Kultiviertes Deutschland?

Sahra Wagenknecht stellt die interessante Frage, was eine Gesellschaft wirklich kultiviert? Wenn Menschen sich ohne Rücksicht gnadenlos bereichern können? »Was nützen die Millionen, wenn man keine Zeit mehr für sich, seine Freunde und seine Familie hat?«, so Wagenknecht. Ein interessantes Interview.

4 Gedanken zu “Kultiviertes Deutschland?

  1. Yoo. Mit was wollen wir uns kultivieren? Die Frage die man immer gerne vergessen hat. Auf welcher Basis, funktioniert Focaultsches Systemdenken vom zwecklosen Organismus, wenn das System keine Basis, außer seiner Funktionalität hat? Das kalte Nichts, treibt Nichts in Alles, nachdem es doch noch irgendwie leben könnte. Und landet dann erst recht bei der Gier. Und dort, uniformiert es sich genauso, — und sogar noch schlimmer, als es im Humanismus möglich sein könnte. Was unifomiert besser, — als ein System? Focault hat ein echtes Problem gehabt, — oder? Und dann kommen auch noch so Freaks wie Sloterdijk, und machen einen Ort der Selektion daraus. Das musste einfach so enden. Bei der ganzen Geschichte sind einfach zu viele Oberhirne im bequemen Ohrensessel am Werk gewesen. Das muss menschlicher gehen.

  2. Es scheint fast, als kämen als obsolet betrachtete Fragen wieder in einen Aufwind. Der bescheidene sKenner de menschlichen Geschlechts wird sich darüber nicht weiter wundern, höchstens etwas ärgern, dass man früher oder später wieder dort hin gelangt, von wo man gedacht hat, dass man ein letztes Mal sich abgestoßen hat.
    Der Neoliberalismus machte eine typische Bewegung für Ideologien. Ein Weltbild definiert mächtig alle sinnvollen Fragen und Aspirationen und eine ganze Reihe bislang bestehender Versprachlichungsströme brauchen nicht einmal mehr erklärt werden, sondern verschwinden wie ein Wassertropfen im All.
    Neoliberalismus und Technisierung (man bedenke nur wie tiefegehend im 20. Jh. über Technik nach gedacht wurde und wie abgeebbt man im Philosophischen Denken darin ist), haben vermutlich mehr Fragen abgewürgt als angeregt.
    Man muss sich aus der Ferne betrachten lernen. Wie Narren müssen wir uns ja erscheinen. Darben in abstrakten Ökonotopen, deren Definitionsmacht bis in kleine Gefühlsregungen reicht. Dabei ist die konkrete Arbeit mit dem Erleben etws äußerst Aufschlussreiches: das Nächste ist uns allen gar nicht so anders. Was spürst du, was kommen dir für Gedanken, welche Träume hast du? Solche Fragen bringen unsere Individualität in die Intersubjektivität und dann können wir uns darin kultivieren, die je eigenen Erlebensströme zusammen zu leben und leben zu lassen, ohne in gigantomanische Abstraktionen und fiktive Wortkriege zu verfallen. Dann wäre der Blick aus der Ferne nicht ein Blick auf Narren, sondern auf das, was da nunmal gelebt wird, in ernster Blick auf das Lautere dessen, was jedem zu Leben da gegeben ist. Aber derartiges wird ja für nutzlos erachtet. Es hat am Hinterteil des Abstrakten zu warten, welches auf es ständig furzt und es damit verformt.
    Es ist ja erstaunlich, welchen Sog eine einfältige Weltanschauung nur erzeugen kann. Wo Schopenhauer noch stolz berichtete, dass es eine Degradation sei, mit einem Geschäftsmann sich zu unterhalten, berichtet der Philosoph von heute, ihm sei der Ernst der Welt begegnet und achtet ehrfürchtig dessen Praxis. Überhaupt scheint die Praxis ein schwindender Gegenstand geworden zu sein: man kann in der Theorie alles denken und sagen, aber der Vollzug der Praxis gebietet eine stählerne Konformität. Kritische Theorie existiert heute z.B., wenn denn überhaupt, innerhalb einer neoliberalen Praxis. En detail! Elitismus, Klassendiskriminierung, Abgehobenheit, Egoismus und Kampfesdenken, neoliberale Vereinzelung, all dies können Bestandteile einer gruppenhaften Bearbeitung der kritischen Theorie sein. Ich kenne Adorno besser und er da versteht nichts, die da sind die Besten und sie dort schreibt am meisten, während wir sicher am meisten gelesen haben und manche schon richtig professoral wirken. Dies ist wohl die Stärke des Neoliberalismus: er kultiviert ihm genehme Praxisscripts in allen Bereichen des Lebens. Welche Theorie da jemand aufstellt, bleibt vollkommen gleichgültig, so lange diese nicht eine Praxis erzeugt. So duldet man gelassen Salonkommunisten, mögen sie fabulieren was sie wollen.
    Kultivieren heißt verpraxisieren. Vermutlich ist es eine der größten Aufgaben, die Kultivierung der Produktion anzugehen. Wo heute mit aller Selbstverständlichkeit eine einseitige BWL herrscht, hier wäre eine Kultivierungsleistung wohl zu erbringen. Man hat es dort geschafft, sich aus dem Fokus der Gestaltbarkeit heraus zu nehmen. Aber dort muss die Produktions‐ und Wirtschaftslehre vielleicht wieder hin. Auf dass wir in den Bibliotheken Bücher finden und Wissensbestände, die zu einer herrschenden gemeinschaftlichen und selbstbestimmten Produktionsführung gehören.
    Reziprozität gibt es nicht nur jenseits des Produktionsprozesses. Auch dieser selbst kann verändert werden. Muss man dies heute den Linken in Erinnerung rufen?

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