Bezahlsystem flattr – eine Kritik

Das neue Bezahlsystem flattr, das sich aus den Begriffen Flatrate (Dauerleitung) und dem englischen Verb to flatter (jemandem schmeicheln) zusammensetzt, ist mittlerweile in aller Munde. Immer mehr Blogger benutzen es, wie z.B. auch unsere Nachbarn der Öffinger Freidenker oder der Spiegelfechter. Bei diesem Bezahlsystem meldet man sich bei flattr an und zahlt monatlich einen beliebigen Betrag (z.B. 20 Euro). Dann kann man auf Blogs, die das Flatter-Symbol haben, Artikel flattern, d.h. sie positiv bewerten. Am Ende des Monats wird dann die Anzahl der Klicks addiert und die monatliche Summe des Nutzers gleichmäßig auf alle angeklickten Anbieter verteilt. Überall wird dieses Bezahlsystem in höchsten Tönen gelobt. Ich werde im folgenden meine Skepsis darlegen und begründen, warum wir von ZG das Bezahlsystem flattr nicht verwenden werden.

Zunächst einmal kann man es schönreden oder verkaufen wie man will: bei flattr geht es ums Geld. Sobald Inhalte, Tätigkeiten oder Handlungen mit Geld vergütet werden –mit welchem ach so innovativem System auch immer– hat dies grundsätzliche Folgen. Sicher, wir alle müssen von irgendetwas leben. Wer aber anfängt, vormals vermeintlich idealistische Tätigkeiten, die mit gewissen Prinzipien und Denkweisen verbunden waren, sich nun mit Geld vergüten zu lassen, gerät unaufhaltsam in einen ökonomischen Verwurstungsstrudel, aus dem es kein Entkommen gibt.Wirklich profitieren bzw. etwas an flattr verdienen, werden am Ende eh nur die großen Blogs. Die Kleineren werden außen vor bleiben. Ein verschärftes Konkurrenz– und Wettbewerbsdenken wird aber daraus resultieren, indem Inhalte einer finanziellen Wertigkeit unterworfen werden.

Es wird damit anfangen, dass viele flattr–Blogger auf Dauer merken werden, welche Art von Artikeln von ihnen viel geflattert werden und welche eher wenig. Wer nun einmal mit flattr angefangen hat, wird schnell in eine Art Rausch verfallen, oft und viel geflattert zu werden. Alsbald wird die Schere im Kopf kreisen und man schreibt nur noch Artikel, von denen man, anhand seiner eigenen Bebachtungen und Erfahrungen, glaubt, dass sie besonders viel geflattert werden. Man beschränkt sich, passt sich an und zensiert sich letztlich selbst. Auf lange Sicht wird genau das passieren, was viele von uns linkspolitische Blogger bei den etablierten Medien so kritisieren.

Ein weiterer, rein sachlicher Kritikpunkt, ist die rechtliche Komponente von flattr. Der Blog Retosphere hat das auf den Punkt gebracht:

Ohne hier weiter auf Steuerrecht einzugehen, dürften Einnahmen über Flattr steuerpflichtig sein. Die Praxis mancher Blogger, das per Flattr eingenommene Geld direkt wieder weiterzuverteilen, indem man es auf den eigenen Flattr-Account aufbucht, ändert hieran nichts.

Wenn ich Menschen zum Nachdenken anrege, ihren Horizont erweitere oder ihnen neue Perspektiven eröffne, dann ist mir das Lohn genug. Oder anders: wer es zulässt, sich seine von idealen geleitete Arbeit, finanziell bezahlen zu lassen, entwertet sie, indem er sie dem ökonomischen Verwurstungssystem unterwirft.  Je weniger Geld beim bloggen eine Rolle spielt, desto freier kann ich meine Gedanken  zu Papier bringen. Es sollte genügen, wenn wir in der Lohnarbeitswelt schon dazu gezwungen werden, ständig ans Geld zu denken. Abgesehen davon wird von flattr eh niemand seine Miete bezahlen, geschweige denn reich werden können. Also kann man es auch gleich sein lassen.

