Presseblick (38)

Zum Tod der 1.000 Flüchtlinge sagt Regierungssprecher Steffen Seibert auf bundesregierung.de: »Die Bundeskanzlerin ist wie Millionen Deutsche erschüttert über das neuerliche Kentern eines Flüchtlingsschiffes«. So So. Sobald das Thema von der medialen Agenda verschwunden ist, wird genau nichts unternommen. Denn wo bleibt das millardenschwere Rettungsprogramm, wie bei den Banken?  Was verbindet denn RTL, BILD, Pegida, NSU, Thilo Sarrazin, Politically Incorrect, die NPD sowie die CDU/CSU miteinander? Der überwiegende Geist in Deutschland steht rechts. Flüchtlinge gelten als unvermeidbarer Kollateralschaden einer imperialistischen Wirtschaftspolitik, als unnütze Störenfriede der Biedermeier‐Weltverleugner und politisch als unbequeme Kostenfaktoren. Als Menschen -die ein Recht auf Leben, Unversehrtheit und Selbstbestimmung haben‐ wurden und werden sie nicht betrachtet. Die öffentliche Heuchelei, Bigotterie, Verlogenheit und Menschenverachtung ist hier unerträglich.

Bildung
Ein Professor Meyer ereifert sich auf faz.net über die Arbeitsmoral und das zunehmend unmoralische Verhalten seiner Studenten im Artikel: »Ehre und Ehrlichkeit der Studenten«. Sie würden die Bücher der Dozenten nicht kaufen, bei Klausuren schummeln oder krank machen und sogar in Büros einbrechen. Sie würden »schummeln, dass sich die Balken biegen« so der Dozent. In einem gesellschaftlichen Klima, in dem die Lüge der Normalzustand und die Wahrheit die Ausnahme geworden ist, in dem man mit Betrug, Heuchelei und Verlogenheit beruflich erfolgreicher ist, als mit ehrlicher Authentizität, in dem Banken und Unternehmen völlig unbehelligt Bürger abzocken und enteignen dürfen — muss sich doch niemand mehr über den Niedergang von Moral und Ethik wundern. Sie sind nur ein Spiegel der Gesellschaft. Solche Studenten haben wir uns selbstverschuldet herangezüchtet.  Herzlichen Glückwunsch!

Politik
Erinnert sich noch jemand an die Piratenpartei? Sie wurde im Herbst 2006 gegründet und galt vielen als die große Hoffnung für einen Mentalitätswechsel und den gesellschaftlichen Wandel. Ich hielt das damals schon für äußerst optimistisch‐naiv. Auch eine neue Partei muss und wird sich dem parlamentarischen Geschäftsbetrieb anpassen und wird irgendwann etabliert und damit Mainstream‐Soße. Das haben wir bei den GRÜNEN und der SPD erlebt. Und heute? Der in der Öffentlichkeit bekannte Pirat Christopher Lauer wechselt zum Axel‐Springer‐Verlag. Wieder einer, der gekauft wurde.

Geld
Ein reicher Finanzgaukler rät den Menschen auf handelsblatt.com: »Junge Leute sollten sich kräftig verschulden.« Wo Schulden gemacht werden, häufen sich auch die Vermögen an — dieser Zusammenhang wird häufig verschwiegen. Zudem sollen wir wohl alle abhängige Zinssklaven werden, hm?

Datenschutz
Die Überwachungs‐ und Kontrollgeilheit der Herrschenden nimmt derzeit kein Ende. Ob die NSA mit PRISM und TEMPORA, die Pkw‐Maut, die Datensammelwut via Payback und den diversen Kundenkarten, Überwachungskameras in Bus, Bahn und Unternehmen, Online‐Cookie‐Auswertungen oder die kommende Vorratsdatenspeicherung — die Angst vor einem (berechtigten) Volksaufstand geht in der Finanzmafia um. Es wird sich auf allen Fronten darauf vorbereitet. Nun gibt es sogar schon App´s, welche die Gesundheit und Fitness von Mitarbeitern überwachen sollen: »Holmes Arbeitgeber hat sie mit der App ausgerüstet, die ihren Gemütszustand überwacht.« Die Schöne Neue Orwell Welt ist längst da.

Arbeitsmarkt
Die GDL wird wieder streiken. Für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen kämpfen. Und obwohl in Deutschland, im internationalen Vergleich, sehr wenig gestreikt wird, muss die bürgerliche Kaufpresse jede Arbeitsniederlegung als den Untergang des Abendlandes inszenieren: »Bahnstreiks: Industrie befürchtet Millionenschaden.« Wenn das wirklich so sein sollte, warum bezahlt man die Lokführer dann nicht anständig?

