individualität, die sich wirklich vom Sitznachbarn unterscheidet. Die Neugier auf Andere versinkt für mich im Sumpf der Massenindividualität. Wie soll man da ein empathischer Humanist bleiben?

10 Gedanken zu “Langweilig

  1. So. Nun bin ich aber neugierig. Neugierig darauf, wie Du gekleidet bist und wie Deine Frisur aussieht. Vielleicht bist Du da weniger angepasst.... so wie zB .... Trump?

    (nix für ungut) ;)

  2. @Markus

    Nein, ich habe keine auffällige Frisur und/oder Kleidung, weil ich unbedingt Aufmerksamkeit will. Ich fühle mich dennoch »nicht zugehörig«. Ich kann Dir zumindest sagen, dass ich »unterwegs« nicht wie blöde vor dem doofphone hänge, weil ich (aus Überzeugung) gar keines besitze ;)

  3. Nein, bist du nicht. Hochmut, Überheblichkeit und Arroganz drückt sich eigentlich in den Reaktionen der anderen aus — sofern du sie darauf ansprichst — oder sie sich gar nur angesprochen fühlen...! Es ist ja auch bei vielen anderen »Linken« ein absolutes NoGo, die Masse für ihre Dummheit und Ignoranz auch nur zum Teil selbst verantwortlich zu machen — denn dann bekommst du gleich ad hominem vorgeworfen, dich für was »Besseres« zu halten...

    Ich versuche z. B. gelegentlich, im Rahmen eines meiner (sportlichen) Hobbys in einem Forum einen Bogen zur politischen (als auch rechtlichen) Komponente zu schlagen. Oder Bezüge herzustellen, wenn es sich ergibt (wie damals beim GDL‐Streik — als man sich sarkastisch dafür »bedankt« hat, von den pöhsen Lokführern »das Wochenende versaut« zu bekommen...). Einfach ganz nüchtern auf mit Belegen untermauerte Fakten verweise. Und werde dafür regelm. von der breiten, harmoniesüchtigen Mehrheit persönlich angegangen als inzw. auch regelrecht gemobbt. Als »Oberlehrer«, »Besserwisser«, »Klugscheißer« usw. bezeichnet... Inzwischen bin ich ein richtiger Paria; jede (vollkommen an der Sache vorbeigehende, vollkommen flache, jeden Inhalt vermissen lassende) »Antwort« erhält dann umgehend eine stattliche Anzahl von Contra-»Likes«. »Es gibt kein Interesse an Inhalten!« (G. Schramm).

    Ich meine, da werden dann einfach die eigenen (unbewussten) intellektuellen Minderwertigkeitskomplexe auf den vermeintlichen »Klugscheißer« projiziert...!

    Diesen Vorwürfen entgegne ich dann mit einem in der Anstalt von Urban Priol aufgeschnappten Sprichwort: »Wenn die Sonne tief steht, werfen auch Zwerge (wie ich) lange Schatten.« Roberto hatte dies ja vor Kurzem in seinen Beiträgen auch thematisiert...

    Ich halte mich nicht primär(!) für »besser«. Ich bin nur regelm. schockiert darüber, wie tief das Niveau denn eigentlich noch sinken kann...! »The Walking Dead« halt...

  4. @Dennis82

    »Ich halte mich nicht primär(!) für »besser«. Ich bin nur regelm. schockiert darüber, wie tief das Niveau eigentlich noch sinken kann...!«

    Das unterschreibe ich.

  5. @Epikur
    Es ist nur fair mich nun auch zu »outen«: Kleidungsstil sportlich bis leger, Hauptsache bequem und ich fühle mich wohl darin.

    Und ja. Auch ich habe aus Prinzip (noch) kein Smartphone, sondern nur ein uraltes Nokia. Monochrome, ohne Kamera natürlich. Dafür seeeehr robust und trotz dem Alter von ca einem Dutzend Jahren mit enormer Akkudauer.