Ich will mit dem Bezahlsystem flattr nicht den Untergang der Blogger-Landschaft vorhersagen. Ich plädiere aber dennoch dafür, mal darüber nachzudenken, was passiert wenn Idealismus sich schleichend zum Pragmatismus entwickelt? Und ob Geld wirklich adelt?

19 Gedanken zu “Bezahlsystem flattr – eine Kritik

  1. Moin Moin

    yo, prinzipiell stimme ich auch zu, finde aber man kann da schon differenzieren — so bloggt spiegelfechter ja mittlwerweile nicht mehr nur hobbymäßig sondern arbeitet tatsächlich vollberuflich als journalist — und »liefert« ja auch wirklich gut recherchierte artikel– da muss er schon zusehen wie er über die runden kommt. bei ihm kann ich es also durchaus nachvollziehen, obwohl ich speziell von diesem flattr dingens auch nicht viel halte. wird aber wohl von vielen »klick-begeisterten« lieber in anspruch genommen, als via kontoüberweisung zu spenden. was m.E der bessere weg ist, die arbeit zu honorieren, da dabei die einzelnen artikel eben nicht bewertet werden.

  2. Würde Jens Berger nicht zusehen, dass er sich mit seiner jorunalistiaschen Tätigkeit über Wasser hält, wäre er dazu gezwungen nebenher zu arbeiten — auf dem Level, auf dem er schreibt und recherchiert, kann man allerdings nicht mehr nur nebenher schreiben. Es bedarf der vollen Aufmerksamkeit...

    Man kann freilich vom Ideal ausgehen — das ist legitim und richtig. Man muß aber eben auch die andere Seite sehen: Berger ist kein Blogger mehr, er ist Journalist — und will er einer bleiben, anders: will er ein guter seiner Zunft bleiben, muß er sich irgendwie vor regelmäßigen Zweitjobs absichern.

  3. Ich stimme dir im Großen auch zu, wobei ich die Gefahr der »nur Inhalte bloggen, die auch flattr-Klicks bringen« eher bei größeren Blogs/Unternehmen sehe. Der kleine Blogger an sich (zähle uns mal dazu) sollte froh sein, wenn er überhaupt Kommentare/Besucher hat. Wenn ein Blog versucht, ähnliche Inhalte/Themen zu bringen, die viele Klicks erhalten, werden diese dann aber wieder abschwächen, da es entweder eine Wiederholung ist oder beim zweiten Mal nicht mehr so interessant ist. Also eine gezwungene Anpassung, sei es wegen flattr, Kommentaren oder Post-Views ist allg. nicht erfolgversprechend.

    Die taz flattrt ja auch und hatte ein Beitrag gebracht, wie viel sie eingenommen haben (war nicht seh viel) und dass sie damit »Paid-Content« verhindern wollen. Leider konnte ich ihn nicht finden, aber hier wird bestimmt geschaut, wo es mehr Klicks gibt, dass sind größtenteils Internet-Themen, auch wenn sie selbst schreiben, dass sie sich nicht daran anpassen würden.

  4. Ich probiere flattr auch seit ein paar Tagen in meinem Blog aus. Ein paar Bedenken kann ich durchaus verstehen, andere sind aber nicht wirklich realistisch.
    Die Beträge, die man durch flattr erhält, sind in den meisten Fällen wirklich so niedrig, dass da wohl kaum so etwas wie Verwertungs– oder Wettbewerbs-/ Konkurrenzdenken aufkommen kann. Größere Blogs haben dabei auch wohl viel höhere Einnahmen durch die Werbung (und das kann ich schon verstehen, wenn man in seinem Blog wirklich gute Qualität liefern wil).
    »Je weniger Geld beim bloggen eine Rolle spielt, desto freier kann ich meine Gedanken zu Papier bringen.»
    ist da doch eine reiflich naive Betrachtung. Für viele stellt sich nun mal die Frage, ob man in einer bestimmten Zeit entweder einer Erwerbstätigkeit nachgeht oder hier eben einen Blogartikel schreibt, der, will er gut recherchiert ein, eben auch Zeit beansprucht. Hat man jedoch so wenig finanzielle Mittel, dass einem kaum Möglichkeitenfürs Bloggen bleiben würden, finde ich z.B. Werbung oder auch freiwillige Dienste für flattr im Prinzip eine ganz gute Möglichkeit.

