Neusprech: Die geforderte Förderung

»Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen«

- Altbundeskanzler Gerhard Schröder

Die Sprache des Jobcenters und der Bundesagentur für Arbeit soll den Druck und die Repression auf Arbeitslose verdecken und verschleiern. Laut dem Gaslobbyisten und Alt‐Bundeskanzler Gerhard Schröder sowie dem korrupten Erfinder der ALG2‐Gesetzgebung, Peter Hartz, liegt das Problem der Arbeitslosigkeit in Deutschland vor allem an zuwenig Druck auf Arbeitslose. Insofern müsse man nur anständig »fordern und fördern« wie es im ALG2‐Gesetzestext heisst. Die euphemistische Sprache von ALG‐Bescheiden gleicht hierbei einer mafiösen Kommunikation. Aus Familien werden »Bedarfsgemeinschaften« und aus Menschen »Kunden«.

Es werden »Einladungen« und »Angebote« verschickt, die man nicht ablehnen kann — hier gibt es kaum einen Unterschied zum »Paten«, entweder man kommt der »Bitte« nach oder man hat mit Konsequenzen zu rechnen. Um jedem Arbeitslosen auch sprachlich klar zu machen, dass er vorerst nicht gesellschaftsfähig ist, muss er natürlich durch »Aktivierungsmaßnahmen« und einer »beruflichen Wiedereingliederung« zu einem produktiven und anerkannten Menschen gemacht werden, d.h. erst »aktiviert« werden. Ohne diese »Aktivierung« ist er weder ein Mensch der Respekt und Anerkennung verdient, noch gesellschaftsfähig.

Repression und Zwang begleiten fast das gesamte Umgehen mit Arbeitslosen — genau das versucht die Sprache allerorten zu verschleiern. Es werden »Zielvereinbarungen« getroffen, die suggerieren sollen, als hätte man sich geeinigt, quasi auf Augenhöhe einen gemeinsamen Kompromiss geschlossen. Dabei werden Arbeitslose weder gesetzlich, noch persönlich von Sachbearbeitern gleichberechtigt behandelt. Sie haben sich der vorgegebenen Gesetzeslage zu fügen. Mit der Pistole auf der Brust werden Betroffene gezwungen zu unterschreiben: wer nicht sputet, muss mit harten Sanktionen rechnen.

Die technokratische und bürokratische ALG‐Sprache ist durch und durch menschenverachtend. Sie macht ihn zu einem Ding, zu einer Kennziffer.  Die ALG2‐Gesetzgebung und der tägliche Umgang mit Arbeitslosen  ist ein einziger riesiger Verstoß gegen Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Von Achtung der Menschenwürde kann keine Rede mehr sein.

13 Gedanken zu “Neusprech: Die geforderte Förderung

  1. irgend etwas an deinem artikel erinnert mich an den physik‐unterricht, den ich in den sechziger jahren genießen durfte. da war vom druck die rede, der, wenn man ihn zu stark erhöht, zur explosion des kessels führt.

    und dann gibt es noch die lehre der neurobiologen heute. sie meinen, der mensch wäre vollkommen determiniert. wäre dem so, müssten die menschen hierzulande die verhältnisse schon längst in die luft geblasen haben.

    die politiker können froh sein, dass die neurobiologen unrecht haben. die menschen vertragen offenbar mehr als ein kessel.

  2. »Würde ist die konditionale Form von dem, was einer ist. Wenn aber Würde nicht wäre, gäbs keine Würdelosigkeit. Sie provoziert die Gaffer, und wo Gaffer sind, stockt der Verkehr. Die Überwindung der Menschenwürde ist die Voraussetzung des Fortschritts. Sie taugt nichts. Ich habe sie in allen Situationen gesehen. Sie glaubte sich unbeobachtet: da sah ich, wie ein Kellner vor einem Trinkgeld, das ein Gast auf dem Tisch zurückgelassen hatte, sich verbeugte und »Ich danke vielmals« sagte. Ein anderes Mal bemerkte ich, wie er sich bückte, um eines Kreuzers, der in einen Spucknapf gefallen war, habhaft zu werden.«
    Karl Kraus

  3. Arbeitslose haben sich der vorgegebenen Gesetzeslage zu fügen? Schön wär’s, kann ich da nur sagen! Viele Fallmanager haben vom Gesetz nicht die geringste Ahnung. Sie richten sich allein nach ihren — teilweise gesetzwidrigen — Dienstanweisungen! Da werden Ein‐Euro‐Jobs am laufenden Band vergeben, obwohl die Leute GAR KEINE Integrationsmaßnahme nötig hätten! Da werden gesetzlich garantierte Beratungstermine verweigert, obwohl die »Bedarfsgemeinschaft« von zwei Personen nach einer Totalsanktion gegen eine von nur einem ALG II die komplette Miete und alle Lebensmittel bezahlen müsste! Da ist die Stadt Wiesbaden, die ihr »Wiesbadener Handbuch« nicht rausrückt, weil, wie der Sozialdezernent Goßmann im Ausschuss für Soziales freimütig erklärte, darin beschrieben ist, wie Entscheidungen, für die der Gesetzgeber einen Ermessensspielraum eröffnete, EINHEITLICH gehandhabt werden!!

    Ich kann den ganzen Text ist einem Satz zusammenfassen: In Deutschland herrscht Faschismus!

  4. Pingback: Mein Politikblog

  5. Hallo Epikur,

    ich als Angestellter bei einer sogn. Firma »Dienstlesitungen durch Dritte«, kann dem nur zustimmen. Das Verfahren der »Selektierung« ist Menschenverachtend.

    Gute Zeit
    Peter

  6. Pingback: Womblog

  7. Hallo Markus,

    gelungener Text. Dem kann ich nix hinzufügen.

    Sag mal, bist Du wieder bei wgnX kommentierend aktiv?

    Grüße aus häßlich‐hessisch Absurdistan
    Bernhard

  8. dazu möscht isch anmersche, dass do auf wgnx sischerlisch ai ganz anerer Epikur kommendiert, dem sei schreibschtiel is doch ganz annersta wie der von unsem Epikur hier. gruß nach hesse, G.

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