Tamagotchi 2.0

Sie sind unter uns! Sie leben! Wesen, welche die totale Kommunikation anbeten und uns in eine diskursive Glasblase sperren wollen. Der Kopf ist ein taubes Ei. Der Verstand ein Feindkörper. Die Sinne ein Sparschwein.  Es gibt kein Entkommen!

P:S: Alltägliches Bild in der Berliner U‐Bahn.

10 Gedanken zu “Tamagotchi 2.0

  1. Die »Kopflosen« und »Smartphone‐Junkies« sind berechenbar und man rechnet mit ihnen.
    Mantraartig und ohne Unterlass dröhnt es aus den diversen Kommunikationskanälen:
    « Digitale Information und Kommunikation ist alles, ist bares Geld«

  2. ja, es ist eine sonderbare Erscheinung. Den gringsten Widerstand geht der Geist und zugleich den konformsten. Was sollte man sich in der Ubahn auch mit Reizen abgeben, die einem unangenehme Regungsamplituden evozieren. Einen Schnösel, der Neidregungen, offen oder verzerrt, einen verklemmten Prokurator, der Reuegefühle anhallen läßt, einen Yuppie neben einem Hippie, was einem das Eigengefühl in zwei gegensätzliche Richtung dehnt, einen Sozialfall, der Ekel und Angst, diffus oder klar, erzeugt, einen geile Frau, die das morgentliche Berufsethos irrititiert, laute Ausländer oder gestresste Mütter, die ihre Kinder nicht unter Kontrolle haben und Ärgerwallungen aus dem Inneren aufsteigen lassen, ein alter Mann, den man, sähe man ihn denn, auf dem eigenen Platz gar sitzen lassen müßte, ja Langeweile einen heimsucht mitten im städtischen Treiben und einen ansatzweise enthebt aus der unreflektierten Koppelung an den Alltag mit seinen Handlungsleitsystemen und unangenehme Sinnfrageblitze und Sinnlosigkeitsgefühlpartikel hereinbrechen läßt, was zweifellos eines der gefüchtesten Ereignisse unserer Zeit geworden ist.
    Ahhh, wie lösend und entspannend da die Eingängigkeit der eigenen Favoriten im Internet oder das eigene Spiel am Smartphone ist. Möglichst wenig dysforme Wellen aus der Umwelt. Der Geist bekommt auserwählte Gegenstände des eigenen Geschmackes zugeführt und erfährt eine eine Art Gemütsdopplereffekt. Geist und Wahrnehmung sind synchron und isomorph in einer behaglichen Isosensualität. Nicht zuletzt bleibt man der politischen Kultur völlig getreu: beschäftigt, emsig, ernst, fleißig. Man hat immerzu etwas zu tun, das entsicherte Leben bedarf der fortwährenden Sorge, jede Minute kann dazu dienen. Emails angeschaut oder die letzten News für den folgenden Smalltalk. Wer hat schon wenig bis nichts zu tun? Dort lägen ja Akkumulationsräume brach, dort könnte ja ein Wirtschaftskreisläufchen in Gang gebracht werden, ein kleines nur oder zumindest propädeutische Übungen für das neoliberale Selbst. Das schaut gut aus: ein optimistischer beschäftigter Mann, der Erfolge erzielt und gerade eine Managerhandlung vollzieht, eine tolle Frau, mitten im Leben.
    Oder schwelgen im Trash: mit Werbung vollgepumpte Trashgames, Heinzelmännchen, Ballone oder Monsterchen vor und zurück schieben, facebook oder Onlineshops nach Nahrung abgrasen und dergleichen.

  3. Uhh, erwischt! Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass auch ich, seitdem ich im Besitz eines smarten Endgeräts bin, mich immer öfter bei so einem Verhalten ertappe. :OOPS: Wäre ich ÖPNV‐Pendler, dann hätte ich durchaus auch auf dem Bild sein können. Die Dinger können mit ihren Annehmlichkeiten verdammt verführerisch sein... Andererseits: Wer sich in der Bus und Bahn in ein komplett analoges Nicht‐e‐Buch vertieft, ist für seine Umwelt auch nicht gerade kommunikativ.

  4. Eine PSP für lange Strecken kann ich irgendwo nachvollziehen, aber Web auf dem Peilsender oder gar Dudelradio....? Die müssten Dir dafür was zahlen.
    Hm, ob man da wohl was mit Schmerzensgeld draus machen kann? :MAD:

  5. Ich besitze aus Überzeugung kein smartphone, bin auch kein smartphone‐Hasser oder Gegner. ich kann den pragmatischen Nutzen schon nachvollziehen. Mir kann aber auch niemand erzählen, dass diese »junkiehaften‐Kommunikationszwänge« keine spürbaren Wirkungen auf den Menschen haben sollen (von der Telefon‐Strahlung mal ganz abgesehen). Wo bleiben die Wissenschaftler, Soziologen und Psychologen die das mal ausführlich untersuchen?

  6. @ epikur

    Die Wirkungen der digitalen »Werkzeuge«, insbesondere auf Kinder und Jugendliche, wurden von dem Psychologen, Philosophen und Gehirnforscher Manfred Spitzer eingehend untersucht und die Ergebnisse in seinem Buch, »Digitale Demenz — Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen«, veröffentlicht.

  7. Ich würde das ganze nicht so sehr auf das Endgerät beziehen.
    Ich persönlich benutze ein Smartphone um auch unterwegs über meine Festnetznummer telefonieren zu können oder während einer längeren Fahrt ein Buch zu lesen.
    Ohne Facebook (wo ich nicht bin), Google und ähnliches hält auch der Akku wesentlich länger.

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