  5. @ algore85:
    Ja, aber man muss es ja nicht flattrn (eben darum würde ich es aich nicht). Aber man kann ja auch niemandem verbieten, sein Geld auszugeben, wenn er will, auch wenn nicht viel dahinter stehen mag ;)

  6. Verstehe generell nicht die Motivation mit blogs Geld verdienen zu wollen. Jornalismus ist eine Sache, und bloggen eine andere. (Für mich jedenfalls). Warum man das ständig mixen muss, ist mir unverständlich. Den Kritikpunkten stimme ich vorbehaltlos zu. Bezüglich Micropaiments hatte ich zudem noch gedacht, das es mehr für Künstler und deren mehr oder weniger hilflose Situation auf einem möglichen Internet-Kunstmarkt geht. Deshalb hab ich mich auch bei flattr angemeldet, aber ohne den Button selber einzuhängen. Ich hatte mir gedacht, das es möglich wäre den einen, oder anderen in der Richtung unterstützten zu können. Aber ich finden den doofen button nur bei Online-Zeitungen und den »mixed Blog-Journalisten«. Wenig sinnvoll das Ganze.

  7. Oh, man kann nicht mehr berichtigen?
    Es muss natürlich heißen; Aber ich finde den doofen .....»
    Und das zweite t bei unterstützen einfach weg denken .
    (Hoffentlich gibt’s nicht noch einen Button für Rechtschreibung ;)

  8. ich sehe das ganze nicht ganz so kritisch.
    ich bin mir nicht sicher, ob flattr irgendeine funktion bietet, die tatsächlich gebraucht wird. denn wenn ich das schreiben nicht professionell betreibe, dann werden die beträge die dort fliessen vermutlich wenig relevanz haben und nur eine form von feedback/anerkennung darstellen. diese funktion erfüllen aber kommentare an sich auch und eigentlich besser weil sie zu einem dialog führen können. man könnte die möglichkeit der quantifizierung des feedbacks anbringen, was ich aber auch für irrelevant halte, da es eben nur eine quantitative aussage des feedbacks, aber keine qualitative ermöglicht und auch nur für vergleiche (stichpunkt: schwanzvergleich) nötig sein dürfte.
    das integritätsproblem sehe ich aber nicht so kritisch, zum einem sehe ich das vor allem als eine frage des charakters, zum anderen der beträge. wenn ich schon bei weniger relevanten beträgen korrumpierbar bin, dann richte ich potenziell auch beiträge danach aus möglichst viele kommentare zu erreichen (zum beispiel mit blogbeiträgen zum Thema bloggen, das zieht immer ;) ).
    wenn es um größere beträge geht, dann vermute ich es gibt elegantere und effektivere wege als flattr sich kaufen zu lassen, sprich flattr sehe ich nicht als geeignet um professionelle schreiber zu bezahlen, da es tatsächlich nur populäre beiträge belohnen würde, dies aber nicht gleichzusetzen ist mit relevanten beiträgen.
    gerade als (turnier-)magicspieler muss ich aber sagen, es kann durchaus belebend sein für das eigene hobby auch ein wenig »bezahlt« zu werden, als anerkennung für leistung bzw. erfolg, allerdings ist turniermagic halt auch ein als wettkampf strukturiertes hobby und bietet wenig möglichkeiten für feedback und ist deshalb nicht ohne weiteres auf das bloggen übertragbar.

