Zahlenfetischismus

Frisch zum neuen Jahr 2010 widme ich mich eines Themas, dass mir schon seit längerem durch den Kopf schwebt: unsere Fixierung auf Zahlen. Alles wird gemessen, in eine Zahlen‐Form gebracht, nach Zahlen bewertet und beurteilt, die Welt wird vermessen. Wir beten Zahlen an, wie Götzen. Ja, die Zahl selbst wird zum Bestandteil der Lebenskultur: Geburtstage, Hochzeitstage, Silvester, Valentinstage, Muttertage, Volljährigkeit usw. werden gefeiert. Zahlen bestimmen unser Leben: von wann ist der Film? Wann war dieses oder jenes Ereignis? Wieviele sind gestorben? Wieviel Lohn erhalte ich? Welche Note bekomme ich für die Klausur? Wie teuer ist die Zeitung? Wie schnell darf ich mit dem Auto fahren?

Im zwischenmenschlichen Bereich implizieren Fragen wie »Wielange seid ihr schon zusammen?« häufig die Bewertung der Beziehung. Dabei gilt allgemein: je länger eine Beziehung ist, als desto wertvoller wird sie angesehen. Jahrestage werden gezählt und ggf. gefeiert. Auch die Zahl der bisherigen Sexualpartner haben die meisten kleinlich notiert oder sich gemerkt. Auch viele andere Dinge im zwischenmenschlichen Bereich, die gezählt werden können, werden auch gezählt. Das ständige Auge auf die Quantität, statt auf die Qualität — die mehr gefühlt als gemessen wird — ist allgegenwärtig.

Schon lange stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn wir nicht wüssten wie alt wir seien? Einfach sein Leben leben ohne heuchlerische Geburtstage zu feiern. Es gäbe keine Midlife‐Crisis mehr. Keine Arbeitgeber, die ältere Lohnarbeiter diskriminieren würden, bloß weil sie die 50 überschritten haben. Keine sozialen Verunsicherungen mehr, bloß weil man 30, 40 oder 50 Jahre alt geworden ist. Keine heuchlerischen Beziehungen und Ehen mehr, bloß weil die Jahres‐Zahl des Zusammenlebens schon so hoch ist, so dass man von ihr gefangen ist und sich, der Familie und der sozialen Achtung wegen, nicht mehr traut, sich zu trennen. Einfach sein Leben leben ohne ständig den Blick aufs eigene Alter oder auf Zahlen zu haben. Irgendwann werden die Haare grauer, fallen aus, man wird eventuell kränker — aber was solls? Wenn man sein Leben, abseits des Jugendwahns und der Altersfixierung gelebt hat, sollte einem das nicht viel ausmachen. Es gehört zum Leben dazu, genauso wie der Tod.

Zum Abschluss noch ein passendes Zitat‐Zitat von Kurt aka Roger Beathacker, das er im oben verlinkten Artikel von Roberto am 29. August 2008 gemacht hat:

»Man kann die Ideen, wie sie in unserem Geiste und in der Natur sich kundgeben, sehr treffend durch Zahlen bezeichnen; aber die Zahl bleibt doch immer das Zeichen der Idee, nicht die Idee selbst. Der Meister bleibt dieses Unterschieds noch bewußt, der Schüler aber vergisst dessen und überliefert seinen Nachschülern nur eine Zahlenhieroglyphik, bloße Chiffren, deren lebendige Bedeutung niemand mehr kennt und die man mit Schulstolz nachplappert. Dasselbe gilt von den übrigen Elementen der mathematischen Form. Das Geistige in seiner ewigen Bewegung erlaubt kein Fixieren; ebensowenig wie durch die Zahl läßt es sich fixieren durch Linie, Dreieck, Viereck und Kreis. Der Gedanke kann weder gezählt werden noch gemessen«

- Heinrich Heine. Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Reclam Leipzig 1970. S.141f.

2 Gedanken zu “Zahlenfetischismus

  1. Es stimmt schon, das man sich in vielen Dingen des Lebens zu sehr auf Zahlen beruft oder verlässt. Gerade im zwischenmenschlichen Bereich ersetzen sie oft eine gefühlsmäßige Beurteilung, wie zum Beispiel ausgeführt die Dauer einer Beziehung oder aber auch Altersunterschiede.
    Auf der anderen Seite erleichtern Zahlen aber auch das Zusammenleben und vielleicht liegt es in gewissen Bereichen auch in der Natur des Menschen etwas zu zählen, zu vermessen und zu werten. Außerdem geben Zahlen nicht nur uns selber Auskunft, sondern auch anderen Menschen und das zwar sehr oft aber nicht nur zum Nachteil des Betreffenden. Ich war zwar auch nicht ein Fang von Altersbeschränkung für Alkohol als es mich betraf, weil wo war der Unterschied ob ich heute noch 17 und morgen 18 bin? Aber wie soll mein Gegenüber denn einschätzen können, wie reif ich bin, ob ich das vertrage etc. Und bei jedem Einkauf ein Persönlichkeitstest zu machen, wäre zwar lustig, doch irgendwie auch nervig.
    Was die Geburtstage angeht, so würde ich diesen Tag nicht zur Feier des Alters/der Zahl begehen, sondern mich darüber freuen, dass dieser bestimmte Mensch geboren wurde. Zumindest hab ich diesen Tag immer so verstanden :d
    Einen Passage empfinde ich aber doch ein wenig fragwürdig:
    »Irgendwann werden die Haare grauer, fallen aus, man wird eventuell kränker – aber was solls? Wenn man sein Leben, abseits des Jugendwahns und der Altersfixierung gelebt hat, sollte einem das nicht viel ausmachen. Es gehört zum Leben dazu, genauso wie der Tod.« Mit Verlaub, ich denke auch Menschen, welche nicht aufs Alter geachtet haben und denen es auch nicht auf ihre Falten ankommt, können ein Problem damit haben krank zu werden oder zu sterben. Ich glaube das die Angst vor dem Tod nicht nur im Jugendwahn begründet ist, sondern viele Ursachen hat und dass es den wenigsten Menschen vergönnt ist zufrieden auf ihr Leben zu schauen und den Tod als zum Leben dazugehörend zu akzeptieren. Vor allem wenn man das Gefühl hat, noch viel tun zu wollen und es dann wegen Krankheit nicht zu können, ich denke das macht einem etwas aus — ob mit oder ohne Jugendwahn.

    Trotzdem sind die im Beitrag angeführten Argumente dadurch nicht minder gültig oder stichhaltig. Vielleicht sollte jeder für sich entscheiden welche Zahlen/Daten ihm/ihr wichtig sind und man sollte nicht gleich auf die Palme gehen, wenn mein Gegenüber mein Alter oder Geburtstag nicht weiß ;)

  2. Die Zahlen sind, wie du korrekt in deinem Artikel herausstellst, eine Möglichkeit der Bewertung. Sie sind Symbole der Ideen, die die Geister bewegen und werden als solche zum Götzen der Ideen gemacht. Zahlen drücken das Haben können und wollen sowie den Besitz aus, der in Zahlen seinen Wert vermißt. Ideen, Partner, Sex, Geld, Leben alles wird zum Besitz in einer Haben‐Kultur, wie Fromm sie gesehen hat.

    Wir sind heute gut 40 Jahre weiter, als seine Eindrücke reichten. Trotzdem hat er die Muster sehr gut beschrieben.

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