Der Hass, dem die GDL hier entgegenschägt erreicht ein neues Level. Ich befürchte, mit dieser unserer Bevölkerung ist kein menschenfreundlicher Wandel mehr zu machen. Jeder Versuch, für den »kleinen Mann« zu kämpfen; jeder Versuch, gegen Ausländerhass und Rassismus zu argumentieren; jeder Versuch, die Verblödungsmethoden von RTL und BILD aufzuzeigen; jeder Versuch, für mehr Mitmenschlichkeit, Solidarität und Empathie einzustehen — wird belächelt, abgeschmettert und mit Aggressivität begegnet. Ich befürchte, die Masse sehnt sich nach der größtmöglichen menschenverachtenden Katastrophe.

Religion
Die Denunziation und die Diffamierung von Papst Franziskus ist weiterhin in vollem Gange. Konservative Intellektuelle nennen ihn sogar schon einen »Chaoten« und »Populisten«. Wer sich für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzt und sogar behauptet: »diese Wirtschaft tötet!« ist natürlich untragbar geworden für die herrschende Finanzmafia. Selbst wenn man Papst ist. Ich gehe jede Wette ein, dass wir im Jahr 2015 noch eine ausgereifte Medien‐Kampagne gegen ihn erleben werden.

6 Gedanken zu “Presseblick (38)

  1. Vollste Zustimmung!
    Es wird einem Angst und Bange ob der Zustände die herrschen und leider als völlig normal angesehen werden.
    Hoffentlich passiert nichts Schlimmes!

    Gruß

  2. @Bildung
    Der Beitrag geht eigentlich in eine andere Richtung. Der Herr Professor wirft den Studenten Diebstahl, Einbruch und Faulheit vor. Belegen tut er es nicht. Das bei Prüfungen geschummelt wird, ist weder neu, noch der aktuellen Generation anzurechnen. Der ganzen Artikel strotz von »früher war alles besser«, man sollte Studiengebühren nehmen, etc. Viele konservative Vorstellungen und Forderungen. Gleichzeitig auch viele Halbwahrheiten. Man hat mehr als ein Versuch bei einer Prüfung. Ausländische Studenten verstünden das angeblich nicht. Das ist ein Märchen. In manchen Ländern gibt es keine Prüfungen. In den USA kann man sie zu Hause schreiben.
    Am schönsten finde ich, dass der Herr Professor selbst garantiert kostenlos im deutschen System studieren durfte. Jetzt fordert er das Gegenteil für seine Studenten. Wenn sein Gehabe in der Realität ähnlich ist, dann braucht er sich nicht zu wundern warum niemand in seine Vorlesung kommt. Er gibt den Studenten das Gefühl ihm lästig zu sein.

  3. Arno Gruen (“Verratene Liebe – Falsche Götter“) schreibt, dass zur objektiven Benachteiligung der Armen noch etwas hinzukommt: “Es wird heute allen das Gefühl eingeimpft, dass weniger zu haben die
    eigene Schuld ist, das Armut unmoralisch ist, unwürdig macht, weil erst Besitz dem Menschen Bedeutung gibt und ihn sich wertvoll fühlen lässt (…) man könnte sagen, dass der Reichtum der wohlhabenden Länder ihre eigene Sache wäre und die armen Länder nicht in ihren Angelegenheiten beeinflusst, doch noch nie in der Geschichte wurde die Aufmerksamkeit der Armen so eindringlich durch Fernsehen und Hollywoodfilme auf das Leben der Reichen gelenkt. Man könnte auch sagen,
    die Geschichten vom Leben der Könige seien nun mal die Unterhaltung der Armen. Es ist aber viel schlimmer, denn wie nie zuvor, geben sich die Reichen und Mächtigen der westlichen Welt unmissverständlich als die Richtigen und Vernünftigen aus.“ (Seite 245246 aus “Verratene Liebe – Falsche Götter“).
    Er beschreibt auch das damit verbundene Lebensgefühl dieser Menschen: “ Das heißt, dass jeder in einem armen Land fühlt, wie unbedeutend er ist und wie unbedeutend sein Anteil an diesem Reichtum. Solche Menschen wissen, dass sie unter sehr viel schlimmeren Bedingungen leben als die Wohlhabenden. Zugleich haben sie die Ideologie des Westens verinnerlicht und empfinden deshalb ihre Armut als eigene Schuld, durch Torheit und Unzulänglichkeit herbeigeführt“ (Seite 246 “Verratene Liebe – Falsche Götter“).
    Arno Gruen schreibt auch, dass die Reichen keine Ahnung haben von dem Ausmaß der Demütigung und Erniedrigung, das die meisten Menschen in unserer Welt erleben: “Diese Gefühle führen dazu, dass manche der Gedemütigten ihren Gemeinsinn verlieren und sich von Terroristen, Fundamentalisten und Nationalsozialisten verführen lassen. Es wird Zeit, dass der Westen zu begreifen beginnt, was in den Menschen vorgeht, die sich von unserer Welt ausgegrenzt fühlen und es tatsächlich auch sind. Diese Menschen sind weit in der Überzahl“ (Seite 246 “Verratene Liebe – Falsche Götter“).
    Die Frage ist, was gelten diese Menschen, die zu Hunderten, ja Tausenden im Mittelmeer ums Leben kommen, nur weil sie sich ein menschenwürdigeres Leben erhoffen und daher diese Risiken auf sich nehmen? In ihren Heimatländern sieht man ihre Bilder, so wie wir sie sehen und das muss weiterhin viel Hass auf die westlichen Gesellschaften schüren, die so gleichgültig und unmenschlich wirken. Das kann uns allen nicht egal sein, weil der Terrorismus von diesem Hass profitiert und damit auch verstärkt wird. Arno Gruen beschreibt diese Zusammenhänge sehr gut und bietet auch Lösungsvorschläge, die Frage ist, warum sich die verantwortlichen Politiker nicht auf diese gesamt gesellschaftlichen Zusammenhänge einlassen und sie in ihre Flüchtlingspolitik einbringen können.
    Das Problem ist bekannt und nicht unlösbar, man muss es aber endlich sehen, benennen und angehen.

