Die Verachtung der Alten

Torben von flickr

Wer in Deutschland jenseits der 60 Jahre alt ist, hat kein leichtes Leben. Er wird zunehmend als Belastung angesehen. In der Demographie‐Debatte werden Rentner als ein aktuelles und ein zukünftiges Problem definiert. Wer die 50 bereits überschritten hat, weder hochqualifiziert ist oder Beziehungen hat, der wird reichlich Erfahrungen mit Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt machen. Wer im Alter chronisch krank ist, wird vielfach mit Ablehnung und Ignoranz konfrontiert werden.

Wer nicht mindestens 45 Jahre ununterbrochen in die Rentenkasse eingezahlt hat, wer schon in jungen Jahren nicht viel Geld und Vermögen hatte, wer wegen Krankheit oder wegen vorzeitiger »betriebsbedingter Kündigung« vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter in den Ruhestand gehen muss, der wird im Alter auf Grundsicherung angewiesen sein und unter Altersarmut leiden. Das alles ist weder Schicksal noch naturwüchsig, sondern von Menschen gemachte und gewollte Politik in Deutschland.

»Jung ist geil, alt ist verbraucht«, so könnte das Motto unseres Zeitgeistes lauten. Dabei wird oft vergessen, dass sich die älteren Menschen ein Leben lang abgeschuftet haben. Ihre Lebensleistung wird dann mit einer Niedrigrente oder mit Altersheim gewürdigt. Wer alt, krank und langsam ist, ist nicht cool in unserer schnelllebigen und arbeitswütigen Gesellschaft. Viele alte Menschen sind sich dessen bewusst, in dem sie in Gesprächen selbstironisch den Satz äußern: »Ach, ich bin doch schon so alt!«  So, als würden sie sich für ihr Alter entschuldigen müssen.

Im Jahre 1996 hat die Gesellschaft für Deutsche Sprache (GfdS) den Begriff  »Rentnerschwemme« als Unwort des Jahres gekürt. Auszug aus der Begründung der GfdS:

Gleichzeitig aber weckt das Bild von der »Schwemme« ein unterschwelliges Bedrohungsgefühl. Damit befindet es sich in schlechter Gesellschaft mit anderen unangemessenen Naturbildern im Umkreis sozialpolitischer Debatten. [...] Das Bild von der »Rentnerschwemme« verdrängt außerdem im engeren Rahmen der rentenpolitischen Debatte durch seine Einseitigkeit der Situationsbeschreibung die Tatsache, dass sich die allermeisten Angehörigen der als so bedrohlich gedeuteten älteren Generationen ihren Anspruch auf eine angemessene Altersversorgung in jüngeren Jahren selbst erarbeitet haben.

Weit bis in die Linke hinein, wird dieses Bild auch 15 Jahre danach noch reproduziert, wenn vielleicht auch nicht bewusst:

»Doch heute schon zählen wir 20,5 Millionen Rentner bei 28,6 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten«

- Stefan Welzk, »Lobby‐Kunst und Renten‐GAU«, in »Blätter«, Ausgabe Februar 2012, S. 14

Die Botschaft ist eindeutig: wir haben bald so viele (oder mehr) Rentner wie sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland, die Alten werden uns überschwemmen und überrollen. Wir müssen dringend etwas dagegen tun, wenn Deutschland nicht »ergrauen« soll, so der Tenor.

Die weitverbreitete Verachtung alter Menschen in Deutschland, zeigt sich auch in der Wortschöpfung des »sozialverträglichen Frühablebens«, der vom Präsidenten der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar, im Dezember 1998 geprägt wurde. Alte Menschen sollen am besten nicht allzu lange Rente beziehen, die Krankenkassen nicht mit ihren chronischen Krankheiten belasten oder ihren Verwandten so lange auf der Tasche liegen, sie sollen möglichst schnell sterben, nachdem sie ihr Leben lang sich kaputt geschuftet haben. Auch wenn manche sagen würden, der Satz wäre ein Ausrutscher gewesen, so verdeutlicht er doch, das Denken über alte Menschen, das keineswegs auf Herrn Vilmar beschränkt sein dürfte.

Im Jahre 2003 zeigte der Bundesvorsitzende der Jungen Union (CDU), Philip Mißfelder (heute Mitglied des Bundestages der CDU) seine Menschenverachtung gegenüber Senioren in Deutschland, indem er alte Menschen auf eine ökonomische Belastung reduziert hatte:

Ich halte nichts davon, wenn 85‐Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen.

- Tagesspiegel vom 3. August 2003

Die viel beschworene Menschenwürde unseres Grundgesetzes ist bei genauerer Betrachtung immer weniger vorhanden.  Ob Arbeitslose, Rentner, Kranke oder vermeintliche Ausländer: alle werden danach bemessen und bewertet, welchen »Wert«, welchen Profit sie erbringen können. Wer wenig »funktioniert«, d.h. aus wem man wenig Kapital schlagen kann, der ist in den Augen der Vermögenden und Herrschenden auch eine Belastung oder gar überflüssiger Ballast. Die weitverbreitete Verachtung der Alten in Deutschland, verdeutlicht den menschenverachtenden Aspekt eines neoliberalen Denkens, der sich nur für Profite und nicht für Menschen interessiert.

