Zwang ist Eigenverantwortung

»Es kommt tatsächlich auf jeden Einzelnen an, auf seinen ganz persönlichen Willen, die Trutzburg der eigenen Misere zu verlassen, auf die Entschlossenheit und die Fähigkeit, das eigene, unwiederbringliche und einmalige Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.«

- Reinhard Mohr bei SpiegelOnline über Erwerbslose vom 17. April 2010

Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Ignoranz ist Stärke. Zwang ist Eigenverantwortung.

Die Eigenverantwortung wird vielfach als Götze angebetet. Sicherlich muss jeder in seinem Leben eigenverantwortlich handeln, sein Leben in die Hand nehmen. Die Eigenverantwortung ist aber nicht in einer endlosen Freiheit eingebettet, sondern von einem engen strukturellen sowie individuellen Rahmen umgeben. Der gesellschaftliche und gesetzliche Rahmen auf der einen Seite sowie der persönliche Kontext auf der anderen Seite,  schränken die Eigenverantwortung ein. Ein reicher Sack mit viel Vitamin B und finanziellen Einflussmöglichkeiten, hat ganz andere Möglichkeiten seine Eigenverantwortung wahrzunehmen -sie aktiv zu gestalten‐ als ein Hauptschulabgänger. Gerade in Deutschland beweisen immer wieder alle Studien, dass individuelle Leistungen und Intellekt nichts wert sind. Was wirklich zählt, sind Beziehungen und der Elternstatus. Zumindest im Sinne der Erwerbsarbeit.

Trotzdem wird die Eigenverantwortung immer wieder als Kernargument angeführt, wenn es um vermeintliche »Globalisierungsverlierer« (das Wort ist Neusprech!) und vor allem Erwerbslose geht. Sie hätten nicht genug Eigenverantwortung gezeigt und sind insofern selbst schuld. Regelmäßig  werden die strukturellen Gegebenheiten ignoriert, dass z.B. offiziell gezählte 3,5 Millionen Erwerbslose auf ca. 500.000 offene Stellen treffen. Die Rahmenbedingungen beschränken die Eigenverantwortung, ja machen sie im Falle der Massenarbeitslosigkeit zu einer absurden Veranstaltung. Eigenverantwortlich ist, wer sich den ökonomischen Zwängen unterwirft (die gezielt geschaffen wurden, wie z.B. der Niedrig‐Lohnsektor) und nicht, wer sich  seinen wirklichen Bedürfnissen und Wünschen gegenüber verantwortlich fühlt.

Eigenverantwortung und äußere Umstände bedingen einander. In der offiziellen Debatte oder in Medienbeiträgen wird  dieser Zusammenhang immer wieder verschwiegen. Stattdessen wird die Eigenverantwortung weiterhin als neoliberaler Fetisch und als Rechtfertigungsformel für die Massenarbeitslosigkeit benutzt. Das ist auch keine Fahrlässigkeit mehr, sondern gezielte Methode, um strukturell geschaffene Gegebenheiten nicht zu thematisieren und um Armut sowie die Massenarbeitslosigkeit den Opfern in die Schuhe zu schieben. Diese leiden dann an der sog. »doppelten Viktimisierung«. Außerdem wird die Forderung nach mehr Eigenverantwortung nicht selten als  Synonym für weniger staatliche Solidarität gebraucht: »Sei eigenverantwortlich, zahl es selbst!«.

Sicherlich ist es zu einfach sich als hilfloses »Opfer« des Systems oder der Rahmenbedingungen zu begreifen. Dennoch kann nur derjenige wirklich frei und eigenverantwortlich handeln, der auch genug Raum zum Leben und aktiven Gestalten hat. Von Menschen, die sich Zwängen, behördlicher Willkür oder  z.B. einem Lohnzahler‐Mobbing  (den Propagandabegriff »Arbeitgeber« benutze ich ab sofort nicht mehr!) aussetzen müssen, um irgendwie über die Runden zu kommen, Eigenverantwortung zu fordern, ist schlichtweg realitätsfremd, wenn nicht gar menschenverachtend. Hier kann Eigenverantwortung nur bedeuten, sich den Zwängen zu unterwerfen, sich zu fügen. Zwang ist Eigenverantwortung.

Weitere Beiträge zum Thema:

»> Eigenverantwortung‐ ein religiöses Bekenntnis (feynsinn)

»> Für mehr Eigeninitiative! (ad sinistram)

8 Gedanken zu “Zwang ist Eigenverantwortung

  1. Ich kann nur Verantwortung übernehmen, wenn ich auch Handlungsalternativen habe. Die Aussage vieler Politiker, daß Erwerbslose selbst für ihre Situation verantwortlich sind, vergißt, das es eben diese Politiker sind, die die Rahmenbedingungen der Erwerbslosigkeit geschaffen haben. Sie tragen die Verantwortung durch ihr verantwortungsloses Verhalten und Entscheiden.

    Allerdings sind es genau die gleichen Typen, die jammern und wehklagen, wenn man sich aus der Lohnsklaverei und Konsumsklaverei unserer Gesellschaft befreit. Interessant wird es, wenn man so gut wie nichts mehr besitzt, bzw. besitzen will. Ich denke immer wieder, daß das Armutsgelübde eine unglaublich starke Waffe gegen alle Herrschenden gewesen sein muß. Vielleicht sollten wir alle eine neue Form von Armut schaffen, damit die Profiteure uns nicht mehr in der modernen Sklaverei halten können. Wenn unsere Politiker Milliarden an spielsüchtige Banker, die glauben, daß sie eine Wertschöpfung durch Spekulation erzielen, rausschmeißen, dann sollten wir Bürger uns dagegen zur Wehr setzen. Und gezielte Armut kann hier eine unglaublich starke Waffe sein.

  2. »die trutzburg zu verlassen« — wenn wir »die reise nach jerusalem« spielen, sagen wir, nicht nur mit einer überzähligen person, sondern mit vielen, wenn also für alle nicht genügend stühle vorhanden sind, aber jeder einen platz ergattern muss, bleibt doch als konsequenz nur, dass man anfängt, sich gegenseitig umzubringen ...
    jedenfalls zielt die mo(h)rsche argumentation in richtung eines bellum omnium contra omnes.
    vermutlich findet sich bei mohr kein wort über die verantwortung der sogenannten arbeitgeber, geschweige denn eine reflexion darüber, warum die verhältnisse so sind, wie sie sind.

  3. Pingback: Zwang ist Eigenverantwortung – heute auf zeitgeistlos

  4. Ja, natürlich, genau so ;)
    Wir haben alle den Marschall‐Stab im Tornister und sind nur zu blöd etwas damit anzufangen.

  5. Den Begriff »Arbeitgeber« habe ich letztens in einer Diskussion auch hinterfragt. Impliziert er doch, dass die edlen Firmen uns altruistisch Arbeit zu Verfügung stellen. Egoistisch wie wir sind, »nehmen« wir so auch noch.

    Wie lange wird er schon benutzt? Hat man früher nicht was anderes gesagt?

    Sehr treffender Artikel übrigens, toll auf den Punkt gebracht!

  6. @algore85

    das habe ich neulich auch mal gemacht.
    Mein Ergebnis war, daß die Begriffe an sich genau falsch herum verwendet werden.

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