Neusprech: Sozialstatus

Klassifikationssystem, das Menschen in wertvolle und weniger wertvolle Personen einteilt, ähnlich dem Kastensystem in Indien. Genauer: subtiles Herrschaftsinstrument zur Unterstützung und Stabilisierung der vorhandenen gesellschaftlichen Ungleichheiten. Der Sozialstatus bestimmt den Umgang der Menschen unter‐ und miteinander. Wer einen angesehenen Beruf nachgeht, viel Geld und gesellschaftlichen oder sozialen Einfluss hat,  große Besitztümer sein eigen nennt, darf sich als Herrenmensch fühlen und gebaren. Alle anderen haben ihm -direkt oder indirekt‐ zu dienen oder zumindest ehrfürchtig zu ihm aufzublicken.

Sozial im Sinne von »an andere denken« bzw. »das Gemeinwohl im Auge zu behalten« ist hier nicht gemeint. Eigentlich müsste man meinen, dass Menschen mit hohen sozialen Kompetenzen, also Menschen mit Empathie, Einfühlungsvermögen, Ehrlichkeit usw. einen hohen Sozialstatus hätten? Der Gebrauch des Begriffes beschränkt sich jedoch nur darauf, aufzuzeigen, wie hoch der finanzielle oder soziale Einfluss eines Menschen ist und eben nicht, wie hoch seine tatsächlichen sozialen Fähigkeiten sind. Ähnlich wie bei dem Schlagwort vom »sozial schwachen« Menschen, wird eine Kausalität zwischen sozialer Kompetenz und privatem Vermögen hergestellt. Dabei ist die Kausalität meist wohl eher andersherum: derjenige, der über viel Vermögen verfügt, hat ihn meist über unsoziale, egoistische und wenig altruistische Handlungsweisen erworben.

Marktwirtschaftliche Propaganda benutzen den Begriff »sozial« nicht selten als Deckmantel und Maske, um die Fratze des eiskalten und berechnenden Profitdenkens dahinter zu verbergen. Sei es die angeblich »soziale Marktwirtschaft«, »sozial ist, was Arbeit schafft« oder ein vermeintlich »sozial verträglicher« Stellenabbau — ein Ausnutzen der positiven Assoziation des Wortes findet hier statt, um unsoziale Handlungen zu verschleiern und zu beschönigen.

8 Gedanken zu “Neusprech: Sozialstatus

  1. Das lustige ist, dass Hayek in einem seiner Bücher zugibt das Reichtum und Erbe die Chancen deutlich ungleich verteilen. Allerdings sieht er keinerlei Grund dies zu ändern, auch wenn (was er ja damit zugibt) kein freier Wettbewerb mehr herrscht. Wenn eines der Fundamente des Liberalismus in Widersprüchen erstickt zeigt sich, welches Niveau diese Theorie hat. Es geht darum Machtansprüche zu zementieren. Dabei wird die Staatsmacht generell verurteilt. Dabei ist es egal ob private Personen oder Staatsgebilde zu viel Macht haben. Nur nutzen private Unternehmen und Personen ihre Macht subtiler aus. Man merkt es nur wenn man denken will. Darum auch die Wortkonstrukte wie sozialer Stellenabbau, etc.

  2. Schlimm ist, dass diese Begrifflichkeiten bereits schon so »eingebrannt« sind, dass sich fast niemand mehr ganz frei davon fühlen kann. Wie oft ich besonders aus dem Umfeld des »sozialen« Metiers, also Sozialarbeiter usw. gerade den Widerspruch »sozial schwach« gehört habe kann ich gar nicht mehr zählen. Und ich selber ertappe mich auch des öfteren dabei. Ganz besonders eine Loslösung, vom mittlerweile überall verwendeten »beschreibenden« Schichtenmodell ist schwierig, weil jeder weiß was damit gemeint ist. Dass es eine Klassengesellschaft modelliert, weiß eigentlich auch jeder, — trotzdem reitet man darauf herum.

  3. Pingback: Wortreich geschwiegen » Widerstand Berlin

  4. Ja, auch ich ertappe mich immer wieder dabei, derartige Begriffe zu verwenden. Da hilft nur, sich immer wieder bewusst zu machen...
    A propos Sozialarbeiter (bin leider selber einer)... das was diese heute vermehrt machen, nämlich Erwerbslose in schwachsinnigen Maßnahmen zu traktieren, hat ja wohl mit »sozial« überhaupt nichts mehr zu tun. Vielleicht sollte man sie besser umbenennen — in System(zu)arbeiter, oder so.
    Ich möchte hier auf keinen Fall alle Sozialarbeiter über einen Kamm scheren, aber ich zumindest könnte einen derartigen Job nicht mit mir vereinbaren — da bin ich lieber erwerbslos.

  5. Pingback: Mein Politikblog

  6. Jeder versucht doch mit seiner Wortwahl einen bestimmten einfluss auszuüben. Was man leider nicht vergessen darf ist, daß die Medien halt viel mehr leute erreichen. Dadurch werden solche Begriffe viel härter (öfter) geprägt (missbraucht). Eine Lösung für das Problem sehe ich leider nicht, Blogs sind ein guter Anfang. Im Grunde bilden Sie auch ein Soziales Netzwerk und somit ein Gegenpol zu den unsozialen Medienmeinungsmachern.

  7. Danke für den Text.

    Die aktuelle Sprache in Deutschland ist sehr informativ, wenn man nur richtig hinhört.
    Allein das Wort »verdienen« erinnert an Fronarbeit, an Feudalismus.

    In den Medien wird schein‐informiert. Es werden Metaphern aneinander gereiht ohne erkennbaren Sinn. Darum ist es wichtig im Gespräch bei den eigenen Worten besonders vorsichtig zu sein.
    Ich gebe zu, auch ich in nicht immer konsequent.

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