Massenkonformes Wohnen

Das Thema der medialen Gleichschaltung in Deutschland habe ich hier schon öfters angesprochen. Wer sich wochenlang täglich verschiedene Tageszeitungen kauft oder sich einfach die Schlagzeilen der Online‐Ausgaben anschaut, bekommt schnell ein massenkonformes Denken um die Ohren geknallt. Wie immer ist es einfach, auf andere zu schauen und ihnen eine Konformität vorzuwerfen. Wie sieht es aber z.B. mit unserer aller Wohnungsgestaltung aus?

Bei einem Gespräch mit Freunden habe ich letztens angemerkt, dass jeder sagen würde, er richte seine Wohnung individuell ein, ja das dies ein Zeichen seiner Individualität wäre. Die Einrichtung eines Mannes sage viel über seinen Charakter aus, schreibt z.B. das Boulevardblatt Glamour. Im Laufe des Gespräches habe ich schließlich die These aufgestellt, dass fast alle Menschen in Deutschland ihre Wohnungen jedoch gleich einrichten würden und das dies ein Zeichen von  Konformität und Anpassung sei. Es also diesbezüglich kaum Individualität gäbe.

Das Wohnzimmer hat meistens eine Couchgarnitur vor dem ein Tisch steht und das auf den Fernseher hin ausgerichtet ist. Vielleicht stehen hier noch ein bis zwei Schränke, mitunter Glasschränke mit Staubfängern enthalten. Im Schlafzimmer steht ein Bett sowie ein Kleiderschrank. Wer sich eine Drei‐ oder Vierzimmer‐Wohnung leisten kann, hat noch ein Arbeitszimmer mit PC und/oder ein Kinderzimmer eingerichtet. Vieles wird bei Ikea gekauft.

Für mich stellt sich die Frage -ähnlich wie bei den Zuständen des Kapitalismus–  ob es naturgegeben  ist, seine Wohnung standardisiert einzurichten? Gibt es nicht doch hunderte Möglichkeiten seine Wohnung individuell zu gestalten und einzurichten? Kann man die Konformität der Wohnungseinrichtung als Metapher für die gesellschaftliche Anpassung deuten? Belügen bzw. verherrlichen wir uns selbst mit vermeintlichem individuellem Verhalten und sind dabei massenkonform? Wie kann man Gleichschaltung kritisieren, wenn wir täglich in einer gleichgeschalteten Wohnung leben?

12 Gedanken zu “Massenkonformes Wohnen

  1. Tolle Beobachtung. Ich habe eine Ähnliche gemacht. Jede Innenstadt in Deutschland sieht gleich aus. Kamps Bäckereien, Karstadt, Kaufhof, Media Markt, Saturn. Wir alle kaufen die gleichen Sachen, hören die selbe Musik im Radio.

    Ich persönlich finde, dass Individualität nur eine Illusion in unserer Gesellschaft ist. Das Schlimme ist, dass die Leute diese Konformität in allen Lebensbereichen nicht mal merken. Sie damit zufrieden sind, ihre Individualität durch aussergwöhnliche »Apps« auf ihren Iphones auszudrücken.

    Bei uns drückt man seine Individualität nicht durch seine Persönlichkeit aus, sondern durch die Produkte, die man kauft, konsumiert und trägt. Das ist aber gerade nicht individuell, da es die Produkte einer Massengesellschaft sind.

    Brave New World!

  2. Das auf dem Foto ist aber jetzt nicht deine Hütte @epikur, oder ? (Schönes Bild in der Ecke ). Hab dich mir viel unordentlicher vorgestellt ;)
    Der größte Widersacher der Konformität ist Unordnung. Nach einer Woche vorsichtiger Sichtung durch den Türspalt, ins Zimmer meines Sohnes, weiß jeder, das es absolut unkonformes Wohnen gibt. Da komm ich natürlich jetzt in den Zwiespalt zwischen konformen Vaterpflichten, und komfortablen Verhaltensweisen. Bei dem Schulstress heute, kriegt das allerdings jeder verargumentiert.

    Aber stimmt schon. Selbst bei so Anhängern von Vielfalt und rudimentären Wohnkulturen wie unsereins, ist das Muster noch eindeutig erkennbar. Wir schämen uns :)

  3. Öhm ne. Das oben ist nicht meine Hütte. Die Fotos will keiner sehen :d

    Statt Konformität und Unordnung befürworte ich eine authentische Individualität (wobei meine Hütte jetzt auch nicht wirklich anders ist. Ich nehme mich bei der Kritik also nicht raus ;) ) Wo steht geschrieben, dass es überall gleich aussehen muss?

  4. Naja, ich denke mal die meisten sind es einfach gewöhnt, die Wohnungen so einzurichten. Die meisten möchten ja eigentlich mal einen Abend 1. auf der Couch sitzen 2. auf dem Tisch Leckerein zu stehen haben und 3. dazu auch noch Fernsehen. Und das alles auf einmal.
    Da wir eben alle ähnlich denken und ähnliche Bedürfnisse haben, kaufen wir eben die gleichen Sachen, die auf uns zurechtgeschneidert sind... Und ich finde, Individualität als Anspruch macht das Leben ungemein schwerer. Mir kommt das wie eine Traumblase vor, die sich niemand traut zu zerplatzen weil das irgendwie auch nicht in das Gesellschaftsideal des modernen Menschen passt.