    Und wo wir gerade beim Telefon sind: was mich immer wieder sehr nachdenklich macht ist die Reaktion junger Kollegen (FSJler) wenn das Smartphone kaputt geht oder verloren, bzw geklaut wird. Ich habe da oftmals das Gefühl der Verlust der eigenen Mutter könnte auch nicht dramatischer sein.

  6. Zum Humanismus gehört auch , daß ein Arschloch das Recht hat , als solches bezeichnet zu werden.

  7. Und wieder grüßt das wöchentliche Déjà‐vu...
    Gut, 17‐Jährige können diese Klagen hasserfüllter; aber mal folgendermaßen gesprochen: Die Sache hat immer zwei Seiten. Auf der einen Seite der, der anders ist, der mit dem Finger auf andere zeigt, dass sie alle gleich sind, auf der anderen Seite die, die sich anpassen, auf der anderen Seite es aber gar nicht mögen und lediglich den Ausgang nicht finden. Eric Harris‹ Motto »Ihr lacht über mich, weil ich anders bin. Ich lache über euch, weil ihr alle gleich seid.« wiegt sich da gegenseitig auf und führt zu gar nichts. Als emotionalen Ausbruch kann man solche Ideen mal gelten lassen, wenn man sich als Einsiedler vorkommt und sich Gesellschaft auf gleicher Ebene wünscht, dauerhaft führt das aber auch nur zu abgeschirmten Clubs, in denen sich eingefleischte Gesinnungsgenossen treffen und sonst niemand Zugang erhält.
    Selbst mit den dümmsten Schafen von Menschen muss man sich unterhalten und mal fragen »Wieso macht ihr das? Findet ihr das toll?«, und wenn sie einem antworten »Nein, finde ich nicht«, muss man ihnen antworten »dann hör‹ doch auf! Steig aus deinen WhatsApp‐Gruppen aus, wenn sie dich nerven und stressen, hol dir ein basisches Mobiltelefon, mit dem man nicht mehr kann als telefonieren und SMS schreiben, vielleicht eine Basis SIM‐Karte und sag »ich kann nicht! ich hab nicht!«, lass dir nichts aufdrängeln und biege es ab und wenn die verdammte Arbeit ruft, dann hast du wenigstens immer noch was, womit die dich erreichen können, wenn die es an sich haben, zwischendurch zu rufen, aber du hast nicht den anderen Mist auch noch am Hals und verbrauchst das Geld nicht mit 3 Flatrates und einer Ratenzahlung, sondern füllst nach, wenn du’s brauchst!« Nebenbei, dass sich bei so einem Vorschlag auch noch etwas von dem sündhaft teuren Lebensstil erübrigt, für den man jeden Tag zur Arbeit geht, damit nicht der Gerichtsvollzieher an der Tür klingelt. (Wer keinen teuren Lebensstandard pflegt, kann es sich auch leisten, ohne Job zu leben, weil er mit dem wenigen sein Auskommen trotzdem geregelt bekommt.)
    — Das funktioniert nur aber, wenn man sich mal in die andere Seite hineinversetzt, die manipuliert und fremdgesteuert ihren Gewohnheiten nachgeht. Wenn man dazu etwas über Manipulation und Fremdsteuerung selbst weiß, dann kann man denjenigen auch Vorschläge liefern, wie das anders laufen könnte.

  8. Es geht hier nicht nur um Smartphones. Ich bin übrigens ganz krass drauf und hab inzwischen weder ein Mobil‐ noch ein Festnetztelefon! Nicht, weil ich mich für »alternativ« halte — sondern weil ich den Murks schlicht: nicht brauche! Es geht darum, was für die große Masse wichtig ist — und da ist alles wichtig — nur keine politischen oder philosophischen Fragen!

    @matrixmann — halt ich für ein Gerücht. Wie bitte kann man es sich in Hartz‐IV‐Schland grundsätzlich »leisten«, ohne Job zu (über)leben? Gehst du keiner Arbeit nach und beziehst auch keine Sozialleistungen, schickt dir die Krankenkasse jeden Monat ne Rechnung über inzwischen 172 Euro. Die einzige »Wahl«, die man dir dann lässt ist es, permanent unter dem von deinem »Fallmanager« geölten Fallbeil der Totalsanktionierung brav über jedes entwürdigende Stöckchen zu springen, welches man dir hinhält...! Wagst du es auch nur ein Mal, Widerworte zu geben...

