Medienanalyse: der Stern, vom 15. Juli 2010

Die Printausgabe des Wochenmagazins Stern vom 15. Juli 2010, Nr. 29, kostet 3,20 Euro. Der Stern hat eine Auflage von ca. 900.000 Exemplaren und erreicht ca. 12 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung. Er wurde 1948 von Henri Nannen gegründet. Herausgegeben wird er vom Hamburger Verlagshaus Gruner+Jahr, einem Unternehmen das zur Bertelsmann Media Group gehört. Die Chefredakteure seit dem Jahre 1999 sind Andreas Petzold und Thomas Osterkorn.

Der Stern, Nr. 29 vom 15. Juli 2010, hat insgesamt 127 Seiten. 28 Seiten davon sind Werbung und Anzeigen. Das macht einen Anzeigenanteil von ca. 25 Prozent. Das bedeutet, dass man für ca. 80 Cent  des Kaufpreises Werbung und Anzeigen finanziert bzw. sich für 80 Cent 28 Seiten Werbung kauft. Zweiseitige Anzeigen gibt es  nur von Mercedes Benz, der Deutschen Post und Volkswagen. Mercedes Benz und Volkswagen kommen außerdem in einem zweiseitigen Artikel auf Seite 92 und 93 vor. In diesem Artikel wird die neue A‑Klasse von Mercedes angepriesen sowie der neue Golf VII von Volkswagen. Ein Schelm, wer hier an Schleichwerbung oder Product Placement denkt.

Der Stern hat auffällig viele Bilderseiten. Zweiseitige Bilderseiten mit sehr wenig Text sind vor allem auf den Seiten 16–21, 26–37, 66–69 und 102–107 zu finden. Also mindestens 24 Seiten bestehen nur aus Bildern. Also fast ein Fünftel der Zeitschrift.

Die zwei längsten Artikel der Ausgabe, sind das Titelthema »Störfaktor Kind«  (Seite 66–76) und die Foto-Reportage um den Mafia-Schriftsteller Robert Saviano (Seite 102–112). Beide Artikel weisen einen Umfang von insgesamt 10 Seiten auf. Die Rubriken Deutschland, Ausland und Politik nehmen mit insgesamt ca. 50 Seiten Umfang den größten Teil des Wochenmagazins ein. An zweiter Stelle kommt Kultur mit 18 Seiten.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass der Stern Themen eher oberflächlich, reißerisch und boulevardesk behandelt. Der Stern möchte zwar informieren, aber eben auch den Leser unterhalten, was auch die Witze‑, Sudoku- und Kreuzworträtselseite verdeutlichen. Man könnte das Wochenmagazin als typisches Beispiel für Infotainment bezeichnen. Mit gut einem Viertel Anzeigenteil ist der Stern auch eine Anzeigenzeitung. Ob sie ihre Anzeigenkunden, mit investigativ recherchierten Artikeln, verprellen wollen würden, darf bezweifelt werden. Insofern dürfte es dem Stern reichlich schwer fallen, unabhängig und frei zu schreiben.

Persönliches Fazit: Der Stern ist ein nicht wirklich empfehlenswertes Magazin. Die Blätter, die le Monde diplomatique oder die junge Welt recherchieren deutlich besser, gehen analytischer vor und sind nicht mit Anzeigen zugemüllt.

5 Gedanken zu “Medienanalyse: der Stern, vom 15. Juli 2010

  1. Schöne Analyse. Stimme dir in allen Punkten zu, besonders mit den Anzeigen. Ich finde es krass, dass die meisten Leute sich dieses systemischen Fehlers unseres Mediensystems ÜBERHAUPT nicht bewusst sind. Dass sie denken, dass Journalisten schreiben können was sie wollen. Ich kann da nu immer wieder auf Chomskys Manufacturing Consent verweisen, der mir den Zusammenhang zum ersten mal aufgezeigt hat.

    Die Fotos sind aber richtig gut, die so ganzseitig drucken zu können muss ein Heidengeld kosten. So ein Foto kostet locker mehr als das Monatsgehalt eines ihrer Journalisten.

  2. Ich bin ein wenig baff, wegen der Idee. Einfach mal den Inhalt eines Magazins, oder Zeitschrift aufzurechnen, ist vielleicht schon des öfteren geschehen. Aber noch nie ist es mir so augenfällig vorgeführt worden. Sollte man vielleicht doch des öfteren machen, anstatt immer nur die Artikel zu beachten.... die man ja eigentlich mittlerweile suchen muss.

  3. @algore85

    Naja, systemischer Fehler... Zeitungen und Zeitschriften können sich nicht nur durch ihre Leser finanzieren: Qualität braucht Zeit und Geld (Reisen, Recherche, Mitarbeiter...). Solange Journalismus und Anzeige klar erkennbar und getrennt bleiben kann man davon nicht sprechen (problematisch sind aber Beispiele wie der oben angesprochene A‑Klasse Artikel, oder Fälle wie vor einiger Zeit, ich glaube im Spiegel).

    Bemerkung am Rande: Es wäre sehr praktisch, wenn man einzelne Diskussionen per email abonnieren könnte, das würde eine Verfolgung erleichtern, gerade wenn Kommentare etwas später »eintrudeln«.

  4. Zur BertelmannAG findet mann auch bei Wiki interessantes

    http://de.wikipedia.org/wiki/Bertelsmann#1900.E2.80.931945

    »1944 verfügten die Nationalsozialisten die Schließung des Bertelsmann-Verlags, wobei nicht, wie noch bis weit in die 1990er Jahre vorgegeben, eine oppositionelle Haltung zum NS-Regime, sondern fragwürdige Verdachtsmomente der Korruption ausschlaggebend waren (siehe hierzu auch den eingehenderen Artikel zu Matthias Lackas). Der Verlag war keineswegs ein Hort des Widerstandes. Von der Schließung 1944 waren jedoch die Setzerei, Druckerei und Buchbinderei nicht betroffen. 1945 wurden durch einen alliierten Bombenangriff die Produktionsstätten völlig zerstört. Nach dem Kriegsende begann der sofortige Wiederaufbau.«

    Also wenn schon die Nazis ein Unternehmen wegen Korruption schließen,

    Laughing out loud :D

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