  5. Also ich denke, solange man bei der Wohnung, den Klamotten oder seiner Musikauswahl mehr auf seinen eigenen Geschmack achtet und nicht Dinge kauft, weil alle anderen es auch haben, ist man schon sehr individuell. Den Anspruch sollte man auch haben und das ist ja dann auch nicht anstrengend. Wenn jemand mal die gleichen Möbel hat, weil ein gewisses Möbelhaus nun mal günstig ist, so what.

    Die fremden Wohnungen in denen ich so bis jetzt war, unterschieden sich doch schon sehr. Auch wenn bei der Hälft das Wohnzimmer auf den Fernseher ausgerichtet war.

  6. Bequemlichkeit als Rechtfertigung für Konformität?

    Also es sehen doch fast alle Wohnzimmer gleich aus: Couch, Tisch, Fernseher, Schrank. Alle änhlich oder gleich angeordnet. Und nur weil der Tisch oder die Couch nicht immer von Firma X ist oder mal schwarz statt blau, haben wir einen individuellen Geschmack?

    Wie wäre es mit bemalten Wänden, selbstgebauten Möbeln aus Holz, Kuschel‐Kissen‐Decken‐Ecken, asiatischen Einrichtungen usw. usf.? Es gibt hunderte Möglichkeiten! Ist die gleichgeschaltete Wohnungsgestaltung nicht doch eine Metapher für gleichgeschaltetes und alternativloses Denken?

    Die westliche Wohnungsgestaltung ist kein Naturzustand. Aber da ja niemand als angepasst gelten möchte, muss man natürlich seinen Wohnungsstil rechtfertigen, oder? ;)
    Meine Wohnung ist auch Standard.

  7. Also, in unserem Wohnzimmer ist jede freie Wand mit Billy‐Regalen inkl. Bücher vollgestellt. Dann sind zwei — wichtig — Katzentonnen mit Spielzeug und eine Schlafcouch einschließlich eines selbstgebauten Tisches.
    Jedesmal, wenn ich in diversen Möbelhäusern bin, stelle ich fest, daß für den deutschen Normalo Bücher eigentlich nicht vorgesehen sind.
    Ich bin inzwischen so weit, daß ich mir den größten Teil unserer Wohnungs‐ und Büroausstattung selbst baue. Im Büro habe ich mir eine Schrankwand aus Ikea‐Schlafzimmerschränken (PAX 38cm) und Regalbrettern gebaut. Unser Bett ist eine Eigenanfertigung, weil es in keinem Möbelhaus etwas gab, was mein Gewicht auf Dauer aushielt :) . Gleiches gilt für das Badezimmer, was selbst designed ist, eine vorgebaute Panelwand mit einem 200x80cm Spiegel einschließlich intigrierter Beleuchtung.

    Ich versuche heute meine Umgebung nach Funktion einzurichten. Dazu verwende ich gern Bauteile von Ikea, z.B. ein Billy‐Regal oder einen Schrankkorpus kann ich selbst nicht preiswerter bauen, die ich mit eigenen Vorstellungen kombiniere, bzw. entsprechend verändere. Demnächst werde ich mir ein neue Büro einrichten, das wird richtig spannend. Ich muß mindestens 3 große Monitore, 3 Computer, mehrere Scanner und Drucker so in einem Raum unterbringen, daß ich optimal arbeiten kann. Dazu gehören dann noch ein Entspannungssessel, viele Bücherregale und Wandtafeln.

  8. Epikur, da hast Du aber ein Fass aufgemacht (und das sehr gut: wie immer). Ein Thema mit dem man Jahre füllen kann. (Jahre?)

    Nur ganz kurz was mir auf die Schnelle einfällt:

    In einer Gesellschaft, in der es immer mehr um Geld und Oberflächlichkeiten geht, dienen Wohnungen bzw. einzelne Zimmer oft genug nicht mehr dem Wohnen, sondern dem Repräsentieren. Der/die Raumpfleger/in muss auch gut und schnell durchkommen. Wohnlichkeit ist nicht die vordringliche Intention, funktionieren muss es. Qua meiner Wohnlandschaft stehe ich für klare Aussagen, soll ausgedrückt sein — auch wenn die Beliebigkeit und damit Verwaschenheit einer so gleichgeschalteten Einrichtung dieses eigentlich gleich nur wieder Lügen straft...

    Auffällig ist heutzutage ebenfalls die Orientierung an Moden: Die Wohnungseinrichtung soll möglichst, in Anlehnung an die Kleider‐Moden‐Welt, häufig wechseln. — Die sogenannte Lebenswelt (Stichwort: Lebensstile) des Hedonismus soll hiermit angesprochen werden und womöglich weiter verbreitet werden...