    Ich find das von dir Geschriebene da insgesamt ziemlich naiv. Hast du etwa selbst noch nicht probiert, zu diesen Zombie‐Menschen irgendwie durchzudringen? Meinst du nicht, dass epikur schon so ziemlich Alles in dieser Hinsicht probiert haben könnte...!? Die meisten WOLLEN doch schlicht und einfach keine Vorschläge geliefert bekommen, wie etwas anders laufen könnte...! Das ist doch das Kernproblem — dass dbzgl. auch gar keine Offenheit vorhanden ist — sondern alle total vernagelt in ihrer kleinen, abgeschirmten Welt vor sich hin»leben« / -konsumieren...!

    Ich persönlich könnte mit individuellen Erfahrungen inzwischen ein (frustrierendes) Buch füllen. Und ich hab methodisch auch so ziemlich alles versucht, mich versucht, in die »Gedankenwelt« hineinzuversetzen; bei den unterschiedlichsten Menschen aus unterschiedlichster Herkunft. Überall stößt du auf den harten Granit der Ignoranz und des sturen Nicht‐wissen‐wollens!

    Unterhalte dich mit den (wirklich) »dümmsten Schafen«, frage sie, wieso sie das machen und ob sie das toll finden — und 95% davon antworten dir: »Weil es alle anderen auch machen. Weil man es unbedingt braucht, man kann da soooo tolle Sachen mit machen. Und Ja, ich find’s toll — haste was dagegen, du Honk...!?«

  9. @ Dennis
    Das war so zu verstehen: 400 Euro (rund) ist der gewöhnliche Hartz‐Satz zur »freien Verfügung«; wenn man sich nicht alle möglichen kostspieligen Extras leistet — wie die meisten, die über ihre Arbeit fluchen, aber jedem Hartzer seine Freizeit neiden -, dann ist es auch möglich, damit auszukommen.
    Gerade aber, weil das so viele nicht können, weil sie dieses und jenes auch noch haben müssen und kein 10 Jahre altes Auto fahren können und unbedingt Hausbesitzer sein müssen (oder was weiß ich), sind sie gezwungen, arbeiten gehen zu müssen, weil sie einen monatlichen Output von +1000 € haben, der unverkennbar mit einem Satz von 400 € überhaupt nicht vereinbar ist.
    Wenn man erst mal auf dem Verbrauchsniveau angekommen ist, ist es schwer wieder herunterzukommen, aber es ist nicht gänzlich unmöglich. Und wenn man sieht, wofür die Leute ihr vieles Geld verbraten, dann fallen einem in der Regel genügend Dinge auf, wo man sagen muss »das ist doch rausgeworfenes Geld, das könntest du dir glatt sparen«. Sparen bedeutet dann in dem Moment einerseits, du kannst was in den Sparstrumpf (zu Hause) tun für Anschaffungen und schlechte Zeiten oder unvorhergesehene Ereignisse — als nächstes bedeutet es aber auch, dein monatlicher Verbrauch geht auch nach unten, und das wiederum bedeutet irgendwann, du kannst mit der Arbeit kürzer treten, weil du es dir leisten kannst. Respektive, solltest du deinen Job verlieren, fällst du nicht in so ein großes Loch, weil diese Gelder dann vorn und hinten nicht reichen würden.
    Es kommt dabei heraus, du bist nicht von dir selbst aus auch darauf angewiesen, die Sonderschichten zu schieben, weil sonst dein Gehalt eine Lebenserhaltungskosten monatlich nicht deckt.
    Wenn man dort mal nämlich überdenkt, wie viel von dem Rotz, den man an der Backe hat, lediglich Statussachen sind oder weil man zu faul ist, sich etwas zusammenzusparen, und lieber auf Raten, aber gleich kauft, dann kommt bei vielen so einiges zusammen und es ist kein Wunder, dass sie so leben müssen wie sie leben.

