Das überfrachtete Leben

Der individuelle Mangel an Glück und Zufriedenheit ist nicht nur das Ergebnis unserer Wirtschaftsordnung, sondern hat seinen Ursprung auch in der großen Differenz zwischen eigenen Ansprüchen und der Wirklichkeit sowie in einem stark ausgeprägten Haben-Denken.

  1. Wir wollen die perfekte Lohnarbeit haben und können nie genug Geld besitzen.
  2. Wir wollen die perfekte Wohnung, das größte Haus und/oder den schönsten Garten unser Eigen nennen.
  3. Wir wollen die perfekte Beziehung haben, die jede Hollywood-Romantik übertrifft.
  4. Wir wollen die perfekten Vorzeige-Kinder und die besten Eltern der Welt sein.
  5. Wir wollen die perfekte Familie ohne große Konflikte und die perfektesten Freunde zu unserem sozialen Umfeld zählen können.

Die oft völlig übersteigerte eigene Anspruchshaltung kann nur zu Frust und Enttäuschung führen. Sie ist mit die Ursache dafür, dass wir eine tiefe Unzufriedenheit verspüren. Etwas mehr Bescheidenheit und Demut in allen Lebenslagen, könnten dazu beitragen, dass wir etwas entspannter und gelassener werden.

5 Gedanken zu “Das überfrachtete Leben

  1. Zweifellos. Es klingt dies zwar wie ein abgeschmackter Teil es einem Lebensberaterbuch, aber nichts desto trotz kann man es den vormals lebenden Menschen und unterschiedlichst aktuall lebenden Menschen danken, dass sie so oder so den eigenen Lebensvorgang zu reflektieren helfen durch die Präsenz einer anderen Variation. Mancher würde gerne anzeigen, dass er sich eine neue Jacke von einem bekannten Modehersteller, einen großen Wagen mit großem Motor und vier Türen und etwa ein Haus am Stadtrand mit einem Wald in derNähe gekauft hat. Er würde damit ausdrücken, dass er sich nunmehr den Sinn stabilisiert habe, dass die Anstrengungen im Arbeitsleben nun einen Ausgleich gefunden hätten, in dem er sich die stillenden Konsumvorgänge mit den aquirierten Geldern besorgt hat. Alle kennen diesen Lebenstil. Manchen fehlt der nötige Euro, um immerzu so zu leben, manche haben das Geld und leben in der Folge immerzu so. Wer könnte aber sagen, hier wäre ein irgendwie höherwertiger Lebensvorgang auszumachen? Hatte ein Mensch des Mittelalters weniger Erlebnisstrom? Schlief er viel und hatte nur sporadische Erlebnisströme? Oder er dieser zwar da, aber oft druch sinnloses Rauschen gesättigt? Was tat ein Bergbauer vor 70 Jahren, der sein Leben am Berg verbrachte und lebenslang den Hof zum Eigenbedarf bewirtschaftete? Hatte er etwa auch, sagen wir es mal so, nur 60% der Lebensfülle erreicht? Es ist natürlich eine Binsenweisheit zu sagen, jeder sieht es halt anders und andere Zeiten enthalten andere Vorstellungen vom Leben. Jedoch leben wir einen Modus, in dem alle diese Vorstellungen zur Wahl stehen. Wir haben eine solche Zeit, die kaum Kriterien liefert, ob nun dieser oder jener Erlebnisstrom der bessere sei. Vielmehr kennen wir unzählige Anordnungen und aus diesen können wir schöpfen. Zumindest im Denken. Ein Leben eines Baba, ein Leben lang asketisch, keine Konsumvorgänge, kaum Arbeit, meistens warten und schweigendes Schauen, ermangelt es an etwas? Könnte ein Yuppie sich vor ihn stellen und sagen: schau, ich lebe annähernd 100% des möglichen Lebens. Ich haben einen großen Wagen, Lackschuhe und verdiene viel Geld und mache was mir gefällt. Du hingegen lebst am unteren Sockel. In deinem Lebensstrom gibt es fast nichts. Also schmeiße dein Leben nicht weg und tue es mir nach! Sind 20 Sekunden warten geringer denn 20 Sekunden Konsumieren? Sind vier Wochen warten geringer denn vier Wochen Cluburlaub?

  2. Das ist an sich alles richtig. Was mich stört ist nur die Tatsache, dass genau diese Argumente immer wieder dazu benutzt werden, um berechtigte Ansprüche beispielsweise von Arbeitnehmern, Arbeitslosen oder Rentnern abzubügeln.

    Außerdem – wer ist wir? Ich habe solche Ansprüche nicht und habe sie auch noch nie gehabt. Ich will nur in Ruhe mein kleines Leben leben und ein bisschen glücklich sein (was ich nicht kann, wenn ich Rentner nach Pfandflaschen im Müll wühlen sehe, wenn ich mitbekomme, wie Hartz-IV-Empfänger diffamiert werden usw.).

  3. Andrea weist auf einen wichtigen Punkt hin , es heißt zu Recht , daß Geld nicht glücklich macht , ein zu großer Mangel daran aber sehr problematisch sein kann .
    Wobei der bei uns viel häufigere Fall der ist , daß zwar das Geld reicht , aber die Bedingungen immer entwürdigender werden ,unter denen ein Mindeststandard erreichbar ist.
    Auffällig auch die krasse Diskrepanz zwischen gehypten Ansprüchen und der Lebensrealität , in der sich Millionen „zufrieden“ geben mit Jobs und Beziehungen , die geradezu aktiv zur Frustration führen , das könnte in der Tat zusammenhängen , ist der Anspruch illusorisch , ist es eine sehr menschliche und durchaus sinnvolle Reaktion , nicht einmal mehr das Mindeste zu versuchen.

  4. Zu Punkt 5 ein passender Hinweis, den ich heute fand:

    „[…]Wenn das Erbe die Familie spaltet[…]“

    Quelle und kompletter Text:

    http://www.welt.de/finanzen/article109675737/Wenn-das-Erbe-die-Familie-spaltet.html

    Wohl auch eine traurige Konsequenz des neoliberalen Kapitalismus, die Geldgier zeigt sich am ehesten in solchen Fällen, und zwar in allen Facetten….

    Übrigens auch das Frauenmagazin „MonaLisa“ im ZDF berichtete neulich über dieses schäbige Gehabe von Verwandten, und Familienmitgliedern, im Erbfall:

    „[…] ML mona lisa | 08.02.2014, 18:00

    Altersdemenz: Von der Familie ausgenutzt […]“

    Quelle und komplettes Video hier:

    http://monalisa.zdf.de

    Aussage der Enkelin, die sich um Ruth Hahn kümmert, auch vor Gericht gegen die eigene Familie für die demente, parkinsonkranke Frau Hahn gekämpft hat „Familie ist nix mehr“ – Was man in diesem Fall, siehe Video, sogar verstehen kann – auch wenn es traurig ist.

    Gruß
    Bernie

    PS: Übrigens, ich kenne oben erwähntes nicht nur aus den Medien, denn mir geht es demnächst genauso wie der Enkelin von Frau Hahn….was den Wert der „Familie“ angeht….

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