Das Älterwerden begrüßen!

In der westlichen Welt machen sich Millionen von Menschen verrückt: »Oh mein Gott, ich werde älter! Bin ich dann noch begehrenswert? Werde ich dann noch gebraucht und geliebt?« Angst, Unsicherheit und Panik breitet sich gleichzeitig mit den ersten grauen Haaren aus. Wer sich sein Leben lang primär über sein Äußeres definiert, sein Selbstwertgefühl aus der eigenen vermeintlichen körperlichen Attraktivität und/oder der Lohnarbeit gezogen hat, für denjenigen kann Älterwerden eine große Sinnkrise oder gar Depression bedeuten. Beispiele hierfür sind schier endlos.

Wie immer, wenn es um Ängste und Probleme von vielen Menschen geht, geiert eine ganze Industrie, um daraus Kapital zu schlagen: Schönheitsoperationen, Wellness‐Diäten, teure Kosmetik, Ernährungs‐Ratgeber, Wunderheilmittel, Verjüngungskuren, Anti‐Aging‐Produkte und so weiter und so fort. Gesunde, ausgeglichene und zufriedene Menschen sind für Industrie, Unternehmen, Medien und Politik eben keine gute Zielgruppe. Wer sich selbst immer als Objekt betrachtet hat, wird es auch im Alter schwer haben, ein Subjekt zu sein. Dem entkommen kann, wer sich frei macht von der Bewertung durch Andere (»Was er/sie wohl denken wird?«) und seiner ureigenen Kraft vertraut.


»Verschwende Dein Leben!«

6 Gedanken zu “Das Älterwerden begrüßen!

  1. Wer hat sowieso mal definiert, dass »jung = gut«? »Jung« bedeutet in der Praxis nämlich oft auch »unerfahren«, nicht nur »faltenfrei«. Und unerfahren kann auch ein ziemlich leidlicher Schmerz im Arsch sein...

  2. Versteh ich nicht, junger Wein, junger Käse, junge Mitarbeiter=hohe Bezahlung.
    @Matrix, musste lachen mit dem unerfahren & Schmerz im Arsch.
    Loch an Loch rinn musse doch :) )

  3. Depressionen hatte ich schon vorher. Damit alt zu werden, macht es nicht besser. Ist schon doof, wenn man feststellen muss, dass innerhalb mehr als einer Generation kein einziger Suizid geklappt hat.

  4. Normalerweise gehöre ich ja zu den stillen Lesern, da mich dieses Thema aber schon länger beschäftigt, möchte ich doch hierzu einige Gedanken los werden:
    1. Ich selbst habe mich auch dafür entschlossen den Wert meines Körpers über seine Funktionalität zu definieren und nicht länger über die Ästhetik. Nur leider ändert das nichts daran, dass ich seit meinem 35. Lebensjahr immer zu hören bekomme, ich sei hässlich und dies als anstrengend und als Verlust an Lebensqualität empfinde. Auch wenn ich selbst dies anders sehe, so macht es doch einen Unterschied wie man von anderen Menschen behandelt wird und freundliche Mitmenschen sind nunmal angenehmer im Umgang als mobbende, verachtende; im Wort hässlich steckt ja »Hass erzeugend« und darin liegt die Belastung, die mit der Hässlichkeit einhergeht.
    2. Auch wenn ich wahrlich kein Fan des kapitalistischen Systems und sehe auch wie der Mensch im Neokapitalismus objektiviert wird. Ich glaube auch, ein Teil des Problems besteht auch in den mangelnden sozialen Rollen für ältere Menschen. In einem Naturvolk kann aus dem jugendlichen Top‐Jäger ein weiser Dorfältester und aus der umschwärmten Dorfschönheit eine Scharmanin werden, in einer kapitalistischen Gesellschaft mit 80 Millionen Stammmitgliedern werden aus jungen Menschen sehr oft alte Leiharbeiter und Langzeitarbeitslose, die aufgrund ihres geringen sozialen Status missachtet werden. Zumindest das Problem könnte durch eine Aufwertung der Leberserfahrung und Bildungsinhalten abseits kapitalistischer Verwertung zumindest abgemildert werden.

    Nicht überzeugt bin ich allerdings ob ein Wegfall der Beauty‐Industrie, inklusive ihrer Werbung eine Entlastung mit sich brächte, denn wie bereits oben beschrieben sind es die Mitmenschen im täglichen Umgang, die Leid erzeugen. Selbst wenn man wie ich keine entsprechenden Fonmate, Instagram, Frauenzeitschriften ect. konsumiert, kann man dem nicht entkommen und ich kann zumindest verstehen, auch wenn ich die für mich selbst ablehne, warum viele Menschen für die Hoffnung auf einen weniger belastenden Alltag Geld für Botox und dergleichen ausgeben. Ich bin mir nicht sicher, ob nicht auch abseits eines kapitalistischen Systems eine Ausgrenzung, Mobbing älterer Menschen stattfinden könnte und daraus resultierende Versuche dem Leid zu entrinnen nicht auch in Schönheitsoperationen und ählnlichem münden könnten.

  5. @Penia

    Freut mich, einen stillen Leser geweckt zu haben. ;)

    Natürlich werden wir alle von unserer Umwelt geprägt und beeinflusst. Ob wir wollen oder nicht. Man kann dennoch zumindest versuchen, sein Selbstbewusstsein eben nicht aus FB‐Profilbild‐Likes, sondern aus seinem Hobby oder seiner Leidenschaft zu ziehen. Man sollte sich auch nicht vom Lob des Chefs einlullen lassen, sondern selbst schauen, was man tagtäglich »leistet«.

    Sich‐selbst‐Vertrauen entsteht eben nicht primär aus der Bestätigung von außen, sondern aus der Anerkennung von innen.

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