  4. @Frida

    die Frage ist, warum sich die verantwortlichen Politiker nicht auf diese gesamt gesellschaftlichen Zusammenhänge einlassen und sie in ihre Flüchtlingspolitik einbringen können. Das Problem ist bekannt und nicht unlösbar, man muss es aber endlich sehen, benennen und angehen.

    Ich glaube, es geht schon lange nicht mehr um die »Aufklärung«, die »Moral« oder das »richtige Handeln«. Woher soll der »gute Wille« bei den Herrschenden, Mächtigen und Reichen plötzlich kommen? Ich denke auch nicht, dass sie über die Zustände nicht Bescheid wissen. Ganz im Gegenteil: die Reichen können auf Dauer nur reicher werden, wenn die Armen ärmer werden. Woher sonst soll der Reichtum kommen?

    Insofern vermute ich, geht es im Moment nur noch darum, ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen, soviel wie möglich zu raffen und zu horten, um auf den großen Knall vorbereitet zu sein. Denn dieser wird -bei unendlichem Wachstum mit endlichen Ressourcen‐ unweigerlich kommen.

  5. Treffend und pointiert zusammengefasst. :JAJA:
    Das Haus Bartleby und der Club of Rome haben ein Kapitalismustribunal ins Leben gerufen. Ob es was nützt ist natürlich eine andere Sache.
    Trotzdem hat es Symbolcharakter.
    Hier mal der Link:
    http://capitalismtribunal.org/de

  6. Danke für den interessanten Link und Epikur hat natürlich Recht mit dem unendlichen Wachstum, Arno Gruen („Verratene Liebe, falsche Götter“ ) geht davon aus, dass es hierbei nur um „Größe“ geht, er meint dazu: „Es geht um Größe, nicht um Produktivität oder Entwicklung. Der GNF, der Index für das Wachstum der heutigen Nationalökonomien, stellt sich als Index der Entwicklung vor. Wir sind so in Zahlen als Ausdruck des Wachstums gefangen, dass wir gar nicht merken, dass ihr Bezug auf diese Vorstellung gleich Null ist. Wir sind benommen von der Notwendigkeit eines Glaubens an Größe und haben den Blick für die Realität verloren. Wachstum wurde schon vor Jahren vom Club of Rome als Zeitbombe mit selbstvernichtendem Potential für die ganze Welt entlarvt“ (Seite 178).
    In dem Buch wird deutlich die tödliche Komponente des Wachstums erwähnt, dass heißt: “Was wächst, und wem wächst es zu? Wachsen wird natürlich das Bruttosozialprodukt. Damit ist die Summe aller in einem Land erzeugten Güter und Dienstleistungen gemeint. Aber gemessen wird, schreibt Breitling (vom Institut of Common Sense in Genf) nicht der Zuwachs an Gütern und Dienstleistungen selber, sondern das dafür ausgegebene Geld. Das ist die einzige für die Steuererhebung relevante Größe. Aber das bedeutet nicht, dass diese Summe und Produktivität sich im Einklang befinden, denn alles wofür Geld ausgegeben wird, zählt, auch Krankheit und Verkehrsunfälle gehören zum »Wachstum«. Zerstörung wird also durch diese Statistik »wertvoll« für das Bruttosozialprodukt wie Aufbau oder Produktion.“ (Seite 178–179 aus „Verratene Liebe, falsche Götter“).
    Glücklicherweise gibt es noch viele Menschen wie Sie (und auch diesen Autor), die um jene Zusammenhänge wissen und damit vielleicht auch noch etwas bewirken können, wenn sie jene Jagt nach „Größe“ erkennen und benennen. Denn auf solche Menschen wird es in der Zukunft ankommen, sie werden den Unterschied machen. Sie können Politiker wählen, die nicht nur auf „Stärke“ und „Größe“ setzen, sondern klar denken, noch fühlen und daher auch um die auf uns zukommenden Probleme wissen und mit gesundem Menschenverstand (also kein „Größenwahn“) eine mögliche Katastrophe abwenden können (einfach gesagt).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.