15 Gedanken zu “Die Verachtung der Alten

  1. merkwürdig nur, daß von den mistfeldern mal abgesehen, die verkünder dieser weisheiten selbst auch jenseits der 50 oder 60 sind. da zeigt sich dann, daß diese neoliberalfaschos im denken schon wieder bei untermenschen und lebensunwerten angekommen sind.

  2. Ein treffender, schöner Artikel — Danke dafür.

    Von allen Seiten höre ich dieses neoliberale Gaquatsche — es geht mir auf den Keks. Wenn ich dagegensteuere, wird sofort »zurückgeschossen« — ja aber, was das alles kostet. — Es ist schlicht und ergreifend zum Kotzen.

    Ungeschriebene Gesetze über lebensunwertes Leben gibt es hier schon seit längerem, ca 20 J. — Mir graut der Tag, an dem hieraus geschriebene Gesetze werden. — Die Geschichte wiederholt sich !

  3. Dazu fällt mir dieses Bild ein: http://www.heise.de/tp/artikel/32/32280/32280_11.jpg

    @landbewohner: Da musst du schon differenzieren, denn schließlich sind solche Übermenschen in ihrer eigenen, marktkonformen Weltanschauung zwar schon alt, genau wie jede, die sie verarchten, aber sie haben es schließlich zu etwas gebracht. Alle Menschen sind gleich, aber manche sind gleicher als andere...

  4. Ach ja, nicht zu vergessen, die Zustände in deutschen Alten‐ und Pflegeheimen. Günter Wallraffs Buch »abgezockt und totgepflegt« belegt auf erschreckende Weise, welchen Stellenwert alte Menschen in unserer Gesellschaft haben.

  5. ...und an der Stelle komme ich wieder mit der ursprünglichen Dorfgemeinschaft!

    Hier hat eine Großfamilie unter einem Dach gelebt und das ging auch!
    Aber heute muss man ja mit 18 ausziehen und Karriere machen und sich einen Scheiß um seine Mitmenschen kümmern, da wundert mich gar nichts...

    Selbst in den härtesten (kommt wieder, wenn die Medizin immer teurer und die Lebensmittel knapper werden) Zeiten, gab es alte Menschen und die hatten ihre Aufgaben in der Gesellschaft und das war natürlich Kinderbetreuung oder Hausarbeit oder man hat halt entsprechend seinen Fähigkeiten noch mitgeholfen

    HEUTE in unserer ach‐so‐tollen Moderne muss man immer Linien und Striche ziehen und da heißt es: Bis 67 musst du arbeiten (soll wohl ein Witz sein!?) und danach hockst du dich in eine Trabantenstadt in eine kleine Mietwohnung, vereinsamst und glotzt den ganzen Tag TV TV TV

    Kotz!

    JA ICH BIN KONSERVATIV im Gegensatz zu diesen ganzen HÄNGENGEBLIEBENEN (=»konservativ«) POLITIKERDARSTELLERN und LEISTUNGSTRÄGEN

    Ich plädiere für die Auflösung sämtlicher Nationalstaaten und Organisationen wie NATO, EU und dergleichen!
    Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen!
    Naturverbundenheit!

    Es wird immer kränker, nur Plastikmüll, leere Worthülsen, Kapitalfaschismus u.a., Korruption und Gift *kotz*

  6. man darf nicht vergessen die sog. jungen Alten: jene Menschenkategorie, die schon alt, aber noch halbwegs fit ist und vor allem Geld hat, zumindest auf Mittelstandsniveau. Diese wrid angereiz zum Ausgeben, an sie richten sich sämtliche Diskurse von jung machenden Cremes, Gesund haltenden Füssigkeiten, Wellness usw. Diese Lebensphase ist die Ablassphase. Die Ängste vor der unvermeidlich eintretenden Alterung werden angefeuert und mit Webestoff getunt: es gibt noch Rettung.
    Einmal richtig alt, geht es bald los mit dem Siechen. Vergesslichkeit wird in den Augen karrieregeiler Psycho‐Arbeiter zur Demenz, Langeweile im Heim wird mit einstündigen Kindergartenaufheiterungsprogrammen konterkariert, durchgeführt von hochprefoessionellen Psychoarbeitern, mit angeschlossenen wissenschaftlichen Diskursen. Die Perversion im Alter. Die Öde im Heim, 768 Tage hinter einander am selben Ort, die selben Pfleger, die selben Abläufe, das selbe Essen. Der Geist fällt ein, implodiert, wird träge und starr, die Lebensamplituden nehemen ab, die sedierende Umwelt zeitigt Effekte. Die darnach aus Freiheit eingeschläferte Seele kann nun mit Ballspielen im Kreis aufgeheitert werden, kann mit Psychopharmaka aus dem Dämmern gerissen oder noch tiefer da hinein gestossen werden, soll sich erfreuen, wenn zum 164 Mal der selbe Bildband als NAchmittagsbeschäftigung hervorgeholt wird.
    Man müßte komplett pervers werden im Alter, um sich daran zu erfreuen. Der Perverse erfreut sich nämlich an seiner eigenen Störung, an seinem eigenen Leid mitunter, seiner eigenen Einschränkung. Ohne pervertierten Geist wird das hohe Alter zur Qual. Im institutionellen Korsett, angereichert mit Verkörperungen jugendlich naiver Schönwetterdynamik, ist es eine Qual, kann man sich darauf einstellen, dass die eigenen Lebensradien gegen null wandern werden, bis man ein seelischer Strich geworden ist, der zu keiner Regung mehr fähig ist. Dann wird man Objekt, von Behandlungen, Strategien, man lacht, wenn der Unterhaltungsnachmittag beginnt, man isst, wenn das essen hergestellt wird, man scheisst, wenn man aufs Klo gebracht wird, man ist neugierig, wenn zum 500 Mal der selbe Bildband aufgetischt wird, man tut kindisch mit, wenn Ball gespielt wird.