  9. ich pflege dem VL geschäftemacherei und die monetären belange des RL vorzuenthalten (bezahle allein für den zugang), betreibe weder handel über es, noch wissen bits and bytes über meine bankverbindungen bescheid, übe im netz die anarchie ohne pinkepinke, tausche virtuell ideen, lass meine nachbarinnen an meinem gedankengut teilhaben und partizipiere erfreut an ihrem.
    kauf und verkauf werden von mir außerhalb der binärwelten getätigt, im net wenigstens möchte ich mich von derlei spießigkeiten beFREIt fühlen.

  10. Interessant ist, dass die Befürworter von flattr auf der einen Seite betonen, dass sie ja auch von irgendetwas leben müssten und auf der anderen Seite, dass dabei eh nur Mikrobeträge bei raus kommen. Der Spiegelfechter hat angegeben, dass er durch flattr im letzten Monat um die 30 Euro verdient hat. Und er gehört eindeutig zu den Blogs, mit sehr großer Reichweite. Von flattr wird kaum jemand leben können. Warum also dann das Ganze?

    Ist euch die Anerkennung eurer Artikel durch finanzielle Vergütung mehr »wert«, als durch einen konstruktiven und erhellenden Kommentar? Oder anders ausgedrückt: ist es euch lieber, jemand klickt –als positive Reaktion auf euren Beitrag– auf den flattr-Button oder er schreibt einen positiven Kommentar dazu?

    @jtheripper: und ich dachte wordpress 3.0 scheint besser zu sein? Das die »edit-funktion« nicht mehr zu installieren geht, ist schade.

  11. Noch ein schöner Beitrag zum Thema vom Blog F!XMBR:

    Wenn ein Blogger offen zugeben würde es geht ums Geld, könnte ich damit besser leben, als mit der Heuchelei die im Moment überall zu lesen ist. Ferner traue ich den Machern von Flattr nicht über den Weg. [...] Sehr interessant, man schiebt sich das Geld hin und her – und Flattr behält bei jeder Transaktion seinen Anteil. Das ist ja mal sehr sinnvoll. [...] Viele Blogs leben zum Großteil davon, andere Inhalte zu übernehmen. Videos, Snippets mit Link zur Quelle, was auch immer. Diese Blogs lassen sich nun von ihren Lesern für die Arbeit anderer bezahlen

  12. Hallo! Ich denke es ist auch davon abhängig, wie Flattr eingebunden wird. Ich habe z.B. bei mir auf dem Blog auch einen Flattr Button in meine Sidebar eingebunden. Und das ist auch der einzige. Darunter steht in etwa »Wenn dir mein Blog gefällt und du Flattr hast, freue ich mich über einen Klick«. Das finde ich z.B. okay.
    Ich bezweifele aber trotzdem, dass ein Flattr Button unter jedem Beitrag die Beitragskultur auch tatsächlich verändern wird. Das kommt aber auch auf den Menschen an, der das Blog betreibt und vorallem auf die Motive. Ich z.B. blogge, weil ich gerne schreibe und meine Umwelt und Freunde über meine Aktivitäten informiere und auch ein wenig bei technischen Problemen helfen will. Selbst wenn nun unter jeden Beitrag ein Button wäre und die einen Beiträge oft geflattrt werden würden und die anderen weniger, würde das für mich nichts verändern.
    Ich bin mir nämlich auch jetzt schon bewusst, dass ein Beitrag weniger aufgerufen wird als ein anderer. Trotzdem schreibe und veröffentliche ich den Beitrag, denn er muss ja geschrieben werden.

    Letztendlich ist bei mir im Blog Flattr aber eher sinnlos, weil ich zu einem sehr speziellen Thema (Motorräder) blogge. Die Leser meines Blogs haben in der Regel keinen Flattr Account und so habe ich trotz im Schnitt 400 Seitenabrufen täglich erst 7 Flattrs erhalten.

    Gruß!
    Marc

  13. Pingback: Flattr – Großer Hype ums kleine Geld im Internet. | Steffen Zörnig

  14. Pingback: Einordnung von Flattr | genius' blog

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