    Das muss einem einer aber auch mal so direkt drauf zusagen. Von allein kommen die nicht darauf, dass einiges von dem, was sie umgibt, womit sie sich selbst umgehen, alles nur Schein ist, der in ihrem Kopf existiert, und sollte sich einmal der Wind drehen, dann ist das alles plötzlich auch für die Gesellschaft unwichtig. Kannst du keine Anerkennung mehr mit kriegen.

    Auf die Debatte »die wollen doch nicht!« brauchst du nicht versuchen, mit mir einzusteigen. Vor langer Zeit hatte ich die zur Genüge nur mit einigermaßen Gleichaltrigen und es war lediglich ein etwas mehr Gerede über Waffen und Leute, die ausrasten, dabei.
    Da ging es auch schon drum »können wir was ändern« und am Ende kam man irgendwann bei der Seite des Kreises an »die wollen es doch nicht, die wollen weiter dämlich bleiben, ihre Statussymbole haben, teure Klamotten und teure Handys haben und sich damit hervortun!«.
    Was älter werden, und sich davon wegentwickeln, dich dann wieder lehrt ist: So lang du bloß in deiner Gemeinde bleibst, selbst in Stillstand lebst und dich immer wieder über die gleichen Sachen beschwerst, keine eigene Weiterentwicklung machst und auch mal die Position des anderen (mit deinem Verstand!) einnimmst, so lang wird sich gar nichts tun. So lang wird sich die Welt weiterdrehen, dich überholen, und irgendwann bist du ein verbitterter, rachsüchtiger alter Sack, der noch auf Sachen beharrt, die schon nicht mehr wahr sind. Eventuell wird die Sache sogar so laufen, du frisst deinen Unmut in dich hinein und lässt es an dir selbst aus, oder du begehst Handlungen, die dich früher oder später in die JVA und in die Forensik bringen, von der aus du gar nichts mehr machen kannst. Wenn du überhaupt noch lebst. Wo ist dann die »Veränderung« in den Köpfen der Leute geblieben, wenn du im Knast sitzt oder dir die Radieschen von unten ansiehst?
    Was dich dann auch das ein oder andere Herumhängen in anonymen Psychoforen mit weit älteren Leuten als dir dann auch noch lehrt, ist, es gibt auch einen beträchtlichen Teil von denjenigen, die sich derne peitschen lassen, die das selbst satt haben. Oder die durch »Schicksalsschläge« — oder sei es auch, weil der Partner mit den Kindern wegläuft, oder man plötzlich arbeitslos wird — plötzlich dazu kommen, ihr Leben zu überdenken, weil es wie bisher nicht mehr weitergeht. Und sehr, sehr viele kommen dann zu einem »ich will nicht mehr rennen«. Umsonst tauchen sie dort nicht auf, um sich von anderen Beistand zu holen und das in einer Art und Form, wo dich niemand sieht und dich gleich verurteilen kann.

    Erzähle mir also nichts über »nicht wollen« — ein Teil der Bevölkerung, dort wird es wohl stimmen. Aber, was ich bezweifle, dass sie alle so gehäuft wohnen und wohin man auch sieht, jeder scheinbar Massen davon kennt.
    Dafür weiß ich dann doch bereits zu viel über eigene Überheblichkeitsarroganz. Und warum sollen die nur 17‐Jährige an sich haben...

  10. »Natürlich kann nur einer, der der Masse angehört, den Drang empfinden, sich von der Masse abzuheben. Wer sowieso nicht der Masse angehört, braucht keinen bunten Plunder und wirre Frisuren. Wer nicht der Masse angehört, wird sich hüten, sich irgendwie auffällig zu gebärden, um von der Masse nicht völlig in den Abgrund getrieben zu werden.« Aus: Max Goldt, Ich und mein Staubsauger, Ausgabe 22, Berlin, Juli 1988.

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