  7. @flavo

    Eine sehr schöne Beschreibung der Alten, besonders der Heimbewohner.- Danke
    Meine Eltern waren zusammen vor 2 J. in ein familiär geführtes Altenheim gegangen. Nachdem meine Mutter vor einem Jahr verstorben ist, bin ich in den kleinen Ort im südl. Niedersachsen gezogen und besuche dort meinen Vater im Altenheim fast täglich. Mit seinen 90 J. ist er körperlich und bewußtseinsmäßig noch recht fit. Er liest noch sehr viel; ca. 1 Buch pro Woche. Fast jeden Nachmittag werden die von Ihnen beschriebenen Veranstaltungen durchgeführt. Er nimmt an so gut wie keiner teil. — Ich glaube das hält ihn noch relativ fit.
    Karrieregeile Psychoarbeiter hab ich hier noch nicht gesehen. Das liegt wohl an der ländlichen Gegend. Ihren anderen Beschreibungen möchte ich mich anschließen, besonders dem Schlußteil ihres Kommentars.
    Es ist schon ein Trauerspiel zu beobachten, wie unsere Senioren infantilisiert werden.

  8. Aber das ist doch ein Geschäft, was wenn tatsächlich alle Alten ad hoc im Nirvana entschwinden (was so mancher gern täte, so er/sie könnte)

    Apotheken, Sanitätsgeschäfte, Pharmaindustrie, das ganze Krankheitssystem etc. verdienen doch sich doch dumm und dusselig dran.
    Selbst die, die noch eine lebenstandardsichernde Rente oder eher Pension haben, geben das Geld aus, auch für Kinder und Enkel!
    Und diese Kaufkraft wird zukünftig weniger und weniger.
    In Alten‐Pflegeheimen werden Massen von Medikamenten an wehrlose alte Menschen verabreicht, viele sind allein ohne dass sich jemand findet, der sich kümmert. Bei Wahlen werden da viele Briefwahlen »moderiert«.

    Die die heute so danach schreien, wir hätten zuviele Alte, werden also, um die Gesellschaft zu entlasten, selbst rechtzeitig sozialverträglich Frühableben? Wer hat denen die Wohlstandspamper gepackt und offensichtlich zu asoziale, profitgeile Monster erzogen?

    Im Übrigen wird auch die Rentenversicherung bestohlen, wie sich der Staat an den gesetzlich Rentenversicherten bedient:
    Links

  9. Da kann man Angst und Bange vor dem Alt werden bekommen.Unsere Erde ist zur Hölle verkommen,Occupy Altersheime,wahre Demokratie jetzt für unsere Alten und alle Menschen.Keine Chance von Diskriminierung und Rasissmus oder Hetzten lebensfeindlicher Individuen.Die Neuoliberalen sind die Neulinge der Rassenlehren,siehe Dr.Mengele.

  10. Das beste ist den Alten zu helfen,anstatt ins Altersheim abzuschieben,sondern Zuhause in Würde leben und sterben zu lassen.Die eigenen Eltern ins Altersheim abzuschieben,ist das aller letze moralische Armutszeugnis einer Verkommenen Gesellschaft,die nicht mehr recht von unrecht unterscheiden kann.Es gib zu viele moralische Schweine,die auch noch von der Öffentlichkeit Unterstützt wird Pfui Deiwel.

  11. @Alptraum

    Ein viel größeres Problem ist meines Erachtens der gesamte Umgang mit alten Menschen, nicht nur in Alten‐ und Pflegeheimen. Auch die Hauskrankenpflege ist oft eng terminiert, so dass sie kaum Zeit haben, neben Medikamentenverabreichung, Essen und Hygiene, sich mit den Menschen zu beschäftigen oder zu unterhalten.

    Die Mentalität der Menschen ergibt sich nicht nur aus ihrer persönlichen sozioökonomischen Lage heraus, sondern auch aus dem Zeitgeist. Und der ist neoliberal geprägt. Profite vor Menschen.

  12. Pingback: Bericht: 240.000 Demenzkranke bekommen zu Unrecht Psychopharmaka

  13. Pingback: Rentner zu Tierfutter « Notizen aus der Unterwelt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.