    Will man es individuell, muss man aktiv werden und/oder mehr Geld ausgeben als wenn man sich am Massenangebot bedient; Individuelles findet man in dem Sinne überhaupt nicht oder man muss eben über das normale Mass hinaus aktiv werden (was wiederum dem Hedonismus zuwiderlaufen würde)...

    Übrigens, den Werbespruch, den dieses oben bereits zitierte Möbelhaus vor sich her trägt (wohnst du noch oder hast du schon gelebt — oder so ähnlich), subsumiere ich gerade in Bezug auf das Angebot und die Intention dieses Möbelhauses unter Gehirnwäsche bzw. Selbstentfremdung.

  9. Man könnte es individuell machen. Eingerichtet wird nach (zumindest bei mir) praktischen Gründen. Irgendwo muss alles hingepackt werden, die Bücher, die Schallplatten (!) und die Sachen für den täglichen Bedarf einschl. Bügeleisen, Töpfe, Teller usw. Das bringt zwangsläufig Uniformität mit sich, da man sich leider nicht nach belieben ausbreiten kann. In meiner Wohnung ist es wichtig, Stauraum zu haben, die vor allem alte Möbel bringen, nicht die gerade trendigen. Aber Individualität? Leider Fehlanzeige. Vielleicht funktionierts vor allem in den Kleinigkeiten am Rande, dem schönen Bild, der besonderen Fotografie, dem Schnickschnack — wie man dazu auch stehen mag — irgendwo schon — außerhalb von Einrichtungsstereotypen — versucht jeder irgendetwas Individuelles einzubringen. Man muss es nur finden wollen. Sonst wirkte eine Wohnung kühl. So ist es doch bei den Wenigsten. Oder?

  10. Ich stimme zu, daß es sich um eine Frage des Charakters handelt. Eine interessante Sache war das Spiel in einer Fernsehsendung, in der verschiedene Eigentümer gezeigter Wohnzimmer bzw. Schlafzimmer? von Kalkofe erraten werden sollten. Zwei (oder drei) von fünf ca. hat er wenn ich mich recht entsinne richtig erraten.
    Es scheint also tatsächlich eine Frage des Menschentypen und Charakters zu sein. Allerdings kommen die Möglichkeiten von Angeboten und finanzieller Natur hinzu.

    Wenn ich könnte wie ich wollte, ich hätte sicher viel Spass an einer sehr individuellen Note in jedem Raum, zwischen utramodern und sehr rustikal, zwischen Flauschteppich und Marmor, kreativ‐bunten Wandbemusterungen oder gar Mosaikdarstellungen hin zu einheitlich typisch pastelltönernen Tapeten.

    Einrichtungsgegenstände selbst entwerfen. Mit ein wenig Finanzkraft und Werkzeug ausgestattet sowie Fachkundiger Hilfe wären diese nach eigenen Ideen und Wünschen besser gebaut, anstelle von gekauft. Ich bevorzuge schlichte Formen und robusten Materialien sehr viel eher als vorgefertigte Massenware.

    In allem wäre der Fantasie keine Grenzen gesetzt, gäbe es da nicht das Wörtchen Einkommensgrenze bzw. Kaufkraft.

    Was ich damit unterstreichen möchte, ist, das angewiesen sein auf eigene Kapazitäten, Mittel und Möglichkeiten.
    Die Reduktion des Menschen im Kapitalismus entspringt in einem Kreislauf den Beschränkungen der jeweils fehlenden Inputs, Anreize, Bedarfe und Möglichkeiten (i.d.R. schon während der Entwicklung des Individuums in Kindheit und Jugend).
    Reduktion auf das Bezahlbare entspringt und produziert Reduktion der spielerisch‐kreativen Schaffensprozesse, die Ausdruck von individuellem Charakter aber insbesondere auch Ausdruck an der Schaffensfreude sind.

    Daraus resultieren letzten Endes wohl Einheitswohnräume. Hinzu kommt natürlich die Zweckmäßigkeit aller Einrichtung, die sich stets den Bedürfnissen anpasst und dadurch eine gewisse Einheitlichkeit in der Einrichtung produzieren muss.

    freundlich gegrüßt

    Heinzi

  11. Das Wohnen ist vollkommen gleichgeschaltet. Im Schlafzimmer finden sich Betten, im Arbeitszimmer Arbeitsmaterialien im Wohnzimmer Wohnutensilien. Und alle denken sie sind Individuen! Im Keller finden sich Werkzeuge, in der Küche der Kühlschrank und Achtung: Im Bad findet sich die Toilette! Und die Menschen denken, sie haben ihr Zuhause Individuell eingerichtet! Ein Schelm wer Böses dabei denkt!

  12. Die »Kuschel‐Kissen‐Decken‐Ecke« habe ich mir notiert! Davon träume ich schon lange und bislang hat mich nur die Faulheit, das alles zu kaufen, davon abgehalten, mir sowas einzurichten (zuzüglich gewisser Befürchtungen, was die Attraktivität einer solchen Ecke auf meine Katze, für die Lebensdauer der Ecke bedeuten könnte).

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